C.S. Lewis
Pardon, ich bin Christ
www.fontis-verlag.com
C.S. Lewis
Pardon, ich bin Christ
Meine Argumente für den Glauben
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Titel der englischen Originalausgabe:
«Mere Christianity»
by C.S. Lewis
© C.S. Lewis Pte Ltd. 1942, 1943, 1944, 1952
Published by Brunnen Verlag Basel under license
from the CS Lewis Company Ltd.
Neuübersetzung (2014): Christian Rendel, Witzenhausen
Der Text basiert auf der
23. Taschenbuch-Auflage / 4. Hardcover-Auflage
© 1977, 2016 by Brunnen Verlag Basel
Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns
Umschlagfoto: Photobank gallery, Shutterstock.com Umschlagfoto: Tom
Gowanlock, Shutterstock.com
E-Book-Vorstufe: InnoSet AG , Justin Messmer, Basel
E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger , Marburg
ISBN (EPUB) 978-3-03848-778-4
ISBN (MOBI) 978-3-03848-779-1
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Inhalt
Zum Geleit
Vorwort von C. S. Lewis
Erstes Buch
Recht und Unrecht als Schlüssel zum Sinn des Universums
1. Das Gesetz der menschlichen Natur
2. Einige Einwände
3. Die Wirklichkeit des Gesetzes
4. Was steckt hinter dem Gesetz?
5. Wir haben Grund zur Beunruhigung
Zweites Buch
Was Christen glauben
1. Rivalisierende Vorstellungen von Gott
2. Die Invasion
3. Die erschreckende Alternative
4. Der vollkommene Büßer
5. Die praktische Schlussfolgerung
Drittes Buch
Christliches Verhalten
1. Die drei Aspekte der Ethik
2. Die Kardinaltugenden
3. Sozialethik
4. Ethik und Psychoanalyse
5. Sexualethik
6. Die christliche Ehe
7. Vergebung
8. Die große Sünde
9. Nächstenliebe
10. Hoffnung
11. Glaube
12. Noch einmal Glaube
Viertes Buch
Jenseits der Persönlichkeit – Erste Schritte zum Verständnis der
Dreieinigkeit
1. Erschaffen und Zeugen
2. Gott in drei Personen
3. In der Zeit und jenseits der Zeit
4. Infiziert mit dem Guten
5. Die widerspenstigen Zinnsoldaten
6. Zwei Anmerkungen
7. Tun wir so, als ob
8. Ist Christsein leicht oder schwer?
9. Die Kosten überschlagen
10. Nette Leute oder neue Menschen?
11. Die neuen Menschen
Zum Geleit
Im Jahr 2000 führte die amerikanische Zeitschrift Christianity Today eine
Umfrage über die einflussreichsten Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts
durch. Der bei Weitem am häufigsten genannte Autor war C.S. Lewis, und
das mit Abstand am häufigsten genannte seiner Bücher war Pardon, ich bin
Christ – im Original Mere Christianity .
Pardon, ich bin Christ ist der Klassiker der christlichen Apologetik im
zwanzigsten Jahrhundert schlechthin. Als ehemaliger Atheist, der sich in
einem mehrjährigen Prozess vor allem durch philosophisches Nachdenken
dem Glauben an Gott annäherte und schließlich zum christlichen Glauben
fand, war Lewis in einer einzigartig günstigen Position, um sich in seine
skeptischen Zeitgenossen hineinzuversetzen und ihre Schwierigkeiten
vorherzusehen. Mit seiner Methode, seine Leser voraussetzungslos und
allein aufgrund von Vernunftargumenten und anschaulichen Illustrationen
ans Christentum heranzuführen, hat er das Genre nachhaltig geprägt. Viele
haben versucht, ihm darin nachzueifern, doch nur wenige konnten mit
seinem Scharfsinn, seinem Bilderreichtum und seiner lebendigen Sprache
mithalten.
Seit seinem Erscheinen 1952 hat das Buch unzählige Auflagen erlebt. Es
wurde in etliche Sprachen übersetzt und von Millionen von Menschen in
aller Welt gelesen. Niemand weiß, wie viele Menschen ihre Hinwendung
zum christlichen Glauben auf Pardon, ich bin Christ zurückführen. Bekannt
ist aber, dass darunter auch etliche illustre Persönlichkeiten sind, wie etwa
der ehemalige amerikanische Präsidentenberater Charles Colson (1931–
2012), der Genetiker und ehemalige Leiter des Humangenomprojekts,
Francis Collins (geb. 1950), und der Philosoph C.E.M. Joad (1891–1953).
Bis heute ist die Popularität des Buches ungebrochen.
Dabei ist Pardon, ich bin Christ keineswegs über jede Kritik erhaben.
Auf theologischem Gebiet war Lewis ein Laie, was er auch selbst immer
wieder betont. Der renommierte britische Neutestamentler N.T. Wright –
selbst ein Bewunderer des Buches – hat Pardon, ich bin Christ mit einer
Hummel verglichen, die erstaunlicherweise fliegen kann, obwohl sie nach
aller naturwissenschaftlichen Erkenntnis dazu eigentlich gar nicht in der
Lage sein dürfte. Was die philosophischen Argumente angeht, so ist es in
den letzten Jahren geradezu in Mode gekommen, auf ihre Lücken und
Unvollständigkeiten hinzuweisen.
Freilich erklären sich diese Lücken vor allem daraus, dass Pardon, ich
bin Christ keine hochgestochene philosophische Abhandlung für Fachleute
ist, sondern ein Buch für eine allgemeine Leserschaft, noch dazu eines, das
ursprünglich als eine Reihe von Radiovorträgen entstand. Aus Lewis'
Korrespondenz mit den Redakteuren der BBC während der Abfassung lässt
sich gut ablesen, welche eiserne Disziplin ihm die dadurch gebotene Kürze
der einzelnen Kapitel abverlangte. Lewis musste sich auf das unbedingt
Notwendige beschränken und konnte somit nicht in aller Ausführlichkeit
auf alle möglichen Einwände und Nuancen zu jedem Argument eingehen.
Er war sich vollkommen bewusst, dass ihn das angreifbar machte, aber
dieses Risiko ging er im Interesse der Verständlichkeit und Zugänglichkeit
seiner Gedankengänge ein.
Eines der eindrücklichsten und am häufigsten zitierten Argumente aus
Pardon, ich bin Christ und zugleich eine der beliebtesten Zielscheiben der
Kritiker ist das sogenannte «Trilemma» am Ende des Kapitels «Die
erschreckende Alternative». Dort legt Lewis dar, Christus habe uns durch
die Behauptungen, die er über sich selbst aufstellte, keine andere
Möglichkeit gelassen, als ihn entweder für den Sohn Gottes oder aber für
einen Geisteskranken oder einen Verbrecher zu halten.
Glaubt man den Kritikern, so hat dieses Argument mehr Löcher als ein
Fischernetz. Zweifellos haben sie insofern recht, als es in der knappen
Form, in der Lewis es hier präsentiert, allen möglichen Einwänden Tür und
Tor öffnet. Dennoch ist es gerade dieses Argument, das immer wieder Leser
aller Bildungsschichten – darunter auch Leute wie Charles Colson und
Francis Collins – davon überzeugt hat, dass der Zimmermannssohn aus
Nazareth tatsächlich der ist, der er zu sein behauptete.
Interessanterweise hat Lewis dieses Argument für Pardon, ich bin Christ
gegenüber der ursprünglichen Fassung, die er im Radio vortrug, sogar noch
gekürzt. Dort nämlich packte er einen der häufigsten Einwände gleich selbst
bei den Hörnern:
Natürlich könnte man sich auf den Standpunkt stellen, [Jesus] habe diese
Dinge überhaupt nicht gesagt, sondern seine Anhänger hätten sie nur
erfunden. Aber damit würde man die Schwierigkeit nur verlagern.
Schließlich waren sie ja auch Juden und damit die Letzten, denen so
etwas eingefallen wäre. Über Mose oder Elia hatte dieses Volk nie etwas
Derartiges behauptet. Mit dieser Theorie handelt man sich also statt eines
unerklärlichen Verrückten nur deren zwölf ein. So kommen wir nicht aus
der Sache heraus.
Warum Lewis diese Sätze, die doch vielen seiner Kritiker den Wind aus den
Segeln genommen hätten, aus der Buchfassung strich, lässt sich nicht mehr
nachvollziehen. Man sieht an diesem Beispiel jedoch, dass seine Argumente
in diesem Buch oftmals knappe Zusammenfassungen von Gedankengängen
sind, die sich bei näherer Betrachtung als vielschichtiger und komplexer
erweisen, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Es wäre aber voreilig, sie
deswegen für oberflächlich zu halten. Eher dürfte es ratsam sein, sie als
Einladungen zum Weiterdenken aufzufassen.
Es ist zuzugeben, dass man in einigen Passagen dem Buch sein Alter von
nun rund siebzig Jahren anmerkt (und zwar nicht nur an Kleinigkeiten wie
der Anzahl der Monde im Sonnensystem). Vor allem betrifft dies einige
Kapitel im Abschnitt über die Ethik. Über Lewis' Frauenbild ist schon viel –
auch kontrovers – geschrieben und diskutiert worden. Einige Sätze, die
Anlass dazu gaben, finden sich auch in Pardon, ich bin Christ . Über seine
Idee, einen Unterschied zwischen der staatlichen und der christlichen Ehe
zu machen, hat sich schon sein Zeitgenosse und enger Freund J.R.R.
Tolkien ereifert. Was Lewis über Pazifismus, Soldatentum und Todesstrafe
zu sagen hatte, erschien den Herausgebern der Ende der 1950er-Jahre
entstandenen ersten deutschen Ausgabe gar so heikel, dass sie kurzerhand
ein halbes Kapitel aus dem Text strichen. Die vorliegende Neuübersetzung
enthält erstmals auch diese Passagen in deutscher Sprache.
Freilich macht Lewis es seinen Lesern nicht leicht, ihn zu ignorieren,
selbst da, wo sie ihm aufgebracht widersprechen möchten. Auch hier merkt
man bei genauerem Nachdenken, dass hinter manchen Aussagen, die
veraltet anmuten, vielschichtigere Zusammenhänge und Gedankengänge
stecken, als es zunächst den Anschein hat. Nicht alles, was uns befremdet,
weil es nicht zu unserem eigenen Zeitgeist zu passen scheint, muss deshalb
falsch sein. Lewis selbst warnte vielfach vor dem, was er «chronologischen
Snobismus» nannte: der Grundannahme, alles Neue müsse immer besser
und richtiger sein als alles Alte.
Man kann sich wunderbar an Lewis reiben, und das lohnt sich sehr, denn
oft wird man feststellen, dass sich das eigene Denken dabei schärft. Im
Ergebnis wird gewiss nicht jeder ihm am Ende zustimmen und wohl kaum
einer in jedem Punkt, aber jeder wird aus der gedanklichen
Auseinandersetzung großen Gewinn davontragen.
Lewis' große Stärke ist nicht nur seine Denkschärfe, sondern auch seine
Spekulierfreudigkeit und Bilderkraft, mit denen er an knifflige theologische
und philosophische Fragen herangeht. Besonders im letzten Teil des
Buches, der sich mit der christlichen Vorstellung von Gott befasst, spielt er
diese Stärken voll aus. Seine Überlegungen zum Verhältnis von Zeit und
Ewigkeit etwa sind fester Bestandteil der gedanklichen Werkzeugkiste von
Generationen von Christen geworden.
Fünfzig Jahre nach Lewis' Tod und über sechzig Jahre nach dem
Erscheinen von Pardon, ich bin Christ sind viele Gedanken dieses Buches
ebenso aktuell wie eh und je. Möge diese neue, erstmals vollständige
deutsche Übersetzung des Klassikers vielen künftigen Lesern den Zugang
zu diesem großen christlichen Denker erschließen.
Christian Rendel, Witzenhausen, im Februar 2014
Vorwort von C.S. Lewis
Der Inhalt dieses Buches wurde ursprünglich über den Rundfunk
ausgestrahlt und dann in drei Teilen als Broadcast Talks (1942), Christian
Behaviour (1943) und Beyond Personality (1944) veröffentlicht. In den
Druckversionen habe ich dem, was ich am Mikrofon gesagt hatte, ein paar
Dinge hinzugefügt, aber ansonsten den Text ziemlich so gelassen, wie er
war. Eine «Ansprache» im Radio sollte sich meiner Meinung nach
möglichst wie ein echtes Gespräch anhören, nicht wie ein laut vorgelesener
Essay.
Darum habe ich in meinen Ansprachen all die Verkürzungen und
Geläufigkeiten verwendet, die ich im gewöhnlichen Gespräch auch benutze.
Dabei habe ich es in der Druckversion belassen und don't und we've für do
not und we have eingesetzt. Und überall, wo ich in den Vorträgen ein Wort
durch den Nachdruck in meiner Stimme besonders hervorgehoben hatte,
habe ich es kursiv gesetzt. Inzwischen neige ich zu der Auffassung, dass das
ein Fehler war – ein nicht erstrebenswertes Zwischending zwischen der
Kunst des Sprechens und der Kunst des Schreibens. Ein Redner darf gern
zur Betonung Variationen der Stimme einsetzen, denn diese Methode bietet
sich für sein Medium ganz natürlich an. Ein Schriftsteller hingegen sollte
sich für diesen Zweck nicht der Kursivschrift bedienen. Er verfügt über
seine eigenen, ganz anderen Mittel, die entscheidenden Wörter
hervorzuheben, und die sollte er auch benutzen. In dieser Ausgabe habe ich
die Verkürzungen beseitigt und die meisten Kursivsetzungen durch eine
Umstellung der Sätze, in denen sie vorkamen, ersetzt. Ich hoffe jedoch, dass
der «volkstümliche» oder «ungezwungene» Tonfall, den ich von vornherein
beabsichtigt habe, davon unbeschadet geblieben ist. Außerdem habe ich
Dinge hinzugefügt und andere gekürzt, wo ich der Meinung war,
irgendeinen Aspekt meines Themas inzwischen besser zu verstehen als vor
zehn Jahren, oder wo ich wusste, dass die ursprüngliche Version von
anderen missverstanden worden war.
Der Leser sei gewarnt, dass ich jemandem, der zwischen zwei
christlichen «Konfessionen» schwankt, keine Hilfe sein werde. Von mir
erfahren Sie nicht, ob Sie Anglikaner, Katholik, Methodist oder
Presbyterianer werden sollten. Diese Frage spare ich absichtlich aus (selbst
die gerade aufgelisteten Konfessionen sind lediglich alphabetisch geordnet).
Wo ich selbst stehe, ist kein Geheimnis. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Laie
in der Church of England, weder besonders «high» noch besonders «low»
noch besonders sonst etwas.
Doch in diesem Buch habe ich nicht vor, irgendjemanden von meinem
eigenen Standpunkt zu überzeugen. Seit ich Christ geworden bin, war ich
stets der Meinung, dass der beste und vielleicht einzige Dienst, den ich
meinen nichtgläubigen Mitmenschen erweisen kann, darin besteht, den
Glauben, der fast allen Christen zu allen Zeiten gemeinsam war, zu erklären
und zu verteidigen. Für diese Auffassung hatte ich mehr als einen Grund.
Erstens geht es in den Fragen, in denen sich Christen voneinander
unterscheiden, häufig um Feinheiten der Theologie oder gar der
Kirchengeschichte, die den echten Fachleuten vorbehalten bleiben sollten.
Ich hätte in solchen Gewässern den Boden unter den Füßen verloren und
eher selbst der Hilfe bedurft, als dass ich anderen hätte weiterhelfen
können.
Und zweitens müssen wir uns, glaube ich, eingestehen, dass die
Diskussion dieser strittigen Punkte überhaupt nicht geeignet ist, einen
Außenstehenden in den Schoß der christlichen Gemeinde zu bringen.
Solange wir über diese Dinge schreiben und reden, werden wir andere eher
davon abschrecken, sich überhaupt auf irgendeine christliche Gemeinschaft
einzulassen, als dass wir sie in die unsere hineinziehen. Von dem, was uns
trennt, sollte nur in Gegenwart derer die Rede sein, die bereits zu der
Überzeugung gekommen sind, dass es einen Gott gibt und dass Jesus
Christus sein einziger Sohn ist.
Schließlich hatte ich den Eindruck, dass viel mehr und auch begabtere
Autoren sich bereits mit solchen kontroversen Fragen befassten als damit,
das «bloße» Christentum zu verteidigen, wie Baxter es nannte. Der
Frontabschnitt, wo ich mich am nützlichsten machen zu können glaubte,
war zugleich der, der auch am dünnsten besetzt zu sein schien. Und dort sah
ich natürlich meinen Platz.
Soviel ich weiß, waren das meine einzigen Motive, und es wäre mir sehr
lieb, wenn die Leute aus meinem Schweigen zu gewissen umstrittenen
Fragen keine fantastischen Schlüsse ziehen würden.
Zum Beispiel muss ein solches Schweigen meinerseits nicht bedeuten,
dass ich selbst zwischen den Stühlen stehe. Manchmal ist das der Fall. Auf
manche Fragen, über die unter Christen gestritten wird, ist uns meiner
Meinung nach keine Antwort mitgeteilt worden. Auf manche werde ich
vielleicht die Antwort nie erfahren. Würde ich sie stellen, selbst in einer
besseren Welt, so würde ich (nach allem, was ich weiß) möglicherweise
dieselbe Antwort darauf erhalten, die einst ein viel größerer Fragesteller zu
hören bekam: «Was geht es dich an? Folge du mir nach!» Doch es gibt
andere Fragen, bei denen ich genau weiß, auf welchem Stuhl ich sitze, und
über die ich dennoch nichts sage. Denn ich schreibe nicht, um etwas zu
erklären, was ich «meine Religion» nennen könnte, sondern um das
«bloße» Christentum zu erklären, das so ist, wie es ist, und so war, wie es
war, lange bevor ich geboren wurde und ob es mir passt oder nicht.
Manche Leute ziehen voreilige Schlüsse aus dem Umstand, dass ich über
die Jungfrau Maria nicht mehr sage, als ich sagen muss, um die
jungfräuliche Geburt Christi zu bekräftigen. Aber meine Gründe dafür sind
doch wohl offensichtlich, oder? Sobald ich mehr darüber sagte, hätte ich
mich schon auf heiß umkämpftes Terrain begeben. Und mit keiner anderen
Kontroverse unter Christen muss man so behutsam umgehen wie mit dieser.
Katholiken vertreten ihre Überzeugungen zu diesem Thema nicht nur mit
dem gewöhnlichen Eifer, der jeden aufrichtigen religiösen Glauben
kennzeichnet, sondern auch (völlig natürlicherweise) mit der besonderen
und, wenn man so will, ritterlichen Empfindsamkeit, die ein Mann verspürt,
wenn die Ehre seiner Mutter oder seiner Geliebten auf dem Spiel steht. Wer
darin anderer Meinung ist als sie, steht vor ihnen allzu leicht nicht nur als
Ketzer da, sondern auch noch als Schuft.
Umgekehrt beschwören die gegensätzlichen protestantischen
Überzeugungen zu diesem Thema Gefühle herauf, die an die Wurzeln jeden
monotheistischen Glaubens rühren. Strenggläubige Protestanten sehen hier
die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf (so heilig es auch
sein mag) in Gefahr: Der Polytheismus erhebe sich wieder. Widerspricht
man ihnen, so macht man sich verdächtig, noch Schlimmeres zu sein als ein
Ketzer – ein Heide. Wenn irgendein Thema geeignet ist, einem Buch über
«bloßes» Christentum den Garaus zu machen – wenn irgendein Thema
gänzlich unergiebig ist für Leute, die noch nicht daran glauben, dass der
Sohn dieser Jungfrau Gott sei –, dann doch wohl dieses.
Kurioserweise kann man aus meinem Schweigen über umstrittene Punkte
noch nicht einmal schließen, ob ich sie für wichtig oder unwichtig halte.
Denn diese Frage selbst ist ja auch umstritten. Eines der Dinge, über die
Christen verschiedener Meinung sind, ist die Wichtigkeit ihrer
Meinungsverschiedenheiten. Wenn zwei Christen unterschiedlicher
Konfession anfangen, miteinander zu streiten, dauert es meist nicht lange,
bis der eine fragt, ob dieser oder jener Punkt denn «wirklich so wichtig» sei,
und der andere erwidert: «Wichtig? Na hör mal, diese Frage ist absolut
entscheidend!»
Ich sage das alles einfach nur, um deutlich zu machen, was für ein Buch
ich hier zu schreiben versuche. Ich will keineswegs meine eigenen
Überzeugungen verheimlichen oder mich aus meiner Verantwortung dafür
stehlen. Wie gesagt, was ich glaube, ist kein Geheimnis. Um Tristram
Shandys Onkel Toby zu zitieren: «Es steht im Gebetbuch geschrieben.»
Die Gefahr war natürlich, dass ich irgendetwas als allgemeingültiges
Christentum darstellen könnte, was in Wirklichkeit nur der Church of
England oder (schlimmer noch) nur mir selbst eigen ist. Davor versuchte
ich mich zu schützen, indem ich das ursprüngliche Manuskript des jetzigen
Zweiten Buches an vier Geistliche schickte (einen Anglikaner, einen
Katholiken, einen Methodisten und einen Presbyterianer) und sie um ihre
Beurteilung bat. Der Methodist fand, ich hätte nicht genug über den
Glauben gesagt, und der Katholik meinte, ich hätte die Bedeutung der
Theorien, mit denen der Sühnetod Christi erklärt wird, etwas zu sehr
heruntergespielt. Ansonsten waren wir uns alle fünf einig. Die übrigen
Bücher habe ich keiner solchen «Nagelprobe» unterzogen, weil darin zwar
auch Dinge zur Sprache kommen, über die Christen unterschiedlicher
Meinung sein können, aber wenn, dann sind es Meinungsverschiedenheiten
zwischen Einzelnen oder zwischen Denkschulen, nicht zwischen
Konfessionen.
Soweit ich es den Besprechungen und den zahlreichen Briefen, die mir
geschrieben werden, entnehmen kann, ist diesem Buch, welche Mängel es
sonst auch haben mag, zumindest eines gelungen: Es präsentiert ein
einvernehmliches, allgemeines, zentrales oder «bloßes» Christentum.
Insofern kann es vielleicht nützlich sein, um der Ansicht entgegenzutreten,
wenn wir die umstrittenen Punkte beiseiteließen, bliebe uns nur ein
verschwommener, blutleerer gemeinsamer Nenner. Aber dieser gemeinsame
Nenner ist in Wirklichkeit nicht nur handfest, sondern auch scharfkantig.
Von allen nichtchristlichen Überzeugungen trennt ihn ein Abgrund, mit dem
auch die schlimmsten Spaltungen innerhalb des Christentums überhaupt
nicht zu vergleichen sind. Wenn ich auch nicht direkt zur Sache der
Wiedervereinigung beigetragen habe, so habe ich doch vielleicht deutlich
gemacht, warum wir uns wiedervereinigen sollten. Jedenfalls ist mir von
überzeugten Mitgliedern anderer Konfessionen als meiner eigenen kaum
etwas von dem berüchtigten odium theologicum entgegengeschlagen. Die
Feindseligkeit kam mehr von den Grenzgängern, ob innerhalb oder
außerhalb der Church of England: von Menschen, die sich zu keiner
Gemeinschaft so richtig bekennen wollen. Auf eine eigentümliche Art finde
ich das tröstlich. In ihrem Zentrum, wo ihre treuesten Kinder weilen, stehen
sich die verschiedenen Konfessionen am nächsten – wenn nicht in der
Lehre, so doch im Geist. Und das deutet darauf hin, dass es im Zentrum
einer jeden von ihnen etwas – oder jemanden – gibt, der trotz aller
unterschiedlichen Überzeugung, aller Verschiedenartigkeit im
Temperament, trotz aller Erinnerungen an gegenseitige Verfolgungen in
ihnen allen mit derselben Stimme spricht.
So viel zu meiner Zurückhaltung in dogmatischer Hinsicht. Im Dritten
Buch, das sich mit der Moral befasst, bin ich ebenfalls über einige Dinge
stillschweigend hinweggegangen, allerdings aus einem anderen Grund. Seit
meinem Dienst als Infanterist im Ersten Weltkrieg habe ich eine Abneigung
gegen Leute, die sich selbst in behaglicher Sicherheit befinden, aber den
Männern an der Front allerlei Ermahnungen erteilen. Infolgedessen
widerstrebt es mir auch, viel über Versuchungen zu sagen, denen ich selbst
nicht ausgesetzt bin.
Kein Mensch, vermute ich, ist für jede Sünde anfällig. Der Impuls zum
Beispiel, der Menschen zum Glücksspiel treibt, ist meiner Natur völlig
fremd. Zweifellos fehlt mir dafür irgendein guter Impuls, dessen
Übertreibung oder Perversion der Hang zum Glücksspiel ist. Deshalb hielt
ich mich nicht für qualifiziert, Ratschläge über erlaubtes oder unerlaubtes
Glücksspiel zu erteilen – falls es überhaupt jemals erlaubt ist, denn nicht
einmal das behaupte ich zu wissen. Auch über Empfängnisverhütung habe
ich nichts gesagt, da ich weder eine Frau noch auch nur ein verheirateter
Mann bin und ein Priester ebenso wenig. Ich hielt es nicht für angebracht,
strenge Richtlinien über Schmerzen, Gefahren und Kosten zu vertreten, vor
denen ich selbst bewahrt bin, zumal ich auch kein seelsorgerliches Amt
habe, das mich dazu verpflichten würde.
Weit gewichtigere Einwände könnte man dagegen erheben – und sie
wurden auch schon geäußert –, dass ich das Wort Christ als Bezeichnung
für einen Menschen verwende, der die allgemeinen Lehren des
Christentums bejaht. «Wer sind Sie überhaupt», fragen die Leute, «dass Sie
festlegen wollen, wer ein Christ ist und wer nicht?» Oder: «Könnte es nicht
sein, dass so mancher, der an diese Lehren nicht glauben kann, in Wahrheit
viel eher ein Christ ist und dem Geist Christi viel näher steht als manche
Gläubigen?»
Nun, in gewissem Sinne ist dieser Einwand völlig richtig, überaus
menschenfreundlich, zutiefst geistlich und äußerst feinfühlig. Er vereint alle
Vorzüge in sich; nur ist er leider zu nichts nütze. Wir können einfach die
Sprache nicht so gebrauchen, wie diese Bedenkenträger es gern hätten,
ohne Schiffbruch zu erleiden. Ich will versuchen, dies anhand der
Geschichte eines anderen, weitaus weniger wichtigen Wortes deutlich zu
machen.
Das Wort Gentleman bezeichnete ursprünglich einmal etwas ganz
Bestimmtes, nämlich jemanden, der ein Wappen führte und Land besaß.
Wenn man jemanden einen «Gentleman» nannte, so machte man ihm damit
kein Kompliment, sondern sprach lediglich einen Sachverhalt aus. Sagte
man, jemand sei «kein Gentleman», so beleidigte man ihn damit nicht,
sondern man gab eine Information über ihn weiter. Es war kein
Widerspruch, wenn man sagte, John sei ein Lügner und ein Gentleman,
genauso wenig, wie es heute ein Widerspruch ist, wenn man sagt, James sei
ein Dummkopf und ein Dr. phil.
Aber dann kamen Leute und sagten – so richtig, menschenfreundlich,
geistlich und feinfühlig, nur leider nicht nützlich: «Ja, sicher, aber was
einen Gentleman eigentlich ausmacht, ist doch nicht das Wappen oder das
Land, sondern sein Verhalten, oder? Ein wahrer Gentleman ist doch der, der
sich so benimmt, wie es sich für einen Gentleman gehört, nicht wahr? In
diesem Sinne ist doch Edward viel eher ein Gentleman als John, finden Sie
nicht?»
Sie meinten es gut. Wenn man ehrbar und höflich und tapfer ist, ist das
natürlich viel mehr wert, als wenn man ein Wappen hat. Nur ist es nicht
dasselbe. Und schlimmer noch, es ist nichts, worüber sich alle einig sein
werden. Nennt man in diesem neuen, verfeinerten Sinn jemanden einen
«Gentleman», so informiert man damit nicht mehr über den Betreffenden,
sondern man lobt ihn. Bestreitet man, er sei ein «Gentleman», so beleidigt
man ihn nur noch.
Ein Wort aber, das nichts mehr beschreibt, sondern nur noch ein Lob
ausdrückt, sagt nichts mehr über einen Gegenstand aus: Es verrät uns
lediglich, wie der Sprecher zu dem Gegenstand steht. (Ein «schönes» Essen
ist schlicht und einfach ein Essen, das dem Sprecher schmeckt.) Hat man
das Wort Gentleman erst einmal durch Vergeistlichung und Verfeinerung
von seinem alten ungehobelten, objektiven Sinn befreit, so bedeutet es
kaum mehr, als dass der Sprecher den Betreffenden gut leiden kann.
Infolgedessen ist Gentleman als Wort nutzlos geworden. Ausdrücke der
Wertschätzung hatten wir schon zur Genüge; dafür hätten wir dieses nicht
auch noch gebraucht. Will dagegen jemand es (zum Beispiel in einer
historischen Abhandlung) in seinem alten Sinn verwenden, so kann er das
nicht tun, ohne es erst zu erklären. Es ist für diesen Zweck verdorben.
Wenn wir nun zulassen, dass die Leute anfangen, die Bedeutung des
Wortes Christ zu vergeistlichen und zu verfeinern oder, wie sie vielleicht
sagen würden, zu «vertiefen», dann wird sehr rasch daraus auch so ein
unnützes Wort werden. Das fängt damit an, dass die Christen selbst es für
niemanden mehr verwenden könnten. Es kommt uns nicht zu, zu sagen, wer
im tiefsten Sinne dem Geist Christi nah oder fern ist. Wir können den
Menschen ja nicht ins Herz schauen. Wir können nicht richten; es ist uns
sogar verboten. Es wäre bodenlose Überheblichkeit, wenn wir von
irgendeinem Menschen behaupten würden, er sei in diesem verfeinerten
Sinn ein Christ oder eben nicht. Und es ist klar, dass ein Wort, das wir nie
verwenden können, kein sehr nützliches Wort ist.
Die Nichtgläubigen wiederum werden das Wort zweifellos frohgemut in
seinem verfeinerten Sinn benutzen. In ihrem Mund wird es sich in ein
bloßes Lobeswort verwandeln. Wenn sie jemanden einen Christen nennen,
werden sie damit meinen, dass sie ihn für einen guten Menschen halten.
Aber diese Verwendung des Wortes wird keine Bereicherung unserer
Sprache sein, denn das Wort gut haben wir ja bereits. Dagegen wird das
Wort Christ keinerlei sinnvollem Zweck mehr dienen können.
Deshalb müssen wir bei der ursprünglichen, klaren Bedeutung bleiben.
Die Bezeichnung Christen wurde erstmals in Antiochien für die «Jünger»
verwendet (Apostelgeschichte 11,26), also für diejenigen, die die Lehre der
Apostel annahmen. Es ist nirgends die Rede davon, dass sie nur auf die
beschränkt worden wäre, die aus dieser Lehre den größtmöglichen Nutzen
zogen. Ebenso wenig ist davon die Rede, dass sie auf diejenigen
ausgeweitet worden wäre, die auf irgendeine verfeinerte, geistliche,
inwendige Weise «dem Geist Christi viel näher» standen als die
Unzulänglicheren unter den Jüngern. Es geht hier weder um einen
theologischen noch um einen moralischen Punkt. Es geht lediglich darum,
Wörter so zu gebrauchen, dass wir alle verstehen, was gesagt wird. Wenn
ein Mensch, der die christliche Lehre annimmt, ihr in seiner Lebensführung
nicht gerecht wird, ist es viel klarer, ihn einen schlechten Christen zu
nennen, als zu sagen, er sei gar kein Christ.
Ich hoffe, es kommt kein Leser auf den Gedanken, das «bloße»
Christentum würde hier als Alternative zu den Bekenntnissen der
bestehenden Glaubensgemeinschaften vorgeschlagen – so, als könnte man
es sich zu eigen machen, statt kongregationalistisch oder griechisch-
orthodox oder sonst etwas zu sein. Es ist eher so etwas wie ein Foyer mit
mehreren Türen, die in verschiedene Zimmer führen. Wenn ich jemanden in
dieses Foyer bringen kann, habe ich erreicht, was ich wollte. Aber die
Kaminfeuer, die Stühle und die gedeckten Tische sind in den Zimmern,
nicht im Foyer. Im Foyer kann man auf jemanden warten oder verschiedene
Türen probieren, aber wohnen kann man dort nicht. Für diesen Zweck,
glaube ich, wäre auch das schlechteste Zimmer (welches auch immer das
ist) noch vorzuziehen. Freilich kann es sein, dass manche Leute sich einige
Zeit im Foyer aufhalten müssen, während andere im Nu genau wissen, an
welche Tür sie klopfen müssen. Warum es diese Unterschiede gibt, weiß ich
nicht, aber ich bin sicher, dass Gott niemanden warten lässt, es sei denn, er
sieht, dass das Warten für den Betreffenden gut ist. Wenn Sie dann
schließlich in Ihr Zimmer kommen, werden Sie feststellen, dass das lange
Warten Ihnen irgendeinen Nutzen gebracht hat, den Sie sonst nicht gehabt
hätten. Aber Sie sollten es als eine Wartezeit betrachten, nicht als
dauerhaften Lagerplatz. Sie müssen beharrlich um Wegweisung beten; und
natürlich müssen Sie sich auch im Foyer schon bemühen, die Regeln zu
beachten, die im ganzen Haus gelten. Vor allem müssen Sie sich von der
Frage leiten lassen, welche Tür zur Wahrheit führt, nicht davon, bei welcher
Ihnen die Farbe und die Vertäfelung am besten gefallen. Einfach
ausgedrückt, sollte die Frage nie lauten: «Gefällt mir diese Art von
Gottesdienst?», sondern: «Ist das wahr, was hier gelehrt wird? Gibt es hier
Heiligung? Führt mich mein Gewissen in diese Richtung? Wenn ich zögere,
an diese Tür zu klopfen, liegt es vielleicht nur an meinem Stolz, an bloßen
Geschmacksfragen oder daran, dass mir der Türsteher persönlich
unsympathisch ist?»
Wenn Sie dann Ihr Zimmer gefunden haben, seien Sie freundlich zu
denen, die sich für andere Türen entschieden haben oder noch im Foyer
ausharren. Sollten sie im Irrtum sein, brauchen sie Ihr Gebet umso mehr;
und sollten sie gar Ihre Feinde sein, ist es sogar Ihre Pflicht, für sie zu
beten. Das ist eine jener Regeln, die im ganzen Haus gelten.
Erstes Buch
Recht und Unrecht als Schlüssel zum Sinn des Universums
1. Das Gesetz der menschlichen Natur
Jeder hat schon einmal Leute miteinander streiten hören. Manchmal hört
sich das ulkig an, manchmal auch nur unangenehm. Aber egal, wie es sich
anhört: Ich glaube, wir können etwas sehr Wichtiges lernen, wenn wir
genau hinhören, was da so alles gesagt wird. Da hört man Sätze wie diese:
«Wie würde dir das gefallen, wenn jemand so mit dir umgehen würde?» –
«Das ist mein Platz, ich war zuerst hier.» – «Lass ihn doch in Ruhe, er hat
dir doch überhaupt nichts getan.» – «Wie kommen Sie dazu, sich so einfach
vorzudrängeln?» – «Gib mir was von deiner Apfelsine ab, ich habe dir ja
auch von meiner abgegeben.» – «Komm schon, du hast es versprochen.»
Solche Sachen sagen die Leute jeden Tag, egal, ob es gebildete oder
ungebildete Leute und ob es Kinder oder Erwachsene sind.
Was ich an all diesen Bemerkungen interessant finde, ist, dass derjenige,
der so etwas sagt, damit nicht bloß ausdrückt, dass das Verhalten der
anderen Person ihm nicht gefällt. Sondern er beruft sich auf irgendeinen
Verhaltensmaßstab und geht davon aus, dass dieser auch der anderen Person
bekannt ist. Und die Antwort des anderen darauf lautet nur in den seltensten
Fällen: «Steck dir deinen Maßstab sonst wohin.» Stattdessen versucht er
fast immer, plausibel zu machen, dass sein Verhalten in Wirklichkeit gar
nicht gegen den Maßstab verstoße, oder wenn doch, dass es irgendeine
besondere Entschuldigung dafür gebe. Er zieht irgendeinen besonderen
Grund herbei, warum in diesem speziellen Fall die Person, die zuerst auf
dem Platz saß, ihn nicht behalten sollte. Oder er sagt, die Situation sei ja
eine ganz andere gewesen, als er ein Stück von der Apfelsine abbekam.
Oder es sei irgendetwas dazwischengekommen, weshalb er nun sein
Versprechen nicht mehr halten müsse.
Es sieht also ganz danach aus, dass beide Seiten eine Art Gesetz oder
irgendwelche Regeln über Fairness und Anstand oder eine Moralvorstellung
im Kopf haben, wie auch immer man es nennen will, über die sie sich im
Grunde einig sind. Und das sind sie auch. Wäre das nicht der Fall, so
könnten sie natürlich miteinander kämpfen wie Tiere, aber sie könnten nicht
im menschlichen Sinne des Wortes miteinander streiten. Streiten heißt, dass
man dem anderen zu beweisen versucht, dass er im Unrecht ist. Und das
wäre ja ein ziemlich sinnloses Unterfangen, wenn nicht eine gewisse
Einigkeit darüber bestünde, was eigentlich Recht und was Unrecht ist. Es
hätte ja auch keinen Sinn, einem Fußballer zu sagen, dass er ein Foul
begangen hat, wenn man sich nicht über die Spielregeln beim Fußball
grundsätzlich einig wäre.
Dieses Gesetz oder diese Regeln über Recht und Unrecht nannte man
früher das Naturrecht. Das ist nicht zu verwechseln mit den
«Naturgesetzen» wie der Schwerkraft oder der Vererbung oder den
Gesetzen der Chemie. Die alten Denker hingegen meinten, wenn sie das
Gesetz von Recht und Unrecht «Naturrecht» nannten, im Grunde das
Gesetz der menschlichen Natur. Ebenso wie alle physikalischen Körper
dem Gesetz der Schwerkraft und alle Organismen den biologischen
Gesetzen unterliegen, so der Gedanke, unterlag auch das Geschöpf namens
Mensch seinem Gesetz – nur mit einem großen Unterschied: Ein Körper
konnte sich nicht aussuchen, ob er dem Gesetz der Schwerkraft gehorchte
oder nicht. Ein Mensch hingegen konnte wählen, ob er dem Gesetz der
menschlichen Natur gehorsam oder ungehorsam war.
Wir können das noch anders ausdrücken. Jeder Mensch unterliegt in
jedem Augenblick mehreren verschiedenen Arten von Gesetzen, aber nur
bei einem einzigen davon hat er die Freiheit, ihm ungehorsam zu sein. Als
physikalischer Körper unterliegt er der Schwerkraft, gegen die er sich nicht
wehren kann. Lässt man ihn mitten in der Luft los, so kann er sich genauso
wenig wie ein Stein aussuchen, ob er fallen will oder nicht. Als Organismus
unterliegt er verschiedenen biologischen Gesetzen, gegen die er ebenso
wenig ausrichten kann wie ein Tier. Das heißt, den Gesetzen, die er mit
anderen Dingen gemeinsam hat, kann er nicht ungehorsam sein. Das Gesetz
jedoch, das allein seine menschliche Natur betrifft und das er nicht mit
Tieren oder Pflanzen oder unbelebten Dingen gemein hat, ist das einzige,
dem er ungehorsam sein kann, wenn er will.
Dieses Gesetz wurde Naturrecht genannt, weil die Leute meinten, jeder
Mensch kenne es von Natur aus und müsse es nicht erst beigebracht
bekommen. Damit meinten sie natürlich nicht, dass man nicht hier und da
einen seltsamen Kauz finden könne, der es nicht kennt. Schließlich stößt
man ja auch gelegentlich auf Leute, die farbenblind sind oder kein Ohr für
Melodien haben. Aber auf die Menschheit als Ganzes gesehen, war man der
Meinung, eine gewisse Vorstellung von anständigem Verhalten müsse für
alle offensichtlich sein. Und ich glaube, damit hatte man recht. Wäre das
nicht so, dann wären all die Dinge, die wir über den Krieg gesagt haben,
nichts als Unsinn. Was hätte es für einen Sinn, zu sagen, dass der Feind im
Unrecht war, wenn das Recht nicht etwas wirklich Vorhandenes wäre, was
die Nazis im Grunde genauso gut kannten wie wir und woran sie sich hätten
halten müssen? Hätten sie keine Ahnung gehabt, was wir mit Recht meinen,
dann hätten wir wohl immer noch gegen sie kämpfen müssen, aber wir
hätten ihnen dafür genauso wenig einen Vorwurf machen können wie für
ihre Haarfarbe.
Ich weiß, manche Leute sagen, die Vorstellung eines Naturrechts oder
eines von allen Menschen anerkannten anständigen Verhaltens sei nicht
schlüssig, weil es in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten
ganz unterschiedliche ethische Vorstellungen gegeben habe.
Aber das stimmt nicht. Es gab zwar durchaus ethische Unterschiede, aber
von einer völligen Verschiedenartigkeit kann keine Rede sein. Wenn jemand
sich die Mühe machen will, die Sittenlehren, sagen wir, der alten Ägypter,
Babylonier, Hindus, Chinesen, Griechen und Römer miteinander zu
vergleichen, dann wird er staunen, wie ähnlich sie einander und unserer
eigenen Sittenlehre sind. Einige Belege dafür habe ich im Anhang eines
anderen Buches namens Die Abschaffung des Menschen
zusammengetragen. Für unsere augenblickliche Fragestellung brauche ich
meine Leser jedoch nur zu bitten, einmal zu überlegen, was eine völlig
andersartige Sittenlehre bedeuten würde.
Stellen Sie sich ein Land vor, in dem man Bewunderung dafür erntet,
dass man im Kampf die Flucht ergreift, oder in dem man stolz darauf ist,
gerade die Leute, die einen besonders freundlich behandeln, aufs Kreuz zu
legen. Genauso gut könnte man versuchen, sich ein Land vorzustellen, in
dem zwei und zwei fünf ergibt. Es hat zwar immer unterschiedliche
Auffassungen darüber gegeben, welchen Menschen gegenüber man sich
selbstlos verhalten sollte – ob nur gegenüber den eigenen Angehörigen,
gegenüber den eigenen Landsleuten oder gegenüber allen. Aber man war
sich immer einig, dass man nicht immer nur auf den eigenen Vorteil aus
sein sollte. Selbstsucht wurde noch nie bewundert. Es gab unterschiedliche
Meinungen darüber, ob ein Mann eine Frau haben darf oder vier. Aber es
herrschte immer Einigkeit darüber, dass er nicht einfach jede Frau haben
kann, die ihm gefällt.
Das Bemerkenswerteste aber ist Folgendes. Immer wenn Sie jemanden
treffen, der behauptet, er glaube nicht daran, dass es Recht und Unrecht
wirklich gibt, werden Sie feststellen, dass derselbe Mensch das im nächsten
Atemzug zurücknimmt. Vielleicht bricht er ein Versprechen, das er Ihnen
gegeben hat, aber wenn Sie versuchen, ein Versprechen ihm gegenüber zu
brechen, wird er sich im Nu beklagen: «Das ist nicht fair!» Eine Nation
kann sagen, Verträge seien ohne Belang; doch im nächsten Moment wird
sie sich verplappern und sagen, der Vertrag, den sie zu brechen gedenkt, sei
ohnehin ungerecht. Aber wenn Verträge ohne Belang sind und es so etwas
wie Recht und Unrecht in Wirklichkeit gar nicht gibt – mit anderen Worten,
wenn ein Naturrecht nicht existiert –, wo liegt dann der Unterschied
zwischen einem gerechten und einem ungerechten Vertrag? Haben sie damit
nicht die Katze aus dem Sack gelassen und bewiesen, dass sie das
Naturrecht im Grunde genauso gut kennen wie alle anderen?
Wie es scheint, müssen wir uns also der Tatsache stellen, dass es Recht
und Unrecht wirklich gibt. Es kann zwar vorkommen, dass Leute sich in
ihrem Urteil darüber irren, wie es ja auch vorkommt, dass Leute
Rechenfehler machen. Aber Recht und Unrecht sind genauso wenig eine
Frage des Geschmacks oder der Meinung wie das Einmaleins.
Wenn wir uns darüber nun einig sind, komme ich zu meinem nächsten
Punkt, nämlich dem folgenden: Niemand von uns hält das Naturrecht
wirklich ein. Sollte es unter Ihnen Ausnahmen geben, so bitte ich um
Entschuldigung. Wen das betrifft, der sollte lieber ein anderes Buch lesen,
denn nichts von dem, was ich hier sagen werde, ist für ihn von Belang.
Und nun zu den gewöhnlichen Sterblichen, die verblieben sind: Ich hoffe,
Sie verstehen das, was ich jetzt sagen werde, nicht falsch. Ich will Ihnen
keine Predigt halten und mich schon gar nicht als etwas Besseres hinstellen
als andere Leute. Ich möchte nur auf eine Tatsache aufmerksam machen,
nämlich die Tatsache, dass wir selbst es in diesem Jahr, in diesem Monat
oder höchstwahrscheinlich an diesem Tag schon versäumt haben, das
Verhalten zu praktizieren, das wir von anderen Leuten erwarten.
Natürlich haben wir vermutlich alle möglichen Entschuldigungen. Als
Sie neulich so ungerecht zu den Kindern waren, da waren Sie einfach
übermüdet. Und diese etwas zwielichtige Geldangelegenheit – die, die Sie
schon fast vergessen haben – spielte sich ab, als Sie gerade ziemlich in der
Klemme saßen. Und Ihr Versprechen gegenüber dem alten Soundso, das Sie
nie eingelöst haben – nun, Sie hätten ihm das gar nicht erst zugesagt, wenn
Sie geahnt hätten, dass Sie so entsetzlich viel zu tun haben würden. Was Ihr
Benehmen gegenüber Ihrer Frau (oder Ihrem Mann) oder Ihrer Schwester
(oder Ihrem Bruder) angeht – ja, wenn ich wüsste, wie die einem auf die
Nerven gehen können! Dann würde ich mich nicht darüber wundern – und
wer zum Kuckuck bin ich überhaupt?
Ich bin ja ganz genauso. Das soll heißen, mir gelingt es auch nicht sehr
gut, mich an das Naturrecht zu halten. Und sobald mich jemand darauf
aufmerksam macht, dass ich mich nicht daran halte, fallen mir endlose
Ausreden ein. Dabei ist die Frage im Moment nicht, ob das gute Ausreden
sind. Der Punkt ist, dass sie ein weiterer Beweis dafür sind, wie fest wir, ob
wir wollen oder nicht, an das Naturrecht glauben. Denn wenn wir nicht
daran glaubten, dass es anständiges Verhalten gibt, warum sollten wir dann
so eifrig Entschuldigungen dafür vorbringen, dass wir uns nicht anständig
verhalten haben?
Die Wahrheit ist, dass wir so fest an den Anstand glauben und uns so sehr
unter dem Druck dieser Regeln oder dieses Gesetzes fühlen, dass wir es
einfach nicht ertragen können, zu wissen, dass wir es übertreten. Also
versuchen wir die Verantwortung von uns abzuwälzen. Denn Sie merken ja,
dass wir nur für unser schlechtes Verhalten immerzu nach Erklärungen
suchen. Nur unsere schlechte Laune schreiben wir der Müdigkeit, den
Sorgen oder dem Hunger zu. Unsere gute Laune buchen wir auf unser
eigenes Konto.
Dies sind also die beiden Punkte, die ich darlegen wollte. Erstens, dass
die Menschen auf der ganzen Welt dieser seltsamen Vorstellung anhängen,
sie sollten sich auf eine bestimmte Weise verhalten, und dass sie diese
Vorstellung einfach nicht loswerden. Zweitens, dass sie sich de facto aber
nicht so verhalten. Sie kennen das Naturrecht, und sie übertreten es. Diese
beiden Tatsachen sind die Grundlage für jedes klare Denken über uns selbst
und das Universum, in dem wir leben.
2. Einige Einwände
Wenn sie die Grundlage sind, sollte ich mir lieber die Zeit nehmen, diese
Grundlage zu befestigen, bevor ich weitermache. Manche Briefe, die ich
bekommen habe, zeigen, dass eine ganze Menge Leute Mühe damit haben,
zu verstehen, was genau dieses Gesetz der menschlichen Natur oder dieses
Sittengesetz oder diese Regel des anständigen Verhaltens denn eigentlich
ist.
Zum Beispiel haben einige Leute mir geschrieben: «Ist das, was Sie das
Sittengesetz nennen, nicht einfach nur unser Herdeninstinkt, der sich
genauso entwickelt hat wie alle unsere anderen Instinkte?» Nun, ich
bestreite nicht, dass wir vielleicht einen Herdeninstinkt haben; aber das ist
nicht das, was ich mit dem Sittengesetz meine.
Wir wissen alle, wie es sich anfühlt, von einem Instinkt zu etwas
getrieben zu werden – von der Mutterliebe, dem Sexualinstinkt oder dem
Instinkt, sich Nahrung zu verschaffen. Instinkt bedeutet, dass man ein
starkes Bedürfnis oder Verlangen danach empfindet, etwas ganz
Bestimmtes zu tun. Und natürlich treibt uns manchmal genau so ein
Verlangen dazu, einem anderen Menschen zu helfen. Zweifellos ist dieses
Verlangen auf den Herdeninstinkt zurückzuführen. Aber wenn man ein
Verlangen verspürt, jemandem zu helfen, ist das etwas ganz anderes, als
wenn man das Gefühl hat, man sollte jemandem helfen, ob man will oder
nicht.
Angenommen, Sie hören den Hilfeschrei eines Mannes in Gefahr. Dies
löst in Ihnen vermutlich zwei verschiedene Arten von Verlangen aus – zum
einen das Verlangen, zu helfen (das auf Ihren Herdeninstinkt
zurückzuführen ist), zum anderen das Verlangen, sich von der Gefahr
fernzuhalten (das auf Ihrem Selbsterhaltungsinstinkt beruht). Doch neben
diesen beiden Impulsen werden Sie in Ihrem Innern noch etwas Drittes
finden, das Ihnen sagt, Sie sollten dem Impuls zum Helfen folgen und den
Impuls zum Davonlaufen unterdrücken.
Nun kann dieses dritte Phänomen, das über die beiden Instinkte urteilt
und entscheidet, welcher davon bejaht werden sollte, nicht selbst einer
dieser beiden sein. Genauso gut könnten Sie sonst sagen, das Notenblatt,
das Ihnen sagt, welche Taste des Klaviers Sie in einem gegebenen Moment
anschlagen sollen, sei selbst eine der Tasten der Klaviatur. Das Sittengesetz
sagt uns, welche Melodie wir spielen sollen. Unsere Instinkte sind lediglich
die Tasten.
Eine andere Möglichkeit, sich klarzumachen, dass das Sittengesetz nicht
bloß einer unserer Instinkte ist, ist folgende: Wenn zwei Instinkte im
Widerstreit miteinander liegen und sich im Kopf des Geschöpfs nichts
anderes befindet als diese beiden Instinkte, dann muss offensichtlich der
stärkere der beiden gewinnen. Doch gerade in den Momenten, in denen uns
das Sittengesetz besonders bewusst ist, scheint es uns meistens zu sagen,
dass wir uns auf die Seite des schwächeren der beiden Triebe stellen sollen.
Wenn es nach Ihrem Verlangen geht, wollen Sie sich wahrscheinlich viel
lieber in Sicherheit bringen als dem Ertrinkenden helfen. Doch das
Sittengesetz fordert Sie auf, ihm trotzdem zu helfen.
Und sagt es uns nicht oft auch, dass wir versuchen sollen, den richtigen
Trieb stärker zu machen, als er von Natur aus ist? Ich meine, wir fühlen uns
doch oft verpflichtet, unseren Herdeninstinkt zu stimulieren, indem wir
unsere Vorstellungskraft wecken und unser Mitgefühl entfachen und
dergleichen, um genügend Dampf zu erzeugen, damit wir das Richtige tun
können. Aber es kann ja kein Instinkt sein, der uns dazu treibt, einen
Instinkt stärker zu machen, als er ist. Das, was da zu Ihnen sagt: «Dein
Herdeninstinkt ist eingeschlafen. Weck ihn auf!», kann nicht der
Herdeninstinkt selbst sein. Das, was Ihnen sagt, welche Taste auf dem
Klavier lauter gespielt werden muss, kann nicht die Taste selbst sein.
Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die Sache zu betrachten. Wäre das
Sittengesetz einer unserer Instinkte, so müssten wir in der Lage sein, auf
einen bestimmten Trieb in uns zu verweisen, der immer «gut» ist, also
immer mit der Regel für richtiges Verhalten übereinstimmt. Aber das
können wir nicht. Unter unseren Trieben ist keiner, den wir nicht aufgrund
des Sittengesetzes mal unterdrücken und mal bestärken müssten. Es ist ein
Irrtum, zu glauben, manche unserer Triebe – etwa die Mutterliebe oder die
Vaterlandsliebe – seien gut, andere, etwa Sex oder der Kampfinstinkt,
dagegen schlecht. Wir können allenfalls sagen, dass der Kampfinstinkt und
das sexuelle Verlangen vermutlich häufiger gezügelt werden müssen als die
Mutterliebe oder die Vaterlandsliebe. Aber es gibt Situationen, in denen es
die Pflicht eines verheirateten Mannes ist, seinen Sexualtrieb zu bestärken,
und die eines Soldaten, seinen Kampfinstinkt zu bestärken. Ebenso gibt es
Gelegenheiten, bei denen die Liebe einer Mutter zu ihren eigenen Kindern
oder die Liebe eines Mannes zu seinem eigenen Land im Zaum gehalten
werden müssen, wenn sie uns nicht zur Ungerechtigkeit gegenüber den
Kindern oder Ländern anderer Leute verführen sollen.
Genau genommen gibt es so etwas wie gute und schlechte Triebe gar
nicht. Denken Sie noch einmal an das Klavier. Auf dem Klavier gibt es
keine zwei Arten von Tasten – «falsche» und «richtige» Tasten. Jede
einzelne Taste ist mal die richtige, mal die falsche. Das Sittengesetz ist nicht
ein bestimmter Instinkt oder eine bestimmte Gruppe von Instinkten: Es ist
etwas, das eine Art Melodie ergibt (die Melodie, die wir das Gute oder das
richtige Verhalten nennen), indem es die Instinkte dirigiert.
Dieser Punkt hat übrigens weitreichende praktische Konsequenzen.
Nichts ist gefährlicher, als wenn man einen bestimmten natürlichen Trieb zu
dem höchsten Ziel erhebt, dem man um jeden Preis folgen sollte. Es ist
nicht einer darunter, der uns nicht in wahre Teufel verwandeln würde, wenn
wir ihn zum absoluten Leitstern erhöben. Vielleicht denken Sie, mit der
Liebe zur Menschheit im Allgemeinen könnte man nichts verkehrt machen,
aber das ist ein Irrtum. Wenn Sie dabei die Gerechtigkeit aus dem Blick
verlieren, werden Sie bald merken, wie Sie «um der Menschlichkeit willen»
Vereinbarungen brechen und vor Gericht Beweise fälschen und am Ende zu
einem grausamen, verräterischen Menschen werden.
Andere Leute schrieben mir: «Ist das, was Sie das Sittengesetz nennen,
nicht einfach nur eine gesellschaftliche Konvention, die uns durch die
Erziehung eingebläut wird?» Ich glaube, das ist ein Missverständnis. Die
Leute, die diese Frage stellen, gehen meist ganz selbstverständlich davon
aus, dass das, was wir von unseren Eltern und Lehrern gelernt haben, nur
eine menschliche Erfindung sein kann. Aber das ist natürlich nicht so. Das
Einmaleins zum Beispiel haben wir alle in der Schule gelernt. Ein Kind, das
allein auf einer verlassenen Insel groß wird, weiß nichts davon. Aber daraus
folgt ja wohl nicht, dass das Einmaleins einfach nur eine menschliche
Konvention ist, die Menschen sich ausgedacht haben und die sie auch
anders hätten festlegen können, wenn es ihnen gepasst hätte, oder? Ich
stimme vollkommen zu, dass wir die Regeln anständigen Verhaltens von
Eltern und Lehrern, von Freunden und aus Büchern lernen, genauso, wie
wir alles andere lernen. Aber manche der Dinge, die wir lernen, sind
lediglich Konventionen, die auch anders sein könnten – wir lernen, auf der
linken Straßenseite zu fahren, aber die Regel könnte genauso gut lauten,
dass man auf der rechten fahren soll. Andere dagegen, wie die Mathematik,
sind echte Wahrheiten. Die Frage ist also, zu welcher dieser Kategorien das
Gesetz der menschlichen Natur gehört.
Es gibt zwei Gründe für die Auffassung, dass es zur selben Kategorie
gehört wie die Mathematik. Erstens gibt es zwar, wie ich schon im ersten
Kapitel gesagt habe, Unterschiede zwischen den Moralvorstellungen einer
Zeit und eines Landes und denen anderer Zeiten und Länder, aber diese
Unterschiede sind eigentlich nicht sehr groß – nicht annähernd so groß, wie
manche Leute meinen –, und man kann dasselbe Gesetz in ihnen allen
wiedererkennen. Bloße Konventionen dagegen, wie die Straßenseite, auf
der man fährt, oder die Kleidung, die Leute anhaben, können sich beliebig
stark voneinander unterscheiden.
Der andere Grund ist folgender. Wenn Sie über diese Unterschiede
zwischen der Moral eines Volkes und der eines anderen nachdenken, sind
Sie dann je der Meinung, dass die Moral eines Volkes besser oder
schlechter ist als die eines anderen? Würden Sie irgendwelche
Veränderungen als Verbesserungen bewerten? Wenn nicht, dann könnte es
natürlich nie so etwas wie moralische Fortschritte geben. Fortschritt heißt ja
nicht nur, dass sich etwas ändert, sondern dass es sich zum Besseren ändert.
Wenn also ein Moralsystem nicht besser sein könnte als ein anderes, dann
gäbe es auch keinen Grund, die zivilisierte Moral der Moral der Barbaren
vorzuziehen oder die christliche Moral der Moral der Nazis.
In Wirklichkeit glauben wir natürlich alle, dass manche Moralsysteme
besser sind als andere. Wir sind davon überzeugt, dass manche der Leute,
die versuchten, die Moralvorstellungen ihrer Zeit zu verändern, das waren,
was wir Reformatoren oder Pioniere nennen – Leute, die mehr von Moral
verstanden als ihre Zeitgenossen. Nun gut. Sobald Sie aber sagen, dass ein
Moralsystem besser sein kann als ein anderes, messen Sie ja alle beide an
einem Maßstab und sagen, dass eines von ihnen diesem Maßstab näher
kommt als das andere. Doch der Maßstab, an dem Sie zwei Dinge messen,
ist etwas anderes als diese beiden Dinge. Tatsächlich vergleichen Sie beide
mit so etwas wie einer «echten» Moral, und damit geben Sie zu, dass es so
etwas wie ein Recht, das unabhängig davon ist, wie die Leute denken,
wirklich gibt und dass die Vorstellungen mancher Leute diesem wirklichen
Recht näher kommen als andere.
Oder drücken wir es so aus: Wenn es möglich ist, dass Ihre
Moralvorstellungen wahrer und die der Nazis weniger wahr sind, dann
muss es etwas geben – so etwas wie eine «echte» Moral, an der sich ihr
Wahrheitsgehalt ermessen lässt. Der Grund, warum Ihre Vorstellung von
New York wahrer oder weniger wahr sein kann als meine, liegt darin, dass
New York ein wirklicher Ort ist, der ganz unabhängig davon existiert, wie
Sie oder ich darüber denken. Wenn wir beide «New York» sagten und jeder
von uns meinte damit nur «die Stadt, die ich mir in meinen Gedanken
vorstelle», wie könnte dann die Vorstellung des einen wahrer sein als die
des anderen? Die Frage, was wahr ist und was falsch, würde sich überhaupt
nicht stellen. Genauso ist es mit den Regeln des Anstands. Würden diese
nur das bedeuten, «was immer eine jede Nation gutheißt», so hätte es
keinen Sinn, jemals zu sagen, das, was eine Nation gutheißt, sei besser als
das, was eine andere gutheißt. Genauso wenig hätte es einen Sinn, zu sagen,
die Welt könnte sich jemals moralisch verbessern oder verschlimmern.
Ich komme also zu dem Schluss, dass man wegen der unterschiedlichen
Vorstellungen der Leute von anständigem Verhalten zwar vermuten könnte,
es gebe in Wirklichkeit gar kein natürliches Verhaltensgesetz. Doch die Art
und Weise, wie wir über diese Unterschiede denken, beweist tatsächlich
genau das Gegenteil.
Aber noch ein Wort, bevor ich schließe. Manchen Leuten, denen ich
begegne, erscheinen die Unterschiede übertrieben groß, weil sie nicht
zwischen moralischen Unterschieden und Unterschieden im Blick auf
Tatsachenüberzeugungen trennen. Ein Mann sagte zum Beispiel zu mir:
«Vor dreihundert Jahren wurden in England Hexen hingerichtet. Nennen Sie
so etwas das Gesetz der menschlichen Natur oder des richtigen
Verhaltens?» Aber der Grund, warum wir keine Hexen hinrichten, ist doch
einfach der, dass wir an so etwas nicht mehr glauben. Wenn wir daran
glaubten – wenn wir wirklich überzeugt wären, dass unter uns Leute
herumlaufen, die sich dem Teufel verschrieben und dafür übernatürliche
Kräfte von ihm bekommen haben, die sie nun benutzen, um ihre Nachbarn
umzubringen oder in den Wahnsinn zu treiben oder schlechtes Wetter
herbeizubeschwören –, dann wären wir uns doch wohl alle einig: Wenn
überhaupt jemand die Todesstrafe verdient hätte, dann diese abscheulichen
Verräter. Nicht ein moralisches Prinzip macht hier den Unterschied, sondern
unsere Sicht der Fakten. Es mag ein großer Wissensfortschritt sein, nicht an
Hexen zu glauben. Aber es hat nichts mit moralischem Fortschritt zu tun,
wenn man sie nicht hinrichtet, weil man sowieso nicht daran glaubt, dass es
sie gibt. Wenn einer auf Mausefallen verzichtet, nur weil er überzeugt ist,
sowieso keine Mäuse im Haus zu haben, macht ihn das ja auch nicht gleich
zum Tierfreund.
3. Die Wirklichkeit des Gesetzes
Zurück zu dem, was ich am Ende des ersten Kapitels sagte: Zwei Dinge
sind merkwürdig an den Menschen. Erstens werden sie heimgesucht von
der Vorstellung eines bestimmten Verhaltens, das sie praktizieren sollten
und das man als Fair Play, Anstand, Moral oder Naturrecht bezeichnen
könnte. Zweitens tun sie das aber de facto nicht.
Nun könnte sich der eine oder andere fragen, warum ich das merkwürdig
nenne. Vielleicht kommt es Ihnen ganz natürlich vor. Insbesondere finden
Sie möglicherweise, dass ich zu hart mit den Menschen ins Gericht gehe.
Schließlich, sagen Sie vielleicht, bedeutet diese Übertretung des Gesetzes
von Recht und Unrecht oder des Naturrechts, von der ich spreche, doch nur,
dass die Menschen nicht vollkommen sind. Und wieso sollte ich das
eigentlich von ihnen erwarten?
Das wäre eine gute Entgegnung, wenn es mir darum ginge, genau
festzustellen, wie viel Schuld uns daran trifft, dass wir uns nicht so
verhalten, wie wir es von anderen erwarten. Aber das ist überhaupt nicht
meine Aufgabe. Schuld interessiert mich im Moment überhaupt nicht; ich
versuche nur, Wahrheit herauszufinden. Und unter diesem Gesichtspunkt
hat die Vorstellung, dass etwas nicht vollkommen ist, dass es nicht so ist,
wie es sein sollte, bestimmte Konsequenzen.
Wenn Sie ein Ding betrachten, etwa einen Stein oder einen Baum, dann
ist es, was es ist. Es wäre sinnlos, zu sagen, dass es hätte anders sein sollen.
Sie können natürlich sagen, ein Stein habe «die falsche Form», wenn Sie
ihn für einen Steingarten verwenden wollen, oder ein Baum tauge nichts,
weil er Ihnen nicht so viel Schatten verschafft, wie Sie erwartet haben. Aber
das heißt ja nur, dass der Stein oder der Baum sich für einen bestimmten
Zweck, den Sie festgelegt haben, nicht eignen. Deswegen würden Sie ihnen
keinen Vorwurf machen, es sei denn zum Scherz. Sie wissen ja, dass der
Baum, so wie die Witterung und der Boden nun einmal waren, gar nicht
anders hätte sein können. Was wir aus unserer Sicht einen «schlechten»
Baum nennen, ist den Gesetzen seiner Natur ebenso gehorsam wie ein
«guter» Baum.
Haben Sie bemerkt, was daraus folgt? Daraus folgt, dass die
Naturgesetze, wie wir sie üblicherweise nennen – zum Beispiel die Art und
Weise, wie die Witterung auf den Wuchs eines Baumes wirkt –, im strengen
Sinne vielleicht gar keine Gesetze sind, sondern nur im übertragenen Sinn.
Denn wenn man sagt, dass herabfallende Steine immer dem Gesetz der
Schwerkraft gehorchen, besagt das doch eigentlich nur, dass das Gesetz
beschreibt, «was Steine immer tun», oder? Man glaubt ja nicht wirklich,
dass einem Stein, wenn er losgelassen wird, plötzlich einfällt, dass er nun
verpflichtet ist, zu Boden zu fallen. Sondern man meint damit nur, dass er
nun einmal herunterfällt. Mit anderen Worten, man weiß nicht genau, ob da
irgendetwas jenseits der Fakten selbst am Wirken ist, irgendein Gesetz, das
festlegt, was passieren sollte, oder ob es eben einfach so passiert. Die
Naturgesetze, die sich auf Steine oder Bäume beziehen, bedeuten
möglicherweise nichts anderes als «das, was die Natur nun einmal tut».
Doch wenn Sie sich nun das Gesetz der menschlichen Natur anschauen,
das Gesetz des anständigen Verhaltens, ist es dort anders. Dieses Gesetz
sagt jedenfalls nicht aus, «was Menschen nun einmal tun», denn wie schon
gesagt: Viele Menschen gehorchen diesem Gesetz eben nicht, und niemand
gehorcht ihm vollkommen. Das Gesetz der Schwerkraft sagt Ihnen, was
Steine tun, wenn man sie fallen lässt. Das Gesetz der menschlichen Natur
dagegen sagt Ihnen, was Menschen tun sollten, aber nicht tun.
Mit anderen Worten, sobald wir es mit Menschen zu tun haben, kommt
über die eigentlichen Fakten hinaus noch etwas anderes ins Spiel. Wir
haben einerseits die Fakten (wie die Menschen sich verhalten) und
andererseits noch etwas anderes (wie sie sich verhalten sollten). Im ganzen
übrigen Universum braucht es außer den Fakten nichts zu geben.
Elektronen und Moleküle verhalten sich auf eine bestimmte Art, und daraus
folgen bestimmte Resultate, und das ist vielleicht schon die ganze
Geschichte. 1 Menschen dagegen verhalten sich auf eine bestimmte Art, und
das ist nicht die ganze Geschichte, denn die ganze Zeit weiß man, dass sie
sich eigentlich anders verhalten sollten.
Dies ist nun so eigenartig, dass man versucht ist, es wegzuerklären. Wenn
gesagt wird, ein Mensch verhalte sich nicht so, wie er sollte, so könnten wir
zum Beispiel behaupten, dann gelte das auch nur in demselben Sinne wie
bei einem Stein, von dem wir sagen, er habe die falsche Form. Es besagt
also nur, dass das, was er tut, einem nicht in den Kram passt. Aber das
stimmt einfach nicht. Ein Mann, der im Zug auf dem besten Platz in der
Ecke sitzt, weil er zuerst dort war, passt mir genauso wenig in den Kram
wie einer, der einfach meine Tasche aus dem Weg geräumt und sich dort
hingesetzt hat, als ich gerade in eine andere Richtung schaute. Aber dem
zweiten Mann mache ich deswegen einen Vorwurf, dem ersten nicht. Ich
werde nicht wütend auf einen Menschen, der mir versehentlich ein Bein
stellt – außer vielleicht einen Moment lang im ersten Schrecken. Wütend
werde ich aber auf jemanden, der versucht, mir ein Bein zu stellen, und
zwar selbst dann, wenn es ihm nicht gelingt. Dabei hat der erste mir
Schmerz zugefügt, der zweite nicht.
Manchmal ist auch das Verhalten, das ich schlecht nenne, überhaupt nicht
unangenehm für mich, sondern ganz im Gegenteil. Im Krieg kann es sein,
dass jede Seite einen Verräter auf der anderen Seite äußerst nützlich findet.
Doch obwohl man sich seiner bedient und ihn sogar bezahlt, betrachtet man
ihn als menschlichen Abschaum. Man kann also nicht sagen, dass das, was
wir bei anderen anständiges Verhalten nennen, einfach nur das Verhalten
sei, das uns zugutekommt. Und was das anständige Verhalten bei uns selbst
angeht, so dürfte wohl ziemlich offensichtlich sein, dass darunter nicht
immer das Verhalten zu verstehen ist, das sich für uns auszahlt. Anstand
kann heißen, dass man sich mit dreißig Schilling zufriedengibt, obwohl man
auch drei Pfund bekommen könnte, dass man seine Schulaufgaben ehrlich
erledigt, wenn man auch ganz leicht schummeln könnte, dass man ein
Mädchen in Ruhe lässt, mit dem man gern schlafen würde, dass man in
einer Gefahr ausharrt, wenn man sich woanders in Sicherheit bringen
könnte, dass man Versprechen einhält, die man lieber nicht einhalten würde,
und dass man die Wahrheit sagt, obwohl man dadurch als Trottel dasteht.
Dem halten manche Leute entgegen, anständiges Verhalten sei zwar nicht
immer das, was sich für einen bestimmten Menschen in einer bestimmten
Situation auszahlt, aber doch das, was der Menschheit insgesamt
zugutekommt. Insofern sei überhaupt nichts Rätselhaftes daran. Schließlich
seien die Menschen mit einer gewissen Vernunft begabt. Sie sähen ein, dass
man nur in einer Gesellschaft, in der jeder fair spielt, wirklich sicher und
glücklich leben könne; und aufgrund dieser Einsicht versuchten sie, sich
anständig zu verhalten.
Nun ist es natürlich völlig richtig, dass Sicherheit und Glück nur daher
kommen können, dass Menschen, gesellschaftliche Gruppen und Völker
einander fair und freundlich behandeln. Das ist eine der wichtigsten
Wahrheiten auf dieser Welt. Doch als Erklärung für unser Empfinden von
Recht und Unrecht geht es einfach an der Sache vorbei. Wenn ich frage:
«Warum sollte ich selbstlos sein?», und Sie antworten mir: «Weil es gut für
die Gesellschaft ist», könnte ich als Nächstes fragen: «Warum sollte ich
mich darum scheren, was gut für die Gesellschaft ist, wenn es sich für mich
persönlich nicht auszahlt?» Worauf Sie mir antworten müssten: «Weil Sie
selbstlos sein sollten» – und damit wären wir wieder da, wo wir
hergekommen sind. Was Sie sagen, stimmt zwar, aber es bringt uns nicht
weiter.
Wenn jemand die Frage stellte, welchen Sinn es habe, Fußball zu spielen,
dann würde es nicht viel nützen, ihm zu sagen: «Um Tore zu schießen.»
Denn das Bemühen, Tore zu schießen, ist ja das Spiel selbst, nicht der
Grund für das Spiel. Im Grunde würde man damit also nur aussagen,
Fußball sei eben Fußball – was zwar stimmt, aber nicht der Erwähnung wert
ist. Genauso wenig nützt es einem Mann, der fragt, welchen Sinn es habe,
sich anständig zu verhalten, wenn man ihn auf das Wohl der Gesellschaft
verweist. Denn das Bemühen, der Gesellschaft zu nützen, mit anderen
Worten: selbstlos zu sein (denn die «Gesellschaft» sind ja schlicht und
einfach die «anderen Leute»), ist einer der Bestandteile anständigen
Verhaltens. Man hat also nicht mehr gesagt, als dass anständiges Verhalten
eben anständig sei. Insofern hätte man es auch gleich bei der Aussage
«Menschen sollten selbstlos sein» belassen können.
Und genau dabei belasse ich es auch. Menschen sollten selbstlos sein; sie
sollten fair sein. Nicht, dass sie selbstlos wären; nicht, dass es ihnen gefiele,
selbstlos zu sein; aber sie sollten es sein. Das Sittengesetz oder Gesetz der
menschlichen Natur ist nicht bloß ein Faktum des menschlichen Verhaltens,
wie das Gesetz der Schwerkraft (vielleicht) bloß ein Faktum des Verhaltens
schwerer Gegenstände ist. Andererseits ist es auch keine bloße Einbildung,
denn wir werden diese Vorstellung ja nicht los, und wenn wir sie loswürden,
würde sich das Meiste von dem, was wir über die Menschen sagen und
denken, in puren Unsinn auflösen. Und es ist auch nicht bloß eine Aussage
darüber, welches Verhalten wir uns zu unserem eigenen Vorteil von anderen
Menschen wünschen, denn das Verhalten, das wir schlecht oder unfair
nennen, entspricht nicht genau dem Verhalten, das uns nicht in den Kram
passt. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall.
Daraus folgt, dass diese Regeln über Recht und Unrecht, dieses Gesetz
der menschlichen Natur oder wie immer Sie es nennen wollen, in
irgendeinem Sinne etwas wirklich Vorhandenes sein muss – etwas, das es
wirklich gibt und das wir uns nicht nur ausgedacht haben. Und doch ist es
kein Faktum im gewöhnlichen Sinne, wie unser tatsächliches Verhalten ein
Faktum ist.
Allmählich sieht es so aus, als müssten wir zugeben, dass es nicht nur
eine Art von Wirklichkeit gibt. In diesem speziellen Fall gibt es offenbar
etwas jenseits der gewöhnlichen Fakten des menschlichen Verhaltens, was
dennoch ganz eindeutig wirklich ist – ein wirklich vorhandenes Gesetz, das
keiner von uns gemacht hat, durch das wir uns aber dennoch gebunden
fühlen.
1 Ich glaube nicht, dass es tatsächlich die ganze Geschichte ist, wie Sie
später noch sehen werden. Ich meine nur, dass es beim bisherigen Stand
der Argumentation so sein könnte.
4. Was steckt hinter dem Gesetz?
Fassen wir zusammen, wie weit wir bisher gekommen sind. Wenn wir im
Zusammenhang mit Steinen und Bäumen und dergleichen von
Naturgesetzen sprechen, ist das möglicherweise nur eine Redensart. Wenn
man also sagt, die Natur sei von gewissen Gesetzen beherrscht, bedeutet das
vielleicht nur, dass die Natur sich eben auf eine bestimmte Weise verhält.
Die sogenannten Gesetze sind möglicherweise gar nichts wirklich
Vorhandenes – also nichts, was jenseits der Fakten liegt, die wir
beobachten. Im Fall des Menschen dagegen haben wir gesehen, dass das
nicht reicht. Das Gesetz der menschlichen Natur oder von Recht und
Unrecht muss etwas sein, was verschieden und unabhängig davon ist, wie
der Mensch sich faktisch verhält. In diesem Fall haben wir also neben den
eigentlichen Fakten noch etwas anderes – ein wirklich vorhandenes Gesetz,
das wir nicht erfunden haben und dem wir uns zum Gehorsam verpflichtet
wissen.
Ich möchte nun darüber nachdenken, was uns das über das Universum
verrät, in dem wir leben. Seit die Menschen angefangen haben zu denken,
haben sie sich die Frage gestellt, was dieses Universum eigentlich ist und
wie es entstand. Und dazu gibt es, ganz grob gesagt, zwei verschiedene
Sichtweisen. Die erste ist die sogenannte materialistische Anschauung.
Leute, die diese Anschauung vertreten, sind der Meinung, dass Materie und
Raum nun einmal existieren und schon immer existiert haben. Warum, weiß
niemand. Und die Materie, die sich auf eine bestimmte, gleichförmige
Weise verhält, habe rein zufällig, sozusagen als Glückstreffer, Wesen wie
uns hervorgebracht, die in der Lage sind zu denken. Durch einen
unwahrscheinlichen Zufall traf irgendetwas auf unsere Sonne und brachte
sie dazu, die Planeten hervorzubringen. Und durch einen weiteren
unwahrscheinlichen Zufall kamen auf einem dieser Planeten die
chemischen Substanzen vor, die fürs Leben notwendig sind, und obendrein
hatte er auch noch genau die richtige Temperatur. So wurde etwas von der
Materie auf dieser Erde lebendig, und dann entwickelten sich in einer
endlos langen Kette von Zufällen diese Lebewesen zu Kreaturen wie uns.
Die andere Sichtweise ist die religiöse Anschauung (Siehe Anmerkung
am Ende des Kapitels). Ihr zufolge steckt hinter dem Universum eher so
etwas wie ein denkendes Wesen als irgendetwas anderes, was wir kennen.
Das heißt, es hat ein Bewusstsein und Absichten und zieht manche Dinge
anderen Dingen vor. Und nach dieser Anschauung erschuf dieses Wesen das
Universum, teils aus Gründen, die wir nicht kennen, aber zumindest
teilweise zu dem Zweck, Geschöpfe hervorzubringen, die so sind wie es
selbst – zumindest in dem Sinne, dass sie auch über die Gabe des Denkens
verfügen.
Bitte denken Sie jetzt nicht, eine dieser Anschauungen sei früher einmal
vertreten und dann allmählich von der anderen verdrängt worden. Wo
immer es denkende Menschen gab, sind beide Anschauungen zu finden.
Und auch Folgendes sollten Sie beachten: Welche dieser Anschauungen die
richtige ist, können Sie mithilfe der Wissenschaft im gewöhnlichen Sinne
nicht herausfinden. Wissenschaft arbeitet mit Experimenten. Sie beobachtet,
wie Dinge sich verhalten. Jede wissenschaftliche Aussage, wie kompliziert
sie auch aussehen mag, bedeutet letzten Endes in Wirklichkeit nichts als
zum Beispiel so etwas: «Am 15. Januar um 2.20 Uhr richtete ich das
Teleskop auf diesen und jenen Teil des Himmels und sah das und das»,
oder: «Ich habe etwas von diesem Zeug in einen Topf getan und auf diese
und jene Temperatur erhitzt, und dann passierte das und das.» Denken Sie
nicht, ich hätte etwas gegen die Wissenschaft; ich sage nur, worin ihre
Aufgabe besteht. Und je wissenschaftlicher ein Mensch denkt, desto eher
(glaube ich) wird er mir zustimmen, dass dies die Aufgabe der Wissenschaft
ist – und es ist ja auch eine sehr nützliche und notwendige Aufgabe.
Aber warum überhaupt etwas existiert und ob hinter den Dingen, die die
Wissenschaft beobachtet, noch etwas anderes steckt – etwas von ganz
anderer Art –, das ist keine wissenschaftliche Frage. Wenn es «etwas
dahinter» gibt, dann wird es entweder den Menschen völlig unbekannt
bleiben oder sich auf irgendeine andere Weise zu erkennen geben müssen.
Die Wissenschaft kann die Existenz eines solchen Etwas weder bejahen
noch verneinen. Und die meisten echten Wissenschaftler machen solche
Aussagen auch nicht. Meist tun das nur die Journalisten oder die
Romanautoren, die hier und da einen Krümel unausgegorener Wissenschaft
aus einem Lehrbuch aufgeschnappt haben. Im Grunde ist es ja nur eine
Frage des gesunden Menschenverstandes. Nehmen wir an, die Wissenschaft
würde sich irgendwann einmal so vervollkommnen, dass sie über alle
Einzelheiten im gesamten Universum Bescheid wüsste. Ist denn nicht
offensichtlich, dass auch dann die Fragen «Warum gibt es ein Universum?»,
«Warum besteht es immer noch?», «Hat es einen Sinn?» nach wie vor
ebenso ungelöst wären wie heute?
Die Lage wäre also ziemlich aussichtslos, abgesehen von Folgendem. Es
gibt eine und nur eine Sache im ganzen Universum, über die wir mehr
wissen, als wir durch Beobachtung von außen erfahren könnten. Diese eine
Sache ist der Mensch. Denn wir beobachten Menschen nicht nur, wir sind
Menschen. In diesem Fall verfügen wir also sozusagen über
Insiderinformationen. Wir sind eingeweiht. Und deshalb wissen wir, dass
Menschen einem Sittengesetz unterliegen, das sie nicht selbst geschaffen
haben, das sie nie ganz vergessen können, selbst wenn sie es versuchen, und
von dem sie wissen, dass sie ihm gehorchen sollten.
Und jetzt kommt ein wichtiger Punkt: Jemand, der den Menschen von
außen studierte, so wie wir Elektrizität oder Kohlköpfe studieren, ohne
unsere Sprache zu kennen, und somit außerstande wäre, irgendwelche
Insiderinformationen von uns zu bekommen, sondern nur beobachten
könnte, was wir tun, würde nie einen Hinweis darauf finden, dass wir dieses
Sittengesetz haben. Wie könnte er auch? Seine Beobachtungen zeigen ihm
ja nur, was wir tun, während das Sittengesetz beschreibt, was wir tun
sollten. Wenn im Falle der Steine oder des Wetters irgendetwas anderes
hinter den beobachteten Fakten steckte, könnten wir ja auch niemals hoffen,
dieses Etwas zu entdecken, indem wir sie von außen studieren.
Die Frage stellt sich also folgendermaßen dar: Wir wollen wissen, ob das
Universum einfach ohne Grund so ist, wie es ist, oder ob dahinter eine
Macht steht, die es zu dem macht, was es ist. Da diese Macht, wenn es sie
gibt, nicht etwa eines der beobachteten Fakten ist, sondern eine andere
Wirklichkeit, die diese Fakten überhaupt erst hervorbringt, können wir ihr
durch bloße Beobachtung der Fakten nicht auf die Spur kommen. Es gibt
nur einen Fall, bei dem wir wissen können, ob noch mehr dahintersteckt,
nämlich unseren eigenen Fall. Und in diesem einen Fall stellen wir fest,
dass tatsächlich noch mehr dahintersteckt.
Oder drücken wir es andersherum aus. Wenn es eine steuernde Macht
außerhalb des Universums gibt, kann sie sich uns nicht als eines der Fakten
innerhalb des Universums zeigen – genauso wenig, wie der Architekt eines
Hauses selbst eine Wand, eine Treppe oder ein Kamin in diesem Haus sein
könnte. Wenn wir auf irgendeine Weise damit rechnen können, dass es sich
bemerkbar macht, dann nur in unserem Innern, als ein Einfluss oder ein
Gebot, die uns zu einem bestimmten Verhalten veranlassen wollen. Und
genau das finden wir in uns vor. Sollte uns das nicht hellhörig werden
lassen? In dem einzigen Fall, wo man damit rechnen kann, eine Antwort zu
bekommen, lautet die Antwort: «Ja.» Und in den anderen Fällen, in denen
man keine Antwort bekommt, sieht man ein, warum das so ist.
Angenommen, ich sehe einen Mann in einer blauen Uniform die Straße
entlanggehen und in jedem Haus kleine Papierumschläge abgeben, und
jemand fragt mich, warum ich annehme, dass es sich dabei um Briefe
handelt. Meine Antwort wäre: «Weil ich immer dann, wenn er bei mir so
einen Umschlag abgibt, einen Brief darin vorfinde.» Und wenn der
Fragesteller mir dann entgegnete: «Aber diese ganzen Briefe, von denen Sie
glauben, dass die anderen Leute sie bekommen, haben Sie doch nie
gesehen, oder?», so würde ich sagen: «Natürlich nicht. Das wäre auch nicht
zu erwarten, denn sie sind ja nicht an mich adressiert. Ich erkläre mir die
Umschläge, die ich nicht öffnen darf, anhand derer, die ich öffnen darf.»
Genauso ist es mit unserer Frage. Der einzige Umschlag, den ich öffnen
darf, ist der Mensch. Wenn ich das aber tue, und besonders wenn ich dieses
spezielle Exemplar aufmache, das «Ich» heißt, dann stelle ich fest, dass ich
nicht von allein existiere, dass ich einem Gesetz unterliege. Irgendjemand
oder irgendetwas will, dass ich mich auf eine bestimmte Weise verhalte. Ich
glaube natürlich nicht, dass ich genau dasselbe vorfinden würde, wenn ich
mich in einen Stein oder einen Baum hineinversetzen könnte. Ich glaube ja
auch nicht, dass alle anderen Leute in meiner Straße dieselben Briefe
bekommen wie ich. Erwarten würde ich zum Beispiel, dass der Stein dem
Gesetz der Schwerkraft gehorchen muss. Mich fordert der Absender der
Briefe lediglich auf, dem Gesetz meiner menschlichen Natur zu gehorchen.
Der Stein kann gar nicht anders; er muss den Gesetzen seiner steinernen
Natur gehorsam sein. In beiden Fällen jedoch würde ich erwarten, dass es
sozusagen einen Absender der Briefe gibt, eine Macht hinter den Fakten,
einen Lenker, einen Leiter.
Nicht, dass Sie jetzt denken, ich wäre schon weiter vorangeschritten, als
es wirklich der Fall ist. Von dem Gott der christlichen Theologie bin ich
noch meilenweit entfernt. Was ich bisher habe, ist nur ein Etwas, das das
Universum lenkt und das sich in mir als ein Gesetz bemerkbar macht, das
mich dazu drängt, das Richtige zu tun, und dafür sorgt, dass ich mich
schuldig und unbehaglich fühle, wenn ich Unrecht tue. Ich glaube, wir
müssen davon ausgehen, dass dieses Etwas mehr Ähnlichkeit mit einem
denkenden Wesen hat als mit irgendetwas anderem, was wir kennen – denn
schließlich kennen wir außer dem nur die Materie, und es ist kaum
vorstellbar, dass ein Stück Materie uns Anweisungen geben sollte. Aber
diese Ähnlichkeit mit einem denkenden Wesen oder gar einer Person muss
natürlich nicht unbedingt besonders groß sein. Im nächsten Kapitel wollen
wir schauen, ob wir mehr darüber herausbekommen können. Aber seien Sie
gewarnt. In den letzten hundert Jahren ist über Gott eine Menge
sentimentales Gewäsch geredet worden. Damit kann ich nicht dienen. Das
können Sie alles vergessen.
A NMERKUNG: Damit dieser Abschnitt für die Rundfunksendungen nicht zu
lang wurde, habe ich nur die materialistische und die religiöse Sichtweise
erwähnt. Der Vollständigkeit halber jedoch sollte ich auch eine dazwischen
angesiedelte Anschauung nennen, die als Lebenskraftphilosophie oder auch
als schöpferische, aufstrebende Evolution bekannt ist. Am geistreichsten
dargestellt ist sie in den Werken von George Bernard Shaw, am
tiefgründigsten dagegen in denen von Bergson. Die Vertreter dieser
Auffassung sagen, die kleinen Variationen, durch die sich das Leben auf
diesem Planeten von den niedrigsten Formen hin zum Menschen
entwickelte, seien nicht auf Zufälle zurückzuführen, sondern auf das
«Streben» oder die «Absichtlichkeit» einer Lebenskraft.
Wenn jemand das sagt, ergibt sich die Frage, ob er mit Lebenskraft ein
denkendes Wesen meint oder nicht. Wenn ja, dann wäre «ein denkendes
Wesen, das das Leben ins Dasein ruft und es zur Vollkommenheit führt», ja
nichts anderes als ein Gott, und somit wäre ihre Anschauung identisch mit
der religiösen Sicht. Wenn aber nicht, in welchem Sinne könnte man dann
sagen, dass etwas, das nicht denkt, nach etwas «strebt» oder «Absichten»
hat? Mir scheint, dies macht dieser Sichtweise den Garaus.
Ein Grund, warum viele Leute den Gedanken einer schöpferischen
Evolution so attraktiv finden, liegt darin, dass diese Annahme uns viel von
dem emotionalen Trost eines Gottesglaubens verschafft, die weniger
angenehmen Konsequenzen aber erspart. Wenn man gesund ist und die
Sonne scheint und man keine Lust hat, zu glauben, das ganze Universum
sei nur ein rein mechanischer Tanz der Atome, dann ist es doch eine schöne
Vorstellung, wie diese große, geheimnisvolle Kraft sich durch die
Jahrhunderte wälzt und man selbst auf ihrem Wellenkamm dahingetragen
wird. Hat man dagegen vor, sich schäbig zu benehmen, dann kann einem
die Lebenskraft, die ja nur eine blinde Kraft ohne Moral und ohne Verstand
ist, keinen Strich durch die Rechnung machen wie dieser lästige Gott, von
dem wir als Kinder gehört haben. Die Lebenskraft ist so etwas wie ein
gezähmter Gott. Man kann sie einschalten, wenn man will, aber sie wird
einem nicht zur Last fallen. Herzerwärmend wie der religiöse Glaube, aber
zum Nulltarif. Ob die Lebenskraft vielleicht die größte Leistung des
Wunschdenkens ist, die die Welt je gesehen hat?
5. Wir haben Grund zur Beunruhigung
Mein letztes Kapitel habe ich mit dem Gedanken beendet, dass im
Sittengesetz tatsächlich irgendjemand oder irgendetwas von außerhalb des
materiellen Universums zu uns durchdringt. Und ich schätze, einige von
Ihnen haben eine gewisse Verärgerung empfunden, als ich zu diesem Punkt
kam. Vielleicht dachten Sie sogar, ich hätte Sie hereingelegt – ich hätte das,
was ich sagen will, sorgfältig verpackt, so dass es aussieht wie Philosophie,
und jetzt sei es doch wieder nur «frommes Geschwafel». Vielleicht dachten
Sie, Sie hätten mir ja gerne zugehört, solange es so aussah, als hätte ich
etwas Neues zu sagen. Aber wenn es jetzt doch wieder nur um Religion
geht – nun ja, das ist ja nun genügend ausprobiert worden, und man kann
die Uhr nun einmal nicht zurückdrehen. Sollte jemand so denken, möchte
ich ihm gerne drei Dinge sagen.
Erstens, was das Zurückdrehen der Uhr angeht. Würden Sie denken, ich
mache Witze, wenn ich Ihnen sage, dass man eine Uhr natürlich
zurückdrehen kann und dass das, wenn die Uhr falsch geht, oft sogar
ausgesprochen vernünftig ist? Aber ich würde gern von dieser Sache mit
den Uhren wegkommen. Wir alle wünschen uns Fortschritt. Aber
Fortschritt heißt doch, dass wir dem Ort näher kommen, den wir erreichen
wollen. Und wenn man falsch abgebogen ist, kommt man diesem Ort
gerade nicht näher, wenn man weiter vorwärtsgeht. Wenn man auf der
falschen Straße ist, heißt Fortschritt, eine Kehrtwende zu machen und
zurück zur richtigen Straße zu gehen. In so einem Fall ist der
Fortschrittlichste der, der als Erster umkehrt. In der Mathematik haben wir
das alle schon erlebt. Wenn ich eine Berechnung falsch angefangen habe,
komme ich umso schneller weiter, je eher ich es zugebe und wieder von
vorn anfange. Es ist nichts Fortschrittliches daran, wenn man auf stur
schaltet und einen Fehler nicht zugibt. Und ich glaube, wenn man sich den
gegenwärtigen Zustand der Welt anschaut, ist nicht zu übersehen, dass die
Menschheit irgendeinen großen Fehler gemacht hat. Wir sind auf der
falschen Straße. Und wenn das so ist, müssen wir zurück. Zurückgehen ist
der schnellste Weg, um weiterzukommen.
Zweitens hat sich das hier noch nicht gerade in «frommes Geschwafel»
verwandelt. Wir sind noch nicht einmal bei dem Gott irgendeiner
bestehenden Religion, geschweige denn bei dem Gott dieser speziellen
Religion namens Christentum. Bisher sind wir erst so weit, dass
irgendjemand oder irgendetwas hinter dem Sittengesetz steckt. Wir ziehen
nicht die Bibel oder die Kirchen herbei, sondern wir schauen, was wir auf
eigene Faust über diesen Jemand herausfinden können. Und ich möchte
ganz deutlich machen, dass das, was wir auf eigene Faust herausfinden, uns
einen Schock versetzen wird.
Wir haben zwei Dinge, die uns etwas über diesen Jemand verraten. Das
eine ist das Universum, das er geschaffen hat. Wäre das unser einziger
Hinweis, so müssten wir, glaube ich, zu dem Schluss kommen, dass er ein
großer Künstler sei (denn das Universum ist atemberaubend schön), aber
auch, dass er ziemlich erbarmungslos und kein Freund der Menschen sei
(denn das Universum ist äußerst gefährlich und erschreckend).
Der zweite Hinweis ist das Sittengesetz, das er in unser Denken
hineingelegt hat. Dieses Beweisstück verrät uns noch mehr als das andere,
weil es eine Insiderinformation ist. Durch das Sittengesetz können Sie mehr
über Gott herausfinden als durch das Universum im Allgemeinen, genauso,
wie Sie über einen Menschen mehr herausfinden, indem Sie zuhören, was
er sagt, als indem Sie sich ein Haus anschauen, das er gebaut hat.
Aus diesem zweiten Beweisstück schließen wir, dass das Wesen hinter
dem Universum großen Wert auf richtiges Verhalten legt – auf Fair Play,
Selbstlosigkeit, Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.
In diesem Sinne sollten wir der Aussage des Christentums und einiger
anderer Religionen zustimmen, die Gott als «gut» bezeichnen. Aber wir
sollten hier nichts übereilen. Das Sittengesetz gibt uns keinerlei Anlass,
Gott für «gut» zu halten in dem Sinne, dass er nachgiebig oder weichherzig
oder mitfühlend wäre. Mit Nachgiebigkeit hat das Sittengesetz nichts zu
tun. Es ist hart wie Stein. Es befiehlt einem, das Richtige zu tun, und
scheint sich nicht darum zu scheren, wie schmerzhaft oder gefährlich oder
schwierig das ist. Wenn Gott wie das Sittengesetz ist, dann ist er nicht
weichherzig.
An diesem Punkt hat es auch keinen Sinn, zu sagen, dass man mit einem
«guten» Gott einen Gott meint, der vergeben kann. Das wäre voreilig.
Vergeben kann nur eine Person. Und bei einem persönlichen Gott sind wir
noch nicht – wir sind erst bei einer Macht, die hinter dem Sittengesetz
steckt und mehr Ähnlichkeit mit einem denkenden Wesen hat als mit
irgendetwas anderem. Von einer Person könnte sie sich immer noch
erheblich unterscheiden. Falls es sich um eine reine, unpersönliche
Intelligenz handelt, hat es vielleicht gar keinen Sinn, sie um Nachsicht zu
bitten, genauso wenig, wie es Sinn hätte, das Einmaleins um Nachsicht zu
bitten, wenn man sich verrechnet hat. Das Ergebnis ist und bleibt nun
einmal falsch. Und es nützt auch nichts, zu sagen, dass Sie einen Gott von
dieser Art, wenn es ihn denn gibt – ein unpersönliches absolutes Gutes –,
nicht leiden können und sich nicht um ihn scheren werden. Denn das
Problem ist ja, dass ein Teil von Ihnen auf seiner Seite steht und ihm
zustimmt, wenn er menschliche Habgier und Betrügerei und Ausbeutung
missbilligt. Sie mögen sich wünschen, dass er in Ihrem Fall eine Ausnahme
macht und es Ihnen dieses eine Mal durchgehen lässt; aber tief im Innern
wissen Sie doch, dass die Macht, die hinter der Welt steckt, nur dann gut
sein kann, wenn sie solches Verhalten wirklich und unabänderlich
verabscheut.
Auf der anderen Seite wissen wir, dass das absolute Gute, wenn es
existiert, das Meiste von dem, was wir tun, hassen muss. Das ist die
furchtbare Klemme, in der wir stecken. Wenn das Universum nicht von
einem absoluten Guten beherrscht wird, dann sind all unsere Bemühungen
letzten Endes aussichtslos. Ist das aber doch der Fall, dann machen wir uns
dieses Gute Tag für Tag zum Feind, und es spricht überhaupt nichts dafür,
dass das ab morgen besser wird. Und wieder ist unsere Lage aussichtslos.
Wir können nicht ohne es leben, und mit ihm können wir auch nicht leben.
Gott ist der einzige Trost, aber er ist auch der höchste Schrecken. Er ist das,
was wir am dringendsten brauchen, und zugleich das, wovor wir uns am
liebsten verstecken würden. Er ist unser einziger möglicher Verbündeter,
und wir haben uns ihm zu Feinden gemacht. Manche Leute reden so, als
wäre es ein Spaß, dem Blick des absoluten Guten zu begegnen. Das sollten
sie sich noch einmal überlegen. Bisher betreiben sie Religion nur als Spiel.
Das Gute ist entweder die große Geborgenheit oder die große Gefahr – je
nachdem, wie Sie darauf reagieren. Und wir haben alle falsch darauf
reagiert.
Und nun zu meinem dritten Punkt. Als ich mich entschied, mich auf
diesem Umweg meinem eigentlichen Thema anzunähern, wollte ich Sie
damit nicht hereinlegen. Der Grund war ein anderer, nämlich der, dass das
Christentum schlicht keinen Sinn ergibt, solange man sich nicht mit den
Tatsachen, die ich geschildert habe, auseinandergesetzt hat. Das
Christentum fordert Menschen zur Umkehr auf und verspricht ihnen
Vergebung. Insofern hat es (soviel ich weiß) Leuten, die gar nicht wissen,
dass sie etwas getan haben, wovon sie umkehren müssten, und die nicht das
Gefühl haben, Vergebung zu brauchen, nichts zu sagen. Erst wenn man sich
klargemacht hat, dass es wirklich ein Sittengesetz gibt und dass hinter
diesem Gesetz eine Macht steht, dass man dieses Gesetz übertreten und sich
dadurch mit dieser Macht angelegt hat – erst dann, und keinen Moment
vorher, fängt das Christentum an, einem etwas zu sagen. Wenn man weiß,
dass man krank ist, hört man auf den Arzt. Wenn Sie erkannt haben, dass
wir in einer nahezu verzweifelten Situation sind, fangen Sie an zu
verstehen, wovon die Christen überhaupt reden. Sie bieten eine Erklärung
dafür an, wie wir in unseren gegenwärtigen Zustand gekommen sind, in
dem wir das Gute zugleich hassen und lieben. Sie bieten eine Erklärung
dafür an, wie Gott diese unpersönliche Intelligenz hinter dem Sittengesetz
und dennoch zugleich auch eine Person sein kann. Sie berichten davon, wie
die Forderungen des Gesetzes, die Sie und ich nicht erfüllen können, für
uns erfüllt worden sind, wie Gott selbst Mensch wird, um den Menschen
vor der Missbilligung Gottes zu bewahren.
Es ist eine alte Geschichte, und wenn Sie sich näher damit beschäftigen
wollen, werden Sie zweifellos berufenere Leute als mich dazu befragen. Ich
will nur die Leute auffordern, sich den Tatsachen zu stellen – die Fragen zu
verstehen, auf die das Christentum Antworten geben will. Und diese
Tatsachen können einem einen gewaltigen Schrecken einjagen. Ich
wünschte, ich könnte Ihnen Angenehmeres sagen. Aber ich kann nur das
sagen, was ich für wahr halte.
Natürlich bin auch ich der Ansicht, dass der christliche Glaube letzten
Endes ein unaussprechlicher Trost ist. Aber er fängt nicht mit dem Trost an.
Am Anfang steht die Bestürzung, die ich beschrieben habe. Und es hat
überhaupt keinen Sinn, sich gleich den Trost holen zu wollen, ehe man
nicht zuerst die Bestürzung durchgemacht hat. In der Religion ist es wie im
Krieg und anderswo: Trost ist das Einzige, was man nicht bekommen kann,
indem man danach sucht. Wenn man nach der Wahrheit sucht, findet man
vielleicht am Ende auch Trost. Sucht man dagegen nach Trost, so bekommt
man weder Trost noch Wahrheit, sondern am Anfang nur sentimentales
Gewäsch und Wunschdenken und am Ende Verzweiflung. Die Meisten von
uns haben das Wunschdenken der Vorkriegszeit hinsichtlich der
internationalen Politik überwunden. Es wird Zeit, dass wir das hinsichtlich
der Religion auch tun.
Zweites Buch
Was Christen glauben
1. Rivalisierende Vorstellungen von Gott
Ich bin gebeten worden, Ihnen zu sagen, was Christen glauben, und ich
beginne damit, Ihnen eine Sache zu nennen, die Christen nicht glauben
müssen. Als Christ braucht man nicht zu glauben, dass alle anderen
Religionen einfach durch und durch falsch sind. Als Atheist muss man
glauben, dass die Hauptaussage aller Religionen auf der ganzen Welt ein
einziger riesiger Irrtum ist. Als Christ hat man die Freiheit, all diesen
Religionen, auch den merkwürdigsten, zumindest ein Körnchen Wahrheit
zuzubilligen. Als ich noch Atheist war, musste ich immer versuchen, mir
einzureden, der größte Teil der Menschheit habe sich in der Frage, die ihr
am wichtigsten war, immerzu geirrt. Als ich dann Christ wurde, konnte ich
dazu eine aufgeschlossenere Haltung einnehmen.
Aber natürlich bedeutet Christsein auch, dass man überzeugt ist, dass da,
wo sich der christliche Glaube von anderen Religionen unterscheidet, das
Christentum richtig ist und die anderen falsch sind. Es ist wie in der
Mathematik – zu einer Rechenaufgabe gibt es nur eine richtige Antwort,
und alle anderen Antworten sind falsch. Freilich liegen manche der falschen
Antworten erheblich näher bei der richtigen als andere.
Die erste große Trennlinie unterteilt die Menschheit in die Mehrzahl, die
an irgendeinen Gott oder an mehrere Götter glaubt, und die Minderheit, die
das nicht tut. In dieser Hinsicht steht das Christentum auf der Seite der
Mehrheit – auf der Seite der alten Griechen und Römer, der Naturvölker,
der Stoiker, Platoniker, Hindus, Muslime usw. – den modernen
westeuropäischen Materialisten gegenüber.
Nun zur zweiten großen Trennlinie. All die Leute, die an Gott glauben,
lassen sich danach unterscheiden, an was für einen Gott sie glauben. Zu
dieser Frage gibt es zwei ganz unterschiedliche Ansichten.
Der einen Ansicht zufolge steht Gott jenseits von Gut und Böse. Wir
Menschen nennen eine Sache gut und eine andere schlecht. Nach der
Meinung mancher Menschen ist das aber nur unsere menschliche
Sichtweise. Diese Leute würden sagen, je weiser man werde, desto weniger
neige man dazu, irgendetwas gut oder schlecht zu nennen, und desto klarer
sehe man, dass alles auf eine Weise gut und auf eine andere schlecht ist und
dass überhaupt nichts hätte anders kommen können. Infolgedessen glauben
solche Leute, dass sich jede derartige Unterscheidung längst in nichts
aufgelöst habe, ehe man auch nur in die Nähe einer göttlichen Sichtweise
komme. Wir nennen ein Krebsgeschwür schlecht, würden sie sagen, weil es
einen Menschen umbringt; aber genauso gut könne man einen erfolgreichen
Chirurgen schlecht nennen, weil er ein Krebsgeschwür umbringt. Es sei
alles eine Frage der Perspektive.
Die andere, entgegengesetzte Vorstellung lautet, Gott sei ganz eindeutig
«gut» oder «gerecht». Gott ergreift Partei, er liebt die Liebe und hasst den
Hass. Er will, dass wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten und nicht
auf eine andere.
Die erste dieser Sichtweisen – diejenige, für die Gott jenseits von Gut
und Böse steht – wird Pantheismus genannt. Der große preußische
Philosoph Hegel vertrat diese Ansicht, und soweit ich sie verstehe, tun das
auch die Hindus. Die andere Sichtweise wird von Juden, Muslimen und
Christen vertreten.
Und mit diesem großen Unterschied zwischen dem Pantheismus und der
christlichen Vorstellung von Gott geht meist noch ein anderer einher. Die
meisten Pantheisten glauben, Gott beseele sozusagen das Universum, so
wie Sie Ihren Körper beseelen. Das Universum sei geradezu identisch mit
Gott, und wenn es nicht existierte, würde auch er nicht existieren. Alles,
was man im Universum vorfindet, sei ein Teil von Gott.
Die Christen haben eine vollkommen andere Vorstellung. Sie glauben,
dass Gott das Universum erfunden und erschaffen hat – wie jemand, der ein
Bild malt oder eine Melodie komponiert. Ein Maler ist kein Bild, und er
stirbt auch nicht, wenn sein Bild zerstört wird. Man kann zwar sagen: «Er
hat eine Menge von sich selbst hineingelegt», aber damit meint man nur,
dass die ganze Schönheit und Faszination des Bildes seinem Kopf
entsprungen sind. Sein Talent wohnt nicht dem Bild inne, so wie es in
seinem Kopf oder auch in seinen Händen wohnt.
Sie ahnen vermutlich schon, wie dieser Unterschied zwischen
Pantheisten und Christen mit dem anderen zusammenhängt. Wenn man den
Unterschied zwischen Gut und Böse nicht sonderlich ernst nimmt, lässt sich
leicht sagen, dass alles, was man in dieser Welt vorfindet, ein Teil von Gott
sei. Ist man dagegen davon überzeugt, dass manche Dinge wirklich schlecht
sind und dass Gott wirklich gut ist, dann kann man so etwas nicht sagen.
Dann muss man glauben, dass Gott unabhängig von der Welt ist und dass
manche Dinge, die wir darin sehen, gegen seinen Willen verstoßen.
Angesichts eines Krebsgeschwürs oder eines Elendsviertels kann ein
Pantheist sagen: «Wenn du das nur aus der göttlichen Perspektive sehen
könntest, würdest du erkennen, dass auch dies Gott ist.» Worauf der Christ
erwidert: «Quatsch nicht so einen verdammten Blödsinn.» 2
Denn das Christentum ist ein streitbarer Glaube. Es ist davon überzeugt,
dass Gott die Welt erschaffen hat – dass Raum und Zeit, Hitze und Kälte
und alle Farben und Geschmacksempfindungen, alle Tiere und Pflanzen
Dinge sind, die Gott «sich ausgedacht» hat, wie ein Mensch sich eine
Geschichte ausdenkt. Aber es ist ebenso überzeugt davon, dass mit der
Welt, die Gott gemacht hat, eine Menge schiefgegangen ist und dass Gott
darauf besteht, und zwar lautstark darauf besteht, dass wir sie wieder in
Ordnung bringen.
Und das wirft natürlich eine große Frage auf. Wenn ein guter Gott die
Welt erschaffen hat, warum ist dann etwas damit schiefgegangen? Viele
Jahre lang habe ich mich schlicht geweigert, mir die christlichen Antworten
auf diese Frage auch nur anzuhören, weil ich immer der Meinung war:
«Egal, was ihr sagt, und egal, was für clevere Argumente ihr heranzieht,
wäre es nicht viel einfacher und leichter, zu sagen, dass die Welt eben nicht
von einer intelligenten Macht geschaffen wurde? Sind eure Argumente
nicht einfach nur ein komplizierter Versuch, dem Offensichtlichen
auszuweichen?» Aber das brachte mich dann wiederum in eine andere
Schwierigkeit.
Mein Argument gegen Gott lautete, das Universum sei doch offenbar so
grausam und ungerecht. Aber woher nahm ich eigentlich diese Vorstellung
von gerecht und ungerecht ? Man nennt ja schließlich keine Linie krumm,
wenn man nicht eine Vorstellung von einer geraden Linie hat. Womit
verglich ich eigentlich das Universum, wenn ich es ungerecht nannte? Wenn
das ganze Theater sozusagen von A bis Z schlecht und sinnlos war, wie
kam ich, der ich doch Teil des Theaters war, dazu, so heftig dagegen
aufzubegehren? Ein Mensch fühlt sich nass, wenn er ins Wasser fällt, weil
ein Mensch nun einmal kein Wassertier ist. Ein Fisch fühlt sich nicht nass.
Natürlich hätte ich meine Vorstellung von Gerechtigkeit einfach aufgeben
und sagen können, sie sei nur eine private Idee von mir gewesen. Aber
wenn ich das tat, fiel auch mein Argument gegen Gott in sich zusammen –
denn das Argument hing ja davon ab, dass ich sagte, die Welt sei wirklich
ungerecht, und nicht nur, dass sie mir nicht in den Kram passte. So sah ich
mich also genau in dem Moment, in dem ich zu beweisen versuchte, dass
Gott nicht existiere – mit anderen Worten, dass die ganze Wirklichkeit
sinnlos sei –, gezwungen, einzuräumen, dass ein Teil der Wirklichkeit –
nämlich meine Vorstellung von Gerechtigkeit – durchaus Sinn hatte.
Insofern erweist sich der Atheismus als zu simpel. Wenn das ganze
Universum keinen Sinn hätte, so hätten wir nie dahinterkommen dürfen,
dass es keinen Sinn hat. Wir wüssten ja auch nicht, dass es dunkel ist, wenn
es im Universum kein Licht und deshalb auch keine Lebewesen mit Augen
gäbe. Dunkel wäre ein Wort ohne Bedeutung.
2 Ein Zuhörer beschwerte sich, das Wort verdammt sei ein leichtfertiger
Fluch. Aber ich meine damit genau das, was ich sage – einen Blödsinn,
der unter Gottes Fluch verdammt ist und (ohne Gottes Gnade) diejenigen,
die daran glauben, in den ewigen Tod führen wird.
2. Die Invasion
Nun gut, der Atheismus ist also zu simpel. Und ich nenne Ihnen gleich noch
eine andere Anschauung, die ebenfalls zu simpel ist. Ich nenne diese
Anschauung «Christentumschorle». Sie besagt schlicht und einfach, es gebe
einen guten Gott im Himmel und damit sei alles in bester Ordnung. All die
schwierigen und erschreckenden Lehren von der Sünde und der Hölle und
vom Teufel und das Erlösungswerk lässt sie aus. Diese beiden Philosophien
sind Kinderkram.
Es hat keinen Sinn, sich eine einfache Religion zu wünschen. In der
Wirklichkeit sind die Dinge nun einmal nicht einfach. Sie sehen einfach
aus, aber sie sind es nicht. Der Tisch, an dem ich sitze, sieht ganz einfach
aus. Aber fragen Sie mal einen Wissenschaftler, woraus er in Wirklichkeit
besteht – wie die Atome zusammengesetzt sind und wie die Lichtwellen
davon zurückgeworfen werden und auf meine Augen treffen, was dann in
meinem Sehnerv passiert und dann in meinem Gehirn. Sie merken schon:
Das, was wir «einen Tisch sehen» nennen, bringt uns mitten hinein in lauter
Mysterien und Komplikationen, die wir kaum durchschauen können.
Wenn ein Kind ein Kindergebet spricht, sieht das ganz einfach aus. Und
wenn Sie es dabei belassen wollen, schön und gut. Aber wenn nicht – und
die moderne Welt gibt sich meist nicht damit zufrieden –, wenn Sie der
Frage auf den Grund gehen wollen, was da in Wirklichkeit passiert, dann
müssen Sie sich darauf gefasst machen, dass es schwierig wird. Wenn wir
mehr wollen als das Einfache, dann wäre es dumm von uns, uns hinterher
zu beschweren, dass dieses Mehr nicht einfach ist.
Sehr häufig jedoch wird diese Dummheit von Leuten begangen, die gar
nicht dumm sind, sondern bewusst oder unbewusst das Christentum
bekämpfen wollen. Solche Leute stellen eine Version des christlichen
Glaubens hin, die einem sechsjährigen Kind entspricht, und machen diese
dann zum Ziel ihrer Attacke. Versucht man, ihnen die christliche Lehre so
zu erklären, wie Erwachsene, die darin unterwiesen wurden, sie wirklich
vertreten, so beschweren sie sich, davon würde einem ja schwindelig, das
sei alles viel zu kompliziert, und wenn es wirklich einen Gott gäbe, dann
hätte er ganz bestimmt «eine einfache Religion gemacht», weil Einfachheit
doch so schön sei usw. Vor solchen Leuten sollte man auf der Hut sein,
denn sie ändern von Minute zu Minute ihren Standpunkt und stehlen einem
nur die Zeit. Man beachte auch ihre Vorstellung, Gott müsse «eine einfache
Religion machen» – als wäre «Religion» etwas, das Gott sich ausgedacht
hat, und nicht seine Aussage über gewisse unverrückbare Tatsachen
hinsichtlich seines eigenen Wesens.
Nach meiner Erfahrung ist die Wirklichkeit nicht nur kompliziert,
sondern meistens auch merkwürdig. Sie ist nicht wohlgeordnet, nicht
offensichtlich, nicht das, was man erwartet. Wenn man zum Beispiel
begriffen hat, dass die Erde und die anderen Planeten die Sonne umkreisen,
würde man zunächst einmal erwarten, dass die Planeten so beschaffen
wären, dass sie zueinanderpassen. Zum Beispiel, dass sie alle den gleichen
Abstand zueinander haben oder dass der Abstand gleichmäßig zunimmt
oder dass sie alle gleich groß sind oder aber größer oder kleiner werden, je
weiter sie von der Sonne entfernt sind. In Wirklichkeit jedoch findet man
überhaupt keine Regelmäßigkeiten (die wir erkennen könnten), weder bei
ihrer Größe noch bei ihrem Abstand voneinander. Manche von ihnen haben
einen Mond, einer hat vier, einer hat zwei, einige haben gar keinen, und
einer hat einen Ring.
Meist ist die Wirklichkeit so, dass man von selbst nie darauf kommen
würde. Das ist einer der Gründe, warum ich an das Christentum glaube. Es
ist eine Religion, auf die man von selbst nie kommen würde. Wenn es uns
die Welt so schildern würde, wie wir es immer erwartet haben, dann hätte
ich den Verdacht, wir hätten es uns nur ausgedacht. Doch tatsächlich ist es
ganz anders, als man es sich je ausdenken könnte. Ihm ist genau dieselbe
schräge Merkwürdigkeit eigen wie allem, was wirklich ist. Lassen wir also
all diese Kindergartenphilosophien hinter uns – diese allzu simplen
Antworten. Das Problem ist nicht simpel, und die Antwort wird es auch
nicht sein.
Was ist das Problem? Ein Universum, das vieles enthält, was
offensichtlich schlecht und scheinbar sinnlos ist, in dem aber auch Wesen
wie wir leben, die es als schlecht und sinnlos erkennen können. Es gibt nur
zwei Anschauungen, die alle Fakten berücksichtigen. Die eine ist die
christliche Anschauung, wonach dies eine gute Welt ist, die verdorben
wurde, in der aber immer noch die Erinnerung daran lebt, wie sie hätte sein
sollen. Die andere Anschauung ist der sogenannte Dualismus.
Dualismus bezeichnet den Glauben, es gebe zwei gleichrangige und
unabhängige Mächte hinter allen Dingen. Eine davon sei gut, die andere
böse. Dieses Universum sei das Schlachtfeld, auf dem sie einen endlosen
Krieg austragen. Ich persönlich bin der Ansicht, dass der Dualismus neben
dem Christentum der mannhafteste und vernünftigste Glaube auf dem
Markt ist. Aber er hat einen Haken.
Die beiden Mächte oder Geister oder Götter nämlich – die gute und die
böse Macht – sollen völlig unabhängig voneinander sein. Beide existieren
seit Ewigkeit her. Keine hat die andere erschaffen, keine hat ein höheres
Recht als die andere, sich Gott zu nennen. Vermutlich hält jede sich selbst
für gut und die andere für böse. Die eine liebt Hass und Gewalt, die andere
liebt Liebe und Barmherzigkeit, und jede tritt für ihre Sicht der Dinge ein.
Aber was heißt das eigentlich, wenn wir die eine Macht gut und die
andere böse nennen? Entweder meinen wir damit lediglich, dass uns die
eine einfach lieber ist als die andere – so, wie uns vielleicht Bier lieber ist
als Apfelwein –, oder wir behaupten, ganz unabhängig davon, wie die
beiden Mächte darüber denken und was wir Menschen im Moment gerade
bevorzugen, sei eine von beiden tatsächlich im Irrtum, wenn sie sich selbst
als gut betrachtet. Wenn wir aber bloß meinen, dass uns die erste lieber ist,
dann sollten wir aufhören, überhaupt von Gut und Böse zu reden. Denn das
Gute ist ja das, was wir vorziehen sollten, egal, worauf wir im Moment
gerade Lust haben. Wenn «Gutsein» nicht mehr bedeutete, als uns auf die
Seite zu schlagen, die uns nun einmal besser gefällt, ohne wirklichen
Grund, dann verdiente das Gute nicht, gut genannt zu werden. Also müssen
wir wohl die Ansicht vertreten, eine der beiden Mächte sei tatsächlich im
Unrecht und die andere tatsächlich im Recht.
Aber sobald man das sagt, bringt man neben den beiden Mächten einen
dritten Faktor ins Universum hinein: nämlich ein Gesetz oder einen
Maßstab des Guten, dem eine der beiden Mächte entspricht, die andere
nicht. Da aber die beiden Mächte nach diesem Maßstab beurteilt werden,
muss also dieser Maßstab oder das Wesen, das ihn aufgestellt hat, noch
weiter hinter oder über den Dingen stehen als diese beiden. Das wäre dann
der wahre Gott. Und wenn wir die beiden Mächte gut und böse nennen, so
zeigt sich nun, bedeutet das, dass eine von ihnen in der richtigen Beziehung
zu diesem wahren, höchsten Gott steht, die andere in einer falschen.
Dasselbe lässt sich auch auf andere Weise sagen. Wenn der Dualismus
wahr ist, dann muss die böse Macht ein Wesen sein, das das Böse um seiner
selbst willen liebt. In der Wirklichkeit jedoch kennen wir niemanden, der
das Böse liebt, nur weil es böse ist. Am nächsten daran wären wir vielleicht
bei der Grausamkeit. Doch im wirklichen Leben steckt hinter der
Grausamkeit von Menschen immer einer von zwei Gründen: Entweder sind
sie Sadisten, das heißt, sie haben eine sexuelle Perversion, die dazu führt,
dass Grausamkeit ihnen sexuelle Befriedigung verschafft; oder sie verhalten
sich grausam, weil sie sich irgendetwas davon versprechen – Geld, Macht
oder Sicherheit. Doch Befriedigung, Geld, Macht und Sicherheit sind ja
zunächst einmal durchaus gute Dinge. Böse werden sie erst dadurch, dass
man sie mit den falschen Mitteln, auf die falsche Art oder in unmäßiger
Weise erstrebt.
Damit will ich keineswegs sagen, dass Leute, die Grausamkeiten
begehen, nicht abgrundtief böse wären. Was ich sagen will, ist, dass die
Bosheit, wenn man sie näher betrachtet, sich als ein Streben nach etwas
Gutem auf die falsche Art und Weise entpuppt. Man kann nur um des Guten
willen gut sein; aber nur um des Bösen willen böse sein kann man nicht.
Man kann sich freundlich verhalten, wenn einem gar nicht nach
Freundlichkeit zumute ist und es einem keine Befriedigung verschafft,
einfach nur, weil Freundlichkeit richtig ist. Aber niemand hat je etwas
Grausames getan, nur weil Grausamkeit falsch ist – sondern nur, weil die
Grausamkeit ihm Vergnügen oder Nutzen verschaffte.
Mit anderen Worten, das Böse schafft es nicht einmal, auf dieselbe Weise
böse zu sein, wie das Gute gut ist. Das Gute ist sozusagen es selbst; das
Böse ist nur etwas Gutes, das verdorben ist. Und es muss ja erst einmal
etwas Gutes da sein, bevor es verderben kann. Wir nennen den Sadismus
eine sexuelle Perversion, aber erst einmal muss man ja eine Vorstellung von
normaler Sexualität haben, bevor man sagen kann, dass sie pervertiert
wurde. Und man kann sehen, welches die Perversion ist, weil man das
Pervertierte vom Normalen her erklären kann. Hingegen kann man das
Normale vom Pervertierten her nicht erklären.
Daraus folgt, dass diese böse Macht, die angeblich auf derselben Stufe
steht wie die gute Macht und das Böse auf dieselbe Weise liebt wie die gute
Macht das Gute, ein reines Schreckgespenst ist. Um böse zu sein, muss sie
etwas Gutes wollen und es dann auf die falsche Art zu erlangen versuchen.
Sie muss Triebe haben, die ursprünglich gut waren, um sie dann
pervertieren zu können. Wenn sie aber böse ist, kann sie aus sich selbst
heraus nichts Gutes wollen, und sie hat in sich selbst keine guten Triebe, die
sie pervertieren könnte. Beides muss sie erst von der guten Macht
bekommen. Und wenn das so ist, dann ist sie eben nicht unabhängig. Sie ist
Teil der Welt der guten Macht: Entweder wurde sie von der guten Macht
geschaffen oder von einer anderen Macht, die über beiden steht.
Sagen wir es noch einfacher. Um böse zu sein, muss sie existieren und
über Intelligenz und Willen verfügen. Aber Existenz, Intelligenz und Wille
sind an sich etwas Gutes. Sie muss sie also von der guten Macht bekommen
haben: Nicht einmal böse kann sie sein, ohne bei ihrer Gegnerin Anleihen
zu machen oder sie zu bestehlen. Wird Ihnen jetzt klarer, wieso im
Christentum der Teufel immer ein gefallener Engel genannt wird? Das ist
nicht nur eine Kindergeschichte. Darin spiegelt sich die Tatsache wider,
dass das Böse keine eigenständige Sache ist, sondern ein Parasit. Die
Kräfte, mit denen das Böse wirkt, sind Kräfte, die ihm vom Guten verliehen
wurden. All die Dinge, die einen bösen Menschen fähig machen,
wirkungsvoll Böses zu tun, sind an und für sich gut – Entschlossenheit,
Schlauheit, gutes Aussehen, bis hin zu seiner Existenz selbst. Deshalb kann
der Dualismus im strengen Sinne nicht funktionieren.
Ich gebe allerdings offen zu, dass das echte Christentum (im Gegensatz
zur Christentumschorle) viel näher beim Dualismus liegt, als die meisten
Leute denken. Eines der Dinge, die mich überraschten, als ich zum ersten
Mal ernsthaft das Neue Testament las, war, dass darin so viel von einer
dunklen Macht im Universum die Rede war – einem mächtigen bösen
Geist, der als die Macht hinter Tod, Krankheit und Sünde galt. Der
Unterschied ist, dass nach christlicher Auffassung diese dunkle Macht von
Gott geschaffen wurde und bei ihrer Erschaffung ursprünglich gut war,
dann aber auf Abwege geriet. Das Christentum ist sich also mit dem
Dualismus einig, dass dieses Universum sich im Kriegszustand befindet.
Aber es ist nicht der Meinung, dass dies ein Krieg zwischen unabhängigen
Mächten ist. Aus christlicher Sicht ist es eher so etwas wie ein Bürgerkrieg,
eine Rebellion, und wir leben in einem Teil des Universums, der von den
Rebellen besetzt ist.
Vom Feind besetztes Land – das ist diese Welt. Das Christentum berichtet
davon, wie der rechtmäßige König gelandet ist, in Tarnung, könnte man
sagen, und wie er uns alle aufruft, uns an einem großen Sabotagefeldzug zu
beteiligen. Man geht im Grunde in die Kirche, um dort die geheimen
Funksprüche unserer Freunde abzuhören. Deshalb ist der Feind so erpicht
darauf, uns von dort fernzuhalten. Das tut er, indem er uns bei unserem
Dünkel, unserer Denkfaulheit und unserem intellektuellen Snobismus packt.
Mir ist klar, dass so manchem jetzt die Frage auf der Zunge liegt:
«Wollen Sie allen Ernstes in unserer heutigen Zeit unseren alten Freund,
den Teufel, wieder einführen – mit Hufen und Hörnern und allem Drum und
Dran?» Nun, was unsere heutige Zeit damit zu tun hat, weiß ich nicht. Und
auf die Hufe und Hörner lege ich nicht allzu viel Wert. Ansonsten aber
lautet meine Antwort: «Ja, das will ich.» Ich behaupte nicht, zu wissen, wie
er aussieht. Falls jemand ihn besser kennen lernen möchte, kann ich dem
Betreffenden nur sagen: «Keine Sorge, wenn Sie das wirklich wollen, dann
wird es Ihnen auch gelingen. Ob es Ihnen gefallen wird, wenn es so weit ist,
ist eine andere Frage.»
3. Die erschreckende Alternative
Christen glauben also, dass eine böse Macht sich fürs Erste zum Fürsten
dieser Welt erhoben hat. Und das wirft natürlich Probleme auf. Entspricht
dieser Zustand dem Willen Gottes oder nicht? Wenn ja, dann ist das ein
ziemlich seltsamer Gott, werden Sie sagen. Wenn nicht, wie kann es sein,
dass etwas gegen den Willen eines Wesens mit absoluter Macht geschieht?
Freilich weiß jeder, der schon einmal Autorität innehatte, dass manche
Dinge in einer Hinsicht unserem Willen entsprechen, in anderer Hinsicht
aber nicht. Es könnte zum Beispiel durchaus vernünftig sein, wenn eine
Mutter zu den Kindern sagt: «Ich zwinge euch nicht jeden Abend dazu, euer
Zimmer aufzuräumen. Ihr müsst lernen, es von euch aus in Ordnung zu
halten.» Dann geht sie eines Abends nach oben und findet den Teddybär,
die Tinte und die Französischgrammatik im Kamin. Das entspricht nicht
ihrem Willen. Es wäre ihr lieber, wenn die Kinder Ordnung halten würden.
Andererseits aber war es ja ihr Wille, den Kindern die Freiheit zur
Unordnung zu lassen. Dasselbe Dilemma findet sich in jedem Regiment,
jeder Gewerkschaft und jeder Schule. Sie überlassen eine Sache der
Freiwilligkeit, und die Hälfte der Leute tut sie nicht. Das ist nicht das, was
Sie wollten, aber Ihr Wille hat es möglich gemacht.
Im Universum ist es wahrscheinlich genauso. Gott erschuf Wesen mit
einem freien Willen. Geschöpfe also, die entweder das Richtige oder das
Falsche tun können. Manche Leute meinen, sie könnten sich ein Wesen
vorstellen, das frei ist, aber nicht die Möglichkeit hat, etwas Falsches zu
tun. Ich kann das nicht. Wenn ein Wesen die Freiheit hat, gut zu sein, dann
hat es auch die Freiheit, böse zu sein. Und erst durch den freien Willen wird
das Böse möglich.
Aber warum hat Gott seinen Geschöpfen dann einen freien Willen
gegeben? Weil der freie Wille zwar das Böse möglich macht, aber zugleich
auch das Einzige ist, wodurch eine Liebe oder Güte oder Freude möglich
werden, die diese Namen verdienen. Es würde sich kaum lohnen, eine Welt
voller Automaten zu erschaffen – voller Wesen, die funktionieren wie
Maschinen. Das Glück, das Gott seinen höheren Geschöpfen zugedacht hat,
besteht darin, aus freien Stücken mit ihm und miteinander in einem Rausch
der Liebe und Freude vereint zu sein, neben dem selbst die
leidenschaftlichste Liebe zwischen einem Mann und einer Frau auf dieser
Erde wie kalter Kaffee wirkt. Und dazu müssen sie frei sein.
Natürlich wusste Gott, was passieren würde, wenn seine Geschöpfe ihre
Freiheit missbrauchten. Aber anscheinend fand er, das Risiko lohne sich.
Vielleicht tendieren wir dazu, darin anderer Meinung zu sein. Aber es gibt
eine Schwierigkeit dabei, anderer Meinung zu sein als Gott. Unsere
Fähigkeit, vernünftig zu denken, kommt ja von ihm. Insofern kann es
genauso wenig sein, dass Sie recht haben und er unrecht, wie es sein kann,
dass ein Bach höher steigt als seine eigene Quelle. Wenn Sie ihm also
widersprechen, dann argumentieren Sie gegen die Macht, die Sie überhaupt
erst zum Argumentieren fähig macht. Sie sägen gewissermaßen an dem Ast,
auf dem Sie sitzen.
Wenn Gott findet, es lohne sich, diesen Kriegszustand im Universum für
den freien Willen in Kauf zu nehmen – also für die Erschaffung einer
lebendigen Welt, in der seine Geschöpfe wirklich Gutes und Schlechtes
bewirken und in der Dinge passieren können, die wirklich Bedeutung
haben, statt einer Spielzeugwelt, die sich nur bewegt, wenn er an den Fäden
zieht –, dann können wir davon ausgehen, dass der Preis nicht zu hoch ist.
Sobald wir das mit dem freien Willen verstanden haben, sehen wir, wie
dumm es ist, die Frage zu stellen, die mir jemand einmal gestellt hat:
«Warum hat Gott ein Wesen aus so schlechtem Holz geschnitzt, dass es den
falschen Weg einschlug?» Je besser das Holz ist, aus dem ein Wesen
geschnitzt ist – je klüger und stärker und freier es ist –, desto besser wird es
sein, wenn es den richtigen Weg geht, aber desto schlimmer wird es auch
sein, wenn es den falschen einschlägt. Eine Kuh kann nicht besonders gut
oder besonders böse sein; ein Hund kann schon sowohl besser als auch
böser sein; ein Kind noch besser und noch böser. Ein erwachsener Mensch
noch mehr; ein Genie noch mehr. Am besten – oder schlimmsten – von
allen kann ein übermenschlicher Geist sein.
Wie kam es, dass die dunkle Macht den falschen Weg einschlug? Dies ist
nun zweifellos eine Frage, auf die Menschen keine auch nur annähernd
zuverlässige Antwort geben können. Eine vernünftige (und althergebrachte)
Vermutung lässt sich freilich anstellen, gestützt auf unsere eigenen
Erfahrungen, wenn wir falsche Wege gehen. Sobald man ein Ich hat, besteht
die Möglichkeit, dieses Ich an die erste Stelle zu setzen. Das heißt, man
selbst will der Mittelpunkt aller Dinge sein – man will im Grunde selbst
Gott sein. Das war die Sünde Satans, und das war die Sünde, die er den
Menschen beibrachte.
Manche Leute denken, der Sündenfall des Menschen hätte etwas mit Sex
zu tun, aber das ist ein Irrtum. (Die Geschichte im Buch Genesis lässt eher
darauf schließen, dass der Sündenfall eine gewisse Verderbtheit unserer
sexuellen Natur nach sich zog. Sie war also seine Folge, nicht seine
Ursache.) Satan setzte unseren Urahnen den Gedanken in den Kopf, sie
könnten «sein wie die Götter». Sie könnten sich unabhängig machen, als
hätten sie sich selbst erschaffen, könnten ihre eigenen Herren sein und
abseits, losgelöst von Gott, eine Art Lebensglück für sich selbst erfinden.
Und aus diesem aussichtslosen Streben ist alles entstanden, was wir die
Menschheitsgeschichte nennen: Geld, Armut, Ehrgeiz, Krieg, Prostitution,
Klassengesellschaft, Imperien, Sklaverei – die ganze lange, schreckliche
Geschichte des Menschen auf der Suche nach irgendetwas außer Gott, was
ihn glücklich machen soll.
Dass dies niemals gelingen kann, hat seinen Grund. Gott hat uns
erschaffen, hat uns erfunden, wie ein Mensch eine Maschine erfindet. Ein
Auto ist so gebaut, dass es Benzin braucht; mit etwas anderem würde es
nicht vernünftig laufen. Nun hat Gott die menschliche Maschine so
konstruiert, dass sie mit ihm läuft. Er selbst ist der Kraftstoff, den unser
Geist verbrennen soll, oder die Speise, von der unser Geist sich nähren soll.
Eine andere gibt es nicht. Deshalb hat es überhaupt keinen Sinn, Gott zu
bitten, uns doch auf unsere eigene Weise glücklich zu machen, ohne dass
wir uns mit dem Glauben abgeben müssen. Gott kann uns kein Glück und
keinen Frieden schenken, die von ihm unabhängig wären, denn so etwas
gibt es einfach nicht.
Das ist der Schlüssel zur Menschheitsgeschichte. Es wird unendlich viel
Energie aufgewendet. Zivilisationen werden aufgebaut. Hervorragende
Einrichtungen werden geschaffen. Aber immer geht irgendetwas schief.
Irgendein verheerender Fehler führt immer dazu, dass selbstsüchtige,
grausame Menschen an die Spitze kommen und alles wieder in Elend und
Untergang endet. Der Motor streikt einfach. Zuerst springt er gut an, man
fährt ein paar Meter, und dann stirbt er ab. Die Menschen versuchen, mit
dem falschen Kraftstoff zu fahren. Das hat Satan in uns Menschen
angerichtet.
Und was tat Gott dagegen? Zunächst einmal gab er uns das Gewissen,
das Gespür für Recht und Unrecht. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die
sich (zum Teil sehr angestrengt) bemühten, ihrem Gewissen zu gehorchen.
Ganz gelungen ist es keinem von ihnen. Zweitens schickte er den Menschen
gute Träume, wie ich es gerne nenne. Damit meine ich jene merkwürdigen
Geschichten, die sich verstreut in allen heidnischen Religionen finden:
Geschichten von einem Gott, der stirbt und wieder ins Leben zurückkehrt
und der durch seinen Tod irgendwie den Menschen neues Leben geschenkt
hat. Drittens suchte er sich ein bestimmtes Volk aus und verbrachte mehrere
Jahrhunderte damit, diesen Leuten einzuhämmern, was für ein Gott er ist –
dass es nur einen von seiner Sorte gibt und dass es ihm wichtig ist, dass wir
uns richtig verhalten. Dieses Volk waren die Juden, und das Alte Testament
schildert im Detail, wie ihnen diese Wahrheiten eingehämmert wurden.
Und dann kommt der eigentliche Schocker. Unter diesen Juden taucht
plötzlich ein Mann auf, der so redet, als wäre er selbst Gott. Er behauptet,
Sünden vergeben zu können. Er sagt von sich, er habe schon immer gelebt.
Er sagt, er werde am Ende der Zeit kommen, um die Welt zu richten.
Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Unter Pantheisten, in
Indien zum Beispiel, könnte jeder sagen, er sei ein Teil von Gott oder eins
mit Gott. Daran wäre überhaupt nichts Merkwürdiges. Dieser Mann aber
war ja ein Jude, und deshalb konnte es nicht sein, dass er einen Gott in
diesem Sinne meinte. In seiner Sprache bezeichnete «Gott» das Wesen
außerhalb der Welt, das die Welt geschaffen hatte und von allem anderen
unendlich verschieden war. Und wenn man sich das bewusst macht, sieht
man, dass das, was dieser Mann von sich behauptete, schlichtweg die
schockierendste Äußerung war, die je von den Lippen eines Menschen kam.
Ein Teilaspekt dieser Behauptung fällt uns gar nicht groß auf, weil wir
ihn schon so oft gehört haben, dass wir gar nicht mehr wahrnehmen, was
sich dahinter verbirgt. Ich meine die Behauptung, Sünden – jedwede Sünde
– vergeben zu können. Wenn der, der das sagt, nicht wirklich Gott ist, ist
das eigentlich so absurd, dass es schon wieder komisch ist. Uns allen ist
klar, dass ein Mensch Unrecht vergeben kann, das gegen ihn selbst
begangen wurde. Sie treten mir auf den Fuß, und ich vergebe Ihnen; Sie
klauen mir mein Geld, und ich vergebe Ihnen. Aber was sollen wir uns
dabei denken, wenn ein Mensch, der selbst überhaupt nicht ausgeraubt
wurde und dem niemand auf die Zehen gestiegen ist, sich hinstellt und
verkündet, er vergebe Ihnen, dass Sie einem anderen auf die Füße getreten
sind und das Geld anderer Leute gestohlen haben? Für so ein Verhalten
wäre eselsdumme Albernheit noch die freundlichste Beschreibung.
Doch genau das tat Jesus. Er sagte den Leuten, ihre Sünden seien
vergeben, und dabei fragte er nie die anderen Leute, die durch diese Sünden
zweifellos geschädigt wurden, ob sie damit einverstanden wären. Er
benahm sich ohne Scheu so, als wäre er derjenige, der in erster Linie davon
betroffen war, der Hauptgeschädigte aller Vergehen. Einen Sinn ergibt das
nur, wenn er tatsächlich der Gott war, dessen Gesetze durch jede Sünde
gebrochen und dessen Liebe durch jede Sünde verletzt wird. Wäre es ein
bloßer Mensch, nicht Gott, der das sagte, so läge in diesen Worten ein
Anspruch, den ich nur als beispiellosen Größenwahn bezeichnen könnte.
Doch (und das ist das Merkwürdige und Bedeutsame) selbst seine Feinde
gewinnen, wenn sie die Evangelien lesen, meist nicht den Eindruck, er wäre
dämlich und dünkelhaft gewesen. Bei unvoreingenommenen Lesern ist das
noch weniger der Fall. Christus sagt, er sei «sanftmütig und von Herzen
demütig», und wir nehmen es ihm ab. Dabei merken wir gar nicht, dass
Demut und Sanftmut, wäre er nur ein Mensch, wohl kaum zu den
Merkmalen gehörten, die wir manchen seiner Äußerungen zuschreiben
könnten.
Ich versuche hier, jedermann vor dem groben Unfug zu bewahren, der oft
über Jesus geäußert wird: «Für mich ist Jesus zweifellos ein großer
Morallehrer, aber seinen Anspruch, Gott zu sein, kann ich nicht
akzeptieren.» Gerade das können wir nämlich nicht sagen. Ein Mensch, der
bloß ein Mensch wäre und solche Dinge von sich gäbe wie Jesus, wäre kein
großer Morallehrer. Er wäre entweder ein Irrer – auf derselben Ebene wie
einer, der sich für ein pochiertes Ei hält –, oder aber er wäre der Teufel in
Person.
Sie müssen sich entscheiden. Entweder war und ist dieser Mann
tatsächlich der Sohn Gottes, oder er war ein Spinner oder noch
Schlimmeres. Sie können ihn ins Irrenhaus sperren, Sie können ihn
anspucken und totschlagen wie einen Dämon; oder Sie können ihm zu
Füßen fallen und ihn Herr und Gott nennen. Aber sparen wir uns bitte
diesen herablassenden Blödsinn, er sei ein großer Lehrer der Menschheit
gewesen. Diese Möglichkeit hat er uns nicht offengelassen. Das war auch
nicht seine Absicht.
4. Der vollkommene Büßer
Wir stehen also vor einer erschreckenden Alternative. Entweder war (und
ist) dieser Mann, von dem wir reden, genau das, was er zu sein behauptete,
oder aber er war ein Spinner oder noch Schlimmeres. Nun erscheint es mir
offensichtlich, dass er weder ein Spinner noch ein Monster war.
Infolgedessen muss ich, so seltsam oder erschreckend oder
unwahrscheinlich es mir auch vorkommt, die Sichtweise akzeptieren, dass
er Gott war und ist. Gott ist in menschlicher Gestalt in diese feindlich
besetzte Welt gekommen.
Aber was ist der Zweck des Ganzen? Wozu ist er gekommen? Nun, unter
anderem natürlich, um zu lehren. Sobald man jedoch das Neue Testament
oder irgendeine andere christliche Schrift aufschlägt, stellt man fest, dass
darin ständig von etwas anderem die Rede ist – nämlich von seinem Tod
und seiner Rückkehr ins Leben. Offenbar sehen die Christen darin den Kern
der Geschichte. Sie glauben, der Zweck seines Kommens sei es in erster
Linie gewesen, zu leiden und sich töten zu lassen.
Bevor ich selbst Christ wurde, stand ich unter dem Eindruck, Christen
müssten zuerst einmal an eine ganz bestimmte Theorie über den Sinn seines
Sterbens glauben. Dieser Theorie zufolge wollte Gott die Menschen dafür
bestrafen, dass sie sich von ihm abgekehrt und dem großen Rebellen
angeschlossen hatten. Doch weil Christus sich freiwillig an unserer Stelle
bestrafen ließ, ließ Gott uns ungeschoren.
Ich gebe zu, heute erscheint mir auch diese Theorie nicht mehr ganz so
unmoralisch und dumm wie früher. Aber darum geht es mir jetzt nicht. Was
mir später deutlich wurde, war, dass weder diese Theorie noch irgendeine
andere das Christentum ist. Die zentrale christliche Überzeugung ist, dass
der Tod Christi uns irgendwie mit Gott ins Reine gebracht und uns einen
Neuanfang verschafft hat. Die Theorien darüber, wie das zuging, sind eine
andere Sache. Es sind eine ganze Menge verschiedener Theorien darüber
geäußert worden, wie das funktioniert. Einig sind sich alle Christen nur
darüber, dass es funktioniert.
Jeder vernünftige Mensch weiß, dass eine ordentliche Mahlzeit einem
guttut, wenn man müde und hungrig ist. Die moderne Ernährungstheorie
mit all ihren Vitaminen und Proteinen ist eine andere Sache. Die Leute
haben gegessen und sich dadurch besser gefühlt, lange bevor irgendjemand
von Vitaminen auch nur gehört hatte. Und sollte die Vitamintheorie
irgendwann einmal aufgegeben werden, so werden sie dennoch fröhlich
weiteressen.
Theorien über den Tod Christi sind nicht das Christentum. Sie sind
lediglich Erklärungen dafür, wie es funktioniert. Nicht alle Christen sind
sich darin einig, wie wichtig diese Theorien sind. Meine eigene
anglikanische Kirche legt sich nicht darauf fest, welche von ihnen die
richtige ist. Die römisch-katholische Kirche geht ein Stück weiter. Aber ich
glaube, alle würden darin übereinstimmen, dass die Sache selbst unendlich
viel wichtiger ist als alle Erklärungen, die sich die Theologen dazu haben
einfallen lassen. Vermutlich würden sie einräumen, dass keine dieser
Erklärungen je die Wirklichkeit ganz und gar erfassen wird. Aber ich bin,
wie ich schon im Vorwort dieses Buches sagte, nur ein Laie, und wir
bewegen uns hier auf schwierigem Terrain. Ich kann Ihnen nur sagen, wie
ich persönlich die Dinge betrachte.
Meiner Ansicht nach sind die Theorien selbst nicht das, was wir zu
glauben aufgefordert sind. Sicher haben viele von Ihnen Bücher von
Physikern wie Jeans oder Eddington gelesen. Wenn diese Leute uns so
etwas wie das Atom erklären wollen, dann liefern sie uns eine
Beschreibung, mit deren Hilfe wir uns ein anschauliches Bild machen
können. Aber dann warnen sie uns sogleich, dieses Bild sei nicht das, was
die Wissenschaftler tatsächlich glauben. Was die Wissenschaftler glauben,
ist eine mathematische Formel. Die Bilder sind nur da, damit wir die
Formel verstehen können. Sie sind nicht wirklich wahr in dem Sinne, wie es
die Formel ist. Sie liefern uns nicht den wirklichen Sachverhalt, sondern
etwas, das diesem mehr oder weniger ähnlich ist. Sie sollen uns lediglich
helfen, und wem sie keine Hilfe sind, der kann sie beiseitelassen. Der
Sachverhalt selbst kann nicht bildlich dargestellt, sondern nur mathematisch
ausgedrückt werden.
In demselben Boot sitzen auch wir. Wir glauben daran, dass der Tod
Christi genau der Punkt in der Menschheitsgeschichte ist, an dem etwas
absolut Unvorstellbares von außen her in unserer eigenen Welt in
Erscheinung tritt. Und wenn wir uns nicht einmal die Atome vorstellen
können, aus denen unsere Welt besteht, dann können wir uns einen
derartigen Vorgang schon gar nicht vorstellen. Ja, wenn wir den Eindruck
hätten, dass uns das alles völlig klar sei, dann würde sich allein darin schon
zeigen, dass Christus nicht das wäre, was er zu sein vorgibt – das
Unvorstellbare, das Unerschaffene, das Wesen von außerhalb der Natur, das
in die Natur hineinfährt wie ein Blitz.
Vielleicht fragen Sie, was uns das Ganze denn nützen soll, wenn wir es
nicht einmal verstehen können. Aber das lässt sich leicht beantworten. Man
kann ja auch essen, ohne zu verstehen, wie genau die Speise den
Organismus nährt. Genauso kann man auch annehmen, was Christus getan
hat, ohne zu wissen, wie es funktioniert. Im Grunde kann man sowieso
nicht wissen, wie es funktioniert, ehe man es nicht angenommen hat.
Uns ist gesagt, dass Christus sich für uns töten ließ, dass sein Tod unsere
Sünden abgewaschen hat und dass er durch sein Sterben den Tod selbst
entmachtet hat. Das ist die Formel. Das ist das Christentum. Das ist zu
glauben. Die Theorien, die wir darüber aufstellen, wie der Tod Christi all
das bewirkt habe, sind meiner Ansicht nach völlig zweitrangig. Es sind
bloße Skizzen oder Diagramme. Wenn sie uns keine Hilfe sind, können wir
sie beiseitelassen. Und selbst wenn sie uns eine Hilfe sind, dürfen wir sie
nicht mit der Sache selbst verwechseln. Trotzdem lohnt es sich, einen Blick
auf einige dieser Theorien zu werfen.
Am bekanntesten dürfte diejenige sein, die ich bereits erwähnt habe –
die, nach der wir ungeschoren blieben, weil Christus freiwillig an unserer
Stelle unsere Strafe auf sich genommen hat. Auf den ersten Blick ist das
eine ziemlich ungereimte Theorie. Wenn Gott bereit war, uns ungeschoren
zu lassen, warum in aller Welt hat er es dann nicht einfach getan? Und was
für einen Sinn könnte es haben, stattdessen einen Unschuldigen zu
bestrafen? Gar keinen, soweit ich erkennen kann, solange man an eine
Strafe im kriminalgerichtlichen Sinn denkt. Denkt man dagegen an
Schulden, dann hat es durchaus einen Sinn, wenn eine begüterte Person
diese Schulden für einen anderen, der mittellos ist, bezahlt. Oder wenn man
«die Strafe bezahlen» nicht im Sinn einer Bestrafung, sondern im
allgemeineren Sinn von «die Konsequenzen tragen» oder «die Rechnung
begleichen» auffasst. Dann entspricht es natürlich durchaus der allgemeinen
Erfahrung, dass jemand, der in die Klemme geraten ist, meistens von einem
hilfreichen Freund wieder herausgepaukt werden muss.
Was war das nun für eine «Klemme», in die der Mensch sich gebracht
hatte? Er hatte versucht, sich unabhängig zu machen und so zu tun, als
gehörte er ausschließlich sich selbst. Mit anderen Worten, der in Sünde
gefallene Mensch ist nicht einfach nur ein unvollkommenes Wesen, das der
Besserung bedarf. Er ist ein Rebell, der seine Waffen niederlegen muss. Die
Waffen niederlegen, sich ergeben, um Verzeihung bitten, erkennen, dass
man auf der falschen Spur war, und bereit sein, noch einmal ganz von vorn
anzufangen – das ist der einzige Weg aus unserer «Klemme». Dieser
Vorgang der Ergebung – diese Bewegung mit voller Kraft zurück – ist das,
was Christen «Buße» nennen.
Nun macht Buße überhaupt keinen Spaß. Buße tun ist viel schwerer, als
einfach nur ein zerknirschtes Gesicht zu ziehen. Es bedeutet, uns all den
Eigendünkel und Eigenwillen wieder abzugewöhnen, die wir seit
Jahrtausenden eingeübt haben. Es bedeutet, einen Teil von uns selbst
abzutöten und eine Art Tod auf uns zu nehmen. Man muss schon ein
ziemlich guter Mensch sein, um Buße tun zu können. Und da liegt der
Haken: Nur ein schlechter Mensch hat Buße nötig, aber nur ein guter
Mensch kann vollkommene Buße tun. Je schlechter man ist, desto
dringender braucht man sie, und desto weniger ist man in der Lage, sie zu
vollbringen. Der einzige Mensch, der vollkommene Buße leisten könnte,
wäre ein vollkommener Mensch – und der hätte sie überhaupt nicht nötig.
Wohlgemerkt, diese Buße, diese freiwillige Ergebung in die Niederlage
und in eine Art Tod, ist nicht etwa eine Vorleistung, die Gott von Ihnen
verlangt, ehe er Sie wieder annimmt, und die er Ihnen auch erlassen könnte,
wenn er wollte. Sie ist einfach nur eine Beschreibung, wie der Weg zurück
zu ihm aussieht. Wenn Sie Gott bitten, Sie ohne Buße wieder anzunehmen,
dann bitten Sie ihn im Grunde, er möge Sie zurückkommen lassen, ohne
dass Sie zurückkommen. Das geht nicht.
Also schön, da müssen wir also durch. Doch gerade unsere
Schlechtigkeit, deretwegen wir die Buße brauchen, macht es uns ja
unmöglich, sie auch zu tun. Können wir es schaffen, wenn Gott uns dabei
hilft? Ja, aber was heißt das eigentlich, wenn wir sagen, Gott möge uns
helfen? Es heißt sozusagen, dass Gott gewissermaßen ein bisschen von sich
selbst in uns hineinlegt. Er verleiht uns ein wenig von seiner Vernunft, und
so können wir denken. Er legt ein wenig von seiner Liebe in uns hinein, und
so können wir einander lieben.
Wenn Sie einem Kind das Schreiben beibringen, dann halten Sie seine
Hand, während es die Buchstaben formt. Das heißt, es formt die
Buchstaben, weil Sie sie formen. Wir lieben und wir denken, weil Gott liebt
und denkt und unsere Hand hält, während wir es tun.
Wären wir nicht in Sünde gefallen, dann könnte alles laufen wie am
Schnürchen. Aber leider brauchen wir jetzt Gottes Hilfe, um etwas zu tun,
was Gott von seiner eigenen Natur her niemals tut – uns ergeben, leiden,
uns unterordnen, sterben. Dieser Vorgang hat in Gottes Natur überhaupt
keine Entsprechung. Somit ist gerade der Weg, auf dem wir Gottes Führung
am nötigsten brauchen, ein Weg, den Gott von seiner eigenen Natur her nie
gegangen ist. Gott kann uns nur das geben, was er hat; aber dies ist etwas,
das er in seiner eigenen Natur nicht hat.
Aber angenommen, Gott würde Mensch. Angenommen, unsere
menschliche Natur, die leiden und sterben kann, würde mit Gottes Natur zu
einer Person verschmelzen. Dann könnte dieser Mensch uns helfen. Er
könnte seinen Willen unterwerfen, könnte leiden und sterben, weil er ein
Mensch wäre, und er könnte es auf vollkommene Weise tun, weil er Gott
wäre. Sie und ich, wir können diesen Prozess nur durchmachen, wenn Gott
es in uns tut. Gott wiederum kann es nur tun, wenn er Mensch wird. Unsere
Versuche, ein solches Sterben auf uns zu nehmen, können nur gelingen,
wenn wir Menschen an Gottes Sterben Anteil haben, genauso, wie unser
Denken nur gelingen kann, weil es ein Tropfen aus dem Ozean seiner
Intelligenz ist. An Gottes Sterben Anteil haben können wir aber nur, wenn
Gott stirbt; und er kann nur sterben, indem er Mensch wird. In diesem Sinn
bezahlt er unsere Schulden und erleidet für uns, was er selbst überhaupt
nicht erleiden müsste.
Von manchen Leuten habe ich den Einwand gehört, wenn Jesus sowohl
Gott als auch Mensch gewesen sei, dann verlören sein Leiden und sein Tod
in ihren Augen allen Wert, «weil das für ihn ja eine Kleinigkeit gewesen
sein muss». Andere mögen (völlig zu Recht) die Undankbarkeit und
Unbarmherzigkeit dieses Einwandes tadeln. Was mir die Sprache
verschlägt, ist das grenzenlose Missverständnis, das er verrät. In einer
Hinsicht freilich haben diejenigen, die ihn vorbringen, vollkommen recht.
Sie formulieren sogar ihr eigenes Argument noch zu schwach. Die
vollkommene Unterwerfung, das vollkommene Leiden, der vollkommene
Tod waren für Jesus nicht nur leichter, weil er Gott war – sie waren ihm
überhaupt nur möglich, weil er Gott war. Aber ist das nicht ein sehr
seltsamer Grund, dieses Geschenk von ihm nicht anzunehmen?
Ein Lehrer ist in der Lage, die Buchstaben für das Kind zu formen, weil
der Lehrer ein Erwachsener ist und schreiben kann. Das macht dem Lehrer
die Sache natürlich leichter, und nur weil es für ihn leichter ist, kann er dem
Kind helfen. Würde das Kind nun seine Hilfe ablehnen, «weil das für
Erwachsene ja eine Kleinigkeit ist», und lieber von einem anderen Kind
schreiben lernen wollen, das selbst noch nicht schreiben könnte (und somit
keinen «unfairen Vorteil» hätte), dann käme es wahrscheinlich nicht sehr
schnell vorwärts. Wenn ich in einem Wildwasserfluss dem Ertrinken nahe
bin, kann ein Mann, der noch mit einem Fuß auf dem Ufer steht, mir seine
Hand reichen und mir dadurch das Leben retten. Sollte ich ihm jetzt
glucksend entgegenrufen: «Nein, das ist nicht fair! Sie sind im Vorteil! Sie
haben ja noch einen Fuß auf dem Ufer!»? Sein Vorteil – nennen Sie ihn
«unfair», wenn Sie wollen – ist der einzige Grund, warum er mir von
Nutzen sein kann. Wo wollen Sie Hilfe suchen, wenn nicht bei einem, der
stärker ist als Sie?
Das ist meine eigene Sicht auf das, was die Christen den Sühnetod
nennen. Aber wohlgemerkt, es ist auch nur ein Bild. Verwechseln Sie es
bitte nicht mit der Sache selbst, und wenn es Ihnen keine Hilfe ist, legen Sie
es beiseite.
5. Die praktische Schlussfolgerung
Christus hat die vollkommene Unterwerfung und Demütigung auf sich
genommen: vollkommen, weil er Gott war, Unterwerfung und Demütigung,
weil er Mensch war.
Nun besagt der christliche Glaube, dass wir, wenn wir irgendwie an der
Demut und am Leiden Christi Anteil haben können, auch Anteil an seinem
Sieg über den Tod bekommen und nach unserem Tod ein neues Leben
vorfinden werden, in dem wir zu vollkommenen und vollkommen
glücklichen Geschöpfen werden. Das heißt viel mehr als nur, dass wir
versuchen, seiner Lehre zu folgen.
Viele Leute stellen die Frage, wann der nächste Schritt der Evolution
passieren wird – der Schritt zu einem Wesen, das höher steht als der
Mensch. Dabei ist das aus christlicher Sicht längst geschehen. In Christus
ist eine neue Art von Mensch erschienen. Und die neue Art von Leben, die
in ihm begann, soll auch in uns hineingelegt werden.
Wie soll das vor sich gehen? Nun, denken Sie bitte einmal daran, wie wir
zu unserem alten, gewöhnlichen Leben gekommen sind. Wir haben es ohne
unser Zutun von anderen bekommen, von unserem Vater, unserer Mutter
und all unseren Vorfahren – und zwar durch einen sehr eigenartigen
Vorgang voller Lust, Schmerz und Gefahr. Durch einen Vorgang, den wir
nie hätten erraten können. Die Meisten haben sich in der Kindheit jahrelang
Mühe gegeben dahinterzukommen; und manche Kinder glauben es
zunächst nicht, wenn sie zum ersten Mal davon hören. Ich kann es ihnen
nicht einmal verdenken, denn die Sache ist wirklich sehr seltsam. Nun ist
der Gott, der diesen Vorgang erdacht hat, derselbe, der auch festlegt, wie
das neue Leben – das Leben Christi – sich ausbreiten soll. Machen wir uns
also darauf gefasst, dass auch dieser Prozess ziemlich seltsam sein dürfte.
Er hat uns nicht zurate gezogen, als er den Sex erfand. Beim Folgenden hat
er uns auch nicht um Rat gefragt.
Es gibt drei Dinge, durch die das Leben Christi zu uns strömt: die Taufe,
den Glauben und jene geheimnisvolle Handlung, für die es unter Christen
unterschiedliche Namen gibt – die heilige Kommunion, die Messe, das
Abendmahl. Das sind zumindest die drei gewöhnlichen Methoden. Ich sage
nicht, dass es keine besonderen Fälle geben könnte, in denen es sich auch
ohne das eine oder andere dieser Elemente ausbreitet. Hier reicht der Platz
nicht, um auf solche Sonderfälle einzugehen, und ich verstehe auch nicht
genug davon. Wenn man versucht, einem Menschen in ein paar Minuten zu
erklären, wie er nach Edinburgh kommt, dann nennt man ihm die
Zugverbindungen. Natürlich könnte er auch mit dem Schiff oder per
Flugzeug hinkommen, aber das wird man wohl kaum erwähnen.
Ich sage auch nichts darüber, welches dieser drei Dinge das wichtigste
ist. Mein methodistischer Freund hätte gern, dass ich mehr über den
Glauben und (im Verhältnis) weniger über die anderen beiden sage. Aber
darauf lasse ich mich nicht ein. Jeder, der sich damit befasst, das
Christentum zu lehren, wird Ihnen alle drei nahelegen, und damit wollen
wir es hier auch bewenden lassen.
Mir selbst ist im Grunde nicht klar, warum das neue Leben ausgerechnet
durch diese Dinge zu uns gelangen sollte. Freilich hätte ich, wenn ich es
nicht wüsste, auch nie einen Zusammenhang zwischen einem bestimmten
körperlichen Genuss und dem Erscheinen eines neuen menschlichen
Wesens auf dieser Welt vermutet. Wir müssen die Wirklichkeit so nehmen,
wie sie uns entgegentritt. Es hat ja keinen Sinn, herumzurechten, wie sie
unserer Meinung nach sein sollte oder wie wir sie erwartet hätten.
Doch auch wenn ich nicht einsehe, warum es so sein sollte, kann ich
Ihnen immerhin sagen, warum ich glaube, dass es so ist. Ich habe bereits
erklärt, warum ich nicht anders kann als glauben, dass Jesus Gott war (und
ist). Und historisch scheint außer Frage zu stehen, dass er seine Anhänger
lehrte, dass das neue Leben sich auf diese Weise mitteilt. Mit anderen
Worten, ich glaube es auf seine Autorität hin.
Lassen Sie sich von dem Wort Autorität nicht abschrecken. Wenn man
etwas auf die Autorität eines anderen hin glaubt, heißt das ja nur, dass man
es glaubt, weil jemand, den man für vertrauenswürdig hält, es einem gesagt
hat. 99 Prozent der Dinge, die Sie glauben, glauben Sie aufgrund von
Autoritäten. Ich glaube, dass es eine Stadt namens New York gibt. Gesehen
habe ich selbst sie noch nie. Ich könnte auch nicht durch abstrakte Logik
nachweisen, dass es eine solche Stadt geben muss. Ich glaube es dennoch,
weil zuverlässige Leute es mir gesagt haben. Jeder gewöhnliche Mensch
glaubt an das Sonnensystem, die Existenz von Atomen, die Evolution und
den Blutkreislauf aufgrund von Autoritäten – weil die Wissenschaftler es so
sagen. Jede historische Aussage über die Welt wird auf Autorität hin
geglaubt. Keiner von uns war selbst Zeuge der normannischen Eroberung
oder hat je die spanische Armada gesehen. Keiner von uns könnte diese
Dinge mit reiner Logik beweisen, wie man einen mathematischen Satz
beweist. Wir glauben sie einfach deshalb, weil Augenzeugen uns
schriftliche Berichte darüber hinterlassen haben – also auf Autorität hin.
Wenn jemand sich in anderen Bereichen so gegen jede Autorität sträuben
würde, wie manche Leute es bei religiösen Fragen tun, dann müsste er sich
damit abfinden, sein ganzes Leben lang nichts zu wissen.
Bitte verstehen Sie mich nicht so, als wollte ich sagen, Taufe, Glaube und
Kommunion könnten ein Ersatz für Ihre eigenen Bemühungen sein,
Christus nachzuahmen. Ihr natürliches Leben haben Sie von Ihren Eltern
bekommen. Das heißt aber nicht, dass Sie es auch behalten, wenn Sie nichts
dafür tun. Sie können es durch Nachlässigkeit verlieren, oder Sie können es
wegwerfen, indem Sie sich umbringen. Sie müssen Ihr Leben nähren und
pflegen. Dabei sollten Sie allerdings nie vergessen, dass Sie es nicht
erschaffen; sie bewahren lediglich ein Leben, das Sie von jemand anderem
bekommen haben.
Genauso kann auch ein Christ das Leben Christi, das in ihn hineingelegt
wurde, wieder verlieren. Er muss also etwas dafür tun, um es zu behalten.
Doch auch der beste Christ, der je lebte, handelt nicht aus eigener Kraft – er
nährt und schützt lediglich ein Leben, das er sich durch eigene
Bemühungen nie hätte verschaffen können.
Und das hat praktische Konsequenzen. Solange sich das natürliche Leben
in Ihrem Körper befindet, wird es eine Menge dafür tun, diesen Körper in
Schuss zu halten. Wenn Sie sich zum Beispiel schneiden, wird die Wunde
bis zu einem gewissen Grad wieder heilen. Bei einem Leichnam wäre das
nicht der Fall. Ein lebendiger Körper ist nicht etwa einer, der sich nie
verletzt, sondern einer, der sich bis zu einem gewissen Grad selbst wieder
reparieren kann. Ebenso ist auch ein Christ nicht etwa ein Mensch, der nie
einen falschen Weg einschlägt, sondern einer, dem die Fähigkeit gegeben
ist, jedes Straucheln zu bereuen und sich danach wieder aufzurappeln und
von vorn anzufangen – weil das Leben Christi in ihm ist und ihn ständig in
Schuss hält, indem es ihn befähigt, (bis zu einem gewissen Grad) einen
solchen freiwilligen Tod, wie Christus ihn auf sich nahm, zu wiederholen.
Insofern ist ein Christ in einer anderen Position als andere Leute, die sich
bemühen, gute Menschen zu sein. Andere hoffen, durch ihr gutes Verhalten
Gott zu gefallen, falls es einen gibt. Oder falls sie nicht glauben, dass es ihn
gibt, hoffen sie zumindest, sich Anerkennung von anderen guten Menschen
zu verdienen. Ein Christ hingegen führt alles Gute, was er tut, auf das
Leben Christi in seinem Innern zurück. Er glaubt nicht, dass Gott uns liebt,
weil wir gute Menschen sind, sondern dass Gott uns zu guten Menschen
macht, weil er uns liebt. Etwa so, wie das Dach eines Gewächshauses auch
nicht die Sonnenstrahlen anzieht, weil es hell ist, sondern hell wird, weil die
Sonne darauf scheint.
Und lassen Sie mich eines ganz deutlich sagen: Wenn Christen sagen, das
Leben Christi sei in ihnen, meinen sie das nicht nur in einem geistigen oder
moralischen Sinn. Wenn sie davon reden, dass sie «in Christus» seien oder
dass Christus «in ihnen» sei, dann heißt das nicht nur, dass sie an Christus
denken oder ihm nacheifern. Sondern sie meinen damit, dass Christus
tatsächlich durch sie wirkt; dass die ganze Schar der Christen der physische
Organismus ist, durch den Christus handelt – dass wir seine Finger und
Muskeln sind, die Zellen seines Körpers.
Und das erklärt vielleicht das eine oder andere. Es erklärt, warum dieses
neue Leben sich nicht nur durch rein geistige Akte wie den Glauben
ausbreitet, sondern auch durch körperliche Akte wie die Taufe und die
Kommunion. Denn es geht ja nicht nur darum, eine Idee zu verbreiten. Es
ist eher wie eine Evolution – eine biologische oder superbiologische
Tatsache. Man sollte nicht versuchen, spiritueller zu sein als Gott. Gott hat
sich den Menschen nie als rein spirituelles Wesen gedacht. Deswegen
benutzt er materielle Dinge wie Brot und Wein, um das neue Leben in uns
hineinzulegen. Mag sein, dass wir das eher plump und ungeistlich finden.
Gott tut das nicht: Er hat das Essen erfunden. Er mag die Materie. Er hat sie
gemacht.
Noch eine andere Sache hat mich früher stutzig gemacht. Ist es nicht
entsetzlich unfair, dass dieses neue Leben sich auf die Menschen
beschränkt, die von Christus gehört und die Chance bekommen haben, an
ihn zu glauben?
Die Wahrheit ist jedoch, dass Gott uns nicht gesagt hat, welche
Vorkehrungen er für die anderen Menschen getroffen hat. Wir wissen nur,
dass außer durch Christus kein Mensch erlöst werden kann. Ob nur
diejenigen durch ihn erlöst werden können, die ihn auch kennen, wissen wir
nicht. Vor allem jedoch: Wenn Sie sich Sorgen um die Leute da draußen
machen, dann wäre das Unvernünftigste, was Sie tun könnten, selber
draußen zu bleiben. Die Christen sind der Leib Christi, der Organismus,
durch den er wirkt. Durch jeden Menschen, der zu diesem Leib
hinzukommt, kann er mehr tun. Wenn Sie den Außenstehenden helfen
wollen, müssen Sie zuerst Ihre eigene kleine Körperzelle in den Leib
Christi eingliedern, der allein ihnen helfen kann. Einem Mann die Finger
abzuschneiden wäre eine seltsame Methode, ihn dazu zu bringen, mehr zu
arbeiten.
Ein weiterer möglicher Einwand ist folgender: Warum begibt sich Gott in
Tarnung in diese feindlich besetzte Welt hinein und gründet eine Art
Geheimgesellschaft, um dem Teufel das Wasser abzugraben? Warum
kommt er nicht mit seinen Heerscharen und marschiert einfach ein? Ist er
dafür etwa nicht stark genug?
Nun, nach christlicher Auffassung wird er eines Tages mit seinen
Heerscharen einmarschieren. Nur wissen wir nicht, wann. Aber wir können
Vermutungen darüber anstellen, warum er sich noch Zeit damit lässt. Er
möchte uns die Chance geben, uns aus freien Stücken auf seine Seite zu
schlagen. Ich vermute, Sie und ich wären nicht sehr beeindruckt gewesen
von einem Franzosen, der abwartete, bis die Alliierten in Deutschland
einmarschierten, um dann zu verkünden, er sei auf unserer Seite.
Gott wird einmarschieren. Ich frage mich allerdings, ob Leute, die Gott
bitten, er möge offen und direkt in unserer Welt eingreifen, ganz begriffen
haben, wie das sein wird, wenn er das tut. Wenn es so weit ist, ist das Ende
der Welt da. Wenn der Autor die Bühne betritt, ist das Schauspiel vorbei. Ja,
Gott wird einmarschieren. Aber was nützt es, wenn Sie erst dann sagen,
dass Sie auf seiner Seite sind? Wenn Sie das ganze natürliche Universum
hinwegschmelzen sehen wie einen Traum und eine neue, für uns bislang
völlig unvorstellbare Wirklichkeit hereinbricht; eine Wirklichkeit, die für
manche von uns so herrlich und für andere so schrecklich ist, dass keinem
von uns mehr eine Wahl bleiben wird? Denn diesmal wird Gott ohne
Tarnung kommen, und das wird so überwältigend sein, dass es jedes
Geschöpf entweder mit unwiderstehlicher Liebe oder mit
unwiderstehlichem Grauen erfüllen wird.
Wenn man gar nicht mehr aufstehen kann, ist es sinnlos zu sagen, man
wolle lieber liegen bleiben. Das wird nicht die Stunde der Wahl sein. Es
wird die Stunde sein, in der wir entdecken, welche Seite wir in Wirklichkeit
gewählt haben, ob es uns vorher klar war oder nicht. Jetzt, heute, in diesem
Augenblick ist unsere Chance, die richtige Seite zu wählen. Gott wartet
noch, um uns diese Chance zu geben. Für immer wird es nicht so bleiben.
Wir müssen zugreifen oder es bleiben lassen.
Drittes Buch
Christliches Verhalten
1. Die drei Aspekte der Ethik
Ein Schuljunge soll einmal gefragt worden sein, wie er sich Gott vorstelle.
Er erwiderte, soweit er feststellen könne, sei Gott «einer von den Leuten,
die immer überall herumschnüffeln, ob jemand sich amüsiert, und dann
versuchen, das zu unterbinden».
Ich fürchte, so etwas Ähnliches stellen sich viele Leute unter dem Begriff
«Moral» vor: etwas Störendes, was einen daran hindert, seine Freude am
Leben zu haben. In Wirklichkeit sind moralische Regeln
Betriebsanweisungen für die menschliche Maschine. Jede moralische Regel
ist dazu da, zu verhindern, dass diese Maschine kaputtgeht, überlastet wird
oder heiß läuft. Deshalb scheinen uns diese Regeln auf den ersten Blick
ständig in unseren natürlichen Neigungen zu stören. Wenn man gerade
dabei ist, die Bedienung einer Maschine zu erlernen, muss der Meister
ständig sagen: «Nein, so macht man das nicht», denn natürlich kann man
mit so einer Maschine alles Mögliche machen, was erst einmal völlig in
Ordnung zu sein scheint und einem ganz naheliegend vorkommt, aber dann
doch nicht richtig funktioniert.
Manche Leute reden lieber von moralischen «Idealen» statt von
moralischen Regeln und von moralischem «Idealismus» statt von
moralischem Gehorsam. Natürlich ist es völlig richtig, dass moralische
Vollkommenheit ein «Ideal» ist in dem Sinne, dass wir sie nie erreichen
können. In diesem Sinne ist jede Art von Vollkommenheit für uns
Menschen ein Ideal. Es wird uns nie gelingen, perfekte Autofahrer oder
perfekte Tennisspieler zu werden oder eine vollkommen gerade Linie zu
zeichnen.
In einem anderen Sinne jedoch ist es irreführend, moralische
Vollkommenheit ein Ideal zu nennen. Wenn jemand sagt, eine bestimmte
Frau, ein bestimmtes Haus, ein Boot oder ein Garten sei sein «Ideal», dann
meint er (falls er kein Dummkopf ist) damit nicht, alle anderen müssten
dasselbe Ideal haben. In solchen Dingen hat jeder das Recht auf seine
eigenen Vorlieben und somit auf seine eigenen Ideale.
Gefährlich wird es, wenn man jemanden, der sich viel Mühe gibt, das
Sittengesetz einzuhalten, einen «Menschen von hohen Idealen» nennt.
Dadurch könnte man nämlich auf den Gedanken kommen, moralische
Vollkommenheit sei lediglich seine persönliche Vorliebe, die wir anderen
nicht zu teilen brauchen. Aber das wäre ein katastrophaler Fehler.
Vollkommenes Verhalten mag genauso unerreichbar sein wie ein perfekter
Gangwechsel beim Autofahren, aber es ist ein notwendiges Ideal, das allen
Menschen durch die Beschaffenheit der menschlichen Maschine
vorgeschrieben ist, genau wie der perfekte Gangwechsel ein Ideal ist, das
allen Autofahrern durch die Beschaffenheit ihres Autos vorgeschrieben ist.
Noch gefährlicher wäre es, sich selbst für einen Menschen «von hohen
Idealen» zu halten, nur weil man versucht, überhaupt nicht zu lügen (statt
nur selten zu lügen) oder nie Ehebruch zu begehen (statt nur ab und zu)
oder niemanden zu schikanieren (statt die Leute nur ein kleines bisschen zu
schikanieren). Das könnte nämlich dazu führen, dass Sie sich eine Menge
darauf einbilden, was für ein besonderer Mensch Sie doch sind, dem man
zu seinem «Idealismus» nur gratulieren kann. In Wirklichkeit könnten Sie
genauso gut erwarten, dass man Ihnen überschwänglich gratuliert, nur weil
Sie bei Rechenaufgaben versuchen, genau das richtige Ergebnis
herauszubekommen. Sicher, perfektes Rechnen ist «ein Ideal». Jeder
verrechnet sich mal. Aber es ist nichts besonders Ehrenvolles daran, wenn
man sich bei einer Rechenaufgabe bemüht, bei jedem Rechenschritt alles
richtig zu machen. Im Gegenteil, es wäre idiotisch, das nicht zu versuchen.
Schließlich handelt man sich mit jedem Fehler allerhand Ärger für später
ein. Genauso zieht auch jedes moralische Versagen Schwierigkeiten nach
sich – wahrscheinlich für andere, ganz sicher aber für einen selbst. Indem
wir von Regeln und Gehorsam sprechen statt von «Idealen» und
«Idealismus», helfen wir einander, diese Tatsachen nicht zu vergessen.
Gehen wir nun einen Schritt weiter. Es gibt zwei Dinge, die bei der
menschlichen Maschine schiefgehen können. Zum einen kann es passieren,
dass Menschen sich voneinander entfernen oder auch so heftig
aufeinanderprallen, dass sie sich gegenseitig Schaden zufügen. Zum
anderen kann im Innern eines Einzelnen etwas schiefgehen – wenn seine
verschiedenen Bestandteile (seine unterschiedlichen Fähigkeiten und
Wünsche und dergleichen) entweder auseinandertreiben oder miteinander
ins Gehege kommen.
Sie können sich das veranschaulichen, indem Sie sich vorstellen, wir
wären eine Flotte von Schiffen, die im Verbund übers Meer fahren. Die
Reise kann nur gelingen, wenn erstens die Schiffe sich gegenseitig nicht im
Weg sind oder gar rammen und zweitens jedes Schiff seetüchtig ist und
seine Maschinen in Schuss hält. Im Grunde kann man jede dieser beiden
Voraussetzungen nur erfüllen, wenn man die andere auch erfüllt. Wenn die
Schiffe sich dauernd gegenseitig rammen, werden sie nicht lange seetüchtig
bleiben. Umgekehrt, wenn ihre Steuerung nicht richtig funktioniert, werden
sie Kollisionen kaum vermeiden können. Oder wenn es Ihnen lieber ist,
stellen Sie sich die Menschheit als eine Kapelle vor, die ein Musikstück
spielt. Damit sich das gut anhört, braucht man zwei Dinge. Jeder Musiker
muss sein Instrument gestimmt haben, und jeder muss genau im richtigen
Moment einsetzen, um mit allen anderen zusammenzuspielen.
Aber eines haben wir noch nicht berücksichtigt. Wir haben noch nicht
danach gefragt, wo die Flotte eigentlich hinwill oder welches Musikstück
die Kapelle spielen möchte. Selbst wenn die Instrumente alle gestimmt sind
und keiner seinen Einsatz verpasst, wäre die Aufführung ein Reinfall, wenn
die Kapelle für Tanzmusik engagiert worden wäre und nichts als
Totenmärsche spielte. Und wie gut die Flotte auch vorankäme, wäre ihre
Reise doch gescheitert, wenn sie nach New York fahren sollte, aber in
Kalkutta ankäme.
Bei Ethik und Moral scheint es also um drei Dinge zu gehen. Erstens um
Fair Play und Harmonie zwischen den Menschen. Zweitens darum, im
Innern jedes Einzelnen gewissermaßen aufzuräumen und Harmonie
herzustellen. Drittens um den allgemeinen Sinn und Zweck des
menschlichen Lebens insgesamt: also darum, wofür der Mensch geschaffen
wurde, welchem Kurs die ganze Flotte folgen sollte, welches Stück der
Dirigent die Kapelle spielen lassen möchte.
Vielleicht ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Leute heutzutage
fast nur noch an den ersten Punkt denken und die anderen beiden vergessen.
Wenn in den Zeitungen behauptet wird, wir strebten nach christlichen
moralischen Maßstäben, dann ist damit meistens gemeint, dass wir nach
Freundlichkeit und Fair Play zwischen Nationen, Klassen und einzelnen
Menschen streben. Man denkt also an den ersten Punkt. Wenn einer etwas
tun will und darüber sagt: «Das kann nicht falsch sein, denn es schadet ja
niemandem», dann denkt er nur an den ersten Punkt. Er denkt, es sei egal,
wie es im Innern seines Schiffes aussieht, solange das Schiff einfach nicht
mit den anderen Schiffen kollidiert.
Es ist ja auch ganz natürlich, dass wir, wenn wir anfangen, über Ethik
nachzudenken, bei dem ersten Punkt beginnen, den sozialen Beziehungen.
Zum einen sind die Folgen ethischer Fehlentscheidungen in diesem Bereich
besonders offensichtlich und machen uns jeden Tag zu schaffen: Kriege und
Armut, Schmiergelder, Lügen und schlampige Arbeit. Zum anderen gibt es
kaum Meinungsverschiedenheiten über Moral, solange man beim ersten
Punkt bleibt. Fast alle Menschen zu allen Zeiten waren sich (theoretisch)
darin einig, dass Menschen zueinander ehrlich, freundlich und hilfsbereit
sein sollten.
Doch obwohl es naheliegt, mit alledem zu beginnen, sollte unser
Nachdenken über Ethik an diesem Punkt nicht aufhören. Sonst hätten wir
erst gar nicht anzufangen brauchen. Wenn wir nicht weitergehen zum
zweiten Punkt – dem Aufräumen im Innern jedes Menschen –, machen wir
uns nur etwas vor.
Was nützt es denn, den Schiffen zu sagen, wie sie steuern sollen, um
Kollisionen zu vermeiden, wenn es alles so heruntergekommene alte Kähne
sind, dass sie sich überhaupt nicht steuern lassen? Was nützt es, Regeln für
das soziale Verhalten zu Papier zu bringen, wenn wir ohnehin schon wissen,
dass unsere Habgier, unsere Feigheit, unser Jähzorn und unser Eigendünkel
uns daran hindern werden, sie einzuhalten? Damit will ich keineswegs
sagen, dass wir nicht gründlich über Verbesserungen an unserem sozialen
und ökonomischen System nachdenken sollten. Aber alles Nachdenken
wird bloß Makulatur sein, wenn wir uns nicht klarmachen, dass nur der Mut
und die Selbstlosigkeit des Einzelnen je dafür sorgen können, dass ein
System richtig funktioniert. Die Bestechlichkeit und die Schikanen zu
beseitigen, die unter dem bestehenden System existieren, ist nicht allzu
schwierig. Aber solange Menschen Schwindler und Schikaneure sind,
werden sie auch unter dem neuen System irgendeinen Weg finden, mit
ihrem alten Spiel weiterzumachen. Durch Gesetze lassen sich keine guten
Menschen produzieren, und ohne gute Menschen gibt es keine gute
Gesellschaft. Deswegen müssen wir einen Schritt weitergehen und über den
zweiten Punkt nachdenken: die innere Moral des Einzelnen.
Aber auch dort dürfen wir nicht haltmachen, glaube ich. Wir kommen
jetzt an den Punkt, an dem unterschiedliche Überzeugungen über das
Universum zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen. Und auf den
ersten Blick scheint es, als wäre es durchaus vernünftig, einzuhalten, bevor
wir diesen Punkt erreichen, und uns auf die Bereiche der Ethik zu
beschränken, über die sich alle vernünftigen Menschen einig sind.
Aber können wir das? Bedenken Sie, dass Religion eine Reihe von
Aussagen über Sachverhalte beinhaltet, die entweder wahr oder falsch sein
müssen. Sind sie wahr, so folgen daraus bestimmte Konsequenzen
hinsichtlich des richtigen Kurses für die menschliche Flotte. Sind sie falsch,
so sehen diese Konsequenzen ganz anders aus.
Kommen wir zum Beispiel noch einmal zurück auf die Aussage, ein
Verhalten könne nicht falsch sein, wenn es keinem anderen Menschen
schade. Wer das sagt, hat begriffen, dass er die anderen Schiffe im Konvoi
nicht beschädigen darf, aber er ist der ehrlichen Meinung, was er mit
seinem eigenen Schiff macht, sei ausschließlich seine Angelegenheit. Aber
ist da nicht erst einmal die entscheidende Frage zu klären, ob sein Schiff
ihm gehört oder nicht? Macht es nicht einen großen Unterschied, ob ich
sozusagen der Eigentümer meines Geistes und Körpers bin oder nur ihr
Bewohner, der dem wahren Eigentümer Rechenschaft schuldet? Wenn ein
anderer mich für seine eigenen Zwecke geschaffen hat, dann fallen mir
doch eine Menge Pflichten zu, die ich nicht hätte, wenn ich einfach nur mir
selbst gehörte.
Des Weiteren behauptet das Christentum, jeder einzelne Mensch werde
ewig leben, und diese Behauptung ist entweder wahr oder falsch. Nun gibt
es eine Menge Dinge, über die es sich nicht lohnen würde, sich den Kopf zu
zerbrechen, wenn ich nur siebzig Jahre zu leben hätte, über die ich mir aber
sehr ernsthafte Gedanken machen sollte, wenn ich für immer lebe.
Vielleicht werden mein Jähzorn oder meine Eifersucht allmählich
schlimmer – so allmählich, dass die Steigerung nach siebzig Jahren noch
nicht allzu auffällig sein wird. Nach einer Million Jahren aber wären sie
vielleicht die reinste Hölle. Falls das Christentum wahr ist, ist Hölle sogar
genau der richtige Fachausdruck dafür.
Und noch etwas würde durch die Unsterblichkeit grundlegend anders.
Dieser Unterschied steht übrigens im Zusammenhang mit dem Unterschied
zwischen Totalitarismus und Demokratie. Wenn Menschen nur siebzig
Jahre leben, dann sind ein Staat, eine Nation oder eine Zivilisation, die
vielleicht tausend Jahre lang Bestand haben, wichtiger als der Einzelne.
Wenn aber das Christentum wahr ist, dann ist der Einzelne nicht nur
wichtiger, sondern unvergleichlich viel wichtiger, denn er ist unsterblich,
und verglichen mit ihm ist die Lebensdauer eines Staates oder einer
Zivilisation nur ein Augenblick.
Wenn wir also über Moral nachdenken, dann müssen wir, so scheint es,
alle drei Bereiche in den Blick nehmen: die Beziehungen zwischen den
Menschen untereinander, das, was im Innern jedes Menschen vor sich geht,
und die Beziehungen zwischen dem Menschen und der Macht, die ihn
geschaffen hat. Im ersten Bereich können wir alle Hand in Hand arbeiten.
Die Meinungsverschiedenheiten beginnen im zweiten Bereich und werden
im dritten ernst. Gerade in diesem dritten Bereich treten die wesentlichen
Unterschiede zwischen christlicher und nichtchristlicher Moral zutage. Für
den Rest dieses Buches werde ich die christliche Sichtweise einnehmen und
das ganze Bild so betrachten, als wäre das Christentum wahr.
2. Die Kardinaltugenden
Der vorherige Abschnitt wurde ursprünglich als kurzer Radiovortrag
abgefasst.
Wenn man nur zehn Minuten Redezeit hat, muss man so ziemlich alles
andere der Kürze opfern. Einer der Hauptgründe, warum ich die Ethik in
drei Bereiche aufgeteilt habe (illustriert durch mein Bild des
Schiffskonvois), war, dass ich auf diese Weise das Thema auf dem
kürzesten Weg behandeln konnte. Nun jedoch möchte ich einen anderen
Weg darstellen, den Autoren früherer Zeiten beschritten haben, um das
Thema aufzugliedern. Für meinen Radiovortrag wäre das zu langwierig
gewesen, aber es ist ein sehr guter Weg.
Nach diesem ausführlicheren Schema gibt es sieben «Tugenden». Vier
davon werden «Kardinaltugenden» genannt, die anderen drei «theologische
Tugenden». Die «Kardinaltugenden» sind diejenigen, die von allen
zivilisierten Menschen anerkannt werden; die «theologischen» dagegen sind
in der Regel nur den Christen geläufig. Auf die theologischen Tugenden
komme ich später zu sprechen; hier soll es erst einmal um die vier
Kardinaltugenden gehen. («Kardinal» hat hier übrigens nichts mit den
«Kardinälen» der römisch-katholischen Kirche zu tun. Es stammt von
einem lateinischen Wort für «Türangel». Sie wurden «Kardinaltugenden»
genannt, weil sie sozusagen «Dreh- und Angelpunkte» sind.) Diese sind
Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit und Tapferkeit.
Klugheit bezeichnet die praktische Vernunft, sich die Mühe zu machen,
zu durchdenken, was man tut und was dabei wahrscheinlich herauskommen
wird. Heutzutage würden die meisten Leute die Klugheit wohl kaum als
eine «Tugend» bezeichnen. Viele Christen sind sogar der Meinung, wenn
man nur «gut» sei, dürfe man gerne auch ein Dummkopf sein. Schließlich
habe Christus einmal gesagt, wir kämen nur in sein Reich, wenn wir seien
wie die Kinder. Aber das ist ein Missverständnis. Erstens beweisen die
meisten Kinder eine Menge «Klugheit» bei den Dingen, für die sie sich
wirklich interessieren, und sie durchdenken die Dinge durchaus vernünftig.
Zweitens hat, wie der Apostel Paulus deutlich macht, Christus das
keineswegs so gemeint, dass wir vom Verstand her wie Kinder bleiben
sollten. Im Gegenteil: Er forderte uns auf, nicht nur «ohne Falsch wie die
Tauben», sondern auch «klug wie die Schlangen» zu sein. Er möchte das
Herz eines Kindes, aber den Kopf eines Erwachsenen. Er möchte, dass wir
einfach, geradlinig, liebevoll und belehrbar sind wie gute Kinder. Er möchte
aber auch, dass wir all unsere Intelligenz hellwach und in tadelloser
Gefechtsbereitschaft für unsere Aufgabe einsetzen.
Dass Sie einem Hilfswerk Geld spenden, entbindet Sie nicht davon,
genau hinzuschauen, ob dieses Hilfswerk vielleicht ein Schwindel ist oder
nicht. Dass Sie (zum Beispiel beim Beten) an Gott selbst denken, heißt
nicht, dass Sie sich mit denselben kindlichen Vorstellungen von ihm
zufriedengeben dürfen, die Sie mit fünf Jahren hatten. Natürlich ist es völlig
richtig, dass Gott Sie kein Stück weniger liebt und Sie nicht weniger
gebrauchen kann, wenn Sie nun einmal nicht gerade mit dem Gehirn eines
Genies geboren sind. Er hat auch für Leute mit sehr wenig Verstand einen
Platz, aber er möchte, dass jeder den Verstand, den er hat, auch benutzt. Das
richtige Motto ist nicht: «Sei brav, süße Maid, und lass klug sein, wer's
vermag», sondern: «Sei brav, süße Maid, und vergiss nicht, dass dazu auch
gehört, so klug zu sein, wie du es vermagst.» Gott hält von geistiger
Faulheit genauso wenig wie von aller anderen Faulheit.
Falls Sie daran denken, Christ zu werden, machen Sie sich darauf gefasst,
dass Sie sich da auf etwas einlassen, was Sie ganz und gar vereinnahmen
wird, auch Ihren Verstand. Aber zum Glück funktioniert es andersherum:
Wer immer ernsthaft versucht, als Christ zu leben, merkt bald, dass sein
Verstand sich schärft. Einer der Gründe, warum man keine besondere
Bildung braucht, um Christ zu sein, ist, dass das Christsein selbst bildet.
Darum konnte auch ein ungebildeter Gläubiger wie John Bunyan mit seiner
Pilgerreise ein Buch schreiben, das die ganze Welt in Erstaunen versetzt
hat.
Mäßigung ist leider eines jener Wörter, die ihre Bedeutung verändert
haben. Heute versteht man darunter häufig den vollständigen Verzicht auf
Alkohol. Doch in der Zeit, als die zweite Kardinaltugend den Namen
«Mäßigung» bekam, bedeutete sie nichts dergleichen. Mäßigung bezog sich
nicht nur aufs Trinken, sondern auf alle Genüsse, und sie bedeutete nicht
völlige Abstinenz, sondern eben das richtige Maß zu halten. Es ist ein
Irrtum, zu glauben, alle Christen müssten Abstinenzler sein. Die Religion
der Abstinenzler ist der Islam, nicht das Christentum.
Natürlich kann es die Pflicht eines einzelnen Christen sein – oder auch
die Pflicht jedes Christen zu einer bestimmten Zeit –, auf starke Getränke
zu verzichten, sei es, weil er zu den Leuten gehört, die überhaupt nicht
trinken können, ohne über die Stränge zu schlagen, oder weil er mit Leuten
zusammen ist, die zur Trunksucht neigen, und sie nicht durch sein eigenes
Trinken in Versuchung führen darf. Doch der springende Punkt ist, dass er
sich aus gutem Grund eines Vergnügens enthält, das er keineswegs
verurteilt und das er anderen Leuten von Herzen gönnt. Ein Merkmal einer
bestimmten Art schlechter Menschen ist, dass sie etwas nicht aufgeben
können, ohne unbedingt zu wollen, dass alle anderen es auch aufgeben. Das
ist kein christliches Verhalten. Ein einzelner Christ kann sich aus
besonderen Gründen dazu entschließen, auf alle möglichen Dinge zu
verzichten – auf die Ehe, auf Fleisch, auf Bier oder aufs Kino. Sobald er
aber behauptet, diese Dinge seien an sich etwas Schlechtes, und andere
Leute, die sich daran erfreuen, verachtet, ist er auf einem falschen Weg.
Durch die moderne Einschränkung des Wortes «Mäßigung» auf das
Thema Alkohol ist großer Schaden entstanden. Dadurch verliert man
nämlich leicht aus dem Blick, dass man in vieler anderer Hinsicht genauso
unmäßig sein kann. Ein Mann, der sein Golfspiel oder sein Motorrad zum
Mittelpunkt seines Lebens macht, oder eine Frau, deren ganzes Denken um
Kleider, um Bridge oder um ihren Hund kreist, sind genauso «unmäßig»
wie einer, der sich jeden Abend betrinkt. Natürlich sieht man es von außen
nicht so leicht: Nur weil man auf Bridge oder Golf versessen ist, fällt man
nicht gleich mitten auf der Straße um. Aber Gott lässt sich von solchen
Äußerlichkeiten nicht täuschen.
Unter Gerechtigkeit ist viel mehr zu verstehen als das, was sich in
Gerichtssälen abspielt. Es ist das alte Wort für alles, was wir heute
«Anstand» nennen würden. Dazu gehören Ehrlichkeit, Geben und Nehmen,
Wahrhaftigkeit, Einhalten von Versprechen und all diese Dinge. Und
Tapferkeit umfasst beide Arten von Mut – den Mut, der sich der Gefahr
stellt, wie auch den, der einen Schmerzen ertragen lässt. In der
Umgangssprache trifft das Wort «Mumm» die Sache vielleicht am besten.
Sie merken natürlich schon, dass man keine der anderen Tugenden auf die
Dauer praktizieren kann, ohne dass diese mit im Spiel ist.
Noch ein weiterer Aspekt zu den Tugenden sollte beachtet werden. Es ist
ein Unterschied, ob man etwas Gerechtes oder Maßvolles tut oder ob man
ein gerechter oder maßvoller Mensch ist. Auch einem schlechten
Tennisspieler gelingt hin und wieder ein guter Schlag. Doch unter einem
guten Spieler versteht man einen, dessen Auge, Muskeln und Nerven durch
unzählige gute Schläge so gut trainiert sind, dass er sich auf sie verlassen
kann. Sie haben gewisse Eigenheiten an sich, die auch dann spürbar sind,
wenn er gerade nicht spielt, genauso, wie der Verstand eines Mathematikers
gewisse Denkgewohnheiten und Sichtweisen an sich hat, die sich
bemerkbar machen, auch wenn er gerade keine Mathematik betreibt. Auf
dieselbe Weise erwirbt sich ein Mensch, der beharrlich gerecht handelt, mit
der Zeit eine gewisse Charaktereigenschaft. Und wenn wir von «Tugend»
reden, meinen wir damit diese Eigenschaft und nicht so sehr die einzelnen
Handlungen.
Diese Unterscheidung ist aus folgendem Grund wichtig. Wenn wir nur
die einzelnen Handlungen im Blick hätten, könnten wir dadurch drei
falschen Vorstellungen Vorschub leisten.
1. Wir könnten auf den Gedanken kommen, es käme nicht darauf an, wie
oder warum man etwas tut, solange man nur das Richtige tut – egal, ob man
es bereitwillig oder widerwillig, schmollend oder fröhlich, aus Angst vor
der öffentlichen Meinung oder um der Sache selbst willen tut. Die Wahrheit
ist aber, dass auch richtiges Handeln, wenn es aus den falschen Gründen
geschieht, niemandem hilft, diese Charaktereigenschaft namens «Tugend»
zu entwickeln. Doch auf diese Charaktereigenschaft kommt es in erster
Linie an. (Wenn ein schlechter Tennisspieler mit aller Kraft zuschlägt, nicht
weil er sieht, dass ein sehr harter Schlag erforderlich ist, sondern weil er die
Beherrschung verliert, dann kann er durchaus das Glück haben, dass dieser
harte Schlag ihm in diesem Spiel zum Sieg verhilft. Ein besonders guter
Spieler wird er dadurch aber nicht.)
2. Wir könnten auf den Gedanken kommen, Gott erwarte von uns
lediglich den Gehorsam gegenüber einer Liste von Regeln. In Wirklichkeit
jedoch will er eine bestimmte Art von Menschen aus uns machen.
3. Wir könnten auf den Gedanken kommen, die «Tugenden» wären nur in
diesem jetzigen Leben notwendig. In der anderen Welt könnten wir
aufhören, gerecht zu sein, weil es dort ja nichts mehr zu streiten gibt, und
wir könnten aufhören, tapfer zu sein, weil es keine Gefahr mehr gibt. Es
stimmt zwar durchaus, dass es in der nächsten Welt vermutlich keinen
Anlass zu gerechtem oder tapferem Handeln geben wird, aber es wird
reichlich Anlass dazu geben, die Art von Leuten zu sein, zu denen wir nur
dadurch werden, dass wir uns hier in entsprechendem Handeln üben. Es
geht nicht etwa darum, dass Gott Sie nicht in seine ewige Welt hineinließe,
wenn Sie nicht bestimmte Charaktereigenschaften haben. Aber wenn Leute
nicht zumindest Ansätze dieser Eigenschaften in sich haben, dann könnten
auch die herrlichsten äußeren Umstände für sie kein «Himmel» sein – das
heißt, nichts könnte ihnen das tiefe, starke, unerschütterliche Glück
bereiten, das Gott uns zugedacht hat.
3. Sozialethik
Im Hinblick auf die christliche Ethik des menschlichen Miteinanders ist
eines von vornherein klarzustellen: Christus ist nicht gekommen, um in
diesem Bereich eine völlig neue Moral zu predigen. Die goldene Regel des
Neuen Testaments («Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut
ihnen auch») ist eine Zusammenfassung dessen, was alle im tiefsten Innern
schon immer als richtig erkannt haben. Wirklich große Morallehrer führen
nie eine neue Moral ein; das tun nur die Scharlatane und die Spinner. Wie
schon Dr. Johnson sagte: «Die Menschen müssen häufiger erinnert als
belehrt werden.» Die wahre Aufgabe jedes Morallehrers ist es, uns immer
wieder aufs Neue zu den alten, einfachen Grundsätzen zurückzuführen, die
wir alle so geflissentlich übersehen möchten. Etwa so, wie man ein Pferd
immer wieder aufs Neue an das Hindernis heranführt, das es verweigert hat,
oder wie man ein Kind immer wieder aufs Neue an den Punkt einer Lektion
heranführt, vor dem es sich drücken will.
Zweitens ist hervorzuheben, dass das Christentum kein detailliertes
politisches Programm dafür hat oder zu haben behauptet, wie dieses «Wie
ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch» in einer
bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit umzusetzen ist. Das
könnte es auch gar nicht. Das Christentum ist für alle Menschen und alle
Zeiten bestimmt, und das spezielle Programm, das für einen Ort oder eine
Zeit richtig wäre, wäre für andere Orte und Zeiten ganz falsch. Außerdem
funktioniert das Christentum so einfach nicht. Wenn es uns auffordert, die
Hungernden zu speisen, dann gibt es uns keinen Kochunterricht. Wenn es
uns auffordert, die Heilige Schrift zu lesen, dann erteilt es uns keine
Lektionen in Hebräisch und Griechisch oder auch nur in englischer
Grammatik. Es war nie dazu gedacht, die gewöhnlichen menschlichen
Künste und Wissenschaften zu ersetzen oder abzuschaffen. Eher ist es wie
ein Regisseur, der ihnen allen die richtigen Aufgaben zuweist, und wie eine
Kraftquelle, die ihnen allen neues Leben einhaucht, wenn sie sich nur ihm
zur Verfügung stellen.
Manche Leute sagen: «Die Kirche sollte uns vorangehen.» Richtig
verstanden stimmt das auch, aber man kann es auch falsch verstehen, und
dann stimmt es nicht mehr. Unter Kirche sollte dabei die Gesamtheit aller
praktizierenden Christen verstanden werden. Und wenn es heißt, die Kirche
solle uns vorangehen, dann sollte das bedeuten, dass manche Christen –
nämlich diejenigen mit den richtigen Talenten – Wirtschaftsfachleute und
Politiker sein sollten und dass alle Wirtschaftsfachleute und Politiker
Christen sein sollten. All ihre politischen und wirtschaftlichen
Anstrengungen sollten darauf ausgerichtet sein, das «Wie ihr wollt, dass
euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch» in die Praxis umzusetzen.
Wenn das der Fall wäre und wenn wir anderen wirklich bereit wären, es zu
akzeptieren, dann würden wir die christliche Lösung für unsere eigenen
sozialen Probleme ziemlich schnell finden.
Aber natürlich meinen die meisten Leute, wenn sie sagen, die Kirche
solle vorangehen, dass die Geistlichen ein politisches Programm auflegen
sollten. Das ist Unfug. Die Geistlichen sind doch gerade die Leute in der
gesamten Kirche, die eigens dafür geschult und ausgesondert wurden, sich
um das zu kümmern, was uns als Geschöpfe betrifft, die ewig leben werden.
Und wir fordern sie auf, eine völlig andere Aufgabe zu übernehmen, für die
sie gar nicht qualifiziert sind? Das ist doch eigentlich unsere Aufgabe, die
der Laien. Die Umsetzung christlicher Grundsätze, beispielsweise bei den
Gewerkschaften oder im Bildungswesen, obliegt den christlichen
Gewerkschaftern und den christlichen Lehrern. Christliche Literatur kommt
ja auch von christlichen Romanautoren und Dramatikern – nicht daher, dass
sich die Bischofskonferenz zusammensetzt und versucht, in ihrer Freizeit
Dramen und Romane zu schreiben.
Trotz alledem gibt uns das Neue Testament, ohne zu sehr ins Detail zu
gehen, einen ziemlich deutlichen Hinweis darauf, wie eine durch und durch
christliche Gesellschaft aussehen würde. Vielleicht sagt es uns sogar mehr
darüber, als wir verkraften können. Es sagt uns, dass es keine
Trittbrettfahrer oder Parasiten geben sollte. Wer nicht arbeiten will, der soll
auch nicht essen. Jeder soll mit seinen eigenen Händen arbeiten, und mehr
noch, die Arbeit eines jeden sollte etwas Gutes hervorbringen. Eine
Herstellung von albernen Luxusgütern und dann einer noch alberneren
Werbung, damit wir sie auch kaufen, findet nicht statt. Und es gibt darin
keine Protzerei und keine Allüren, kein überhebliches Getue. Insofern wäre
eine christliche Gesellschaft das, was wir heute «links» nennen. Auf der
anderen Seite pocht sie stets auf Gehorsam – Gehorsam (und äußere
Zeichen des Respekts) von uns allen gegenüber den rechtmäßig
eingesetzten Behörden, von den Kindern gegenüber den Eltern und (ich
fürchte, was jetzt kommt, ist sehr unpopulär) von Ehefrauen gegenüber
ihren Ehemännern. Drittens soll es eine fröhliche Gesellschaft sein: voller
Gesang und Jubel. Angst und Sorge haben darin nichts zu suchen.
Höflichkeit ist eine der christlichen Tugenden, und das Neue Testament hält
wenig von vorwitzigen Wichtigtuern, die unnütze Dinge treiben.
Gäbe es eine solche Gesellschaft wirklich und Sie oder ich könnten sie
besuchen, so würde sie auf uns, glaube ich, einen eigenartigen Eindruck
machen. Ihr wirtschaftliches Leben würden wir vermutlich als sehr
sozialistisch und in diesem Sinne «fortschrittlich» empfinden, doch ihr
Familienleben und ihre Manieren wären recht altmodisch – vielleicht sogar
förmlich und aristokratisch. Jeder von uns würde manches darin finden, was
ihm gefällt, aber ich fürchte, nur den Wenigsten würde alles gefallen. Das
wäre auch gar nicht anders zu erwarten, wenn man davon ausgeht, dass das
Christentum der vollständige Plan für die menschliche Maschine ist. Wir
sind alle auf unterschiedliche Art und Weise von diesem Plan abgewichen,
und jeder versucht, so zu tun, als wäre seine Variante des ursprünglichen
Plans der eigentliche Plan selbst. Das wird Ihnen immer wieder bei allem
begegnen, was wirklich christlich ist: Jeder findet Teile davon attraktiv und
möchte sich am liebsten diese Rosinen herauspicken und den Rest
beiseitelassen. Darum kommen wir damit nicht viel weiter; und deshalb
kommt es vor, dass Leute, die sich für ganz gegensätzliche Dinge einsetzen,
beide von sich behaupten können, sie kämpften für die christliche Sache.
Nun zu einem anderen Punkt. Es gibt einen Ratschlag, den uns sowohl
die heidnischen alten Griechen als auch die Juden im Alten Testament als
auch die großen christlichen Lehrer des Mittelalters gegeben haben und den
die modernen Wirtschaftssysteme komplett missachten. Alle diese Leute
schärfen uns ein, nicht gegen Zinsen Geld zu verleihen. Und siehe da, das
Verleihen von Geld gegen Zinsen – wir nennen es Investieren – ist die
Grundlage unseres gesamten Systems.
Das muss nun nicht unbedingt heißen, dass wir im Unrecht sind. Manche
Leute sagen, Mose, Aristoteles und die Christen hätten, als sie einhellig die
Zinsen (oder den «Wucher», wie sie es nannten) verboten, die
Aktiengesellschaft nicht voraussehen können. Sie hätten nur an private
Geldverleiher gedacht, und deshalb müssten wir uns nicht darum scheren,
was sie gesagt haben. Über diese Frage kann ich mir kein Urteil erlauben.
Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, und ich weiß einfach nicht, ob das
System der Investitionen für den Zustand, in dem wir uns befinden,
verantwortlich ist oder nicht. Hier brauchen wir den christlichen
Wirtschaftsfachmann. Aber es wäre nicht ehrlich von mir gewesen, wenn
ich Ihnen verschwiegen hätte, dass drei große Zivilisationen – so scheint es
zumindest auf den ersten Blick – sich darin einig waren, genau das zu
verurteilen, worauf wir unser ganzes Leben gegründet haben.
Noch ein letzter Punkt, dann bin ich fertig. An der Stelle, wo das Neue
Testament sagt, jeder solle arbeiten, wird als Begründung genannt, «damit
er dem Bedürftigen abgeben kann». Wohltätigkeit – die Unterstützung der
Armen – ist ein wesentlicher Bestandteil der christlichen Ethik. In dem
verstörenden Gleichnis von den Schafen und den Böcken scheint dies sogar
der Punkt zu sein, um den sich alles dreht.
Heute sagen manche, Wohltätigkeit sollte eigentlich unnötig sein. Statt
den Armen etwas abzugeben, sollten wir lieber eine Gesellschaft errichten,
in der es keine Armen gibt, denen man etwas geben müsste. Diese Leute
mögen durchaus recht damit haben, dass wir eine solche Gesellschaft
errichten sollten. Aber falls jemand denkt, infolgedessen könnte er in der
Zwischenzeit schon aufhören, den Armen etwas zu geben, dann hat er sich
von jeder christlichen Ethik verabschiedet.
Ich glaube nicht, dass man festlegen kann, wie viel wir geben sollten. Die
einzige verlässliche Regel, fürchte ich, lautet, mehr zu geben, als man
erübrigen kann. Mit anderen Worten, wenn unsere Ausgaben für
Annehmlichkeiten, Luxus, Vergnügungen und dergleichen auf dem Stand
sind, der bei Leuten üblich ist, die genauso viel verdienen wie wir, dann
geben wir wahrscheinlich zu wenig. Wenn unsere Ausgaben für
Wohltätigkeit uns überhaupt nicht einengen und einschränken, dann würde
ich sagen, sie sind zu gering. Es sollte Dinge geben, die wir gerne täten und
nicht tun können, weil unsere Ausgaben für Wohltätigkeit sie nicht
zulassen. Ich spreche hier von «Wohltätigkeit» im gewöhnlichen Sinne.
Besondere Notfälle unter unseren eigenen Verwandten, Freunden, Nachbarn
oder Angestellten, auf die Gott uns sozusagen mit der Nase stößt, können
uns noch erheblich mehr abverlangen. Das kann so weit gehen, dass wir uns
selbst in eine Zwangslage bringen.
Das große Hindernis für die Wohltätigkeit liegt bei vielen von uns nicht
in unserem luxuriösen Lebensstil oder unserer Geldgier, sondern in unserer
Angst begründet – der Angst vor Unsicherheit. Diese müssen wir oft als
Versuchung erkennen. Manchmal behindert auch der Stolz unsere
Wohltätigkeit. Wir sind in Versuchung, mehr als ratsam für die
publikumswirksamen Formen der Großzügigkeit (Trinkgelder,
Gastfreundschaft) auszugeben und weniger als ratsam für diejenigen, die
wirklich unsere Hilfe brauchen.
Bevor ich nun schließe, möchte ich noch eine Vermutung äußern, wie
dieses Kapitel auf seine Leser gewirkt hat. Meine Vermutung ist, dass
darunter ein paar Linke sind, die ziemlich erbost sind, dass ich in dieser
Richtung nicht weiter gegangen bin, und ein paar Leute von der anderen
Seite, die erbost sind, weil sie finden, ich wäre schon viel zu weit gegangen.
Wenn es so ist, dann bringt uns das zum wirklichen Haken aller dieser
Entwürfe einer christlichen Gesellschaft, die wir zeichnen. Die Meisten von
uns beschäftigen sich nämlich nicht deshalb mit diesem Thema, weil wir
wissen wollen, was das Christentum darüber sagt, sondern wir beschäftigen
uns damit, weil wir hoffen, im Christentum Unterstützung für die Ansichten
unserer eigenen Partei zu finden. Wir suchen nach einem Verbündeten, wo
wir nur einen Herrn – oder einen Richter – finden können.
Ich bin genauso. Manches in diesem Abschnitt hätte ich lieber
ausgelassen. Und deshalb wird bei all diesen Reden nichts herauskommen,
wenn wir nicht einen viel größeren Umweg machen. Eine christliche
Gesellschaft kann erst dann entstehen, wenn die Meisten von uns sie
wirklich wollen. Und wir werden sie erst dann wollen, wenn wir im vollen
Sinne Christen geworden sind. Ich kann «Wie ihr wollt, dass euch die Leute
tun sollen, so tut ihnen auch» predigen, bis ich schwarz werde, aber
praktizieren kann ich das erst, wenn ich meinen Nächsten liebe wie mich
selbst. Meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst lerne ich aber erst dann,
wenn ich lerne, Gott zu lieben. Und Gott zu lieben kann ich nicht lernen, es
sei denn, ich lerne, ihm zu gehorchen. Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt:
Wir werden immer weiter in unsere inneren Tiefen getrieben – von den
sozialen zu den religiösen Fragen. Denn der längste Umweg ist der kürzeste
Weg nach Hause.
4. Ethik und Psychoanalyse
Ich habe gesagt, dass wir nie eine christliche Gesellschaft bekommen, wenn
nicht die Meisten von uns Christen werden. Das heißt natürlich nicht, dass
wir die Veränderung unserer Gesellschaft bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag
hinausschieben können. Stattdessen müssen wir beide Aufgaben
gleichzeitig anpacken – erstens die Aufgabe, herauszufinden, wie sich das
«Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch» im Detail
in der modernen Gesellschaft umsetzen lässt, und zweitens die Aufgabe,
selbst zu solchen Leuten zu werden, die dies tatsächlich umsetzen würden,
wenn sie wüssten, wie. Ich möchte mich nun der Frage zuwenden, was denn
ein guter Mensch im christlichen Sinne ist – also der Frage nach der
christlichen Beschreibung der menschlichen Maschine.
Bevor ich zu den Einzelheiten komme, möchte ich noch zwei allgemeine
Punkte deutlich machen. Erstens denke ich, da die christliche Ethik
beansprucht, eine Technik zu sein, um die menschliche Maschine in
Ordnung zu bringen, wird es Sie sicher interessieren, wie sie sich zu einer
anderen Technik verhält, die einen ähnlichen Anspruch erhebt – nämlich
zur Psychoanalyse.
Nun sollte man zwei Dinge sehr klar unterscheiden: die eigentlichen
medizinischen Theorien und Techniken der Psychoanalytiker und die
allgemeine philosophische Weltanschauung, die Freud und andere ihnen mit
der Zeit hinzugefügt haben. Letzteres – die Philosophie Freuds – steht in
direktem Widerspruch zu der C.G. Jungs, eines anderen großen
Psychologen. Darüber hinaus spricht Freud, wenn er sagt, wie Neurotiker
zu heilen seien, als Fachmann auf seinem eigenen Gebiet; aber wenn er sich
dann im Weiteren allgemein philosophisch äußert, spricht er als Amateur.
Deswegen ist es durchaus vernünftig, ihm im einen Fall respektvoll
zuzuhören und im anderen nicht – und so mache ich es auch. Dazu neige
ich umso mehr, als ich festgestellt habe, dass er, wenn er sich von seinem
eigenen Fachgebiet entfernt und über ein anderes Thema redet, von dem ich
etwas verstehe (nämlich über die Sprache), eine große Unwissenheit
offenbart. Die Psychoanalyse selbst jedoch, ohne all die philosophischen
Zusätze, die Freud und andere ihr hinzugefügt haben, steht keineswegs im
Widerspruch zum Christentum. An einigen Stellen überschneidet sich ihre
Technik mit der christlichen Ethik, und es wäre nicht schlecht, wenn jeder
Pfarrer etwas davon verstünde. Freilich verfolgt sie nicht auf der ganzen
Linie denselben Weg, denn die beiden Techniken haben es auf ganz
unterschiedliche Ziele abgesehen.
Wenn ein Mensch eine moralische Entscheidung trifft, sind dabei zwei
Dinge im Spiel. Das eine ist der Akt des Wählens. Das andere sind die
verschiedenen Gefühle, Triebe und dergleichen, mit denen ihn seine
psychische Beschaffenheit konfrontiert und die das Rohmaterial seiner
Wahl darstellen. Nun kann dieses Rohmaterial von zweierlei Art sein.
Entweder es ist normal, besteht also aus Gefühlen, wie sie allen Menschen
gemeinsam sind. Oder es besteht aus ganz unnatürlichen Gefühlen, weil in
seinem Unterbewusstsein gewisse Dinge aus den Fugen geraten sind. So
wäre die Angst vor tatsächlichen Gefahren ein Beispiel für die erste Art von
Gefühlen. Eine irrationale Angst vor Katzen oder Spinnen wäre ein Beispiel
für die zweite Art. Das Verlangen eines Mannes nach einer Frau gehört in
die erste Kategorie; das pervertierte Verlangen eines Mannes nach einem
Mann in die zweite. Das Ziel der Psychoanalyse ist es nun, die abnormalen
Gefühle zu beseitigen, also dem Menschen besseres Rohmaterial für seine
ethischen Entscheidungen zu verschaffen. In der Ethik dagegen geht es um
die Entscheidungen selbst.
Drücken wir es so aus. Stellen Sie sich drei Männer vor, die in den Krieg
ziehen müssen. Einer empfindet dieselbe natürliche Furcht vor Gefahren
wie jeder andere auch, und er unterdrückt sie durch moralische
Anstrengung und wird zu einem tapferen Mann. Nehmen wir nun an, die
anderen beiden werden infolge von Problemen in ihrem Unbewussten von
übertriebenen, irrationalen Ängsten geplagt, gegen die auch die größte
moralische Anstrengung nichts ausrichten kann. Nehmen wir weiter an, ein
Psychoanalytiker kommt des Weges und heilt diese beiden: Er bringt sie
also wieder zurück in dieselbe Position wie den ersten Mann. Das ist genau
der Moment, in dem das psychologische Problem beseitigt ist und das
ethische Problem beginnt. Denn nun, da sie geheilt sind, könnten diese
beiden Männer ganz unterschiedliche Standpunkte beziehen. Der erste sagt
vielleicht: «Bin ich froh, dass ich diese ganzen Angstzustände los bin. Jetzt
kann ich endlich tun, was ich schon immer wollte – meine Pflicht
gegenüber meinem Land.» Dagegen sagt der andere vielleicht: «Na, ich bin
froh, dass mir jetzt unter Beschuss nicht mehr so die Knie schlottern. Aber
das ändert natürlich nichts daran, dass ich immer noch vorhabe, meinen
Kragen zu retten und die gefährlichen Jobs den anderen zu überlassen, wo
immer es geht. Ja, das Gute daran, dass ich jetzt nicht mehr solche Angst
habe, ist unter anderem, dass ich mich jetzt viel effektiver schützen und es
viel schlauer anstellen kann, das vor den anderen zu verbergen.» Dieser
Unterschied ist rein moralisch. Psychoanalyse kann da nichts ausrichten.
Wie sehr man auch das Rohmaterial des Mannes verbessert, es bleibt immer
noch etwas anderes im Spiel: die echte, freie Wahl des Mannes anhand des
Materials, das ihm zur Verfügung steht, seinen eigenen Vorteil entweder an
die erste oder an die letzte Stelle zu setzen. Und diese freie Wahl ist das
Einzige, wofür sich die Ethik interessiert.
Das schlechte psychologische Material ist keine Sünde, sondern eine
Krankheit. Es bedarf nicht der Buße, sondern der Heilung. Und das ist
übrigens ein sehr wichtiger Punkt. Menschen beurteilen sich gegenseitig
nach ihren äußeren Handlungen. Gott beurteilt sie nach ihren ethischen
Entscheidungen. Wenn ein Neurotiker, der eine pathologische Angst vor
Katzen hat, sich aus irgendeinem guten Grund zwingt, eine Katze in den
Arm zu nehmen, dann ist es durchaus möglich, dass er in den Augen Gottes
mehr Mumm bewiesen hat als ein gesunder Mann, der mit der
Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde. Wenn ein Mensch, der von
Jugend an verdorben wurde und eingetrichtert bekam, Grausamkeit sei
etwas Gutes, irgendjemandem eine kleine Freundlichkeit erweist oder auf
eine Grausamkeit verzichtet, die er hätte begehen können, und sich dadurch
vielleicht den Spott seiner Kumpane zuzieht, dann hat er vielleicht in Gottes
Augen mehr getan als Sie oder ich, wenn wir für einen Freund unser Leben
hingeben würden.
Man kann es genauso gut auch andersherum ausdrücken. Manche von
uns, die einen sehr netten Eindruck machen, haben vielleicht in
Wirklichkeit aus unserem guten Erbe und unserer guten Erziehung so wenig
gemacht, dass wir im Grunde schlimmer sind als manche Leute, die wir als
Monster betrachten. Wissen wir denn so genau, wie wir uns verhalten
hätten, wenn wir uns mit der psychischen Ausstattung, der schlechten
Erziehung und dann auch noch mit der Machtfülle eines Heinrich Himmler
hätten abschleppen müssen?
Deshalb ist den Christen das Richten verboten. Wir sehen nur die
Resultate der Entscheidungen, die ein Mensch mit seinem Rohmaterial
trifft. Gott hingegen beurteilt ihn überhaupt nicht nach seinem Rohmaterial,
sondern danach, was er daraus macht. Die psychische Beschaffenheit eines
Menschen ist vermutlich größtenteils auf körperliche Faktoren
zurückzuführen. Wenn sein Körper einmal stirbt, werden all diese Dinge
von ihm abfallen, und der eigentliche innere Mensch, derjenige, der die
Entscheidungen getroffen und das Beste oder das Schlechteste aus seinem
Material gemacht hat, wird nackt dastehen. Von manchen von uns werden
alle möglichen Nettigkeiten abfallen, die wir uns selbst zugeschrieben
haben, obwohl wir sie eigentlich nur unserer guten Verdauung verdankten.
Von anderen werden alle möglichen üblen Dinge abfallen, die durch
Komplexe oder Krankheiten bedingt waren. Dann sehen wir einen jeden
erstmals so, wie er wirklich war. Da wird es manche Überraschungen
geben.
Und das führt mich zu meinem zweiten Punkt. Viele Leute stellen sich
unter christlicher Ethik eine Art Kuhhandel vor, bei dem Gott sagt: «Wenn
du einen Haufen Vorschriften einhältst, dann belohne ich dich; wenn nicht,
kannst du was erleben.» Ich halte das nicht für die beste Betrachtungsweise.
Ich würde viel eher sagen, dass Sie mit jeder Entscheidung, die Sie treffen,
Ihren innersten Kern, den Teil von Ihnen, der wählt, ein kleines bisschen
verändern. Und im Laufe eines ganzen Lebens verwandeln diese unzähligen
Entscheidungen diesen innersten Kern ganz allmählich entweder in ein
Himmelsgeschöpf oder in ein Höllengeschöpf: entweder in ein Wesen im
Einklang mit Gott, mit anderen Geschöpfen und mit sich selbst oder in
eines, das voller Krieg und Hass steckt gegen Gott, seine Mitgeschöpfe und
sich selbst. Das eine ist der Himmel, ist Freude, Friede, Erkenntnis und
Kraft. Das andere bedeutet Wahnsinn, Grauen, Idiotie, Wut, Ohnmacht und
ewige Einsamkeit. Jeder von uns bewegt sich in jedem Moment entweder
auf den einen oder auf den anderen Zustand zu.
Das erklärt, was mich früher immer bei christlichen Schriftstellern
verblüfft hat: Sie wirken im einen Moment unglaublich streng und im
nächsten sehr frei und locker. Über bloße gedankliche Sünden reden sie, als
wären sie überaus bedeutsam; und dann sprechen sie von Mord und Verrat
der übelsten Sorte, als müsse man sie nur bereuen, und schon sei alles
vergeben.
Aber inzwischen habe ich eingesehen, dass sie recht haben. Sie haben
immer die Spuren im Blick, die eine Tat an jenem winzigen, zentralen
Selbst hinterlässt, das in diesem Leben niemand zu sehen bekommt, das
aber für jeden von uns entweder ewige Bürde oder ewige Freude sein wird.
Der eine ist vielleicht in einer Position, dass sein Zorn das Blut von
Tausenden von Menschen kostet. Der andere ist so gestellt, dass er nur
ausgelacht wird, wie wild sein Zorn auch sein mag. Dabei ist die kleine
Narbe des Zorns an der Seele vielleicht bei beiden die gleiche. Jeder von
ihnen hat sich selbst etwas zugefügt, was es ihm ohne Buße schwerer
machen wird, der nächsten Versuchung zu einem Wutanfall zu widerstehen,
und was die Wut dann, wenn sie ihn befällt, umso schlimmer machen wird.
Bei beiden kann diese Verbiegung ihres innersten Menschen wieder gerade
gezogen werden, wenn sie sich ernsthaft an Gott wenden. Und beide sind
auf lange Sicht dem Verderben ausgeliefert, wenn sie es nicht tun. Ob die
Sache von außen wie ein monströses Verbrechen oder wie eine Lappalie
aussieht, ist dabei im Grunde unerheblich.
Ein letzter Punkt. Ich sagte ja, dass die richtige Richtung nicht nur zum
Frieden, sondern auch zur Erkenntnis führt. Je besser ein Mensch wird,
desto klarer wird ihm, was noch alles an Bösem in ihm steckt. Je schlechter
ein Mensch dagegen wird, desto weniger begreift er seine eigene
Schlechtigkeit. Ein halbwegs schlechter Mensch weiß, dass er nicht
besonders gut ist. Ein durch und durch schlechter Mensch findet sich selbst
völlig in Ordnung. Das liegt ja eigentlich auch nahe. Man begreift den
Schlaf, wenn man wach ist, nicht, wenn man schläft. Man bemerkt
Rechenfehler, wenn man klar denkt. Während man sie macht, kann man sie
nicht sehen. Man weiß, was es mit Trunkenheit auf sich hat, wenn man
nüchtern ist, nicht, wenn man betrunken ist. Gute Menschen wissen über
Gutes und Böses Bescheid; schlechte über keines von beiden.
5. Sexualethik
Wir wenden uns nun der christlichen Ethik im Hinblick auf Sex zu oder
dem, was die Christen die Tugend der Keuschheit nennen. Die christliche
Keuschheitsregel ist nicht mit der gesellschaftlichen Regel der
«Sittsamkeit» zu verwechseln, also mit Schicklichkeit oder Anstand.
Gesellschaftliche Anstandsregeln legen nach den Gepflogenheiten einer
bestimmten sozialen Gruppe fest, wie viel Haut man zeigen und worüber
man mit welchen Worten sprechen darf. Während also die Keuschheitsregel
für alle Christen aller Zeiten dieselbe ist, ändern sich die Anstandsregeln
laufend. Ein Mädchen auf einer Insel im Pazifik, das kaum etwas anhat, und
eine Dame der viktorianischen Zeit, die sich bis zum Hals verhüllt, können
nach den Maßstäben ihrer jeweiligen Gesellschaft beide gleich «sittsam»,
schicklich oder anständig sein. Ihre Kleidung verrät uns auch nichts
darüber, ob sie keusch oder unkeusch sind. Manche Wörter und
Wendungen, die keusche Frauen zu Shakespeares Zeiten gebrauchten, hätte
im neunzehnten Jahrhundert nur ein völlig verwahrlostes Luder in den
Mund genommen.
Wenn Menschen die Anstandsregeln verletzen, die zu ihrer Zeit und in
ihrem Umfeld gebräuchlich sind, und dies zu dem Zweck tun, in sich selbst
oder anderen Lüsternheit zu wecken, dann verstoßen sie gegen die
Keuschheit. Übertreten sie diese Regeln aber nur aus Unwissenheit oder
Achtlosigkeit, so machen sie sich lediglich schlechter Manieren schuldig.
Verstoßen sie, wie es häufig geschieht, aus Trotz dagegen, um andere zu
schockieren oder in Verlegenheit zu bringen, so muss das nicht unbedingt
heißen, dass sie unkeusch sind. Aber sie verhalten sich lieblos, denn es ist
lieblos, sich am Unbehagen anderer zu erfreuen.
Meiner Meinung nach zeugt ein besonders strenger oder kleinlicher
Maßstab für Schicklichkeit nicht immer von Keuschheit und hilft auch nicht
unbedingt dabei, keusch zu sein. Deshalb halte ich die erhebliche
Lockerung und Vereinfachung der Sitten, die während meiner Lebenszeit
vonstattengegangen ist, für etwas Gutes. In ihrem augenblicklichen Stadium
hat sie allerdings den Nachteil, dass Leute unterschiedlichen Alters und
unterschiedlichen Typs sich nicht nach denselben Maßstäben richten und
wir kaum noch wissen, woran wir uns halten sollen. Solange diese
Verwirrung anhält, sollten sich alte – oder altmodische – Leute meiner
Meinung nach davor hüten, junge oder «emanzipierte» Leute vorschnell für
verdorben zu halten, nur weil sie sich (nach dem alten Maßstab)
unschicklich benehmen. Umgekehrt sollten die jungen Leute die Älteren
nicht als prüde oder puritanisch beschimpfen, nur weil sie sich mit dem
neuen Maßstab schwertun. Ein aufrichtiger Wunsch, anderen so viel Gutes
wie möglich zu unterstellen und ihnen mit möglichst viel Rücksicht und
Entgegenkommen zu begegnen, dürfte die meisten Probleme aus dem Weg
räumen.
Die Keuschheit ist die unpopulärste unter den christlichen Tugenden. Es
führt kein Weg daran vorbei: «Entweder Ehe und völlige Treue gegenüber
dem Partner oder völlige Enthaltsamkeit»; so lautet die christliche Regel.
Nun ist das so schwierig und unseren Instinkten so entgegengesetzt, dass
offenbar entweder das Christentum sich irrt oder mit dem sexuellen
Instinkt, wie er heute ist, etwas schiefgegangen ist. Eines von beidem. Als
Christ bin ich natürlich der Auffassung, dass der Fehler bei unserem
Instinkt liegt.
Aber für diese Ansicht habe ich noch andere Gründe. Der biologische
Zweck der Sexualität sind Kinder, so wie der biologische Zweck des Essens
die Instandhaltung unseres Körpers ist. Wenn wir nun aber jederzeit nach
Lust und Laune essen, so viel wir wollen, dann ist es sicherlich so, dass die
Meisten von uns zwar zu viel essen werden, aber nicht bis zur völligen
Unmäßigkeit. Es mag vielleicht einer für zwei essen, aber nicht für zehn.
Unser Appetit ist ein bisschen größer, als es sein biologischer Zweck
verlangt, aber nicht enorm viel größer. Stillt dagegen ein junger Mann
seinen sexuellen Appetit, wann immer er Lust dazu hat, und jedes Mal
kommt ein Baby dabei heraus, so dürfte er innerhalb von zehn Jahren ein
kleines Dorf bevölkert haben. Dieser Appetit steht in einem lächerlichen
und absurden Missverhältnis zu seiner Funktion.
Oder drücken wir es anders aus. Für einen Striptease bekommt man
jederzeit ein großes Publikum zusammen – also um einer Frau dabei
zuzuschauen, wie sie sich auf der Bühne auszieht. Jetzt stellen Sie sich vor,
Sie kämen in ein Land, wo man ein Theater damit füllen könnte, einfach
nur einen zugedeckten Teller auf die Bühne zu stellen und dann langsam die
Serviette wegzuziehen, damit jeder, kurz bevor die Lichter ausgehen, sehen
kann, dass darauf ein Lammkotelett oder ein Stück Speck liegt. Käme Ihnen
da nicht der Gedanke, dass in diesem Land mit dem Appetit aufs Essen
irgendetwas schiefgegangen ist? Müsste demnach nicht jemand, der in einer
anderen Welt aufgewachsen wäre, den Eindruck bekommen, dass mit dem
Zustand des Sexualinstinkts bei uns in ähnlicher Weise etwas nicht stimmt?
Ein Kritiker schrieb mir, wenn er ein Land fände, in dem solche
Stripteaseaufführungen mit Lebensmitteln populär wären, würde er daraus
schließen, dass die Leute in diesem Land Hunger litten. Damit meinte er
natürlich, dass solche Dinge wie der Striptease nicht von sexueller
Verdorbenheit herrühren, sondern von sexueller Hungersnot. Ich stimme
ihm zu: Wenn wir in irgendeinem fremden Land feststellen würden, dass
dort solche Darbietungen mit Lammkoteletts der Renner wären, dann wäre
Hunger eine der möglichen Erklärungen, die mir dazu einfallen würden.
Doch dann wäre der nächste Schritt, unsere Hypothese zu überprüfen und
herauszufinden, ob denn in jenem Land viel oder wenig gegessen wird.
Sollte sich dabei herausstellen, dass dort tatsächlich eine ganze Menge
gegessen wird, so müssten wir natürlich die Hungerhypothese aufgeben und
nach einer anderen Erklärung suchen.
Ebenso müssten wir auch, bevor wir sexuellen Notstand als Erklärung für
den Striptease akzeptieren, Belege dafür suchen, dass es in unserer Zeit
tatsächlich mehr sexuelle Abstinenz gibt als zu Zeiten, in denen man solche
Dinge wie den Striptease nicht kannte. Aber dafür spricht überhaupt nichts.
Durch die Verhütungsmittel ist das sexuelle Vergnügen innerhalb der Ehe
viel weniger kostspielig und außerhalb der Ehe viel ungefährlicher
geworden als je zuvor. Außerdem ist die öffentliche Meinung gegenüber
illegitimen Beziehungen und sogar Perversionen seit der Zeit der alten
Heiden noch nie so duldsam gewesen wie heute.
Überdies ist die Notstandshypothese ja auch nicht die einzige, die wir uns
vorstellen können. Jeder weiß, dass die sexuelle Begierde, wie jede andere
Begierde auch, zunimmt, je mehr wir sie befriedigen. Mag sein, dass
hungernde Menschen viel ans Essen denken, aber Vielfraße tun das auch.
Der Reiz wirkt auf die Schlemmer ebenso wie auf die Hungernden.
Und noch ein dritter Punkt. Es gibt nur sehr wenige Leute, die gerne
Dinge essen, die eigentlich keine Lebensmittel sind, oder die mit
Lebensmitteln andere Dinge tun wollen, anstatt sie zu essen. Mit anderen
Worten, Perversionen des Appetits auf Essen kommen selten vor. Dagegen
sind die Perversionen des Sexualinstinkts vielfältig, schwer heilbar und
fürchterlich.
Es tut mir leid, dass ich all diese Einzelheiten benennen muss, aber es
geht nicht anders. Der Grund dafür ist, dass Sie und ich seit zwanzig Jahren
den ganzen Tag über mit faustdicken Lügen über Sex gefüttert werden. Bis
zum Erbrechen hat man uns eingetrichtert, unser Sexualtrieb sei im selben
Zustand wie jeder andere unserer natürlichen Triebe, und wenn wir nur die
alberne viktorianische Gewohnheit aufgeben könnten, ein großes
Geheimnis daraus zu machen, dann würden wir in einem paradiesischen
Garten leben. Das stimmt nicht. Sobald man sich die Fakten anschaut und
die Propaganda ausblendet, sieht man, dass es Unfug ist.
Es wird gesagt, alle Probleme mit dem Sex kämen daher, dass er immer
totgeschwiegen worden sei. Aber das war ja in den letzten zwanzig Jahren
überhaupt nicht der Fall. Den ganzen Tag lang wird darüber geschwätzt.
Doch die Probleme sind immer noch da. Wenn das Verschweigen die
Ursache des Übels gewesen wäre, dann hätten doch die endlosen
öffentlichen Diskussionen darüber es beseitigen müssen. Aber das ist nicht
geschehen.
Ich glaube, es ist umgekehrt. Die Menschen haben überhaupt erst mit der
Heimlichtuerei begonnen, weil es so viele Probleme mit dem Sex gab.
Moderne Menschen sagen immer: «Für Sex muss man sich nicht
schämen.» Damit können zwei Dinge gemeint sein. Es kann bedeuten:
«Man muss sich nicht dafür schämen, dass die Menschen sich auf eine
bestimmte Weise fortpflanzen, und auch nicht dafür, dass ihnen das
Vergnügen bereitet.» Wer es so meint, hat völlig recht damit. Das
Christentum ist derselben Meinung. Nicht die Sache selbst ist das Problem
und auch nicht das Vergnügen daran. Die alten christlichen Lehrer sagten,
wäre der Mensch nie in Sünde gefallen, dann hätten wir heute nicht
weniger, sondern mehr Freude am Sex.
Ich weiß, es hat unter den Christen Wirrköpfe gegeben, die so redeten, als
wären Sex, der Körper oder das Vergnügen an sich nach christlicher
Auffassung etwas Schlechtes. Aber das ist ein Irrtum. Das Christentum ist
nahezu die einzige unter den großen Religionen, die den Körper durch und
durch bejaht. Aus christlicher Sicht ist Materie etwas Gutes. Gott selbst hat
einmal einen menschlichen Leib angenommen, und wir werden auch im
Himmel einen irgendwie gearteten Körper bekommen, der dann ein
wesentlicher Teil unserer Seligkeit, unserer Schönheit und unserer Kraft
sein wird. Das Christentum hat die Ehe mehr verherrlicht als jede andere
Religion, und die größten Liebesgedichte der Welt stammen fast
ausschließlich von Christen. Wer sagt, Sex an sich sei etwas Schlechtes,
dem widerspricht das Christentum sofort.
Aber wenn Leute sagen, für Sex müsse man sich nicht schämen, dann
kann es natürlich auch sein, dass sie damit meinen: «Für den gegenwärtigen
Zustand des Sexualinstinkts muss man sich nicht schämen.»
Wer es so meint, irrt sich meiner Ansicht nach. Dafür, glaube ich, muss
man sich durchaus schämen. Man muss sich nicht dafür schämen, wenn
man sein Essen genießt. Doch es wäre äußerst beschämend, wenn die halbe
Welt das Essen zur Hauptsache ihres Lebens machen würde und ihre Zeit
damit verbrächte, sich sabbernd und schmatzend Bilder von Lebensmitteln
anzuschauen.
Ich behaupte nicht, dass Sie und ich für die gegenwärtige Situation
persönlich verantwortlich wären. Unsere Vorfahren haben uns einen
Organismus hinterlassen, der in dieser Hinsicht verbogen ist, und wir
wachsen unter ständigem Beschuss einer Propaganda zugunsten der
Unkeuschheit auf. Es gibt Leute, die unseren Sexualtrieb ständig anheizen
wollen, um uns damit das Geld aus der Tasche zu ziehen. Denn wer von
etwas besessen ist, wird Kaufanreizen nur wenig Widerstand leisten. Gott
kennt unsere Situation. Er wird uns nicht so beurteilen, als hätten wir
keinerlei Schwierigkeiten zu überwinden. Worauf es ankommt, ist, dass wir
sie aufrichtig und beharrlich überwinden wollen.
Ehe wir geheilt werden können, müssen wir geheilt werden wollen. Wer
wirklich Hilfe haben möchte, wird sie auch bekommen. Vielen modernen
Menschen aber fällt schon dieser Wunsch sehr schwer. Man bildet sich
leicht ein, etwas zu wollen, was man in Wirklichkeit gar nicht will. Ein
berühmter Christ sagte vor langer Zeit, er habe als junger Mann ständig um
Keuschheit gebetet. Doch nach Jahren sei ihm klar geworden, dass immer,
wenn seine Lippen sagten: «O Herr, mach mich keusch», sein Herz
heimlich hinzusetzte: «Aber bitte noch nicht jetzt.» So kann es einem auch
beim Beten um andere Tugenden gehen, aber aus drei Gründen fällt es uns
besonders schwer, uns vollkommene Keuschheit zu wünschen – geschweige
denn, sie zu erlangen.
Erstens haben sich unsere verbogene Natur, die Teufel, die uns in
Versuchung führen, und die ganze heutige Lustpropaganda verschworen,
um uns das Gefühl zu geben, die Begierden, denen wir widerstehen, seien
doch etwas so «Natürliches», «Gesundes» und Vernünftiges, dass es schon
fast pervers und abnormal sei, ihnen zu widerstehen. Ein Plakat, Film oder
Roman nach dem anderen bringt die Vorstellung sexueller Freizügigkeit in
Verbindung mit Gedanken wie Gesundheit, Normalität, Jugend, Freiheit
und guter Laune.
Aber diese Gedankenverbindung ist eine Lüge. Wie bei allen
wirkungsvollen Lügen steckt dahinter eine Wahrheit – nämlich die oben
bereits genannte Wahrheit, dass Sex an sich (ohne die Exzesse und
Obsessionen, die sich darum gerankt haben) «normal» und «gesund» und so
weiter ist. Die Lüge besteht in der Andeutung, jede beliebige sexuelle
Handlung, zu der man gerade Lust hat, sei ebenso gesund und normal.
Das aber ist auf jeden Fall Unfug, egal, von welchem Standpunkt man es
betrachtet, ganz unabhängig vom Christentum. Wenn wir uns all unseren
Begierden hingeben, führt das offensichtlich zu Impotenz, Krankheit,
Eifersucht, Lügen, Heimlichkeiten und allem, was das Gegenteil von
Gesundheit, guter Laune und Freiheit ist. Wer glücklich sein will, und sei es
nur in dieser Welt, der braucht eine Menge Selbstbeherrschung. Also besagt
es gar nichts, dass jedes starke Verlangen den Anspruch erhebt, gesund und
vernünftig zu sein. Jeder vernünftige und zivilisierte Mensch braucht
gewisse Grundsätze, nach denen er manche seiner Begierden zurückweist
und anderen nachgibt. Der eine hält sich dabei an christliche, der andere an
hygienische und wieder ein anderer an soziologische Grundsätze.
Der wahre Konflikt besteht nicht zwischen dem Christentum und der
«Natur», sondern zwischen christlichen und anderen Grundsätzen zur
Zügelung der «Natur». Denn gezügelt werden muss die «Natur» (im Sinne
des natürlichen Verlangens) so oder so, wenn man sich nicht das ganze
Leben ruinieren will. Zugegeben, die christlichen Grundsätze sind strenger
als andere. Allerdings bekommt derjenige, der ihnen gehorchen will, dabei
Hilfe, die man nicht bekommt, wenn man anderen Grundsätzen zu
gehorchen versucht.
Zweitens lassen sich viele Leute davon abschrecken, sich ernsthaft um
christliche Keuschheit zu bemühen, weil sie das für unerreichbar halten
(ohne es je versucht zu haben). Aber wenn man etwas versuchen muss, darf
man nie darüber nachdenken, ob es möglich oder unmöglich ist. Bei einer
freigestellten Frage in einer Prüfung denkt man darüber nach, ob man sie
bewältigen kann oder nicht. Bei einer Pflichtfrage muss man eben sein
Bestes tun. Für eine unvollkommene Antwort bekommt man immerhin ein
paar Punkte. Wenn man es gar nicht erst versucht, bekommt man jedenfalls
keine. Nicht nur bei Prüfungen, auch im Krieg, beim Bergsteigen oder wenn
sie Rollschuhlaufen, Schwimmen oder Radfahren lernen oder auch nur
versuchen, sich mit kalten Fingern den Kragenknopf zuzumachen, tun
Leute häufig Dinge, die ihnen vorher unmöglich erschienen. Es ist
erstaunlich, was man alles hinkriegt, wenn man muss.
Tatsächlich können wir davon ausgehen, dass vollkommene Keuschheit
durch bloße menschliche Anstrengung nicht zu erreichen ist – genauso
wenig wie vollkommene Nächstenliebe. Sie müssen dazu Gott um seine
Hilfe bitten. Und auch wenn Sie das getan haben, kann es sein, dass Sie
lange Zeit den Eindruck haben, dass Sie keine oder zumindest nicht genug
Hilfe bekommen. Machen Sie sich nichts daraus. Bitten Sie nach jedem
Scheitern um Vergebung, stehen Sie wieder auf und versuchen Sie es
weiter. Sehr oft ist es so, dass Gott uns zunächst einmal nicht bei der
Tugend selbst hilft, sondern bei dieser Fähigkeit, es immer wieder zu
versuchen. Denn so wichtig Keuschheit (oder Tapferkeit, Wahrhaftigkeit
oder jede andere Tugend) auch ist, noch wichtiger sind die Gewohnheiten
der Seele, die dieser Prozess uns antrainiert. Er heilt uns von unseren
Illusionen über uns selbst und lehrt uns, uns auf Gott zu verlassen. Wir
lernen dadurch einerseits, dass wir uns selbst in unseren besten Momenten
nicht über den Weg trauen können, und andererseits, dass wir auch in
unseren schlimmsten Momenten nicht verzweifeln müssen, weil unsere
Misserfolge vergeben sind. Verhängnisvoll ist nur, sich hinzusetzen und
sich mit weniger als Vollkommenheit zufriedenzugeben.
Drittens wird oft missverstanden, was die Psychologie über
«Verdrängung» zu sagen hat. Aus psychologischer Sicht ist es gefährlich,
den Sexualtrieb zu «verdrängen». Doch «verdrängen» ist hier ein
Fachausdruck: Es ist nicht gleichbedeutend mit «unterdrücken» im Sinne
von «verweigern» oder «widerstehen». Ein Verlangen oder einen Gedanken
zu verdrängen heißt, ihn ins Unterbewusstsein zu verbannen (meist
geschieht das im frühen Kindesalter), so dass er nun nur noch in
verschleierter und unkenntlicher Form im Bewusstsein auftaucht.
Verdrängte Sexualität wird also von dem Betroffenen überhaupt nicht als
Sexualität erkannt. Wenn ein Jugendlicher oder ein Erwachsener einem
bewussten Verlangen widersteht, leidet er weder an einer Verdrängung,
noch ist er in Gefahr, eine zu erzeugen. Im Gegenteil, wer sich ernsthaft um
Keuschheit bemüht, ist sich seiner eigenen Sexualität stärker bewusst und
weiß bald erheblich mehr darüber als andere Leute. Er lernt seine Wünsche
kennen, wie Wellington Napoleon oder wie Sherlock Holmes Professor
Moriarty kannte; wie ein Rattenfänger Ratten kennt oder ein Klempner über
undichte Rohre Bescheid weiß. Tugend – auch schon das Bemühen um
Tugend – erhellt; Zügellosigkeit vernebelt.
Zum Schluss: Auch wenn ich hier in einiger Ausführlichkeit über Sex
sprechen musste, möchte ich in aller Klarheit unterstreichen, dass dies nicht
der Punkt ist, um den sich die christliche Ethik dreht. Falls jemand denken
sollte, aus christlicher Sicht sei Unkeuschheit das schlimmste aller Laster,
so irrt er sich gewaltig. Die Sünden des Fleisches sind schlimm, aber sie
sind noch die harmlosesten von allen Sünden. Die schlimmsten
Ausschweifungen sind alle von spiritueller Art: das Vergnügen daran,
andere ins Unrecht zu setzen, sie herumzukommandieren, sie herablassend
zu behandeln, ihnen den Spaß zu verderben und über sie zu lästern; das
Vergnügen an Macht und Hass. Denn in meinem Innern sind zwei Dinge,
die im Widerstreit mit dem menschlichen Selbst liegen, das mir als Ziel
gesetzt ist: das animalische Selbst und das diabolische Selbst. Das
Schlimmere der beiden ist das diabolische Selbst. Deshalb kann es durchaus
sein, dass ein kaltherziger, selbstgerechter Tugendbold, der regelmäßig in
die Kirche geht, der Hölle viel näher ist als eine Prostituierte. Besser ist es
natürlich, wenn man keines von beiden ist.
6. Die christliche Ehe
Das letzte Kapitel enthielt vorwiegend Negativaussagen. Ich habe erörtert,
was mit dem Sexualtrieb des Menschen nicht stimmt, aber über seine
richtige Wirkungsweise – über die christliche Ehe also – habe ich wenig
gesagt. Aus zwei Gründen drängt es mich nicht besonders, mich mit der
Ehe zu beschäftigen. Erstens sind die christlichen Lehren zu diesem Thema
ausgesprochen unpopulär. Zweitens war ich selbst nie verheiratet und kann
mich darum nur aus zweiter Hand dazu äußern. Trotz alledem halte ich es
für kaum möglich, über christliche Ethik zu sprechen und dabei dieses
Thema auszulassen.
Die christliche Ehevorstellung basiert auf den Worten Christi, wonach ein
Mann und seine Ehefrau als ein einziger Organismus zu betrachten sind –
denn das verbirgt sich hinter der Formulierung «ein Fleisch». Und Christen
glauben, als er das sagte, drückte er keine Empfindung aus, sondern eine
Tatsache – genauso, wie man eine Tatsache ausdrückt, wenn man sagt, ein
Schloss und sein Schlüssel seien ein einziger Mechanismus oder eine
Violine und ihr Bogen seien ein einziges Instrument. Der Erfinder der
menschlichen Maschine sagte uns damit, dass ihre zwei Hälften, die
männliche und die weibliche, dazu da sind, paarweise miteinander
verbunden zu werden, und zwar nicht nur auf sexueller Ebene, sondern
vollkommen vereint. Das Ungeheuerliche am Geschlechtsverkehr außerhalb
der Ehe ist, dass damit versucht wird, eine Form der Vereinigung (nämlich
die sexuelle) von all den anderen Bindungen zu isolieren, die eigentlich
damit verbunden sein sollten. Die christliche Haltung besagt nicht, sexueller
Genuss sei etwas Verkehrtes, genauso wenig wie der Genuss am Essen.
Sondern sie besagt, dass man diesen Genuss nicht isolieren darf, um nur ihn
allein zu bekommen, genauso wenig, wie man versuchen sollte, sich
kulinarische Genüsse zu verschaffen, ohne zu schlucken und zu verdauen,
indem man Speisen nur kaut und wieder ausspuckt.
Eine Konsequenz daraus ist die christliche Lehre, wonach die Ehe fürs
ganze Leben Bestand hat. Freilich gibt es hier Unterschiede zwischen den
verschiedenen Kirchen: Manche lassen eine Scheidung überhaupt nicht zu;
andere lassen diese Möglichkeit widerstrebend in ganz besonderen Fällen
zu. Es ist sehr schade, dass sich die Christen über eine solche Frage nicht
einig sind. Was man als gewöhnlicher Laie jedoch beachten sollte, ist, dass
unter den Kirchen hinsichtlich der Ehe erheblich mehr Einigkeit besteht als
zwischen irgendeiner Kirche und der Außenwelt. Damit meine ich, dass für
sie alle eine Scheidung so etwas Ähnliches ist wie das Zerschneiden eines
lebendigen Wesens, wie ein operativer Eingriff. Manche von ihnen halten
diese Operation für so heftig, dass sie völlig unmöglich ist; andere lassen
sie als verzweifelte Maßnahme in Extremfällen zu. Einig sind sie sich alle
darin, dass eine Scheidung eher mit einer beidseitigen Beinamputation zu
vergleichen ist als mit der Auflösung einer Geschäftspartnerschaft oder gar
mit der Desertion von einem Regiment. Im Widerspruch stehen sie alle zu
der modernen Ansicht, es handele sich lediglich um eine Neuausrichtung
der Partner, die man immer dann vornehmen kann, wenn Leute meinen, sie
liebten einander nicht mehr, oder wenn einer von beiden sich in jemand
anderen verliebt.
Ehe wir uns anschauen, wie diese moderne Sichtweise sich zur
Keuschheit verhält, sollten wir nicht vergessen, sie in Bezug auf eine andere
Tugend zu betrachten, nämlich die Gerechtigkeit. Zur Gerechtigkeit gehört,
wie ich schon sagte, auch das Einhalten von Versprechungen. Nun hat jeder
Mensch, der in einer Kirche geheiratet hat, dabei ein öffentliches,
feierliches Versprechen abgelegt, bis zum Tode bei seinem Partner oder
seiner Partnerin zu bleiben. Die Pflicht, dieses Versprechen einzuhalten, hat
nicht in erster Linie etwas mit Sexualethik zu tun, sondern sie gilt hier wie
für jedes andere Versprechen auch. Wenn also der Geschlechtstrieb, wie
heute immer behauptet wird, ein Trieb ist wie jeder andere, dann sollten wir
mit ihm auch genauso umgehen wie mit unseren anderen Trieben. Und da
wir die Befriedigung dieser Triebe unseren gegebenen Versprechungen
unterordnen müssen, sollten wir es in diesem Fall genauso machen. Sollte
dieser Trieb freilich, wie ich glaube, den anderen Trieben keineswegs
gleich, sondern krankhaft überreizt sein, so sollten wir umso mehr darauf
achten, uns durch ihn nicht zum Wortbruch verleiten zu lassen.
Darauf könnte jemand entgegnen, das in der Kirche gegebene
Versprechen sei für ihn eine bloße Formalität gewesen, die er nie
einzuhalten beabsichtigt habe. Aber wen wollte er dann eigentlich täuschen,
als er es ablegte? Gott? Das wäre wirklich sehr unklug. Sich selbst? Das
wäre auch nicht viel klüger. Die Braut oder den Bräutigam oder vielleicht
die Schwiegereltern? Das wäre dann blanker Verrat.
Ich glaube, meistens hoffte das Paar oder einer der Partner, damit die
Öffentlichkeit zu täuschen. Sie wollten sich die mit der Ehe verbundene
Respektabilität verschaffen, ohne den Preis dafür zu bezahlen. Das heißt,
sie waren Hochstapler und Betrüger. Wenn sie nach wie vor zufriedene
Betrüger sind, habe ich ihnen nichts zu sagen. Wer will denn schon Leuten,
die sich noch nicht einmal ehrlicher zu sein wünschen, die hohe und
schwere Pflicht der Keuschheit aufbürden? Doch wenn sie inzwischen zur
Besinnung gekommen sind und ehrlich sein wollen, dann sind sie an ihr
bereits gegebenes Versprechen gebunden. Und dies fällt, wie Sie sehen,
unter Gerechtigkeit, nicht unter Keuschheit. Wer nicht an eine unauflösliche
Ehe glaubt, der sollte vielleicht lieber unverheiratet zusammenleben, als ein
Gelübde abzulegen, das er nicht einzuhalten gedenkt. Sicher, wer
unverheiratet zusammenlebt, macht sich (aus christlicher Sicht) der
Unzucht schuldig. Aber man kann einen Fehler nicht beheben, indem man
noch einen anderen hinzufügt. Unkeuschheit wird nicht besser dadurch,
dass man auch noch einen falschen Schwur tut.
Die Vorstellung, «Verliebtsein» sei der einzige Grund, verheiratet zu
bleiben, lässt für die Ehe als Vertrag oder Versprechen überhaupt keinen
Raum mehr. Wenn es nur um Liebe geht, dann bringt ein Versprechen auch
nicht mehr, und wenn es nicht mehr bringt, sollte man es nicht geben.
Seltsamerweise wissen die Liebenden selbst, solange sie wirklich verliebt
sind, das viel besser als diejenigen, die nur über Liebe reden. Chesterton hat
darauf hingewiesen, dass Verliebte von Natur aus dazu neigen, sich durch
Versprechen aneinander zu binden. Überall auf der Welt sind die
Liebeslieder voller ewiger Treueschwüre. Das christliche Gebot zwingt also
nicht etwa der Leidenschaft der Liebe irgendetwas auf, was dieser
Leidenschaft wesensfremd wäre. Es verlangt lediglich, dass die Liebenden
das, wozu ihre Leidenschaft sie ohnehin treibt, auch ernst nehmen.
Und natürlich verpflichtet mich das Versprechen lebenslanger Treue
gegenüber dem geliebten Menschen, das ich gegeben habe, als ich und weil
ich verliebt war, auch dann noch zu dieser Treue, wenn ich nicht mehr
verliebt bin. Ein Versprechen muss sich auf Dinge beziehen, die ich tun
kann, auf Handlungsweisen. Schließlich kann niemand versprechen, für
immer ein bestimmtes Gefühl zu empfinden. Genauso gut könnte man
versprechen, nie Kopfschmerzen oder immer Hunger zu haben.
Aber was nützt es, könnte man fragen, zwei Leute zum
Zusammenbleiben zu zwingen, wenn sie sich nicht mehr lieben? Dafür gibt
es mehrere triftige soziale Gründe: damit ihre Kinder ein Zuhause haben
oder um die Frau (die durch ihre Heirat vermutlich ihre eigene berufliche
Laufbahn geopfert oder geschädigt hat) davor zu schützen, von ihrem Mann
fallengelassen zu werden, sobald er ihrer überdrüssig ist. Aber es gibt noch
einen weiteren Grund, dessen ich mir sehr sicher bin, auch wenn ich ihn
schwierig zu erklären finde.
Schwierig ist es deshalb, weil so viele Leute einfach nicht wahrhaben
wollen, dass, wenn B besser ist als C, A durchaus noch besser sein könnte
als B. Sie denken lieber in den Kategorien «gut und schlecht» als «gut,
besser und am besten» oder «schlecht, schlechter und am schlechtesten».
Sie wollen wissen, ob man es gut findet, ein Patriot zu sein. Antwortet man
darauf, Patriotismus sei natürlich viel besser als individueller Egoismus,
aber nicht so gut wie allgemeine Nächstenliebe, und wo die beiden im
Widerspruch zueinander stünden, müsse die allgemeine Nächstenliebe
Vorrang haben, dann denken sie, man wolle der Frage ausweichen. Oder sie
fragen einen, was man vom Duellieren hält. Antwortet man darauf, es sei
viel besser, dem anderen zu verzeihen, als sich mit ihm zu duellieren, doch
selbst ein Duell könne besser sein als eine lebenslange Feindschaft, bei der
man insgeheim ständig versuche, den anderen zugrunde zu richten, dann
gehen sie weg und beschweren sich, man wolle ihnen keine klare Antwort
geben. Ich hoffe, niemand wird das, was ich jetzt sagen werde, in dieser
Weise missverstehen.
Das, was wir «Verliebtsein» nennen, ist ein herrlicher Zustand, und er tut
uns in mehrfacher Hinsicht gut. Er hilft uns, großzügig und tapfer zu sein.
Er öffnet uns die Augen nicht nur für die Schönheit des geliebten
Menschen, sondern für die Schönheit überhaupt, und er weist (besonders
am Anfang) unsere rein animalische Sexualität in ihre Schranken. In diesem
Sinne ist die Liebe die große Siegerin über die Lüsternheit. Niemand, der
bei Verstand ist, würde bestreiten, dass Verliebtsein viel besser ist als
allgemeine Sinnlichkeit oder kalte Selbstsucht.
Doch wie ich vorhin schon sagte: «Nichts ist gefährlicher, als wenn man
einen bestimmten natürlichen Trieb zu dem höchsten Ziel erhebt, dem man
um jeden Preis folgen sollte.» Verliebtsein ist gut, aber es ist nicht das
Beste. Es gibt vieles, was niedriger steht; es gibt aber auch Dinge, die
darüberstehen. Man kann es nicht zur Grundlage seines ganzen Lebens
machen. Es ist ein edles Gefühl, aber dennoch ein Gefühl. Und bei einem
Gefühl ist eben nie Verlass darauf, dass es für immer in seiner vollen Stärke
weiterbesteht oder überhaupt von Dauer ist. Erkenntnis kann von Dauer
sein. Grundsätze können von Dauer sein. Gewohnheiten können von Dauer
sein. Gefühle aber kommen und gehen. Und was die Leute auch immer
sagen, in Wirklichkeit ist der Zustand des «Verliebtseins» meistens nicht
von Dauer. Wenn der alte Märchenschluss «Und sie lebten glücklich bis an
ihr Ende» heißen soll: «Sie empfanden für die nächsten fünfzig Jahre genau
dasselbe wie am Tag vor ihrer Hochzeit», dann hat er vermutlich nie
gestimmt und wird auch nie stimmen. Und selbst wenn es wahr sein könnte,
wäre es wohl kaum wünschenswert. Wer könnte diesen inneren Aufruhr
auch nur fünf Jahre lang aushalten? Wer könnte dann noch arbeiten, essen,
schlafen, Freundschaften pflegen?
Aber nicht mehr verliebt zu sein heißt natürlich nicht, dass man nicht
mehr liebt. Liebe in diesem zweiten Sinne – im Unterschied zum
«Verliebtsein» – ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist eine tiefe Einheit, getragen
vom Willen und bewusst verstärkt durch die Gewohnheit. In christlichen
Ehen wird sie zudem befestigt durch die Gnade, die beide Partner von Gott
erbitten und empfangen. Diese Liebe zueinander können sie auch in solchen
Momenten haben, in denen sie sich nicht besonders mögen. Man liebt sich
selbst ja auch dann, wenn man sich nicht leiden kann. Diese Liebe können
sie sich auch dann bewahren, wenn jeder der beiden sich ohne Weiteres,
wenn er es zuließe, in eine andere Person «verlieben» könnte. Das
«Verliebtsein» brachte sie einst dazu, sich die Treue zu versprechen. Diese
stillere Liebe nun macht sie fähig, ihr Versprechen zu halten. Es ist diese
Liebe, die den Motor der Ehe antreibt. Das Verliebtsein war die Zündung,
die ihn in Gang brachte.
Wenn Sie mir widersprechen wollen, können Sie natürlich sagen: «Der
versteht nichts davon, er ist ja nicht verheiratet.» Da haben Sie
möglicherweise durchaus recht. Aber bevor Sie das sagen, vergewissern Sie
sich bitte, dass Sie mich anhand dessen beurteilen, was Sie aus eigener
Erfahrung und aus Ihren Beobachtungen im Leben Ihrer Freunde wirklich
wissen, nicht anhand irgendwelcher Vorstellungen, die Sie aus Romanen
und Filmen beziehen. Das ist gar nicht so einfach, wie man denkt. Unsere
Erfahrung ist durch und durch von Büchern und Theaterstücken und Filmen
gefärbt, und es verlangt Geduld und Geschicklichkeit, aus alledem das
herauszufiltern, was wir selbst wirklich vom Leben gelernt haben.
Aus Büchern nehmen die Leute die Vorstellung, wenn man nur die
richtige Person geheiratet habe, könne man damit rechnen, für alle Zeit
«verliebt» zu sein. Wenn sie dann feststellen, dass es nicht so ist, dann
meinen sie, das sei der Beweis, dass sie einen Fehler gemacht hätten und
berechtigt seien, sich einen anderen Partner zu suchen. Dabei begreifen sie
nicht, dass der Glanz aus der neuen Liebe ebenso entschwinden wird, wie er
aus der alten entschwand. Denn in diesem Lebensbereich, wie in jedem
anderen auch, gibt es am Anfang einen Reiz des Neuen, der nicht von
Dauer ist. Das Hochgefühl, mit dem ein kleiner Junge davon träumt, fliegen
zu lernen, wird irgendwann verschwinden, wenn er bei der Air Force ist und
tatsächlich fliegen lernt. Das Entzücken, das man beim ersten Anblick eines
herrlichen Fleckchens Erde empfindet, wird abebben, wenn man sich
tatsächlich dort häuslich niederlässt.
Heißt das, es wäre besser, nicht fliegen zu lernen und nicht an diesem
schönen Ort zu wohnen? Auf keinen Fall. In beiden Fällen werden Sie,
wenn Sie Ihren Traum verwirklichen, für das Ersterben des ersten Prickelns
durch ein stilleres und beständigeres Interesse entschädigt. Vor allem aber
(und ich finde kaum Worte, um auszudrücken, wie wichtig mir das ist)
werden gerade die Leute, die bereit sind, den Verlust des Prickelns
hinzunehmen und sich auf das nüchternere Interesse einzulassen, dann
höchstwahrscheinlich in ganz anderer Richtung auf neue Reize stoßen. Wer
fliegen gelernt hat und ein guter Pilot geworden ist, entdeckt dann plötzlich
die Musik. Wer sich an dem herrlichen Fleckchen niedergelassen hat,
entdeckt die Freude an der Gartengestaltung.
Dies ist, glaube ich, ein kleiner Teilaspekt dessen, was Christus meinte,
als er sagte, was nicht zuerst gestorben sei, könne nicht wirklich leben. Es
hat einfach keinen Sinn, irgendein Prickeln festhalten zu wollen. Das ist das
Dümmste, was man machen kann. Lassen Sie das Prickeln los; lassen Sie es
ersterben; gehen Sie weiter durch diese Zeit des Sterbens hindurch zu dem
stilleren Interesse und Glück, die darauf folgen werden – und Sie werden
feststellen, dass Sie in einer Welt leben, die immerzu neue Reize zu bieten
hat. Wenn Sie aber das Prickeln zu ihrem täglichen Brot machen und es
künstlich verlängern wollen, dann wird es immer schwächer und immer
seltener werden, und Sie werden für den Rest Ihres Lebens in Langeweile
und Enttäuschung dahinwelken. Das begreifen nur einige, und deshalb
findet man so viele Männer und Frauen in mittleren Jahren, die just in dem
Alter, wo sich rings um sie her neue Horizonte auftun und neue Türen
öffnen müssten, nur ihrer verlorenen Jugend hinterherjammern. Dabei
macht es viel mehr Spaß, schwimmen zu lernen, als endlos (und
hoffnungslos) zu versuchen, das Gefühl wiederzuerlangen, das man hatte,
als man als kleines Kind zum ersten Mal im Wasser planschte.
Eine andere Vorstellung, die wir aus Romanen und Theaterstücken
beziehen, ist die, man könne überhaupt nichts dagegen machen, sich zu
«verlieben». Das passiere einem einfach, so wie die Masern. Und weil sie
das glauben, werfen manche verheirateten Leute das Handtuch und geben
nach, sobald sie sich von einer neuen Bekanntschaft angezogen fühlen. Ich
neige allerdings zu der Auffassung, dass diese unwiderstehlichen
Leidenschaften im wahren Leben viel seltener sind als in Büchern,
zumindest bei Erwachsenen. Wenn wir einer attraktiven, klugen und
sympathischen Person begegnen, dann ist es in gewissem Sinne natürlich
nur recht und billig, wenn wir diese guten Eigenschaften bewundern und
lieben. Aber ist es nicht größtenteils unsere eigene Entscheidung, ob diese
Liebe sich in das verwandelt, was wir «Verliebtsein» nennen, oder nicht?
Wenn wir natürlich den Kopf voller Romane und Theaterstücke und
sentimentaler Schlager und die Blutbahn voller Alkohol haben, wird bei uns
jede Anziehung, die wir empfinden, in diese Art von Liebe umschlagen.
Wenn man eine Furche in seinem Gartenpfad hat, fließt ja auch das ganze
Regenwasser in diese Furche hinein, und wenn man eine blaue Brille trägt,
wird alles blau, was man sieht. Aber daran ist man dann selbst schuld.
Bevor wir die Frage der Ehescheidung hinter uns lassen, möchte ich noch
zwei Dinge unterscheiden, die oft miteinander verwechselt werden. Das
eine ist die christliche Eheauffassung. Das andere ist die ganz anders
gelagerte Frage, inwieweit Christen als Wähler oder Abgeordnete
versuchen sollten, der übrigen Bevölkerung ihre Sicht der Ehe
aufzuzwingen, indem sie das Scheidungsrecht danach ausrichten. Eine
Menge Leute scheinen der Meinung zu sein, wenn man selbst Christ sei,
müsse man versuchen, die Ehescheidung für alle zu erschweren.
Ich glaube das nicht. Zumindest weiß ich, dass ich ziemlich empört wäre,
wenn die Muslime versuchen würden, uns alle daran zu hindern, Wein zu
trinken. Meiner Ansicht nach sollten die Kirchen offen anerkennen, dass die
Mehrzahl der Briten keine Christen sind und man deshalb auch von ihnen
nicht verlangen kann, ein christliches Leben zu führen. Es sollte eigentlich
zwei verschiedene Arten der Ehe geben: eine vom Staat geregelte, deren
Vorschriften für alle Bürger gelten, und eine von der Kirche geregelte, an
deren Vorschriften sich nur ihre Mitglieder halten müssen. Dazwischen
sollte scharf unterschieden werden, so dass jeder weiß, welche Paare im
christlichen Sinne verheiratet sind und welche nicht.
So viel zur christlichen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe. Es bleibt
noch, eine andere Sache zu behandeln, die noch unpopulärer ist. Christliche
Ehefrauen geloben Gehorsam gegenüber ihren Ehemännern. In der
christlichen Ehe, so heißt es, ist der Mann das «Haupt». Hier drängen sich
zwei Fragen auf. 1. Warum muss es eigentlich ein Haupt geben – warum
kann nicht einfach Gleichberechtigung herrschen? 2. Warum soll es
ausgerechnet der Mann sein?
1. Dass es ein Haupt geben muss, ergibt sich aus dem Gedanken, dass die
Ehe unauflöslich ist. Solange sich Mann und Frau einig sind, muss sich die
Frage nach einem Haupt natürlich nicht stellen. Wir dürfen hoffen, dass das
der Normalzustand in einer christlichen Ehe ist. Aber was soll geschehen,
wenn es eine echte Meinungsverschiedenheit gibt? Dann müssen die beiden
natürlich darüber reden. Aber angenommen, das haben sie bereits getan und
sind sich immer noch nicht einig geworden. Was sollen sie dann machen?
Abstimmen geht nicht, denn bei zwei Leuten kann es keine Mehrheit geben.
Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen
und ihrer eigenen Wege gehen, oder einer der beiden muss die
entscheidende Stimme haben. Wenn die Ehe unauflöslich ist, dann muss die
eine oder die andere Seite als letztes Mittel die Macht haben, über die
Marschrichtung der Familie zu entscheiden. Eine dauerhafte Vereinigung
ohne so etwas wie eine Verfassung kann es nicht geben.
2. Wenn es also ein Haupt geben muss, warum ausgerechnet der Mann?
Nun, erstens, wünscht sich irgendjemand ernsthaft, dass es die Frau wäre?
Wie gesagt, ich bin selbst nicht verheiratet, aber soweit ich sehe, hat selbst
eine Frau, die gerne die Herrin ihres eigenen Hauses sein möchte, meist
nicht viel Bewunderung dafür übrig, wenn sie einen solchen Zustand bei
den Nachbarn nebenan vorfindet. Viel häufiger wird sie sagen: «Ach, der
arme Herr X! Es ist mir ein Rätsel, wieso er sich von dieser entsetzlichen
Frau so herumkommandieren lässt.» Ich glaube, nicht einmal sie selbst fühlt
sich sonderlich geschmeichelt, wenn jemand sie auf ihren eigenen Status als
«Haupt» anspricht. Irgendetwas muss wohl unnatürlich daran sein, wenn
Ehefrauen über ihre Männer herrschen, denn die Frauen selbst schämen sich
fast dafür und verachten die Ehemänner, über die sie herrschen.
Aber es gibt noch einen anderen Grund, und hier spreche ich ganz offen
als Junggeselle, denn dieser Grund ist von außen noch besser zu sehen als
von innen. Die Beziehungen einer Familie zur Außenwelt – ihre
Außenpolitik sozusagen – müssen letzten Endes auf den Schultern des
Mannes ruhen, denn er sollte stets Außenstehenden gegenüber wesentlich
gerechter sein und ist es auch meistens. Eine Frau kämpft in erster Linie für
ihre eigenen Kinder und ihren Mann gegen den Rest der Welt.
Natürlicherweise und in gewissem Sinne beinahe zu Recht stehen für sie
deren Ansprüche über denen aller anderen. Sie ist die Sachwalterin ihrer
Interessen.
Die Rolle des Ehemannes ist, darauf zu achten, dass diese natürliche
Bevorzugung ihrerseits nicht völlig ungezügelt bleibt. Er hat das letzte
Wort, um andere vor dem glühenden Familienpatriotismus seiner Frau zu
schützen. Falls jemand daran zweifelt, lassen Sie mich Ihnen eine einfache
Frage stellen. Wenn Ihr Hund das Nachbarskind gebissen oder wenn Ihr
Kind den Hund Ihres Nachbarn gequält hat, mit wem würden Sie es lieber
zu tun bekommen – mit dem Herrn oder mit der Herrin jenes Hauses? Oder
wenn Sie eine verheiratete Frau sind, lassen Sie mich Ihnen folgende Frage
stellen: Sosehr Sie Ihren Mann auch bewundern, würden Sie nicht sagen,
dass sein Hauptfehler darin besteht, dass er seine und Ihre Rechte nicht so
entschlossen gegenüber den Nachbarn verteidigt, wie Sie es gerne hätten?
Neigt er Ihnen nicht ein bisschen zu sehr zum Beschwichtigen?
7. Vergebung
Im letzten Kapitel habe ich gesagt, die Keuschheit sei die unpopulärste aller
christlichen Tugenden. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob das wirklich
stimmt. Ich glaube, eine ist sogar noch unpopulärer. Sie ist in dem
christlichen Gebot «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» enthalten.
Denn in der christlichen Ethik ist mit «deinem Nächsten» auch «dein
Feind» gemeint. Wir stehen also hier vor dieser schrecklichen Pflicht,
unseren Feinden zu vergeben.
Jeder sagt, Vergebung sei ein wunderschöner Gedanke, bis er selbst etwas
zu vergeben hat, so wie wir während des Krieges. Dann nämlich löst man
ein Wutgeheul aus, wenn man das Thema auch nur erwähnt. Es ist nicht so,
dass die Leute diese Tugend für zu erhaben und schwierig hielten. Sie
halten sie eher für abscheulich und verächtlich. «Mir wird ganz schlecht
von diesem Gerede», sagen sie. Und die Hälfte von Ihnen brennt bestimmt
schon darauf, mich zu fragen: «Wie würden Sie wohl darüber denken, der
Gestapo zu vergeben, wenn Sie ein Pole oder ein Jude wären?»
Das frage ich mich auch. Sehr ernsthaft sogar. Genauso, wie ich mich
angesichts der christlichen Forderung, meinen Glauben niemals zu
verleugnen, nicht einmal, um dem Foltertod zu entgehen, sehr ernsthaft
frage, was ich wohl tun würde, wenn es zum Äußersten käme. Aber in
diesem Buch versuche ich Ihnen nicht zu sagen, wozu ich imstande wäre –
ich bin zu herzlich wenig imstande. Ich sage Ihnen lediglich, was
Christentum ist. Ich habe es nicht erfunden. Und darin finde ich an ganz
zentraler Stelle das Gebet: «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir
vergeben unseren Schuldigern.» Nicht das Geringste deutet darauf hin, dass
uns Vergebung zu irgendwelchen anderen Bedingungen angeboten würde.
Die Sache ist ganz klar: Wenn wir nicht vergeben, wird uns auch nicht
vergeben. Daran führt kein Weg vorbei. Was sollen wir also tun?
Es wird so oder so schwierig genug, aber ich glaube, es gibt zwei Dinge,
die wir tun können, um es uns leichter zu machen. Wenn Sie sich zum
ersten Mal mit Mathematik beschäftigen, fangen Sie nicht gleich mit der
höheren Analysis an; Sie versuchen sich erst einmal an einfachen
Additionen. Ebenso sollten wir, wenn wir wirklich lernen wollen zu
vergeben (aber alles hängt davon ab, dass wir es wirklich wollen), vielleicht
mit etwas Einfacherem anfangen als mit der Gestapo. Vielleicht könnte man
damit beginnen, seinem Ehepartner, seinen Eltern oder Kindern oder dem
vorgesetzten Unteroffizier etwas zu vergeben, was sie letzte Woche getan
oder gesagt haben. Damit werden wir wahrscheinlich erst einmal eine Weile
beschäftigt sein. Und zweitens könnten wir versuchen, genau zu verstehen,
was es eigentlich bedeutet, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Ich
soll ihn lieben wie mich selbst. Aber wie genau liebe ich eigentlich mich
selbst?
Wenn ich es recht bedenke, empfinde ich nicht gerade eine besondere
Sympathie oder Zuneigung mir selbst gegenüber. Manchmal bin ich nicht
einmal gern in meiner eigenen Gesellschaft. «Liebe deinen Nächsten»
bedeutet also offenbar nicht: «Empfinde Zuneigung zu ihm», oder: «Finde
ihn sympathisch.» Das hätte mir eigentlich von vornherein klar sein
müssen, denn natürlich kann man sich nicht durch schiere Willenskraft dazu
bringen, jemanden sympathisch zu finden.
Denke ich gut von mir selbst? Halte ich mich für einen netten Kerl? Nun,
ich fürchte, manchmal tue ich das (und das sind zweifellos meine
schlechtesten Momente). Aber das ist nicht der Grund, warum ich mich
liebe. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Ich finde mich selbst nicht nett, weil
ich mich liebe, sondern meine Selbstliebe bringt mich dazu, mich nett zu
finden. Demnach bedeutet, dass ich meine Feinde lieben soll, offenbar auch
nicht, dass ich sie nett finden muss. Das ist eine enorme Erleichterung.
Denn eine Menge Leute meinen, seinen Feinden zu vergeben heiße, sich
einzureden, sie seien eigentlich gar keine so üblen Kerle, obwohl es doch
ganz klar ist, dass sie das sind.
Gehen wir einen Schritt weiter. In meinen klarsichtigsten Momenten
halte ich mich nicht nur nicht für einen netten Menschen, sondern ich weiß,
dass ich ein ziemlicher Schweinehund bin. Manche Dinge, die ich getan
habe, kann ich nur mit Entsetzen und Abscheu betrachten. Demnach darf
ich also offenbar auch manche Dinge, die meine Feinde getan haben,
verabscheuen und hassen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir ein,
dass christliche Lehrer mir vor langer Zeit sagten, ich müsse die Taten eines
schlechten Menschen hassen, aber nicht den schlechten Menschen selbst.
Oder die Sünde hassen, aber nicht den Sünder, wie sie es ausdrücken
würden.
Das kam mir lange Zeit wie eine alberne Haarspalterei vor. Wie kann
man denn das hassen, was ein Mensch tut, ohne den Menschen zu hassen?
Doch Jahre später wurde mir klar, dass es einen Menschen gibt, mit dem ich
schon mein ganzes Leben lang so umgehe – nämlich mich selbst. Sosehr
mir auch meine eigene Feigheit, mein Dünkel oder meine Habgier zuwider
waren, habe ich doch nie aufgehört, mich zu lieben. Damit hatte ich nie die
geringsten Schwierigkeiten. Ja, der Grund, warum ich diese
Verhaltensweisen so hasste, war ja gerade, dass ich den Menschen liebte.
Eben weil ich mich selbst liebte, tat es mir weh, festzustellen, dass ich ein
Mensch war, der solche Dinge tat.
Daraus folgt, dass das Christentum nicht will, dass wir Grausamkeit und
Verrat auch nur um ein Haar weniger hassen. Wir sollen sie hassen. Kein
Wort von dem, was wir darüber gesagt haben, muss zurückgenommen
werden. Aber das Christentum will, dass wir sie auf dieselbe Weise hassen,
wie wir unsere eigenen Taten hassen: Es soll uns leidtun, dass dieser
Mensch solche Dinge getan hat, und wir sollen hoffen, dass er, wenn es
auch nur im Entferntesten möglich ist, irgendwie, irgendwann, irgendwo
geheilt und wieder zu einem Menschen gemacht werden kann.
Die Nagelprobe ist folgende. Angenommen, Sie lesen in der Zeitung
einen Bericht über abscheuliche Gräueltaten. Aber dann kommt etwas ans
Licht, was darauf hindeutet, dass der Bericht möglicherweise nicht ganz
zutreffend ist oder die Sache nicht ganz so schlimm war, wie sie dargestellt
wurde. Was empfinden Sie dann als Erstes? «Gott sei Dank, nicht einmal
diese Leute sind so schlimm», oder eher ein Gefühl der Enttäuschung,
vielleicht sogar eine gewisse Entschlossenheit, aus lauter Vergnügen daran,
Ihre Feinde für so bösartig wie möglich zu halten, an der ersten Darstellung
festzuhalten?
Wenn das Zweite zutrifft, dann ist das, fürchte ich, der erste Schritt eines
Prozesses, der uns, wenn wir ihm bis zum bitteren Ende folgen, in Teufel
verwandeln wird. Denn wissen Sie, so jemand wünscht sich, Schwarz wäre
noch ein bisschen schwärzer. Wenn wir diesem Wunsch freien Lauf lassen,
werden wir uns bald wünschen, Grau als Schwarz und schließlich sogar
Weiß als Schwarz zu sehen. Am Ende werden wir dann darauf bestehen,
alles – Gott, unsere Freunde und uns selbst eingeschlossen – als schlecht zu
betrachten, und wir werden damit nicht aufhören können. Wir werden für
immer in einem Universum aus purem Hass gefangen sein.
Gehen wir nun noch einen Schritt weiter. Unsere Feinde zu lieben – heißt
das, dass wir sie nicht bestrafen? Nein, denn dass ich mich selbst liebe,
bedeutet ja auch nicht, dass ich mich nie einer Strafe – vielleicht sogar der
Todesstrafe – unterwerfen sollte. Wenn man einen Mord begangen hätte,
wäre das richtige christliche Verhalten, sich der Polizei zu stellen und sich
hängen zu lassen. Darum ist es meiner Meinung nach völlig berechtigt,
wenn ein christlicher Richter einen Menschen zum Tode verurteilt oder ein
christlicher Soldat einen Feind tötet. Dieser Meinung war ich schon immer,
seit ich Christ geworden bin, auch schon lange vor dem Krieg. Und heute,
wo wir wieder Frieden haben, denke ich immer noch so.
Es hilft nicht, das Gebot «Du sollst nicht töten» dagegenzuhalten. Es gibt
im Griechischen zwei verschiedene Wörter: das gewöhnliche Wort töten
und das Wort morden . Und da, wo Christus dieses Gebot zitiert, gebraucht
er in allen drei Berichten, bei Matthäus, Markus und Lukas, das Wort für
morden . Ich habe mir sagen lassen, dass es im Hebräischen dieselbe
Unterscheidung gibt.
Nicht jede Tötung ist ein Mord, genauso wenig, wie jeder
Geschlechtsverkehr Ehebruch ist. Als Soldaten zu Johannes dem Täufer
kamen und ihn fragten, was sie tun sollten, sagte er kein Wort davon, dass
sie die Armee verlassen sollten. Auch Christus sagte davon nichts, als er
einem römischen Feldwebel begegnete – einem Zenturio, wie sie es
nannten. Das Bild des Ritters – eines zur Verteidigung einer guten Sache
bewaffneten Christen – ist einer der großen christlichen Gedanken.
Krieg ist etwas Schreckliches, und ich habe Respekt vor jedem ehrlichen
Pazifisten, auch wenn ich seine Ansichten für vollkommen falsch halte.
Was ich nicht begreifen kann, ist dieser Semipazifismus, den wir heute
haben, der den Leuten die Vorstellung gibt, man müsse zwar kämpfen, aber
wenn schon, dann mit einem langen Gesicht und so, als ob man sich dafür
schämte. Dieses Gefühl raubt etlichen großartigen jungen Christen im
Militärdienst ihr Recht auf jene gewisse freudige Hingabe, die die
natürliche Begleiterin der Tapferkeit ist.
Ich habe oft im Stillen darüber nachgedacht, wie es wohl gewesen wäre,
wenn damals im Ersten Weltkrieg ich und irgendein junger Deutscher uns
gleichzeitig gegenseitig getötet und im Augenblick nach unserem Tod
gegenübergestanden hätten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von
uns dabei Groll oder auch nur Verlegenheit empfunden hätte. Vielleicht
hätten wir darüber gelacht.
Vermutlich wird jetzt jemand sagen: «Nun, wenn man die Taten des
Feindes verdammen und ihn bestrafen und töten darf, was für einen
Unterschied gibt es dann noch zwischen der christlichen Ethik und der
allgemeinen Ansicht?»
Der Unterschied ist gewaltig. Vergessen Sie nicht: Wir Christen glauben,
dass der Mensch ewig lebt. Was eigentlich zählt, sind darum jene kleinen
Narben oder Verbiegungen des zentralen, inneren Teils der Seele, die sie auf
lange Sicht entweder in ein himmlisches oder ein höllisches Wesen
verwandeln. Wir dürfen töten, wenn es nötig ist, aber wir dürfen nicht
hassen und uns an dem Hass ergötzen. Wir dürfen bestrafen, wenn es nötig
ist, aber wir dürfen uns nicht daran ergötzen. Mit anderen Worten, etwas in
uns, das Gefühl des Grolls, das Gefühl, es dem anderen heimzahlen zu
wollen, muss einfach abgetötet werden.
Damit meine ich nicht, dass man von einem Augenblick auf den anderen
beschließen kann, nie wieder dergleichen zu empfinden. So läuft das nicht.
Aber immer, wenn dieses Gefühl sein Haupt erhebt, Tag für Tag, Jahr um
Jahr, unser ganzes Leben lang, müssen wir ihm einen Schlag versetzen. Das
ist harte Arbeit, aber es ist nicht unmöglich, es zu versuchen. Auch dann,
wenn wir töten und bestrafen, müssen wir versuchen, dem Feind gegenüber
so zu empfinden, wie wir es uns selbst gegenüber tun – zu wünschen, er
wäre nicht schlecht, zu hoffen, er möge in dieser oder in einer anderen Welt
geheilt werden, kurz, ihm Gutes zu wünschen. Das meint die Bibel damit,
dass wir ihn lieben sollen: Wir sollen ihn nicht sympathisch finden oder
sagen, er sei nett, wenn das gar nicht stimmt, sondern wir sollen ihm Gutes
wünschen.
Zugegebenermaßen bedeutet das, dass wir Leute lieben sollen, die nichts
Liebenswertes an sich haben. Aber wer hat das schon? Man liebt sich selbst
einfach deshalb, weil man es selbst ist. Gottes Plan ist, dass wir jedes Selbst
gleichermaßen und aus demselben Grund lieben. In unserem eigenen Fall
jedoch hat er uns den Lösungsweg für diese Aufgabe fertig vorgegeben,
damit wir sehen, wie das geht. Wir müssen dann nur noch dieselbe Regel
auf jedes andere Selbst anwenden.
Vielleicht wird es leichter, wenn wir uns daran erinnern, dass er selbst
uns ja auch auf diese Weise liebt. Nicht wegen unserer ach so netten,
attraktiven Eigenschaften, sondern einfach nur, weil wir ein Selbst sind.
Denn es ist nun wirklich nichts Liebenswertes an Geschöpfen wie uns,
denen das Hassen so viel Spaß macht, dass wir ebenso schwer davon lassen
können wie vom Bier oder vom Tabak …
8. Die große Sünde
Ich komme nun zu dem Bereich der christlichen Ethik, in dem sie sich am
deutlichsten von allen anderen ethischen Systemen unterscheidet. Es gibt
ein Laster, von dem kein Mensch auf der Welt frei ist, das jeder Mensch
verabscheut, wenn er es bei anderen beobachtet, und das außer den Christen
kaum jemand bei sich selbst wahrnimmt.
Ich habe Leute zugeben hören, sie seien übellaunig oder könnten sich bei
Frauen oder Alkohol nicht zurückhalten, ja sogar, dass sie Feiglinge seien.
Doch ich glaube nicht, dass ich schon einmal gehört habe, wie jemand, der
kein Christ war, sich selbst dieses Lasters bezichtigt hätte. Gleichzeitig sind
mir bisher nur sehr wenige Nichtchristen begegnet, die diesem Laster
gegenüber bei anderen auch nur einen Hauch von Nachsicht gezeigt hätten.
Mit keinem Charaktermangel kann sich ein Mensch so unbeliebt machen,
und keiner ist uns bei uns selbst so wenig bewusst. Und je mehr wir selbst
davon befallen sind, desto mehr verabscheuen wir ihn bei anderen.
Das Laster, von dem ich spreche, wird Hochmut, Stolz oder Eigendünkel
genannt. Die Tugend, die ihm in der christlichen Ethik gegenübersteht,
heißt Demut. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich im Zusammenhang mit
der Sexualethik darauf hingewiesen habe, diese sei nicht der zentrale Punkt
der christlichen Ethik. Den zentralen Punkt haben wir jetzt erreicht. Nach
christlicher Lehre ist das Laster aller Laster, das größte Übel, der Hochmut.
Unkeuschheit, Zorn, Habgier, Trunkenheit und all das sind im Vergleich
dazu nur Mückenstiche. Der Hochmut aber machte den Teufel zum Teufel.
Hochmut führt zu jedem anderen Laster. Er ist ein ganz und gar
antigöttlicher Geisteszustand.
Finden Sie das übertrieben? Wenn ja, denken Sie noch einmal darüber
nach. Ich habe eben gesagt, je hochmütiger man sei, desto mehr
verabscheue man den Hochmut bei anderen. Wenn Sie also herausfinden
wollen, wie hochmütig Sie sind, brauchen Sie sich nur die Frage zu stellen:
«Wie sehr missfällt es mir, wenn andere Leute mich brüskieren, mich nicht
beachten, ihren Senf zu allem dazugeben, mich von oben herab behandeln
oder sich in die Brust werfen?»
Der Punkt ist, dass der Hochmut des einen immer im Wettkampf mit dem
Hochmut aller anderen steht. Weil ich selbst der Mittelpunkt der Party sein
will, ärgert es mich, wenn ein anderer sich ins Rampenlicht drängt. Zwei
vom gleichen Gewerbe sind sich niemals einig.
Man muss sich bewusst machen, dass der Hochmut sich seinem Wesen
nach immer mit anderen messen will, während die anderen Laster
sozusagen nur zufällig zu einem Wettstreit führen. Der Hochmut hat keinen
Gefallen daran, etwas zu haben, sondern nur daran, mehr zu haben als der
andere. Wir sagen, Leute seien stolz darauf, reich, klug oder gut aussehend
zu sein, aber das stimmt nicht. Sie sind stolz darauf, reicher oder klüger zu
sein oder besser auszusehen als andere. Wären alle anderen genauso reich,
klug oder gut aussehend, hätten sie ja nichts mehr, worauf sie stolz sein
könnten. Der Hochmut kommt vom Vergleichen: Man genießt es, über den
anderen zu stehen. Sobald der Wettbewerb aufhört, ist auch der Hochmut
verflogen.
Das meine ich damit, dass der Hochmut seinem Wesen nach auf eine
Weise wetteifert, wie es bei den anderen Lastern nicht der Fall ist.
Der Sexualtrieb kann zwei Männer dazu bringen, gegeneinander zu
wetteifern, wenn sie beide dieselbe Frau begehren. Aber das ist nur ein
Zufall. Es hätten ja genauso gut zwei verschiedene Frauen sein können. Ein
hochmütiger Mensch jedoch wird Ihnen die Freundin ausspannen, nicht
etwa, weil er sie begehrt, sondern nur, um sich selbst zu beweisen, dass er
besser ist als Sie. Habgier kann Leute zum Wetteifern treiben, wenn nicht
genug für alle da ist. Ein Hochmütiger jedoch wird auch dann, wenn er
sowieso schon mehr als genug hat, versuchen, noch mehr an sich zu raffen,
nur um seine Macht zu behaupten. Fast alle Übel auf der Welt, die man der
Habgier oder der Selbstsucht zuschreibt, sind in Wirklichkeit viel eher die
Folge des Hochmuts.
Denken wir ans Geld. Wer habgierig ist, will natürlich Geld haben, um
sich ein besseres Haus, einen besseren Urlaub und etwas Besseres zum
Essen und Trinken leisten zu können. Aber nur bis zu einem gewissen
Punkt. Wieso aber sollte ein Mann, der zehntausend Pfund im Jahr verdient,
unbedingt zwanzigtausend haben wollen? Die Gier nach mehr Genuss kann
es nicht sein. Mit zehntausend Pfund kann man sich allen Luxus leisten, den
ein Mensch wirklich genießen kann. Es ist der Hochmut – der Wunsch,
reicher zu sein als ein anderer, und (mehr noch) der Wunsch nach Macht.
Denn Macht ist das, worauf der Hochmut eigentlich aus ist. Durch nichts
fühlt sich ein Mensch anderen so überlegen wie dadurch, dass er sie hin und
her schieben kann wie Spielzeugsoldaten.
Was bringt eine schöne Frau dazu, auf Schritt und Tritt Elend zu
verbreiten, indem sie scharenweise Bewunderer sammelt? Bestimmt nicht
ihr Sexualtrieb; häufig sind solche Frauen gar nicht sonderlich erpicht auf
Sex. Es ist der Hochmut. Was bringt einen politischen Führer oder eine
ganze Nation dazu, nie genug zu bekommen und immer mehr zu fordern?
Wiederum der Hochmut. Hochmut ist seinem innersten Wesen nach
wetteifernd. Deshalb kann er nie genug bekommen. Wenn ich hochmütig
bin, braucht es nur einen einzigen Menschen auf der ganzen Welt zu geben,
der mächtiger, reicher oder klüger ist als ich – er wird mein Rivale und
mein Feind sein.
Die Christen haben recht. Der Hochmut war seit Anbeginn der Welt die
Hauptursache allen Elends in jeder Nation und jeder Familie. Die anderen
Laster führen manchmal Menschen zusammen: Unter Betrunkenen und
Unkeuschen findet man Geselligkeit, Scherze und Freundlichkeit. Hochmut
aber bedeutet immer Feindschaft – er ist Feindschaft. Und zwar nicht nur
Feindschaft unter Menschen, sondern auch Feindschaft gegen Gott.
In Gott tritt uns jemand gegenüber, der uns in jeder Hinsicht
unermesslich weit überlegen ist. Solange Sie das von Gott nicht begriffen
haben – und somit auch nicht wissen, dass Sie im Vergleich zu ihm ein
Nichts sind –, haben Sie noch überhaupt nichts von Gott begriffen. Solange
Sie hochmütig sind, können Sie Gott nicht kennen. Ein stolzer Mensch
blickt immer auf alles und jeden herab. Und solange man herabblickt, kann
man natürlich nichts sehen, was über einem ist.
Daraus ergibt sich eine äußerst beunruhigende Frage. Wie kann es sein,
dass Leute, die ganz offensichtlich völlig von Hochmut zerfressen sind, von
sich behaupten, sie glaubten an Gott, und sich selbst tatsächlich für sehr
religiös halten?
Ich fürchte, das kann nur bedeuten, dass sie einen imaginären Gott
verehren. Theoretisch geben sie zwar zu, angesichts dieses Phantomgottes
ein Nichts zu sein, aber in Wirklichkeit stellen sie sich dabei die ganze Zeit
vor, dass er beifällig dazu nickt und sie für viel besser hält als gewöhnliche
Leute. Das heißt, sie zollen ihm für einen Penny imaginäre Demut und
bekommen dafür ein Pfund Hochmut und Stolz gegenüber ihren
Mitmenschen.
Ich vermute, an solche Leute hat Christus gedacht, als er sagte, manche
würden über ihn predigen und in seinem Namen Teufel austreiben, nur um
am Ende der Welt zu hören, er habe sie nie gekannt. Und in dieser
Todesfalle könnte jeder von uns jederzeit stecken. Glücklicherweise gibt es
einen Test, um das herauszufinden. Immer wenn unser religiöses Leben uns
das Gefühl gibt, wir seien gut – vor allem, wenn wir uns deswegen für
besser halten als jemand anderen –, dann können wir, glaube ich, sicher
sein, dass nicht Gott in uns wirkt, sondern der Teufel. Die wahre
Nagelprobe, ob wir in der Gegenwart Gottes sind, ist, dass wir uns entweder
völlig vergessen oder uns als etwas Winziges und Schmutziges
wahrnehmen. Am besten vergessen wir uns selbst gleich ganz.
Das Schlimme ist, dass dieses schlimmste aller Laster sich mitten in
unser religiöses Leben hineinschleichen kann. Aber es ist offensichtlich,
warum das so ist. Die anderen, weniger schlimmen Laster kommen daher,
dass der Teufel durch unsere animalische Natur auf uns einwirkt. Dieses
Laster hingegen hat überhaupt nichts mit unserer animalischen Natur zu
tun. Es kommt direkt aus der Hölle. Es ist rein spirituell und deshalb viel
subtiler und tödlicher.
Aus demselben Grund kann der Hochmut oft dazu dienen, die
einfacheren Laster zu unterdrücken. Tatsächlich appellieren ja Lehrer oft an
den Stolz eines Schülers, an seine Selbstachtung, wie sie es nennen, um ihn
dazu zu bewegen, sich anständig zu benehmen. Schon mancher hat
Feigheit, Wollust oder Übellaunigkeit überwunden, indem er sich einredete,
dergleichen sei unter seiner Würde – also durch Hochmut. Der Teufel lacht
darüber. Ihm ist es nur recht, wenn Sie keusch und tapfer und
selbstbeherrscht werden, wenn er dabei gleichzeitig in Ihnen die Diktatur
des Hochmuts aufrichten kann – genauso, wie es ihm ganz recht wäre, Sie
von Ihren Frostbeulen zu heilen und Ihnen ein Krebsgeschwür dafür zu
geben. Denn Hochmut ist ein spirituelles Krebsgeschwür: Er zerfrisst jede
Möglichkeit zur Liebe, zur Zufriedenheit oder auch nur zum klaren Denken.
Bevor ich dieses Thema verlasse, muss ich noch vor einigen möglichen
Missverständnissen warnen:
1. Sich über ein Lob zu freuen hat nichts mit Hochmut zu tun. Das Kind,
dem auf die Schulter geklopft wird, weil es seine Lektion gut gelernt hat,
die Frau, deren Schönheit von ihrem Liebhaber gepriesen wird, die erlöste
Seele, zu der Christus sagt: «Wohlgetan», freuen sich darüber, und das
sollten sie auch. Denn ihre Freude entzündet sich nicht daran, was sie sind,
sondern daran, dass sie jemandem gefallen haben, dem sie (zu Recht)
gefallen wollten.
Bedenklich wird es, wenn man statt «Wie schön, ich habe ihm Freude
gemacht» plötzlich denkt: «Was bin ich doch für ein toller Kerl, dass ich
das geschafft habe.» Je mehr man sich an sich selbst und je weniger man
sich an dem Lob ergötzt, desto schlimmer wird es mit einem. Ergötzt man
sich dann nur noch an sich selbst und überhaupt nicht mehr an dem Lob, so
hat man den Tiefpunkt erreicht.
Deshalb ist die Eitelkeit zwar die Form von Hochmut, die sich nach
außen hin am deutlichsten zeigt, aber im Grunde auch seine mildeste und
noch am ehesten verzeihliche Form. Wer eitel ist, der verlangt zu sehr nach
Lob, Beifall und Bewunderung und fischt ständig danach. Eitelkeit ist ein
Charakterfehler, aber sie ist ein kindlicher und sogar (auf seltsame Art)
bescheidener Charakterfehler. Sie zeigt, dass man noch nicht völlig
zufrieden damit ist, sich selbst zu bewundern. Andere Leute sind einem
immer noch wichtig genug, um bei ihnen angesehen sein zu wollen. Kurz,
man ist immer noch ein Mensch.
Mit dem wirklich schwarzen, teuflischen Hochmut haben wir es dann zu
tun, wenn jemand so sehr auf andere herabblickt, dass es ihm völlig egal ist,
was sie von ihm denken. Natürlich ist es völlig richtig und oft auch unsere
Pflicht, uns nicht darum zu scheren, was die Leute von uns denken, sofern
das aus dem richtigen Grund geschieht: nämlich weil es uns unvergleichlich
viel wichtiger ist, wie Gott über uns denkt. Der Stolze aber hat einen
anderen Grund, sich nicht darum zu scheren. Er sagt: «Warum sollte ich
nach dem Beifall dieses Gesindels haschen, als hätte deren Meinung
irgendein Gewicht? Und selbst wenn ihre Ansichten einen Wert hätten – bin
ich denn einer, der vor Freude über ein Kompliment rot anläuft wie eine
unreife Göre bei ihrem ersten Tanzball? Nein, ich bin eine gesetzte, gereifte
Persönlichkeit. Ich habe meinen eigenen Idealen Genüge getan – oder
meinem künstlerischen Gewissen – oder den Traditionen meiner Familie –
oder, kurz gesagt, so einer bin ich nun einmal. Wenn es der Plebs gefällt,
soll es mir recht sein. Mir bedeuten diese Leute nichts.» In diesem Sinne
kann echter, ausgewachsener Hochmut ein Gegenmittel gegen die Eitelkeit
sein. Wie gesagt, der Teufel ist gern dazu bereit, einen kleinen Mangel zu
«heilen», indem er Ihnen einen großen unterjubelt. Wir müssen versuchen,
nicht eitel zu sein, aber wir dürfen uns nie des Hochmuts bedienen, um uns
von der Eitelkeit zu heilen.
2. Wir sagen oft, dass jemand «stolz» auf seinen Sohn, seinen Vater, seine
Schule oder sein Regiment ist, und man könnte fragen, ob denn «Stolz» in
diesem Sinne eine Sünde ist. Ich glaube, das hängt davon ab, was genau wir
mit «stolz» meinen. Sehr häufig bedeutet «stolz sein» in solchen Sätzen
«herzliche Bewunderung empfinden». Solche Bewunderung ist natürlich
alles andere als eine Sünde.
Es könnte allerdings auch bedeuten, dass der Betreffende sich wegen
seines angesehenen Vaters oder seiner Zugehörigkeit zu einem berühmten
Regiment für etwas Besonderes hält. Das wäre sicherlich ein
Charakterfehler, doch selbst dies wäre noch besser, als einfach nur stolz auf
sich selbst zu sein. Wer irgendetwas außerhalb seiner selbst liebt und
bewundert, tut einen Schritt weg vom völligen geistlichen Ruin. Wirklich
gesund sind wir aber erst dann, wenn wir nichts mehr lieben und bewundern
als Gott.
3. Wir dürfen nicht denken, Gott habe den Hochmut verboten, weil dieser
eine Beleidigung für ihn sei, oder er fordere von uns Demut als etwas, das
wir seiner Würde schuldig seien – so, als wäre Gott selbst hochmütig. Er
macht sich nicht die geringsten Sorgen über seine Würde. Aber er möchte,
dass Sie ihn kennen lernen. Er möchte sich selbst an Sie verschenken. Und
wenn jemand wie er und jemand wie Sie einander tatsächlich begegnen,
dann werden Sie ganz zwangsläufig demütig sein – erfüllt von einer
freudigen Demut und einer unendlichen Erleichterung, ausnahmsweise
einmal keinen Gedanken an den albernen Unfug mit Ihrer eigenen Würde
verschwenden zu müssen, der Sie Ihr ganzes Leben lang rastlos und
unzufrieden macht. Er möchte, dass Sie demütig sind, damit dieser Moment
möglich wird. Deshalb versucht er, uns all die albernen, hässlichen
Verkleidungen abzunehmen, mit denen wir uns ausstaffiert haben und
herumstolzieren wie ein Haufen kleiner Idioten.
Ich wünschte, ich selbst wäre mit der Demut schon ein bisschen weiter.
Wenn es so wäre, könnte ich Ihnen wahrscheinlich mehr darüber sagen, was
für eine Erleichterung und ein Wohlbehagen es ist, die Verkleidung
auszuziehen – das falsche Selbst mit seinem «Schaut mich an!» und «Bin
ich nicht ein toller Kerl?» und der ganzen Posiererei loszuwerden. Dem
auch nur nahezukommen, und sei es nur für einen Moment, ist wie ein
kühler Wassertrunk für einen, der sich in der Wüste verirrt hat.
4. Sie sollten nicht meinen, ein wirklich demütiger Mensch wäre das, was
die meisten Leute heute unter «demütig» verstehen: Er wird bestimmt
keiner von diesen schmierigen, unterwürfigen Leuten sein, die einem
ständig erzählen, was für ein Niemand sie doch seien. Das Einzige, was
Ihnen vermutlich an ihm auffallen wird, ist, dass er ein heiterer, intelligenter
Bursche zu sein scheint, der sich wirklich dafür interessiert, was Sie zu ihm
sagen. Wenn Sie ihn nicht mögen, wird es daran liegen, dass Sie ein
bisschen neidisch darauf sind, dass jemand das Leben so unbekümmert
genießt. Er wird über Demut nicht groß nachdenken; er wird über sich
selbst überhaupt nicht nachdenken.
Falls jemand sich Demut aneignen möchte, kann ich ihm, glaube ich, den
ersten Schritt dazu nennen. Der erste Schritt ist, sich bewusst zu machen,
dass man hochmütig ist. Und dieser Schritt ist nicht zu unterschätzen.
Zumindest lässt sich, ehe man ihn getan hat, überhaupt nichts ausrichten.
Wenn Sie meinen, Sie wären überhaupt nicht dünkelhaft, dann heißt das,
dass Sie gerade ganz besonders dünkelhaft sind.
9. Nächstenliebe
In einem früheren Kapitel habe ich gesagt, es gebe vier «Kardinaltugenden»
und drei «theologische Tugenden». Die drei theologischen Tugenden sind
Glaube, Hoffnung und die christliche Liebe oder Nächstenliebe. Mit dem
Glauben werden wir uns in den letzten beiden Kapiteln beschäftigen. Von
der Nächstenliebe war teilweise schon im siebten Kapitel die Rede, aber
dort habe ich mich auf den Aspekt der Nächstenliebe konzentriert, den wir
Vergebung nennen. Jetzt möchte ich dem noch einiges hinzufügen.
Zunächst zur Bedeutung des Wortes. Unter «Nächstenliebe» wird heute
häufig nur das verstanden, was man früher «Almosengeben» nannte – also
die Wohltätigkeit für die Armen. Ursprünglich jedoch war die Bedeutung
viel umfassender. (Wie sich die moderne Bedeutung entwickelt hat, lässt
sich nachvollziehen. Wenn jemand «Nächstenliebe praktiziert», zeigt sich
das am offensichtlichsten daran, dass er etwas für die Armen tut. So kam es,
dass die Leute anfingen, das Wort so zu gebrauchen, als wäre das schon
alles. Auch unter «Poesie» verstehen ja viele Leute nichts als den «Reim»,
weil der Reim das auffälligste Merkmal der Poesie ist.) Nächstenliebe
bedeutet «Liebe im christlichen Sinne». Doch Liebe im christlichen Sinne
bezeichnet keine Emotion. Sie ist kein Gefühlszustand, sondern eine
Willenshaltung, nämlich die Willenshaltung, die wir von Natur aus uns
selbst gegenüber einnehmen und auch anderen gegenüber einzunehmen
lernen müssen.
Im Kapitel über Vergebung habe ich darauf hingewiesen, dass unsere
Liebe zu uns selbst nicht immer bedeutet, dass wir uns selbst gut leiden
können. Sie bedeutet, dass wir uns selbst Gutes wünschen. Ebenso ist auch
die christliche Liebe oder Nächstenliebe etwas ganz anderes als Sympathie
oder Zuneigung. Manche Leute «mögen» wir und finden sie
«sympathisch», andere nicht. Wir müssen uns klarmachen, dass diese
natürliche «Sympathie» weder eine Sünde noch eine Tugend ist, genauso
wenig, wie Ihre Vorliebe für Ihre Lieblingsspeise eine Sünde oder eine
Tugend ist. Sie ist einfach ein Fakt. Aber natürlich ist das, was wir damit
anfangen, entweder sündig oder tugendhaft.
Natürliche Sympathie oder Zuneigung zu anderen Leuten macht es
leichter, ihnen mit Nächstenliebe zu begegnen. Deshalb ist es
normalerweise unsere Pflicht, unsere Zuneigungen zu fördern – also die
Leute zu «mögen», so gut wir können (so wie es oft auch unsere Pflicht ist,
unsere Vorliebe für Bewegung und gesundes Essen zu fördern). Das heißt
nicht, dass diese Zuneigung selbst schon die Tugend der Nächstenliebe
wäre, sondern nur, dass sie dabei eine Hilfe ist. Andererseits ist es ebenso
notwendig, dabei sehr wachsam zu sein, damit unsere Zuneigung zu einer
Person nicht dazu führt, dass wir einer anderen Person gegenüber lieblos
oder gar unfair sind. Es gibt sogar Fälle, in denen unsere Zuneigung im
Widerspruch zu der Nächstenliebe gegenüber dem Menschen steht, den wir
mögen. Zum Beispiel könnte eine Mutter, die in ihr Kind vernarrt ist, sich
durch ihre natürliche Zuneigung dazu verleiten lassen, es zu verwöhnen.
Damit aber befriedigt sie ihr eigenes Zärtlichkeitsbedürfnis auf Kosten des
wahren Glücks des Kindes, wenn es älter wird.
Doch obwohl natürliche Zuneigungen normalerweise gefördert werden
sollten, wäre es ganz falsch, zu glauben, man könnte Nächstenliebe dadurch
entwickeln, dass man sich hinsetzt und versucht, Sympathiegefühle zu
fabrizieren. Manche Leute haben ein «kühles» Temperament. Das mag für
sie bedauerlich sein, aber eine Sünde ist es ebenso wenig, wie es eine Sünde
ist, eine schlechte Verdauung zu haben. Es nimmt ihnen auch nicht die
Chance und entbindet sie schon gar nicht von der Pflicht, Nächstenliebe zu
lernen.
Für uns alle gilt dieselbe ganz einfache Regel. Verschwenden Sie nicht
Ihre Zeit damit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob Sie Ihren
Nächsten «lieben». Handeln Sie einfach so, als ob Sie es täten. Sobald wir
das tun, stoßen wir auf eines der großen Geheimnisse. Wenn man sich
nämlich so verhält, als ob man jemanden liebte, wird man bald anfangen,
ihn tatsächlich zu lieben. Wenn man jemanden verletzt, den man nicht mag,
stellt man fest, dass man ihn dann noch weniger mag. Tut man ihm etwas
Gutes, so wird die Abneigung schwächer.
Allerdings gibt es eine Ausnahme. Wenn Sie jemandem nicht deshalb
etwas Gutes tun, weil Sie Gott gefallen oder dem Gebot der Nächstenliebe
gehorchen wollen, sondern nur, um ihm zu zeigen, was Sie für ein feiner,
versöhnlicher Kerl sind, und damit er Ihnen etwas schuldet, um sich dann
hinzusetzen und auf seine «Dankbarkeit» zu warten, dann werden Sie
vermutlich enttäuscht werden. (Die Leute sind nicht dumm; sie merken es
sofort, wenn jemand sich aufspielt oder herablassend benimmt.) Wann
immer wir jedoch einem anderen Selbst Gutes tun, einfach weil es ein
Selbst ist, das (so wie wir) von Gott geschaffen ist, und weil wir ihm
genauso Glück wünschen wie uns selbst, dann haben wir gelernt, es ein
wenig mehr zu lieben oder zumindest ihm gegenüber etwas weniger
Abneigung zu empfinden.
Infolgedessen hat die christliche Nächstenliebe, auch wenn sie sich für
Leute, die den Kopf voller Sentimentalitäten haben, recht kalt anhört und
etwas ganz anderes ist als Zuneigung, dennoch die Zuneigung zur Folge.
Der Unterschied zwischen einem Christen und einem Weltmenschen ist
nicht, dass der Weltmensch nur Zuneigungen und Sympathien hat und der
Christ nur die «Nächstenliebe». Der Weltmensch behandelt bestimmte
Leute freundlich, weil er sie «mag». Der Christ stellt, indem er versucht,
jeden freundlich zu behandeln, mit der Zeit fest, dass er immer mehr Leute
mag – auch solche, von denen er sich am Anfang gar nicht vorstellen
konnte, sie jemals zu mögen.
Dasselbe geistliche Gesetz hat in der umgekehrten Richtung schreckliche
Auswirkungen. Anfangs behandelten die Deutschen die Juden vielleicht
schlecht, weil sie sie hassten. Doch dann hassten sie sie umso mehr, weil sie
sie schlecht behandelt hatten. Je grausamer man ist, desto mehr hasst man;
und je mehr man hasst, desto grausamer wird man. So dreht sich der
Teufelskreis immer weiter.
Gutes und Böses vermehren sich mit Zinseszinsen. Deshalb sind die
kleinen Entscheidungen, die Sie und ich Tag für Tag treffen, von so
unendlich großer Bedeutung. Die kleinste gute Tat, die Sie heute
vollbringen, ist wie die Einnahme einer strategischen Position, von der aus
Sie vielleicht in ein paar Monaten Siege erringen können, die Sie sich nicht
hätten träumen lassen. Ein scheinbar belangloses Nachgeben gegenüber der
Lüsternheit oder dem Zorn heute bedeutet den Verlust eines Bergkammes,
einer Bahnlinie oder eines Brückenkopfes, von denen aus der Feind einen
Angriff starten kann, der sonst nicht möglich gewesen wäre.
Der Begriff «christliche Liebe» steht bei vielen Schriftstellern nicht nur
für die Nächstenliebe zwischen den Menschen, sondern auch für Gottes
Liebe zum Menschen und die Liebe des Menschen zu Gott. Letzteres macht
vielen Leuten Kopfzerbrechen. Ihnen wird gesagt, dass sie Gott lieben
sollen. Aber eine solche Liebe spüren sie in sich nicht. Was sollen sie tun?
Die Antwort ist dieselbe wie zuvor. Handeln Sie so, als ob Sie ihn
liebten. Versuchen Sie nicht, Gefühle zu fabrizieren. Fragen Sie sich lieber:
«Wenn ich ganz sicher wäre, dass ich Gott liebe, was würde ich dann tun?»
Und wenn Sie die Antwort darauf gefunden haben, gehen Sie hin und tun
Sie es.
Im Großen und Ganzen ist es viel sicherer, über Gottes Liebe zu uns
nachzudenken als über unsere Liebe zu ihm. Niemand kann immer voll
andächtiger Empfindung sein. Und selbst wenn wir das könnten, kommt es
Gott gar nicht in erster Linie auf unsere Gefühle an. Christliche Liebe,
sowohl zu Gott als auch zu den Menschen, ist eine Willenssache. Wenn wir
versuchen, seinen Willen zu tun, gehorchen wir dem Gebot: «Du sollst den
Herrn, deinen Gott, lieben.» Liebesgefühle wird er uns schenken, wenn es
ihm gefällt. In uns selbst erzeugen können wir sie nicht, und wir dürfen sie
nicht einfordern wie ein Recht. Doch das Wunderbare ist, dass zwar unsere
Gefühle kommen und gehen, seine Liebe zu uns aber bleibt. Sie wird nicht
müde angesichts unserer Sünden oder unserer Gleichgültigkeit. Und
deshalb bleibt sie unerschütterlich entschlossen, uns von diesen Sünden zu
heilen – was es uns und was es ihn auch kosten mag.
10. Hoffnung
Die Hoffnung ist eine der theologischen Tugenden. Das bedeutet, dass der
beständige Blick voraus in die Ewigkeit nicht etwa (wie heute manche
Leute denken) eine Art Eskapismus oder Wunschdenken ist, sondern zu den
Dingen gehört, die ein Christ tun sollte. Es bedeutet keineswegs, dass wir
die gegenwärtige Welt so lassen sollten, wie sie ist. Wenn Sie in die
Geschichtsbücher schauen, werden Sie feststellen, dass die Christen, die am
meisten für die gegenwärtige Welt getan haben, gerade diejenigen waren,
die am höchsten von der zukünftigen Welt dachten. Die Apostel selbst, die
die Bekehrung des Römischen Reiches in Gang brachten, die großen
Persönlichkeiten, die das Mittelalter gestalteten, die englischen
Evangelikalen, die den Sklavenhandel abschafften – sie alle hinterließen
ihre Spuren auf der Erde, gerade weil sie mit den Gedanken schon im
Himmel waren. Erst seit die meisten Christen aufgehört haben, an die
andere Welt zu denken, sind sie in dieser Welt so wirkungslos geworden.
Zielt man auf den Himmel, so bekommt man die Erde als «Zugabe»; zielt
man auf die Erde, so bekommt man keins von beiden.
Das scheint eine seltsame Regel zu sein, aber so etwas Ähnliches lässt
sich auch in anderen Bereichen beobachten. Gesundheit ist ein großer
Segen, aber sobald man die Gesundheit zu einem seiner unmittelbaren
Hauptziele macht, fängt man an, sich in einen eingebildeten Kranken zu
verwandeln. Die Chance, gesund zu bleiben, kann man nur steigern, indem
man vorrangig nach anderen Dingen strebt – Essen, Spiel, Arbeit, Spaß,
frische Luft. Ebenso werden wir die Zivilisation nicht bewahren, solange
Zivilisation unser Hauptziel ist. Wir müssen lernen, etwas anderes noch
mehr zu wollen.
Den Meisten von uns fällt es schwer, sich den «Himmel» überhaupt zu
wünschen – außer insofern, als wir unter «Himmel» das Wiedersehen mit
unseren verstorbenen Freunden verstehen. Ein Grund für diese
Schwierigkeit ist, dass wir darin nie geschult worden sind. Unsere ganze
Bildung tendiert dahin, unsere Gedanken auf diese Welt auszurichten. Ein
weiterer Grund ist, dass wir den wirklichen Wunsch nach dem Himmel oft
selbst dann nicht erkennen, wenn er in uns vorhanden ist. Die meisten Leute
wüssten, wenn sie wirklich gelernt hätten, in ihre eigenen Herzen zu
schauen, dass sie tatsächlich etwas wollen, ja sich schmerzlich nach etwas
sehnen, was in dieser Welt nicht zu haben ist.
Es gibt zwar in dieser Welt alle möglichen Dinge, die verheißen, einem
dieses Etwas zu verschaffen, aber ganz einlösen können sie das nie. Die
Sehnsüchte, die in uns aufsteigen, wenn wir uns zum ersten Mal verlieben,
wenn wir zum ersten Mal über irgendein fremdes Land nachdenken oder
wenn wir uns zum ersten Mal mit einem Thema beschäftigen, das uns
begeistert, können durch keine Ehe, keine Reise und kein Studium jemals
gestillt werden. Und dabei will ich von im landläufigen Sinn gescheiterten
Ehen, Urlauben und akademischen Laufbahnen gar nicht erst reden. Ich
rede von den bestmöglichen Fällen. Da war etwas, wonach wir in jenen
ersten Momenten des Sehnens die Hand ausstreckten und was in der
Wirklichkeit einfach entschwindet. Ich glaube, jeder weiß, was ich meine.
Wir mögen eine gute Ehefrau finden, die Hotels und die Landschaft mögen
überwältigend sein, und die Chemie mag sich als äußerst interessantes
Fachgebiet erweisen; aber trotzdem ist uns etwas entglitten. Nun gibt es
zwei falsche Möglichkeiten und eine richtige, damit umzugehen.
1. Der Weg des Narren. Der Narr gibt die Schuld den Dingen selbst. Er
bildet sich sein Leben lang ein, wenn er es nur mit einer anderen Frau
versuchte oder einen teureren Urlaub machte oder was auch immer, dann
würde er dieses Mal jenes geheimnisvolle Etwas erhaschen, hinter dem wir
alle her sind. Die meisten der gelangweilten, unzufriedenen Reichen auf der
Welt gehören zu diesem Typ. Sie verbringen ihr ganzes Leben damit, sich
(durch die Scheidungsgerichte) von einer Frau zur anderen, von einem
Kontinent zum anderen, von einem Hobby zum nächsten zu hangeln, immer
in dem Glauben, das Neueste sei nun endlich «das Wahre», und werden
immer wieder enttäuscht.
2. Der Weg des abgeklärten «Vernunftmenschen». Dieser kommt bald zu
dem Schluss, die ganze Sache sei nur Blödsinn gewesen. «Natürlich», sagt
er, «geht es einem so, wenn man jung ist. Aber wenn man dann erst einmal
in meinem Alter ist, jagt man nicht mehr nach dem Ende des
Regenbogens.» Und so richtet er sich ein und lernt, nicht zu viel zu
erwarten, und unterdrückt den Teil seines Innern, der früher einmal «nach
den Sternen greifen» wollte.
Besser als der erste Weg ist das allemal, denn man wird auf diese Weise
erheblich glücklicher und fällt der Gesellschaft nicht so sehr zur Last. Man
wird so zwar leicht etwas hochnäsig (weil man sich natürlich dem, was man
als «pubertär» bezeichnet, haushoch überlegen fühlt), aber im Ganzen
kommt man ganz angenehm über die Runden. Dieser Weg wäre sicherlich
der beste, wenn der Mensch nicht ewig leben würde. Aber angenommen, es
gibt doch so etwas wie ein unendliches Glück, das nur auf uns wartet?
Angenommen, man könnte das Ende des Regenbogens tatsächlich finden?
In diesem Fall wäre es ein Jammer, zu spät (nämlich einen Augenblick nach
unserem Tod) zu merken, dass wir durch unsere vermeintliche
«Abgeklärtheit» in uns jede Fähigkeit, dieses Glück zu genießen, erstickt
haben.
3. Der christliche Weg. Der Christ sagt: «Kein Geschöpf wird mit
irgendeinem Verlangen geboren, wenn es für dieses Verlangen überhaupt
keine Befriedigung gibt. Ein Baby hat Hunger: Nun, es gibt so etwas wie
Nahrung. Ein Entenküken möchte schwimmen: Nun, es gibt so etwas wie
Wasser. Menschen empfinden sexuelles Verlangen: Nun, es gibt so etwas
wie Sex. Wenn ich aber in meinem Innern ein Verlangen verspüre, das
durch kein Erlebnis in dieser Welt befriedigt werden kann, dann ist die
wahrscheinlichste Erklärung dafür die, dass ich für eine andere Welt
gemacht bin. Wenn keine meiner irdischen Freuden dieses Verlangen stillt,
dann beweist das nicht, dass das Universum lauter Lug und Trug ist.
Wahrscheinlich waren die irdischen Freuden nie dazu gedacht, es zu stillen,
sondern nur dazu, es zu wecken und uns auf das Eigentliche hinzuweisen.
Wenn das so ist, muss ich einerseits darauf achten, diese irdischen
Segnungen nie zu verachten oder undankbar dafür zu sein, und andererseits
darauf, sie nie mit diesem anderen Etwas zu verwechseln, von dem sie nur
eine Art Nachahmung oder Echo oder Traumbild sind. Ich muss also in mir
das Verlangen nach meiner wahren Heimat wachhalten, die ich erst nach
meinem Tod finden werde. Ich darf sie nie im Schnee versinken oder ins
Abseits gleiten lassen. Ich muss es mir zum höchsten Ziel im Leben
machen, auf dieses andere Land zuzugehen und anderen zu helfen, sich
ebenfalls auf den Weg dorthin zu machen.»
Lassen wir uns nicht von Spaßvögeln irremachen, die die christliche
Hoffnung auf den «Himmel» ins Lächerliche ziehen wollen, indem sie
sagen, sie hätten keine Lust, «bis in alle Ewigkeit Harfe zu spielen». Die
passende Antwort an solche Leute lautet: Wer Bücher, die für Erwachsene
geschrieben sind, nicht verstehen kann, der soll auch nicht darüber reden.
Die ganze biblische Bildersprache (Harfen, Kronen, Gold usw.) ist natürlich
ein rein symbolischer Versuch, das Unaussprechliche auszusprechen.
Musikinstrumente werden deshalb erwähnt, weil für viele (wenn auch nicht
für alle) Menschen Musik die Sache im gegenwärtigen Leben ist, die sie am
stärksten an einen Freudenrausch und an die Unendlichkeit denken lässt.
Von Kronen ist die Rede, um anzudeuten, dass diejenigen, die in Ewigkeit
Gemeinschaft mit Gott haben, auch seine Herrlichkeit und Macht und
Freude mit ihm teilen. Gold wird erwähnt, um von der Zeitlosigkeit (Gold
rostet nicht) und der Kostbarkeit des Himmels zu sprechen. Wer diese
Symbole buchstäblich auffasst, wird wohl auch die Aufforderung Christi an
uns, wie die Tauben zu sein, so verstehen, dass wir Eier legen sollen.
11. Glaube
In diesem Kapitel geht es um das, was die Christen Glauben nennen. Grob
gesagt, scheint das Wort «Glaube» von Christen in zwei Bedeutungen oder
auf zwei Ebenen gebraucht zu werden, auf die ich nacheinander eingehen
werde. Im ersten Sinne bedeutet es einfach «Überzeugung» – dass man die
Lehren des Christentums annimmt oder als wahr betrachtet. So weit, so
einfach. Was jedoch vielen Leuten Kopfzerbrechen macht – zumindest ging
es mir früher so –, ist die Tatsache, dass Christen den Glauben in diesem
Sinne als eine Tugend betrachten. Ich habe mich immer gefragt, wie denn
so etwas eine Tugend sein kann – was ist denn moralisch oder unmoralisch
daran, ob man eine Reihe von Aussagen glaubt oder nicht? Ein vernünftiger
Mensch, so sagte ich immer, akzeptiert oder verwirft doch wohl eine
Aussage nicht deshalb, weil er es will oder nicht will, sondern weil sie ihm
gut oder schlecht begründet zu sein scheint. Wenn er sich im Hinblick
darauf irrt, ob die Begründung gut oder schlecht ist, ist er doch deshalb kein
schlechter Mensch, sondern allenfalls nicht sehr klug. Und wenn er die
Begründung für schlecht hält und sich dennoch zwingt, daran zu glauben,
dann ist das einfach nur dumm.
Nun, ich glaube, dieser Ansicht bin ich immer noch. Was mir jedoch
damals nicht klar war – und was vielen Leuten nach wie vor nicht klar ist –,
war Folgendes. Ich ging damals davon aus, dass der menschliche Verstand,
wenn er etwas einmal als wahr akzeptiert hat, es automatisch weiterhin für
wahr halten wird, bis sich irgendein Grund ergibt, die Sache neu zu
überdenken. Mit anderen Worten, ich nahm an, der menschliche Verstand
sei ganz und gar von der Vernunft beherrscht.
Aber das ist nicht so. Zum Beispiel bin ich von der Vernunft her aus
guten Gründen vollkommen überzeugt davon, dass Anästhetika mich nicht
ersticken lassen und dass ein gut ausgebildeter Chirurg erst dann mit der
Operation beginnt, wenn ich bewusstlos bin. Das ändert aber nichts an der
Tatsache, dass in mir eine nackte, kindische Panik aufsteigt, sobald ich dort
auf dem Tisch liege und mir diese grauenhafte Maske übers Gesicht
geklappt wird. Ich denke dann, ich würde gleich ersticken, und ich habe
Angst, dass sie an mir herumzuschnippeln beginnen, bevor ich richtig weg
bin. Mit anderen Worten, ich verliere meinen Glauben an die Anästhesie.
Nicht die Vernunft raubt mir den Glauben: Im Gegenteil, mein Glaube
beruht ja auf der Vernunft. Meine Einbildung und meine Gefühle sind
schuld. Die Gegner in diesem Kampf sind Glaube und Vernunft auf der
einen und Gefühl und Einbildung auf der anderen Seite.
Wenn Sie darüber nachdenken, werden Ihnen jede Menge Beispiele dazu
einfallen. Ein Mann weiß aus vollkommen guten Gründen, dass ein
hübsches Mädchen, das er kennt, eine Lügnerin ist, die nichts für sich
behalten und der man nicht trauen kann. Wenn er aber mit ihr zusammen
ist, verliert sein Verstand den Glauben an dieses Wissen, und er denkt
plötzlich: «Vielleicht wird sie sich diesmal ja anders verhalten.» Und schon
macht er sich abermals zum Narren und sagt ihr etwas, das er lieber hätte
für sich behalten sollen. Seine Sinne und seine Gefühle haben seinen
Glauben an das, was er eigentlich als wahr erkannt hat, zunichtegemacht.
Oder denken Sie an einen Jungen, der gerade schwimmen lernt. Von der
Vernunft her weiß er ganz genau, dass ein menschlicher Körper auch ohne
Unterstützung nicht unbedingt im Wasser versinkt. Schließlich hat er schon
Dutzende von Leuten im Wasser schweben und schwimmen sehen. Die
Frage ist aber, ob er immer noch imstande ist, das zu glauben, wenn der
Schwimmlehrer seine Hand zurückzieht und ihn ohne Unterstützung im
Wasser schweben lässt – oder ob er plötzlich aufhört, daran zu glauben, in
Panik gerät und untergeht.
Genauso geht es auch mit dem Christentum. Ich verlange von
niemandem, das Christentum anzunehmen, wenn er nach reiflicher
Überlegung zu dem Schluss kommt, dass die Beweisgründe überwiegend
dagegensprechen. Das ist nicht der Punkt, an dem der Glaube eine Rolle
spielt. Aber nehmen wir an, ein Mensch ist durch vernünftiges Nachdenken
einmal zu dem Schluss gekommen, dass die Beweisgründe überwiegend
dafürsprechen. In diesem Fall kann ich voraussagen, was irgendwann in den
nächsten paar Wochen mit ihm passieren wird. Es wird ein Moment
kommen, in dem er eine schlechte Nachricht erhält, in Schwierigkeiten
gerät oder sich unter lauter Leuten aufhält, die nicht daran glauben, und
plötzlich werden seine Gefühle eine Art Blitzkrieg gegen seine
Überzeugung führen. Oder aber es kommt ein Moment, in dem er eine Frau
begehrt, zu einer Lüge greifen möchte, sehr zufrieden mit sich selbst ist
oder eine Chance sieht, auf nicht ganz saubere Weise ein bisschen Geld zu
verdienen. Irgendein Moment also, in dem es ihm sehr gelegen käme, wenn
das Christentum nicht wahr wäre. Und wieder werden seine Wünsche und
Begierden einen Blitzangriff starten. Ich spreche nicht von Momenten, in
denen er auf irgendwelche berechtigten neuen Argumente gegen das
Christentum stößt. Denen muss er sich stellen. Das ist eine ganz andere
Sache. Ich rede von solchen Momenten, in denen sich einfach eine
Stimmung dagegen erhebt.
Glaube in dem Sinne, wie ich das Wort hier verwende, ist die Kunst, trotz
wechselnder Stimmungen an etwas festzuhalten, was Ihr Verstand einmal
akzeptiert hat. Denn Ihre Stimmungen werden wechseln, egal, welche
Sichtweise Sie vom Verstand her einnehmen. Das weiß ich aus Erfahrung.
Jetzt, wo ich Christ bin, habe ich Stimmungen, in denen sich die ganze
Sache äußerst unwahrscheinlich anhört. Als ich jedoch noch Atheist war,
hatte ich Stimmungen, in denen das Christentum mir entsetzlich
wahrscheinlich vorkam. Dieses Aufbegehren Ihrer Stimmungen gegen Ihr
wahres Selbst kommt so oder so. Deshalb ist der Glaube eine so
unverzichtbare Tugend. Wer nicht lernt, seine Stimmungen in ihre
Schranken zu weisen, kann weder ein richtiger Christ noch ein richtiger
Atheist sein, sondern wird immer hin und her schwanken, und seine
Überzeugungen werden letztlich vom Wetter und seiner Verdauung
abhängig sein. Deshalb muss man den Glauben als Gewohnheit einüben.
Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass Stimmungen sich nun einmal
verändern. Der nächste ist, dass Sie sich, nachdem Sie das Christentum
einmal angenommen haben, täglich Zeit nehmen, um sich gedanklich mit
seinen wesentlichen Lehren zu beschäftigen. Deshalb sind tägliche Gebete,
geistliche Lektüre und Gottesdienstbesuche ein notwendiger Bestandteil des
christlichen Lebens. Wir müssen uns ständig in Erinnerung rufen, woran
wir glauben. Weder diese Überzeugung noch irgendeine andere bleiben in
unserem Denken automatisch lebendig. Sie muss genährt werden. Wenn Sie
sich mit hundert Leuten unterhalten würden, die ihren christlichen Glauben
verloren haben, wie viele von ihnen hätten sich wohl aufgrund aufrichtiger
Argumente davon abgewandt? Driften nicht die meisten Leute einfach ab?
Gleich muss ich mich dem schwierigsten Thema zuwenden, das ich
bisher angepackt habe, nämlich dem Glauben im zweiten und tieferen Sinn.
Vorher möchte ich noch einmal auf das Thema Demut zurückkommen.
Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich sagte, der erste Schritt zur Demut sei
die Erkenntnis, dass man hochmütig ist. Dem möchte ich nun hinzufügen,
dass der nächste Schritt ein ernsthafter Versuch ist, die christlichen
Tugenden zu praktizieren. Eine Woche reicht dazu nicht. In der ersten
Woche läuft oft alles wie geschmiert. Versuchen Sie es für sechs Wochen.
Wenn man nach dieser Zeit dann komplett zurückgefallen oder gar tiefer
gesunken ist als der Punkt, an dem man angefangen hat, dann hat man ein
paar Wahrheiten über sich selbst herausgefunden. Kein Mensch weiß, wie
schlecht er ist, ehe er sich nicht nach Kräften bemüht hat, gut zu sein.
Im Moment ist die alberne Vorstellung im Umlauf, gute Menschen
wüssten nicht, was Versuchung bedeutet. Das ist eine offenkundige Lüge.
Nur wer versucht, der Versuchung zu widerstehen, weiß, wie stark sie ist.
Wie stark die deutsche Armee ist, findet man ja auch nur dadurch heraus,
dass man gegen sie kämpft, und nicht, indem man sich ergibt. Die Stärke
des Windes spürt man, wenn man dagegen angeht, und nicht, wenn man
sich flach auf den Boden legt. Wer nach fünf Minuten einer Versuchung
nachgibt, erfährt nie, wie es eine Stunde später gewesen wäre. Deshalb
haben schlechte Menschen in gewisser Hinsicht sehr wenig Ahnung von
dem, was schlecht ist. Sie führen ein behütetes Leben, indem sie immer
nachgeben. Wie stark der Drang zum Bösen in uns ist, erfahren wir erst,
wenn wir versuchen, dagegen anzukämpfen. Und weil Christus der einzige
Mensch war, der nie einer Versuchung nachgab, ist er auch der Einzige, der
im vollen Umfang weiß, was Versuchung bedeutet – der einzige totale
Realist.
Also gut. Das Wichtigste, was wir aus einem ernsthaften Bemühen, die
christlichen Tugenden zu praktizieren, lernen können, ist, dass wir daran
scheitern. Falls wir uns der Vorstellung hingegeben haben, Gott würde uns
einer Art Prüfung unterziehen, in der wir verdientermaßen gute Noten
erlangen könnten, müssen wir uns davon verabschieden. Sollten wir
gedacht haben, es finde eine Art Handel statt – bei dem wir unsere Seite der
Abmachung erfüllen und Gott damit in Zugzwang bringen, so dass es nun
an ihm liegt, um der bloßen Gerechtigkeit willen auch seine Seite zu
erfüllen –, so müssen wir uns auch das aus dem Kopf schlagen.
Ich glaube, diese Vorstellung von einer Prüfung oder einem Handel hat
jeder im Kopf, der auf unbestimmte Weise an Gott glaubt, aber noch nicht
Christ geworden ist. Echter christlicher Glaube fegt als Erstes diese
Vorstellung vom Tisch. Sobald sie merken, dass diese Vorstellung nicht
mehr haltbar ist, denken manche Leute, das Christentum tauge nichts, und
geben auf. Sie scheinen Gott für sehr einfältig zu halten. In Wirklichkeit
weiß er natürlich über all dies Bescheid. Der Zweck des christlichen
Glaubens besteht ja unter anderem darin, dieser Vorstellung den Garaus zu
machen. Gott hat nur auf den Moment gewartet, in dem Sie merken, dass
Sie keine Chance haben, diese Prüfung zu bestehen oder sich ihn zum
Schuldner zu machen.
Dann kommt eine weitere Entdeckung. Jede Fähigkeit, die Sie haben,
vom Denken bis zur Bewegung Ihrer Gliedmaßen in jedem Augenblick, ist
Ihnen von Gott geschenkt worden. Selbst wenn Sie jeden Moment Ihres
ganzen Lebens ausschließlich in seinen Dienst stellen würden, könnten Sie
ihm damit nichts geben, was ihm nicht in gewissem Sinn sowieso schon
gehört. Wenn wir also davon reden, dass jemand etwas für Gott tut oder
Gott etwas gibt, dann sage ich Ihnen, was wirklich dahintersteckt. Das ist
so, wie wenn ein kleines Kind zu seinem Vater geht und sagt: «Papa, gib
mir einen Euro, damit ich dir ein Geburtstagsgeschenk kaufen kann.» Das
tut der Vater natürlich gerne, und er freut sich auch über das Geschenk des
Kindes. Das ist alles ganz schön und wunderbar, aber nur ein Trottel würde
denken, dass der Vater bei dieser Transaktion um einen Euro reicher wird.
Wenn ein Mensch diese beiden Entdeckungen gemacht hat, kann Gott
richtig an die Arbeit gehen. Von da an beginnt das wahre Leben. Der
Mensch ist jetzt wach geworden. Jetzt können wir über den Glauben im
zweiten Sinne sprechen.
12. Noch einmal Glaube
Zu Beginn möchte ich Sie bitten, eines genau zu beachten, nämlich
Folgendes: Wenn dieses Kapitel Ihnen überhaupt nichts sagt, wenn es Ihnen
so vorkommt, als versuchte es, Fragen zu beantworten, die Sie sich noch nie
gestellt haben, dann lesen Sie gar nicht erst weiter. Beschäftigen Sie sich
gar nicht erst damit. Manche Dinge im Christentum kann man von außen
verstehen, bevor man selbst Christ geworden ist. Doch es gibt auch viele
Dinge, von denen man erst einen Begriff bekommt, wenn man eine gewisse
Wegstrecke im christlichen Glauben zurückgelegt hat. Dabei handelt es sich
um rein praktische Dinge, obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht.
Es sind Anleitungen, wie man mit bestimmten Wegscheiden und
Hindernissen auf der Reise umgeht. Solange man diese Punkte noch nicht
erreicht hat, ergeben sie keinen Sinn. Wann immer Sie in christlichen
Schriften irgendeine Aussage finden, die Ihnen nichts sagt, machen Sie sich
keine Gedanken darum. Lassen Sie es einfach auf sich beruhen.
Irgendwann, vielleicht erst Jahre später, kommt der Tag, wo Ihnen plötzlich
aufgeht, worum es dabei geht. Könnte man es jetzt schon verstehen, so
würde es einem nur schaden.
Natürlich gilt all dies für mich genauso wie für jeden anderen. Das, was
ich in diesem Kapitel zu erklären versuche, könnte noch viel zu hoch für
mich sein. Möglicherweise denke ich, ich wäre schon so weit, bin es aber
gar nicht. Ich kann nur die erfahrenen Christen bitten, genau hinzuschauen
und es mir zu sagen, wenn ich in die Irre gehe. Alle anderen bitte ich, das,
was ich sage, mit einem gewissen Vorbehalt aufzunehmen. Ich spreche es
aus, weil es vielleicht hilfreich sein kann, nicht, weil ich sicher wäre, dass
ich recht habe.
Ich versuche, über den Glauben im zweiten, tieferen Sinn zu sprechen.
Gerade eben habe ich gesagt, dass die Frage nach dem Glauben in diesem
Sinn sich erst stellt, nachdem man nach besten Kräften versucht hat, die
christlichen Tugenden zu praktizieren, daran gescheitert ist und nun erkannt
hat, dass man, selbst wenn man es könnte, Gott ohnehin nur das
zurückgeben könnte, was ihm sowieso schon gehört. Mit anderen Worten,
nachdem man seinen eigenen Bankrott begriffen hat.
Ich wiederhole es noch einmal: Es sind eigentlich nicht unsere Taten, die
Gott wichtig sind. Wichtig ist ihm, dass wir Geschöpfe von einer
bestimmten Art oder Qualität sind – solche Geschöpfe, wie er sie sich von
Anfang an gedacht hat. Geschöpfe, die in einer bestimmten Beziehung zu
ihm stehen. Ich füge hier nicht hinzu: «und die in einer bestimmten
Beziehung zueinander stehen», weil das schon darin enthalten ist. Wer mit
Gott im Reinen ist, ist zwangsläufig auch mit seinen Mitgeschöpfen im
Reinen. Wenn alle Speichen eines Rades richtig mit der Nabe und der Felge
verbunden sind, dann sind sie auch im Verhältnis zueinander in der
richtigen Position. Und solange jemand sich Gott als einen Prüfer vorstellt,
der ihm eine Art Klausurarbeit aufgibt, oder als die Gegenseite bei einer Art
Handel – solange er meint, zwischen ihm und Gott gebe es so etwas wie
gegenseitige Ansprüche –, steht er noch nicht in der richtigen Beziehung zu
ihm. Er hat noch nicht verstanden, was er selbst ist und was Gott ist. Und in
die richtige Beziehung kommt er erst, wenn er entdeckt hat, dass wir
bankrott sind.
Wenn ich «entdeckt» sage, meine ich wirklich entdeckt: nicht nur wie ein
Papagei nachgeplappert. Natürlich wird jedes Kind, das eine bestimmte Art
von Religionsunterricht erhält, bald lernen, zu sagen, dass wir Gott nichts
zu bieten haben, was ihm nicht sowieso schon gehört, und dass wir es nicht
einmal schaffen, ihm das zu bieten, ohne noch etwas zurückzuhalten. Aber
ich spreche davon, das wirklich zu entdecken: durch Erfahrung
herauszufinden, dass es stimmt.
Nun können wir in diesem Sinne unsere Unfähigkeit, Gottes Gesetz zu
halten, nicht entdecken, es sei denn, wir versuchen unser Äußerstes (und
scheitern damit). Wenn wir es nicht wirklich versuchen, können wir sagen,
was wir wollen – irgendwo im Hinterkopf wird immer noch die Vorstellung
herumgeistern, dass es uns das nächste Mal, wenn wir uns nur noch mehr
Mühe geben, gelingen wird, vollkommen gut zu sein. Somit ist in gewissem
Sinn der Weg zurück zu Gott ein Weg des moralischen Bemühens, der
immer größeren Anstrengung.
In einem anderen Sinn jedoch wird diese Anstrengung uns nie nach
Hause bringen. Alles Bemühen bringt uns lediglich zu dem alles
entscheidenden Moment, in dem man sich an Gott wendet und sagt: «Du
musst das tun. Ich kann es nicht.»
Ich bitte Sie dringend, fangen Sie jetzt nicht an, sich zu fragen: «Bin ich
schon bei diesem Moment angekommen?» Beobachten Sie nicht Ihr eigenes
Denken, um zu sehen, ob er schon nahe ist. Das führt auf eine völlig falsche
Spur. Bei den wichtigsten Ereignissen in unserem Leben wissen wir,
während sie uns widerfahren, oft nicht, was da eigentlich geschieht. Man
sagt ja auch nicht ständig zu sich selbst: «Hallo! Ich werde erwachsen.» Oft
erkennt man erst im Rückblick, was geschehen ist, und wird sich klar
darüber, dass es das war, was man unter «Erwachsenwerden» versteht. Man
sieht das bei den einfachsten Dingen. Wer ängstlich aufpasst, ob er
einschläft, wird wahrscheinlich hellwach bleiben.
Auch das, wovon ich hier spreche, passiert vielleicht nicht jedem mit
einem Schlag, wie es beim Apostel Paulus oder bei John Bunyan der Fall
war. Manchmal geschieht es so allmählich, dass man nie einen bestimmten
Zeitpunkt oder auch nur ein bestimmtes Jahr benennen könnte. Das
Wesentliche ist die Natur dieser Veränderung selbst, nicht das, was wir
empfinden, während sie sich vollzieht. Es ist die Wandlung vom Vertrauen
auf unsere eigenen Anstrengungen hin zu dem Zustand, in dem wir daran
verzweifeln, für uns selbst irgendetwas auszurichten, und alles Gott
überlassen.
Ich weiß, die Worte «alles Gott überlassen» können missverstanden
werden, aber fürs Erste muss ich sie stehen lassen. Ein Christ überlässt alles
Gott in dem Sinne, dass er sein ganzes Vertrauen auf Christus setzt. Er
vertraut darauf, dass Christus irgendwie den vollkommenen menschlichen
Gehorsam, den er von seiner Geburt bis zu seiner Kreuzigung übte, mit ihm
teilt. Und darauf, dass Christus den Menschen sich selbst ähnlicher machen
und seine Mängel in gewissem Sinne ausgleichen wird. Christen sprechen
davon, dass er uns an seiner «Sohnschaft» teilhaben lassen und uns zu
«Söhnen (oder Töchtern) Gottes» machen wird, wie er selbst einer ist. Im
Vierten Buch werde ich versuchen, die Bedeutung dieser Worte genauer zu
beleuchten.
Wenn Sie so wollen, bietet uns Christus etwas für nichts; ja, er bietet
sogar alles für nichts. In gewissem Sinne besteht das ganze christliche
Leben darin, dieses erstaunliche Angebot anzunehmen. Die Schwierigkeit
ist nur, an den Punkt zu kommen, wo wir erkennen, dass alles, was wir
getan haben und tun können, nichts ist. Es hätte uns besser gefallen, wenn
Gott unsere Pluspunkte gezählt und unsere Minuspunkte ignoriert hätte. In
einem anderen Sinne wiederum kann man sagen, dass keine Versuchung je
überwunden ist, ehe wir nicht den Versuch aufgeben, sie zu überwinden,
und das Handtuch werfen. «Den Versuch aufgeben» aber können wir weder
auf die richtige Weise noch aus dem richtigen Grund, ehe wir uns nicht bis
zum Äußersten bemüht haben.
Und in noch einem anderen Sinne bedeutet alles an Christus abzugeben
natürlich nicht, dass wir aufhören, uns Mühe zu geben. Ihm zu vertrauen
bedeutet ja, dass wir versuchen, alles zu tun, was er sagt. Es wäre sinnlos,
zu sagen, dass man jemandem vertraut, wenn man seinen Rat nicht
annehmen will. Wenn Sie sich also wirklich selbst in seine Hände gegeben
haben, folgt daraus, dass Sie versuchen, ihm zu gehorchen. Aber Sie
versuchen das auf eine neue, weniger ängstliche Weise. Sie tun das alles
nicht, um errettet zu werden, sondern weil er bereits begonnen hat, Sie zu
erretten. Nicht in der Hoffnung, zum Lohn für Ihr Tun in den Himmel zu
kommen, sondern weil Sie gar nicht anders können, als auf eine bestimmte
Weise handeln zu wollen, weil ein erster Schimmer des Himmels bereits in
Ihnen ist.
Christen haben oft darüber debattiert, ob gute Werke oder der Glaube an
Christus der Weg zur Heimat seien. Ich bin eigentlich nicht befugt, mich zu
einer so schwierigen Frage zu äußern, aber das kommt mir so ähnlich vor,
als fragte man, welche Klinge einer Schere am nötigsten sei. Eine ernsthafte
moralische Anstrengung ist das Einzige, was Sie zu dem Punkt bringen
kann, an dem Sie das Handtuch werfen. Der Glaube an Christus ist das
Einzige, was Sie an diesem Punkt vor der Verzweiflung bewahren kann.
Und aus diesem Glauben an ihn wiederum müssen sich unweigerlich auch
gute Werke ergeben.
Es gibt zwei Parodien der Wahrheit, an die zu glauben verschiedenen
Gruppen von Christen in der Vergangenheit von anderen Christen
vorgeworfen wurde. Vielleicht können sie dazu dienen, die Wahrheit klarer
zu machen. Einer Gruppe warf man vor, sie sei der Meinung: «Gute Werke
sind das Einzige, was zählt. Das beste gute Werk ist die Nächstenliebe. Die
beste Form von Nächstenliebe ist das Spenden von Geld. Am besten ist es,
wenn man das Geld der Kirche spendet. Also gib uns zehntausend Pfund,
und wir bringen dich ans Ziel.»
Die Antwort auf diesen Unfug wäre natürlich, dass gute Werke aus
solchen Motiven, vollbracht in der Erwartung, den Himmel könne man sich
erkaufen, überhaupt keine guten Werke wären, sondern pures
Spekulantentum.
Den anderen warf man vor, sie seien der Auffassung: «Der Glaube ist das
Einzige, was zählt. Wenn du also Glauben hast, ist es ganz egal, was du
tust. Sündige nur, mein Junge, und mach dir eine schöne Zeit. Christus wird
schon dafür sorgen, dass es am Ende keine Rolle spielt.»
Die Antwort auf diesen Unfug lautet: Wenn zu dem, was Sie Ihren
«Glauben» an Christus nennen, nicht auch gehört, dass Sie sich zu Herzen
nehmen, was er sagt, dann ist es überhaupt kein Glaube – jedenfalls kein
Vertrauen auf ihn, sondern allenfalls ein intellektuelles Bejahen irgendeiner
Theorie über ihn.
Die Bibel scheint das letzte Wort zu der Frage zu sprechen, wenn sie
beides in einem einzigen erstaunlichen Satz zusammenfasst. Die erste
Hälfte des Satzes lautet: «Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und
Zittern» – was sich anhört, als hinge alles von uns und unseren guten
Werken ab. Doch dann geht es weiter: «Denn Gott ist's, der in euch wirkt» –
was sich anhört, als tue Gott alles und wir nichts.
Ich fürchte, solche Nüsse gibt uns das Christentum öfter zu knacken. Sie
geben mir Rätsel auf, aber erstaunt bin ich nicht darüber. Wissen Sie, wir
versuchen hier zu verstehen und säuberlich auseinanderzusortieren, was
genau Gott und was der Mensch tut, wenn Gott und Mensch
zusammenarbeiten. Und natürlich gehen wir dabei davon aus, dass das so
ist wie bei zwei Menschen, die etwas gemeinsam tun, so dass man sagen
könnte: «Er hat das gemacht und ich das.» Aber mit dieser Denkweise
kommen wir hier nicht weiter. Gott ist nicht so. Er ist sowohl in Ihrem
Innern als auch außerhalb von Ihnen. Selbst wenn wir verstehen könnten,
wer was getan hat, glaube ich nicht, dass es sich mit menschlicher Sprache
richtig beschreiben ließe. Verschiedene Kirchen versuchen es auf
unterschiedliche Weise auszudrücken. Aber Sie werden merken, dass auch
diejenigen, die besonders betonen, wie wichtig gute Werke seien, Ihnen
sagen werden, dass Sie den Glauben brauchen. Und auch diejenigen, die
besonders stark den Glauben betonen, werden Sie zu guten Werken
ermahnen. Das ist zumindest alles, was ich dazu sagen kann.
Ich glaube, alle Christen würden mir in Folgendem zustimmen. Am
Anfang scheint es so, als drehte sich das ganze Christentum um die Moral,
um Pflichten und Regeln und Schuld und Tugend. Doch dann führt es einen
weiter über all das hinaus zu etwas anderem jenseits davon. Man erhascht
eine Ahnung von einem Land, wo von all diesen Dingen überhaupt nicht
mehr gesprochen wird, außer vielleicht, um einen Witz zu machen. Dort ist
jeder Mensch erfüllt von dem, was wir das Gute nennen, so wie ein Spiegel
voller Licht ist. Aber sie nennen es nicht das Gute. Sie haben überhaupt
keinen Namen dafür. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, die Quelle zu
betrachten, von der es ausgeht. Aber damit nähern wir uns dem Bereich, wo
die Straße über den Rand unserer Welt hinwegführt. Keines Menschen
Auge blickt weit darüber hinaus. Freilich gibt es viele, deren Blick weiter
reicht als meiner.
Viertes Buch
Jenseits der Persönlichkeit –
Erste Schritte zum Verständnis der Dreieinigkeit
1. Erschaffen und Zeugen
Alle haben mich gewarnt, ich solle das, was ich Ihnen in diesem letzten
Buch sagen werde, lieber für mich behalten. «Der gewöhnliche Leser will
keine Theologie», lautet die einhellige Meinung. «Schreib lieber über
einfache, praktische Frömmigkeit.» Ich habe ihren Rat verworfen. Für so
dumm halte ich den gewöhnlichen Leser nämlich nicht. Theologie bedeutet
«die Wissenschaft von Gott», und ich glaube, jeder, der überhaupt über Gott
nachdenkt, möchte gerne eine so klare und zutreffende Vorstellung von ihm
haben wie möglich. Sie sind ja schließlich keine Kinder. Warum sollte man
Sie also wie Kinder behandeln?
In gewisser Hinsicht verstehe ich vollkommen, warum Theologie manche
Leute abschreckt. Ich weiß noch, wie ich einmal einen Vortrag bei der
Royal Air Force hielt und hinterher ein alter, hartgesottener Offizier
aufstand und sagte: «Ich kann mit dem ganzen Zeug nichts anfangen. Aber
wohlgemerkt, ich bin auch ein religiöser Mensch. Ich weiß, dass es einen
Gott gibt. Ich habe ihn gespürt, wenn ich nachts allein draußen in der Wüste
war: das gewaltige Mysterium. Und genau deshalb glaube ich nicht an all
Ihre hübschen kleinen Dogmen und Formeln über ihn. Wenn man ihm
wirklich begegnet ist, dann kommen sie einem alle furchtbar kleinlich und
pedantisch und unwirklich vor!»
In gewisser Hinsicht musste ich diesem Mann vollkommen zustimmen.
Ich glaube, er hatte wahrscheinlich in der Wüste eine echte
Gottesbegegnung. Und als er sich dann von dieser Erfahrung den
christlichen Glaubensbekenntnissen zuwandte, war es wohl tatsächlich so,
dass er von etwas Wirklichem zu etwas weniger Wirklichem kam. Genauso
ist es ja auch, wenn man vom Strand aus den Atlantik gesehen hat und dann
hingeht und sich eine Karte des Atlantiks anschaut. Man kommt von etwas
Wirklichem zu etwas weniger Wirklichem; von echten Wellen zu einem
bunten Blatt Papier.
Aber der springende Punkt ist folgender: Die Karte besteht
zugegebenermaßen nur aus buntem Papier, aber sie hat zwei Merkmale, die
man nicht vergessen sollte. Erstens beruht sie auf dem, was Hunderte, ja
Tausende von Menschen herausgefunden haben, indem sie den wirklichen
Atlantik befahren haben. Insofern stehen hinter ihr unzählige Erfahrungen,
die genauso wirklich waren wie Ihr Erlebnis am Strand. Allerdings haben
Sie ja nur einen einzigen Blick auf den Atlantik geworfen, während die
Karte all diese unterschiedlichen Erfahrungen zusammenfügt. Zweitens:
Wenn man irgendwo hinwill, kommt man ohne die Karte nicht aus. Solange
man sich mit Strandspaziergängen zufriedengibt, machen diese eigenen
Eindrücke viel mehr Spaß, als eine Karte zu studieren. Aber die Karte
bringt Ihnen mehr als alle Strandspaziergänge, wenn Sie nach Amerika
wollen.
Theologie ist wie so eine Karte. Wenn Sie lediglich die christlichen
Lehren kennen lernen und darüber nachdenken und es dabei belassen, dann
ist das nicht so real und aufregend wie das, was mein Freund in der Wüste
erlebte. Lehren sind nicht gleich Gott; sie sind nur eine Art Landkarte. Aber
diese Karte beruht auf der Erfahrung von Hunderten von Menschen, die
Gott wirklich begegnet sind. Im Vergleich zu ihren gesammelten
Erfahrungen ist alles, was Sie und ich auf eigene Faust an heiligem Schauer
und frommen Gefühlen erleben mögen, ziemlich einfach und
durcheinander.
Und zweitens brauchen Sie die Karte, wenn Sie weiterkommen wollen.
Wissen Sie, was diesem Mann in der Wüste passiert ist, mag durchaus real
gewesen sein, und es war zweifellos aufregend, aber es kommt nichts dabei
heraus. Es führt nirgendwohin. Es hat keine praktischen Konsequenzen. Das
ist ja auch der Grund, warum eine verschwommene Religion, die sich damit
begnügt, Gott in der Natur zu spüren und so weiter, so anziehend ist. Sie
bietet heiligen Schauer, macht aber keine Mühe; genau wie die Wellen, die
man vom Strand aus betrachtet.
Aber dadurch, dass man sich auf diese Weise mit dem Atlantik
beschäftigt, kommt man nie nach Neufundland. Und ebenso kommt man
auch nicht zum ewigen Leben, indem man einfach nur die Gegenwart
Gottes in den Blumen oder in der Musik spürt. Auch dadurch, dass man nur
Karten betrachtet, ohne in See zu stechen, kommt man nirgendwohin. Und
ohne Karte in See zu stechen wäre ziemlich gefährlich.
Mit anderen Worten, Theologie hat praktische Bedeutung, besonders
jetzt. Früher, als es noch weniger Bildung und weniger Diskussionen gab,
war es vielleicht noch möglich, mit ein paar wenigen, ganz einfachen
Vorstellungen von Gott zurande zu kommen. Aber heute reicht das nicht
mehr. Jeder liest, jeder hört, wie über alles Mögliche diskutiert wird. Die
Folge ist, dass jemand, der sich nicht mit Theologie beschäftigt, deswegen
nicht etwa gar keine Vorstellungen von Gott hat. Sondern er hat eine Menge
falscher – schlechter, wirrer, überholter – Vorstellungen. Denn viele der
Auffassungen über Gott, die heute als der letzte Schrei propagiert werden,
sind einfach nur dieselben, die echte Theologen schon vor Jahrhunderten
geprüft und verworfen haben. Der Glaube an die landläufige Religion im
modernen England ist ein Rückschritt – so wie der Glaube, die Erde sei eine
Scheibe.
Denn besteht nicht die landläufige Vorstellung vom Christentum genau
betrachtet einfach darin, Jesus Christus sei ein großer Morallehrer gewesen,
und wenn wir nur seinen Rat beherzigten, könnten wir vielleicht eine
bessere Gesellschaftsordnung errichten und einen weiteren Krieg
vermeiden? Wohlgemerkt, das ist völlig richtig. Aber es ist nur ein kleiner
Bruchteil der ganzen Wahrheit über das Christentum, und es hat keinerlei
praktische Bedeutung.
Es stimmt natürlich, dass wir in einer glücklicheren Welt leben würden,
wenn wir den Rat Christi beherzigten. Dazu braucht man noch nicht einmal
bis zu Christus zu kommen. Wenn wir nur alles täten, was Platon oder
Aristoteles oder Konfuzius uns gesagt haben, kämen wir schon erheblich
besser zurecht als so, wie es ist. Na und? Wir sind den Ratschlägen der
großen Lehrer doch noch nie gefolgt. Warum sollte man annehmen, dass
wir jetzt damit anfangen? Warum sollte es wahrscheinlicher sein, dass wir
Christus folgen, als dass wir auf irgendeinen der anderen hören? Weil er der
beste Morallehrer von allen ist? Aber das macht es ja nur noch
unwahrscheinlicher, dass wir ihm folgen. Wenn wir schon an den ganz
elementaren Lektionen scheitern, ist dann damit zu rechnen, dass wir die
schwierigeren meistern werden? Wäre das Christentum nicht mehr als nur
ein weiterer guter Ratschlag, dann hätte es keinerlei Bedeutung. An guten
Ratschlägen hat es in den letzten viertausend Jahren keinen Mangel
gegeben. Ein bisschen mehr davon hilft uns auch nicht weiter.
Doch sobald Sie einen Blick in echte christliche Schriften werfen,
werden Sie feststellen, dass darin von etwas ganz anderem die Rede ist als
von dieser landläufigen Religion. Sie sagen, Christus sei der Sohn Gottes
(was immer das bedeutet). Sie sagen, wer ihm vertraut, der könne ebenfalls
ein Sohn oder eine Tochter Gottes werden (was immer das bedeutet). Sie
sagen, sein Tod habe uns von unseren Sünden errettet (was immer das
bedeutet).
Es nützt nichts, sich darüber zu beklagen, dass diese Aussagen schwierig
zu verstehen seien. Das Christentum behauptet nun einmal, uns etwas über
eine andere Welt zu sagen, etwas hinter der Welt, die wir anfassen, hören
und sehen können. Man kann diese Behauptung für falsch halten, aber wenn
sie zutrifft, dann ist klar, dass diese Aussagen schwierig sein werden –
mindestens so schwierig wie die moderne Physik, und zwar aus demselben
Grund.
Was uns am Christentum am meisten schockiert, ist die Aussage, dass
wir dadurch, dass wir uns an Christus hängen, «zu Kindern Gottes werden»
können. «Wie denn», fragt man, «sind wir denn nicht alle schon Kinder
Gottes? Die Vaterschaft Gottes ist doch wohl einer der Grundgedanken des
Christentums, oder?» Nun, in einem gewissen Sinn sind wir zweifellos
bereits Kinder Gottes. Das heißt, Gott hat uns ins Dasein gerufen; er liebt
uns und kümmert sich um uns. Insofern ist er für uns wie ein Vater. Aber
wenn die Bibel davon spricht, dass wir Kinder Gottes «werden», dann ist
damit offensichtlich etwas anderes gemeint. Und das bringt uns mitten
hinein in die Theologie.
Eines der Glaubensbekenntnisse sagt, Christus sei der Sohn Gottes,
«gezeugt, nicht geschaffen». Außerdem heißt es dort von ihm, dass er «als
Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist vor aller Zeit». Bitte achten Sie
genau darauf, dass dies nichts mit dem Umstand zu tun hat, dass Christus,
als er als Mensch auf die Welt kam, als Sohn einer Jungfrau geboren wurde.
Uns geht es jetzt nicht um die Jungfrauengeburt. Wir denken über etwas
nach, was sich ereignete, bevor die Natur überhaupt erschaffen wurde, ja
bevor die Zeit begann. «Vor aller Zeit» wird Christus gezeugt, nicht
geschaffen. Was heißt das?
Wir verwenden Wörter wie «zeugen» und «gezeugt» heute nicht mehr
sehr häufig, aber noch weiß jeder, was sie bedeuten. Zeugen heißt Vater
werden. Erschaffen heißt machen. Der Unterschied ist folgender: Wenn man
zeugt, zeugt man etwas, das von gleicher Art ist wie man selbst. Ein Mann
zeugt menschliche Babys, ein Biber zeugt kleine Biber, und ein Vogel zeugt
Eier, aus denen kleine Vögel werden. Wenn man aber etwas erschafft,
macht man etwas, das von anderer Art ist als man selbst. So macht ein
Vogel ein Nest, ein Biber einen Damm, ein Mann ein Radio. Er könnte
natürlich auch etwas machen, was ihm ähnlicher ist als ein Radio: eine
Statue zum Beispiel. Ein guter Bildhauer kann eine Statue erschaffen, die
sehr große Ähnlichkeit mit einem Menschen hat. Aber natürlich ist sie kein
echter Mensch; sie sieht nur so aus. Sie kann nicht atmen oder denken. Sie
lebt nicht.
Das ist das Erste, was wir uns klarmachen müssen. Was Gott zeugt, ist
Gott; so wie das, was der Mensch zeugt, Mensch ist. Was Gott erschafft, ist
nicht Gott; so wie das, was der Mensch erschafft, nicht Mensch ist. Deshalb
sind die Menschen nicht Söhne oder Töchter Gottes in demselben Sinne wie
Christus. Sie mögen Gott in gewisser Hinsicht ähnlich sein, aber sie sind
nicht von derselben Art wie er. Sie sind eher so etwas wie Statuen oder
Abbilder Gottes.
Eine Statue hat die Form eines Menschen, aber sie ist nicht lebendig.
Ebenso hat der Mensch (in einem Sinne, den ich noch erklären werde) die
«Form» oder das Ebenbild Gottes, aber er hat nicht dieselbe Art von Leben
wie Gott.
Gehen wir zuerst auf den ersten Punkt ein: die Gottähnlichkeit des
Menschen. Alles, was Gott geschaffen hat, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit
ihm. Das All ist ihm in seiner gewaltigen Größe ähnlich. Die Größe des
Weltalls ist zwar nicht von derselben Art wie Gottes Größe, aber sie ist eine
Art Symbol dafür oder eine Übersetzung in gegenständliche Begriffe. Die
Materie ist Gott insofern ähnlich, als ihr Energie innewohnt, wobei auch
hier wieder physische Energie natürlich etwas anderes ist als die Kraft
Gottes. Die Pflanzenwelt ist ihm ähnlich, weil sie lebendig und er der
«lebendige Gott» ist. Doch Leben in diesem biologischen Sinne ist etwas
anderes als das Leben, das Gott innewohnt. Es ist nur eine Art Symbol oder
Schatten dieses Lebens.
Wenn wir zu den Tieren kommen, finden wir weitere Ähnlichkeiten
neben dem biologischen Leben. Die intensive Aktivität und Fruchtbarkeit
der Insekten zum Beispiel ist ein erstes, verschwommenes Abbild der
unaufhörlichen Aktivität und Kreativität Gottes. Bei den höheren Tieren
finden wir die Anfänge instinktiver Zuneigung. Diese sind nicht dasselbe
wie die Liebe, die Gott in sich trägt, aber sie ist ihr ähnlich – etwa so, wie
ein Bild, das auf einem flachen Blatt Papier gemalt ist, dennoch einer
Landschaft «ähnlich» sein kann. Beim Menschen schließlich, dem höchsten
der Tiere, finden wir die umfassendste Ähnlichkeit zu Gott, die wir kennen.
(Vielleicht gibt es auf anderen Welten Geschöpfe, die Gott noch ähnlicher
sind als der Mensch, aber von ihnen wissen wir nichts.) Der Mensch lebt
nicht nur, sondern er liebt und denkt auch. In ihm erreicht das biologische
Leben seine höchste bekannte Stufe.
Was der Mensch jedoch in seinem natürlichen Zustand nicht hat, ist
geistliches Leben – jene andere, höhere Art von Leben, die Gott in sich
trägt. Wir gebrauchen für beides das Wort Leben . Falls Sie aber dachten,
deshalb müsste beides von gleicher Art sein, so könnten Sie genauso gut
denken, die «Größe» des Weltalls und die «Größe» Gottes wären ein und
dieselbe Sache. In Wirklichkeit ist der Unterschied zwischen biologischem
und geistlichem Leben so wichtig, dass ich dafür zwei verschiedene
Bezeichnungen verwenden werde. Das biologische Leben, das wir durch
die Natur erlangen und das (wie alles in der Natur) stets dazu neigt,
abzulaufen und zu verfallen, so dass es nur durch ständige Zuwendungen
der Natur in Form von Luft, Wasser, Nahrung usw. erhalten werden kann,
heißt Bios . Das geistliche Leben, das von Ewigkeit her in Gott ist, heißt
Zoe . Der Bios hat natürlich eine gewisse schattenhafte oder symbolische
Ähnlichkeit mit der Zoe , aber eben nur eine Ähnlichkeit wie die zwischen
einem Foto und einem Ort oder einer Statue und einem Menschen. Wenn
ein Mensch, der Bios in sich trägt, plötzlich Zoe in sich hätte, so wäre das
eine ebenso große Verwandlung wie die einer Statue aus einem behauenen
Stein in einen echten Menschen.
Und genau darum geht es im Christentum. Diese Welt ist eine riesige
Bildhauerwerkstatt. Wir sind die Statuen, und durch die Werkstatt geht ein
Raunen, dass manche von uns eines Tages zum Leben erwachen werden.
2. Gott in drei Personen
Das vorige Kapitel handelte von dem Unterschied zwischen Zeugen und
Erschaffen. Ein Mann zeugt ein Kind, aber eine Statue erschafft er nur. Gott
zeugt Christus, aber Menschen erschafft er nur. Doch indem ich das sage,
habe ich nur einen Aspekt Gottes veranschaulicht, nämlich dass das, was
Gott, der Vater, zeugt, Gott ist, also von der gleichen Art wie er selbst.
Insofern ist es so, wie wenn ein menschlicher Vater einen menschlichen
Sohn zeugt. Aber nicht ganz genauso. Also muss ich das etwas näher
erklären.
Eine ganze Menge Leute sagen heute: «Ich glaube an einen Gott, aber
nicht an einen persönlichen Gott.» Sie haben das Gefühl, dass das
mysteriöse Etwas, das hinter allen anderen Dingen steckt, mehr sein muss
als eine Person.
Da sind die Christen ganz derselben Meinung. Allerdings sind die
Christen die Einzigen, die eine gewisse Vorstellung davon zu bieten haben,
wie so ein Wesen jenseits der Persönlichkeit beschaffen sein könnte. Alle
anderen sagen zwar, Gott sei jenseits der Persönlichkeit, stellen sich aber in
Wirklichkeit unter ihm etwas Unpersönliches vor – also etwas, das weniger
als persönlich ist. Sucht man nach etwas Überpersönlichem, etwas, das
mehr ist als eine Person, so geht es nicht darum, zwischen der christlichen
Vorstellung und anderen Vorstellungen zu wählen. Die christliche
Vorstellung ist die einzige im Angebot.
Andere Leute wiederum glauben, nach diesem Leben oder vielleicht auch
nach mehreren Leben würden die menschlichen Seelen von Gott
«absorbiert» werden. Doch wenn sie dann zu erklären versuchen, was sie
damit meinen, scheinen sie sich vorzustellen, dass wir von Gott absorbiert
werden wie eine materielle Substanz von einer anderen. Wie ein Tropfen
Wasser, der ins Meer gleitet, zum Beispiel. Aber das ist dann natürlich das
Ende des Tropfens. Wenn es uns so ergehen wird, dann hören wir mit
diesem Absorbiertwerden auf zu existieren.
Allein die Christen haben eine Vorstellung davon, wie menschliche
Seelen in das Leben Gottes hineingenommen werden und dabei dennoch sie
selbst bleiben können – ja sogar viel mehr sie selbst, als sie es vorher
waren.
Ich habe Sie ja gewarnt, dass Theologie praktische Konsequenzen hat.
Der ganze Zweck, für den wir existieren, ist es, auf diese Weise in das
Leben Gottes hineingenommen zu werden. Das wird schwerer, wenn wir
falsche Vorstellungen davon haben, was dieses Leben ist. Und deshalb muss
ich Sie bitten, mir jetzt für ein paar Minuten sehr genau zu folgen.
Wie Sie wissen, kann man sich im Raum in drei Richtungen bewegen –
links oder rechts, vorwärts oder rückwärts und auf oder ab. Jede Richtung
ist entweder eine von diesen dreien oder eine Kombination aus ihnen. Sie
werden als die drei Dimensionen bezeichnet. Und nun beachten Sie
Folgendes. Mit nur einer Dimension könnten Sie lediglich eine gerade Linie
zeichnen. Mit zwei Dimensionen können Sie immerhin schon eine Figur
zeichnen – ein Quadrat zum Beispiel. Und ein Quadrat besteht aus vier
geraden Linien. Gehen wir nun einen Schritt weiter. Mit drei Dimensionen
können Sie einen sogenannten Körper bauen, zum Beispiel einen Würfel.
Und ein Würfel besteht aus sechs Quadraten.
Verstehen Sie, was das heißt? Eine Welt aus nur einer Dimension wäre
eine einzige Gerade. In einer zweidimensionalen Welt hat man immer noch
gerade Linien, aber viele Linien ergeben eine Figur. In einer
dreidimensionalen Welt hat man immer noch Figuren, aber viele Figuren
ergeben einen Körper. Mit anderen Worten, wenn man sich auf eine
realistischere und komplexere Ebene begibt, geht das, was man auf den
einfacheren Ebenen vorgefunden hat, nicht verloren: Alles ist immer noch
da, aber die Dinge lassen sich auf neue Arten kombinieren, die man sich auf
den einfacheren Ebenen noch nicht vorstellen konnte.
Bei der christlichen Vorstellung von Gott kommt dasselbe Prinzip ins
Spiel. Die menschliche Ebene ist eine einfache und ziemlich leere Ebene.
Auf der menschlichen Ebene ist eine Person ein Wesen, und zwei Personen
sind immer zwei getrennte Wesen – genauso, wie in zwei Dimensionen
(etwa auf einem Blatt Papier) ein Quadrat eine Figur ist und zwei Quadrate
immer zwei getrennte Figuren sind. Auf der göttlichen Ebene gibt es immer
noch Persönlichkeiten, doch da oben können sie sich auf neue Arten
verbinden, die wir, weil wir nicht auf dieser Ebene leben, uns nicht
vorstellen können. In Gottes Dimension gibt es also ein Wesen, das aus drei
Personen besteht und zugleich ein Wesen bleibt, so wie ein Würfel aus
sechs Quadraten besteht und immer noch ein Würfel bleibt.
Natürlich können wir uns ein solches Wesen nicht richtig vorstellen.
Wenn wir so geschaffen wären, dass wir nur zwei Dimensionen im Raum
wahrnehmen könnten, wären wir ja auch nicht in der Lage, uns einen
Würfel richtig vorzustellen. Immerhin können wir aber eine schwache
Ahnung davon bekommen. Und wenn wir das versuchen, bekommen wir
zum ersten Mal in unserem Leben eine positive Vorstellung, wenn auch
undeutlich, von etwas Überpersönlichem – etwas, das mehr ist als eine
Person. Von allein wären wir darauf nie gekommen, aber wenn wir es
einmal gehört haben, meinen wir fast, wir hätten darauf kommen müssen,
weil es so gut zu allem passt, was wir bereits wissen.
Vielleicht fragen Sie jetzt: «Wenn wir uns ein Wesen aus drei Personen
nicht vorstellen können, was nützt es dann, darüber zu reden?» Nun, es
nützt gar nichts, darüber zu reden. Es kommt nur darauf an, dass wir
tatsächlich in dieses dreieinige Leben hineingezogen werden, und das kann
jederzeit beginnen – noch heute Abend, wenn Sie wollen.
Ich meine damit Folgendes. Ein gewöhnlicher, einfacher Christ kniet
nieder, um zu beten. Er versucht, mit Gott in Kontakt zu treten. Als Christ
weiß er indes, dass das, was ihn zum Beten treibt, ebenfalls Gott ist: Gott in
ihm sozusagen. Außerdem weiß er aber, dass all seine echte
Gotteserkenntnis durch Christus kommt, den Menschen, der Gott war –
dass Christus neben ihm steht, ihm beim Beten hilft und für ihn betet. Sie
sehen, was hier passiert. Gott ist das Wesen, zu dem er betet – das Ziel, das
er zu erreichen versucht. Gott ist zugleich auch die treibende Kraft in ihm.
Und ebenso ist Gott die Straße oder Brücke, entlang der er zu diesem Ziel
getrieben wird. Das ganze dreifache Leben des dreieinigen Wesens ist also
daran beteiligt, wenn in diesem gewöhnlichen kleinen Schlafzimmer ein
gewöhnlicher Mensch sein Gebet spricht. Der Mensch wird von dem
höheren Leben erfasst – von der Zoe oder dem geistlichen Leben, wie ich es
genannt habe. Er wird von Gott in Gott hineingezogen und bleibt dabei
zugleich er selbst.
Und so fing die Theologie an. Die Leute hatten bereits eine undeutliche
Kenntnis von Gott. Dann kam ein Mensch, der behauptete, Gott zu sein;
und doch war er niemand von der Sorte, die man als Spinner hätte abtun
können. Er brachte die Leute dazu, ihm zu glauben. Sie begegneten ihm
wieder, nachdem sie gesehen hatten, wie er getötet wurde. Und dann,
nachdem sie sich zu einer kleinen Gesellschaft oder Gemeinschaft
zusammengetan hatten, fanden sie Gott auch in ihrem eigenen Innern vor,
wo er sie führte und ihnen die Fähigkeit gab, Dinge zu tun, die sie vorher
nicht tun konnten. Und als sie versuchten, das alles in einen Zusammenhang
zu bringen, gelangten sie zur christlichen Definition des dreieinigen Gottes.
Diese Definition haben wir nicht etwa erfunden. In gewissem Sinn ist die
Theologie eine Experimentalwissenschaft. Erfunden sind die einfachen
Religionen. Wenn ich sage, sie ist «in gewissem Sinn» eine
Experimentalwissenschaft, meine ich damit, dass sie den anderen
Experimentalwissenschaften in mancher, aber nicht in jeder Hinsicht
ähnlich ist. Ein Geologe, der Steine untersucht, muss hingehen und die
Steine finden. Sie kommen nicht zu ihm geflogen, und wenn er zu ihnen
hingeht, können sie ihm nicht davonlaufen. Die Initiative liegt ganz und gar
bei dem Geologen. Die Steine können ihm weder helfen noch ihn
behindern.
Aber nehmen wir an, Sie wären ein Zoologe und wollten Fotos von
Tieren in freier Wildbahn machen. Das ist schon etwas anderes, als Steine
zu untersuchen. Die wilden Tiere kommen nicht zu Ihnen, aber weglaufen
können sie schon. Das werden sie auch, es sei denn, Sie verhalten sich
mucksmäuschenstill. Hier findet sich schon so etwas wie eine winzige Spur
von Initiative auf der Seite der Tiere.
Gehen wir nun eine Stufe höher. Nehmen wir an, Sie wollen einen
Menschen kennen lernen. Wenn dieser Mensch entschlossen ist, Ihnen das
zu verweigern, werden Sie ihn nicht kennen lernen. Sie müssen sein
Vertrauen gewinnen. In diesem Fall ist die Initiative gleichmäßig verteilt –
es braucht zwei Menschen, um eine Freundschaft aufzubauen.
Wenn es darum geht, Gott kennen zu lernen, liegt die Initiative ganz auf
seiner Seite. Wenn er sich nicht zeigt, können Sie nicht das Geringste tun,
um ihn zu finden. Und tatsächlich ist es so, dass er manchen Leuten viel
mehr von sich zeigt als anderen – nicht, weil er manche Leute bevorzugt,
sondern weil es für ihn unmöglich ist, sich einem Menschen zu zeigen,
dessen Denken und Charakter nicht in der passenden Verfassung dafür sind.
Das Sonnenlicht bevorzugt ja auch niemanden, aber ein verstaubter Spiegel
kann es nicht so gut reflektieren wie ein sauberer.
Man kann es auch anders sagen. Bei den anderen Wissenschaften
verwendet man Instrumente, die außerhalb von einem selbst liegen
(Mikroskope und Teleskope zum Beispiel). Doch das Instrument, mit dem
Sie Gott betrachten, ist Ihr ganzes Selbst. Und wenn ein Mensch sein Selbst
nicht sauber und blank hält, wird seine Sicht auf Gott verschwommen sein –
wie der Mond, wenn man ihn durch ein verschmutztes Teleskop betrachtet.
Deshalb haben grausame Völker grausame Religionen: Sie haben Gott
durch eine schmutzige Linse betrachtet.
So, wie er wirklich ist, kann Gott sich nur wirklichen Menschen zeigen.
Und damit meine ich nicht einfach individuell gute Menschen, sondern
Menschen, die zu einem Leib vereint sind, einander lieben, einander helfen
und einander zeigen, was sie von Gott wahrnehmen. Denn so hat Gott sich
die Menschheit gedacht: wie Musiker in einer einzigen Kapelle oder Organe
in einem einzigen Leib.
Infolgedessen ist das einzige wirklich geeignete Instrument, um etwas
über Gott zu erfahren, die gesamte christliche Gemeinschaft, die
gemeinsam auf ihn wartet. Die christliche Bruderschaft ist sozusagen die
technische Ausrüstung für diese Wissenschaft – die Laborausstattung.
Deshalb vergeuden diese Leute, die alle paar Jahre mit einer eigenen
handlichen, vereinfachten Religion als Ersatz für die christliche Tradition
daherkommen, eigentlich nur ihre Zeit. Sie sind wie einer, der außer einem
alten Fernglas keinerlei Instrumente besitzt und damit alle echten
Astronomen in die Schranken weisen will. Mag sein, dass er ein schlauer
Bursche ist – vielleicht sogar schlauer als manche echten Astronomen. Aber
er gibt sich selbst keine Chance. Zwei Jahre später haben alle ihn vergessen,
während die echte Wissenschaft unbeirrt voranschreitet.
Wäre das Christentum unsere Erfindung, könnten wir es natürlich auch
leichter machen. Aber das ist es nicht. Was die Einfachheit angeht, können
wir es nicht mit Leuten aufnehmen, die ihre Religionen selbst erfinden. Wie
sollten wir auch? Wir haben es mit Tatsachen zu tun. Einfache Erklärungen
kann jeder geben, wenn er sich um Tatsachen nicht zu kümmern braucht.
3. In der Zeit und jenseits der Zeit
Einer ziemlich albernen Vorstellung zufolge soll man beim Lesen eines
Buches niemals Seiten überblättern. Dabei blättert jeder vernünftige
Mensch unbekümmert vor, wenn er an ein Kapitel kommt, das ihm nichts
bringt. In diesem Kapitel werde ich über etwas sprechen, was manchen
Lesern eine Hilfe sein könnte, für andere aber bloß eine unnötige
Komplikation darstellt. Sollten Sie zur zweiten Gruppe gehören, so
empfehle ich Ihnen, sich um dieses Kapitel überhaupt nicht zu kümmern,
sondern gleich zum nächsten überzugehen.
Im letzten Kapitel habe ich das Thema Gebet gestreift, und solange Ihnen
und mir dies noch deutlich vor Augen steht, möchte ich auf eine
Schwierigkeit eingehen, die manche Leute allgemein mit dem Gedanken
des Gebets haben. Ein Mann formulierte sie mir gegenüber einmal so: «Ich
kann ohne Weiteres an Gott glauben, aber die Vorstellung, dass er mehreren
Hundert Millionen Menschen zuhört, die alle gleichzeitig zu ihm sprechen,
geht mir einfach nicht ein.» Wie ich festgestellt habe, gibt es eine ganze
Menge Leute, denen es so geht.
Nun, das Erste, was wir uns vor Augen halten sollten, ist, dass der
Knackpunkt in dem Wort gleichzeitig liegt. Die Meisten von uns könnten
sich vorstellen, dass Gott jeder beliebigen Zahl von Bittstellern zuhört,
wenn sie nur hübsch einer nach dem anderen zu ihm kämen und er endlos
Zeit für sie hätte. Hinter dieser Schwierigkeit steckt also im Grunde der
Gedanke, dass Gott zu viele Dinge in einen einzigen Augenblick Zeit
zwängen muss.
Bei uns ist das natürlich so. Unser Leben läuft immer einen Moment nach
dem anderen ab. Ein Moment entschwindet, bevor der nächste kommt, und
in jedem einzelnen von ihnen ist nur Raum für sehr wenig. Das ist nun
einmal die Beschaffenheit der Zeit. Und natürlich erscheint es Ihnen und
mir ganz selbstverständlich, dass diese Reihenfolge der Zeit – diese
Anordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – nicht einfach nur
die Art und Weise ist, wie wir das Leben erfahren, sondern die Art und
Weise, wie alle Dinge wirklich bestehen. Wir neigen zu der Annahme, das
ganze Universum und Gott selbst seien stets auf dem Weg von der
Vergangenheit in die Zukunft, genau wie wir.
Viele Gelehrte jedoch stimmen dem nicht zu. Die Theologen waren die
Ersten, die auf den Gedanken kamen, dass manche Dinge vielleicht
überhaupt nicht in der Zeit seien. Später griffen die Philosophen ihn auf,
und jetzt tun es auch manche Naturwissenschaftler.
Nahezu sicher ist, dass Gott nicht in der Zeit ist. Sein Leben besteht nicht
aus aufeinanderfolgenden Momenten. Wenn heute Abend um halb elf eine
Million Menschen zu ihm beten, muss er nicht ihnen allen in dem winzigen
Zeitschnipsel zuhören, den wir halb elf nennen. Halb elf – und jeder andere
Moment seit Anbeginn der Welt – ist für ihn immerwährende Gegenwart.
Wenn Sie es so ausdrücken wollen, steht ihm die ganze Ewigkeit zur
Verfügung, um dem Stoßgebet eines Piloten zuzuhören, dessen Flugzeug
gerade in Flammen aufgeht.
Es ist schwierig, ich weiß. Lassen Sie mich versuchen, Ihnen ein Bild zu
geben, das es zwar nicht ganz genau trifft, aber doch ein bisschen.
Angenommen, ich schreibe einen Roman. Ich schreibe: «Mary legte ihre
Handarbeit nieder. Im nächsten Moment klopfte es an der Tür!» Für Mary,
die in der imaginären Zeit meiner Geschichte leben muss, vergeht keinerlei
Zeit zwischen dem Niederlegen ihrer Handarbeit und dem Klopfen. Ich
jedoch als Marys Schöpfer lebe ja nicht in dieser imaginären Zeit. Zwischen
dem Schreiben des ersten und zweiten Satzes sitze ich vielleicht drei
Stunden lang da und denke unentwegt über Mary nach. Ich könnte über
Mary nachdenken, solange ich wollte und als wäre sie die einzige Figur in
dem Buch. Und die Stunden, die ich damit verbrächte, würden in Marys
Zeit (der Zeit innerhalb der Geschichte) überhaupt nicht auftauchen.
Das ist natürlich keine perfekte Veranschaulichung. Aber vielleicht gibt
es Ihnen einen kleinen Anhaltspunkt dafür, wie ich mir die Sache denke.
Gott hetzt nicht durch den Zeitstrom dieses Universums, genauso wenig,
wie ein Schriftsteller durch die imaginäre Zeit seines eigenen Romans hetzt.
Er hat unendlich viel Aufmerksamkeit für jeden von uns übrig. Er muss uns
nicht en masse abfertigen. Sie sind ganz allein mit ihm, so als wären Sie das
einzige Wesen, das er je erschuf. Als Christus starb, starb er ganz persönlich
für Sie, als wären Sie der einzige Mensch auf der Welt.
Der Punkt, an dem diese Illustration hinkt, ist folgender: Der
Schriftsteller verlässt nämlich die eine Zeitfolge (die des Romans) nur, um
sich in eine andere Zeitfolge (die der Wirklichkeit) zu begeben. Gott
dagegen, so glaube ich, lebt überhaupt nicht in einer Zeitfolge. Sein Leben
tröpfelt nicht Augenblick für Augenblick dahin wie unseres. Bei ihm ist
sozusagen immer noch 1920 und schon 1960. Denn sein Leben ist er selbst.
Wenn Sie sich die Zeit als eine gerade Linie vorstellen, entlang der wir
uns bewegen müssen, dann müssen Sie sich Gott als das ganze Blatt
denken, auf dem diese Linie gezeichnet ist. Wir gelangen nach und nach zu
den einzelnen Punkten auf der Linie. Wir müssen A hinter uns lassen, bevor
wir zu B kommen, und zu C gelangen wir erst, wenn wir B verlassen haben.
Gott umfasst von oben oder von außen oder aus allen Richtungen die ganze
Linie und sieht alles.
Der Versuch, das zu begreifen, ist der Mühe wert, denn es räumt einige
scheinbare Schwierigkeiten im Christentum aus dem Weg. Bevor ich Christ
wurde, war einer meiner Einwände dagegen der folgende: Die Christen
behaupteten, der ewige Gott, der überall ist und das ganze Universum in
Gang hält, sei einmal Mensch geworden. Nun denn, sagte ich, wie blieb
denn dann das ganze Universum in Gang, während er ein Baby war oder
während er schlief? Wie konnte er gleichzeitig der allwissende Gott sein
und ein Mensch, der seine Jünger fragte: «Wer hat mich berührt?» Sicher ist
Ihnen aufgefallen, dass der Knackpunkt wieder in den Zeitwörtern liegt:
«während er ein Baby war» – «Wie konnte er gleichzeitig ».
Mit anderen Worten, ich nahm an, das Leben Christi als Gott spiele sich
in der Zeit ab und sein Leben als der Mensch Jesus in Palästina sei eine
kürzere Spanne aus dieser Zeit – so wie meine Dienstzeit in der Armee eine
kürzere Spanne aus meiner gesamten Lebenszeit war. Und so denken
wahrscheinlich die Meisten von uns darüber. Wir stellen uns vor, Gott habe
eine Zeitspanne durchlebt, in der sein Leben als Mensch noch in der
Zukunft lag. Dann sei er zu der Zeit gekommen, in der es die Gegenwart
war, und dann weitergegangen zu einer Zeitspanne, in der er darauf
zurückblicken konnte als etwas Vergangenes.
Höchstwahrscheinlich jedoch haben diese Vorstellungen nicht das
Geringste mit der Wirklichkeit zu tun. Man kann nicht das irdische Leben
Christi in Palästina in irgendeine zeitliche Beziehung zu seinem Leben als
Gott jenseits von Raum und Zeit setzen. In Wirklichkeit, meine ich, ist es
eine zeitlose Wahrheit über Gott, dass die menschliche Natur und die
menschliche Erfahrung von Schwäche und Schlaf und Unwissenheit
irgendwie in der Gesamtheit seines göttlichen Lebens eingeschlossen sind.
Dieses menschliche Leben in Gott ist aus unserem Blickwinkel eine
bestimmte Zeitspanne in der Geschichte unserer Welt (von der Geburt
Christi bis zu seiner Kreuzigung). Deshalb stellen wir uns vor, es sei ebenso
eine Zeitspanne in der Geschichte des Daseins Gottes.
Aber Gott hat keine Geschichte. Dazu ist er zu vollständig und ganz und
gar real. Denn eine Geschichte zu haben bedeutet natürlich, dass man einen
Teil seiner Wirklichkeit verliert (weil er bereits in die Vergangenheit
entglitten ist) und einen anderen noch nicht besitzt (weil er noch in der
Zukunft liegt). Man hat im Grunde nichts als den winzigen Moment der
Gegenwart, der vorbei ist, bevor man darüber sprechen kann. Möge Gott
verhüten, dass wir denken, Gott wäre auch so. Sogar wir dürfen hoffen, dass
wir nicht immer auf diese Weise rationiert sein werden.
Eine andere Schwierigkeit, die wir bekommen, wenn wir uns Gott in der
Zeit denken, ist folgende: Jeder, der überhaupt an Gott glaubt, glaubt auch,
dass er weiß, was Sie und ich morgen tun werden. Wenn er aber weiß, dass
ich dies und jenes tun werde, wie kann ich dann die Freiheit haben, etwas
anderes zu tun?
Auch hier kommt die Schwierigkeit wieder daher, dass wir denken, Gott
bewege sich genau wie wir entlang der Zeitlinie. Der einzige Unterschied
sei, dass er die Zukunft voraussehen könne, wir aber nicht. Wenn das aber
so wäre, wenn Gott unsere Taten voraussehen könnte, dann wäre es sehr
schwer zu begreifen, inwiefern wir frei wären, sie nicht zu vollbringen.
Aber angenommen, Gott stünde außerhalb und über der Zeitlinie. In
diesem Fall wäre das, was wir «morgen» nennen, für ihn genauso sichtbar
wie das, was wir «heute» nennen. Alle Tage sind für ihn «jetzt». Er erinnert
sich nicht an das, was Sie gestern getan haben. Er sieht Sie es einfach tun,
denn obwohl Ihnen das Gestern entglitten ist, ist es für ihn noch da. Er sieht
nicht «voraus», was Sie morgen tun werden, sondern er sieht Sie es einfach
tun. Denn obwohl das Morgen für Sie noch nicht gekommen ist, ist es für
ihn schon da. Sie würden nie auf den Gedanken kommen, dass Ihr Handeln
in diesem Moment irgendwie weniger frei wäre, nur weil Gott weiß, was
Sie tun. Nun, was Sie morgen tun, weiß er auf genau dieselbe Weise – weil
er bereits im Morgen ist und Sie einfach dabei beobachten kann. In
gewissem Sinn weiß er nicht, was Sie tun, ehe Sie es getan haben. Nur ist
der Moment, in dem Sie es getan haben, für ihn schon «jetzt».
Dieser Gedanke hat mir sehr geholfen. Wenn er Ihnen keine Hilfe ist,
dann lassen Sie ihn beiseite. Es ist ein «christlicher Gedanke» in dem Sinne,
dass bedeutende und kluge Christen ihn vertreten haben und dass er in
keiner Weise dem Christentum widerspricht. Er ist aber weder in der Bibel
noch in irgendeinem Glaubensbekenntnis enthalten. Man kann durchaus ein
guter Christ sein, ohne ihn zu akzeptieren oder überhaupt über diese Frage
nachzudenken.
4. Infiziert mit dem Guten
Zu Beginn dieses Kapitels möchte ich Sie bitten, sich ein bestimmtes Bild
klar vor Augen zu stellen. Stellen Sie sich zwei Bücher vor, die
übereinandergestapelt auf einem Tisch liegen. Offensichtlich hält das untere
Buch das obere an seinem Platz – es trägt es. Dem unteren Buch ist es zu
verdanken, dass das obere sich, sagen wir, zwei Zoll von der Tischfläche
entfernt befindet, statt sie zu berühren. Nennen wir das untere Buch A und
das obere B. Die Position von A verursacht die Position von B. So weit
klar? Stellen wir uns nun vor – es könnte natürlich unmöglich so sein, aber
es soll ja nur als Illustration dienen – stellen wir uns also vor, beide Bücher
hätten schon seit aller Ewigkeit so dagelegen. In diesem Falle wäre die
Position von B schon immer das Resultat der Position von A gewesen.
Trotzdem hätte A aber nicht schon vor B an seinem Platz gelegen. Mit
anderen Worten, die Wirkung tritt nicht erst nach der Ursache ein.
Normalerweise ist das bei Wirkungen natürlich der Fall: Erst essen Sie die
Gurke, dann kriegen Sie Bauchschmerzen. Aber es gilt eben nicht für alle
Ursachen und Wirkungen. Sie werden gleich sehen, warum mir dieser
Punkt wichtig ist.
Weiter oben habe ich gesagt, Gott sei ein Wesen, das aus drei Personen
besteht, aber zugleich ein einziges Wesen bleibt, so wie ein Würfel aus
sechs Quadraten besteht, aber zugleich immer noch ein einziger Körper ist.
Doch sobald ich versuche, zu erklären, wie diese drei Personen miteinander
zusammenhängen, muss ich Wörter gebrauchen, die sich anhören, als wäre
eine von ihnen vor den anderen da gewesen. Die erste Person wird der Vater
genannt, die zweite der Sohn. Wir sagen, die erste Person zeugt die zweite
oder bringt sie hervor. Wir nennen dies zeugen , nicht erschaffen , weil das,
was die erste Person hervorbringt, von derselben Art ist wie sie selbst.
Insofern ist das Wort Vater das einzige, das man dafür verwenden kann.
Dummerweise hört sich das aber so an, als wäre der Vater zuerst da
gewesen – wie ja auch ein menschlicher Vater vor seinem Sohn da ist. Das
stimmt aber nicht. Es gibt hier kein Vorher und Nachher. Und deshalb ist es
mir wichtig, deutlich zu machen, dass eine Sache die Quelle, die Ursache
oder der Ursprung einer anderen sein kann, ohne vorher da gewesen zu
sein. Der Sohn existiert, weil der Vater existiert, aber es hat nie eine Zeit
gegeben, bevor der Vater den Sohn hervorbrachte.
Vielleicht kann man es sich am besten so klarmachen: Ich habe Sie eben
gebeten, sich diese zwei Bücher vorzustellen, und die Meisten von Ihnen
haben das vermutlich auch getan. Das heißt, Sie haben Ihre
Vorstellungskraft angewendet und infolgedessen vor Ihrem geistigen Auge
ein Bild gesehen. Offensichtlich war die Anwendung Ihrer
Vorstellungskraft die Ursache und das Bild die Wirkung. Das heißt aber
nicht, dass Sie sich erst etwas vorgestellt haben und dann das Bild bekamen.
Sondern im selben Moment, wo Sie es taten, war das Bild auch schon da.
Die ganze Zeit über war es Ihr Wille, der Ihnen das Bild vor Augen hielt.
Doch dieser Willensakt und das Bild begannen und endeten beide genau in
demselben Moment. Gäbe es ein Wesen, das seit jeher existierte und sich
schon immer eine bestimmte Sache vorgestellt hätte, so hätte dieser Akt
schon immer ein geistiges Bild hervorgebracht; doch dieses Bild wäre
genauso ewig gewesen wie der Akt.
Genauso müssen wir uns vorstellen, dass der Sohn von Ewigkeit her
immer sozusagen aus dem Vater hervorströmt wie Licht aus einer Lampe,
Wärme aus einem Feuer oder Gedanken aus einem Verstand. Er ist die
Selbstäußerung des Vaters – das, was der Vater zu sagen hat. Aber merken
Sie, was hier passiert? All diese Bilder von Licht oder Wärme hören sich so
an, als wären der Vater und der Sohn zwei Dinge statt zwei Personen. Am
Ende erweist sich also das neutestamentliche Bild von einem Vater und
einem Sohn als viel zutreffender als alles, was wir an seine Stelle zu setzen
versuchen.
So geht es einem immer, wenn man sich vom Wortlaut der Bibel entfernt.
Es ist völlig in Ordnung, sich vorübergehend davon zu entfernen, um
irgendeinen besonderen Punkt deutlich zu machen. Aber man muss immer
wieder zurückgehen. Es ist doch klar, dass Gott sich selbst viel besser
beschreiben kann, als wir es können. Er weiß, dass «Vater und Sohn» die
Beziehung zwischen der ersten und der zweiten Person viel besser
verdeutlicht als alles, was wir uns dazu ausdenken könnten. Das Wichtigste,
was wir wissen müssen, ist, dass es eine Liebesbeziehung ist. Der Vater
freut sich über seinen Sohn; der Sohn schaut zu seinem Vater auf.
Bevor wir weitergehen, beachten Sie eine praktische Konsequenz, die
damit verbunden ist. Alle möglichen Leute sagen gern den christlichen Satz
«Gott ist Liebe» daher. Dabei merken sie gar nicht, dass die Worte «Gott ist
Liebe» gar keine richtige Bedeutung haben, wenn Gott nicht mindestens
zwei Personen umfasst. Liebe ist etwas, das eine Person mit einer anderen
Person verbindet. Wäre Gott nur eine einzige Person, so wäre er vor der
Erschaffung der Welt noch nicht Liebe gewesen.
Natürlich meinen diese Leute, wenn sie sagen, Gott sei Liebe, etwas
völlig anderes: nämlich «Liebe ist Gott». Sie wollen damit im Grunde
sagen, unsere Liebesempfindungen müssten, egal, wie und wo sie entstehen
und welche Folgen sie nach sich ziehen, mit dem allergrößten Respekt
behandelt werden. Vielleicht stimmt das ja auch, aber es ist etwas ganz
anderes als die Bedeutung der christlichen Aussage: «Gott ist Liebe.»
Damit ist gesagt, dass die lebendige, dynamische Aktivität der Liebe in Gott
schon immer stattgefunden und alles andere erschaffen hat.
Und das ist übrigens vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen dem
Christentum und allen anderen Religionen: Im Christentum ist Gott nicht
etwas Statisches – nicht einmal eine Person –, sondern eine dynamische,
pulsierende Aktivität, ein Leben, fast so etwas wie ein Drama. Beinahe,
wenn Sie mich deshalb nicht für ehrfurchtslos halten, eine Art Tanz. Die
Vereinigung zwischen dem Vater und dem Sohn ist etwas so Lebendiges,
Konkretes, dass diese Vereinigung selbst wiederum auch eine Person ist.
Ich weiß, das ist fast unvorstellbar, aber betrachten Sie es so: Wenn
Menschen sich zu einer Familie, einem Verein oder einer Gewerkschaft
zusammenschließen, dann spricht man oft von dem «Geist» dieser Familie,
dieses Vereins oder dieser Gewerkschaft. Mit «Geist» ist gemeint, dass die
einzelnen Mitglieder, wenn sie zusammen sind, tatsächlich besondere Rede-
und Verhaltensweisen annehmen, die sie nicht hätten, wenn sie getrennt
wären. 3 Das ist, als entstünde so etwas wie eine gemeinschaftliche
Persönlichkeit. Natürlich ist das nicht wirklich eine Person; es hat nur große
Ähnlichkeit mit einer Person. Aber das ist eben einer der Unterschiede
zwischen Gott und uns. Was aus dem gemeinsamen Leben des Vaters und
des Sohnes erwächst, ist tatsächlich eine Person, nämlich die dritte der drei
Personen, die Gott sind.
Diese dritte Person wird fachlich korrekt Heiliger Geist oder Geist Gottes
genannt. Es sollte Sie nicht bekümmern oder überraschen, wenn er in Ihrer
Vorstellung verschwommener oder schattenhafter erscheint als die beiden
anderen. Ich glaube, es gibt einen guten Grund dafür, dass das so sein muss.
Im christlichen Leben sieht man ihn meistens nicht an . Er ist beständig
dabei, durch uns hindurch zu wirken. Wenn Sie sich den Vater als jemanden
denken, der «da draußen» vor Ihnen steht, und den Sohn als jemanden, der
an Ihrer Seite steht, dann müssen Sie sich die dritte Person als jemanden in
Ihnen oder hinter Ihnen denken. Vielleicht fällt es manchen Leuten leichter,
mit der dritten Person anzufangen und von dort aus zurückzugehen. Gott ist
Liebe, und diese Liebe wirkt durch Menschen – besonders durch die
gesamte Gemeinschaft der Christen. Doch dieser Geist der Liebe ist von
Ewigkeit her eine Liebe, die sich zwischen dem Vater und dem Sohn
abspielt.
Und was für eine Rolle spielt das alles nun? Es ist bedeutsamer als alles
andere auf der Welt. Der ganze Tanz, das Drama oder Muster dieses
dreieinigen Lebens soll sich in jedem Einzelnen von uns entfalten. Oder
umgekehrt, jeder von uns muss sich in dieses Muster eingliedern und seinen
Platz in diesem Tanz einnehmen. Einen anderen Weg zu der Seligkeit, für
die wir geschaffen sind, gibt es nicht. Wissen Sie, das Gute ebenso wie das
Böse übertragen sich wie durch eine Art Infektion. Wenn Sie warm werden
wollen, müssen Sie sich ans Feuer stellen. Wenn Sie nass werden wollen,
müssen Sie ins Wasser. Wenn Sie Freude, Kraft, Frieden, ewiges Leben
haben wollen, dann müssen Sie nahe heran oder gar mitten hinein in das,
was diese Dinge enthält. Sie sind nicht so etwas wie Belohnungen, die Gott
einfach jedem geben könnte, wenn er wollte. Sie sind eine gewaltige Quelle
der Kraft und der Schönheit, die in der innersten Mitte der Wirklichkeit
entspringt. Wenn Sie ihr nahe sind, wird ihre Gischt Sie benetzen; wenn
nicht, werden Sie trocken bleiben. Ist ein Mensch erst einmal mit Gott
vereint, wie könnte er dann nicht ewig leben? Ist ein Mensch erst einmal
von Gott getrennt, was bleibt ihm dann übrig, als dahinzuwelken und zu
sterben?
Aber wie soll er mit Gott vereint werden? Wie ist es möglich, dass wir in
das dreieinige Leben mit hineingenommen werden?
Sie erinnern sich sicher an das, was ich im zweiten Kapitel über das
Zeugen und das Erschaffen sagte. Wir sind nicht von Gott gezeugt, sondern
nur von ihm erschaffen. In unserem natürlichen Zustand sind wir keine
Kinder Gottes, sondern sozusagen nur Statuen. Wir haben nicht die Zoe ,
das geistliche Leben, sondern nur den Bios oder das biologische Leben, das
bald ablaufen und sterben wird. Und dies ist das große Angebot, das das
Christentum uns macht: dass wir, wenn wir Gott wirken lassen, wie er will,
zu Teilhabern am Leben Christi werden können. Wenn wir das tun,
bekommen wir Anteil an einem Leben, das gezeugt wurde, nicht erschaffen,
das schon immer existiert hat und immer existieren wird.
Christus ist der Sohn Gottes. Wenn wir Anteil an diesem Leben
bekommen, werden auch wir zu Söhnen und Töchtern Gottes. Wir werden
den Vater lieben, wie er es tut, und der Heilige Geist wird in uns einziehen.
Er kam in diese Welt und wurde Mensch, um das Leben, das in ihm ist, auf
andere Menschen zu übertragen – durch eine «Infektion mit dem Guten»,
wie ich es nenne. Jeder Christ soll ein kleiner Christus werden. Das und
nichts anderes ist der ganze Zweck des Christwerdens.
3 Dieses kollektive Verhalten kann natürlich sowohl besser als auch
schlechter sein als ihr individuelles Verhalten.
5. Die widerspenstigen Zinnsoldaten
Der Sohn Gottes wurde Mensch, damit Menschen Gottes Kinder werden
können. Wir wissen nicht – zumindest weiß ich es nicht –, wie die Dinge
gelaufen wären, wenn die Menschheit nie gegen Gott rebelliert und sich
dem Feind angeschlossen hätte. Vielleicht wäre dann jeder Mensch vom
Moment seiner Geburt an «in Christus» gewesen und hätte Anteil am Leben
des Sohnes Gottes gehabt. Vielleicht wäre der Bios , das natürliche Leben,
augenblicklich und ganz selbstverständlich in der Zoe , dem unerschaffenen
Leben, aufgegangen. Aber das sind Spekulationen. Sie und ich müssen uns
damit beschäftigen, wie die Dinge jetzt sind.
Und der gegenwärtige Stand der Dinge ist folgender: Die beiden Arten
von Leben sind jetzt nicht nur verschieden (das wären sie ohnehin immer
gewesen), sondern sogar gegensätzlich. Das natürliche Leben in jedem von
uns ist etwas Selbstbezogenes, etwas, das gestreichelt und bewundert
werden möchte, das sich das Leben anderer zunutze machen und das ganze
Universum ausbeuten will. Vor allem aber möchte es sich selbst überlassen
bleiben: Es will sich fernhalten von allem, was besser oder stärker oder
höher ist als es selbst, von allem, in dessen Nähe es sich klein fühlen
könnte. Es fürchtet sich vor dem Licht und der Luft der geistlichen Welt, so
wie Menschen, die im Schmutz aufgewachsen sind, sich vor einem Bad
fürchten. Und das ist in gewisser Hinsicht durchaus begründet. Es weiß,
wenn das geistliche Leben es erwischt, dann wird all seiner Selbstsucht und
seinem Eigenwillen der Garaus gemacht, und es ist bereit, sich mit Zähnen
und Krallen dagegen zu wehren.
Haben Sie als Kind je daran gedacht, was für ein Spaß es wäre, wenn
Ihre Spielsachen zum Leben erwachen würden? Nun, angenommen, Sie
hätten sie tatsächlich zum Leben erwecken können. Stellen Sie sich vor, Sie
verwandeln einen Zinnsoldaten in einen richtigen kleinen Menschen. Dazu
müssten Sie das Zinn in Fleisch verwandeln. Und nehmen wir an, das passt
dem Zinnsoldaten nicht. Er hat kein Interesse daran, Fleisch zu werden,
sondern sieht nur, dass sein schönes Zinn ruiniert wird. Er glaubt, Sie
bringen ihn um. Also tut er alles, um Sie daran zu hindern. Er will sich
nicht in einen Menschen verwandeln lassen, solange er sich dagegen
wehren kann.
Was Sie mit diesem Zinnsoldaten gemacht hätten, weiß ich nicht. Mit uns
aber hat Gott Folgendes gemacht: Die zweite Person in Gott, der Sohn,
wurde selbst ein Mensch. Er wurde in der Welt als richtiger Mensch
geboren – ein echter Mensch von einer bestimmten Größe, mit einer
bestimmten Haarfarbe, einer bestimmten Muttersprache und einem
bestimmen Gewicht. Das ewige Wesen, das alles weiß und das ganze
Universum erschaffen hat, wurde nicht nur ein Mann, sondern (zuvor) ein
Baby und noch davor ein Fötus im Bauch einer Frau. Wenn Sie sich ein
Bild davon machen wollen, überlegen Sie einmal, wie Sie es fänden, sich in
eine Schnecke oder einen Krebs zu verwandeln.
Das Ergebnis war, dass es nun einen Menschen gab, der wirklich das
verkörperte, wozu eigentlich alle Menschen bestimmt waren: einen
Menschen, in dem das erschaffene Leben, das er von seiner Mutter
empfangen hatte, sich vollständig und vollkommen in das gezeugte Leben
umwandeln ließ. Das natürliche menschliche Geschöpf in ihm ging
vollkommen in dem göttlichen Sohn auf. So hatte in einem einzigen Fall die
Menschheit sozusagen ihr Ziel erreicht und war in das Leben Christi
übergegangen.
Und weil die ganze Schwierigkeit für uns darin besteht, dass das
natürliche Leben in gewissem Sinn «getötet» werden muss, wählte er einen
irdischen Lebensweg, bei dem seine menschlichen Wünsche auf Schritt und
Tritt abgetötet wurden – Armut, die Verständnislosigkeit seiner eigenen
Familie, den Verrat durch einen seiner engsten Freunde, Spott und Hohn,
brutale Behandlung durch die Polizei und schließlich den Foltertod. Und
dann, nachdem er so getötet worden war – in gewissem Sinn an jedem Tag
seines Lebens –, kehrte das menschliche Geschöpf in ihm, weil es mit dem
göttlichen Sohn vereinigt war, wieder ins Leben zurück. Der Mensch in
Christus stand von den Toten auf, nicht nur der Gott. Das ist der springende
Punkt. Zum ersten Mal hatten wir einen echten Menschen vor uns. Ein
Zinnsoldat – aus echtem Zinn wie alle anderen – war ganz und gar und aufs
Herrlichste lebendig geworden.
Und damit sind wir natürlich an dem Punkt, wo meine Illustration mit
dem Zinnsoldaten zusammenbricht. Wenn ein echter Zinnsoldat oder eine
Statue zum Leben erwachen würde, dann hätte das offensichtlich keinerlei
Auswirkungen auf die anderen. Sie sind ja alle einzeln für sich. Doch bei
den Menschen ist das nicht so. Sie sehen zwar auch einzeln aus, weil man
sie einzeln herumlaufen sieht. Aber wir sind ja auch so gemacht, dass wir
nur den gegenwärtigen Augenblick sehen können. Könnten wir die
Vergangenheit sehen, so sähe die Sache natürlich ganz anders aus. Denn
jeder Mensch war zu einem Zeitpunkt Teil seiner Mutter und (noch davor)
auch seines Vaters; und diese beiden waren einmal Teil ihrer Großeltern.
Könnte man die Menschheit über die Zeit ausgestreckt sehen, wie Gott sie
sieht, dann sähe sie nicht aus wie ein Haufen vereinzelter Wesen. Sie sähe
aus wie ein einziges zusammenhängendes Gewächs – so wie ein ganz fein
verästelter Baum. Jeder Einzelne erschiene mit allen anderen verbunden.
Und nicht nur das. Die Individuen wären auch von Gott nicht wirklich
getrennt, genauso wenig wie voneinander. Jeder Mann, jede Frau und jedes
Kind auf der Welt fühlt und atmet in diesem Moment nur deshalb, weil Gott
sie sozusagen «in Gang hält».
Wenn Christus Mensch wird, ist das also in Wirklichkeit nicht genauso,
wie wenn Sie sich in einen Zinnsoldaten verwandeln würden. Es ist eher so,
als ob eine Kraft, die ohnehin immer auf die gesamte Masse der Menschen
einwirkt, an einem bestimmten Punkt anfängt, dies auf eine ganz neue Art
und Weise zu tun. Von diesem Punkt aus breitet sich die Wirkung durch die
ganze Menschheit aus. Die Veränderung wirkt sich auf die Menschen, die
vor Christus lebten, genauso aus wie auf die, die nach ihm leben. Sie
verändert auch die Lage derer, die nie von ihm gehört haben. Es ist, als
ließe man in ein Glas Wasser einen Tropfen einer Substanz fallen, die dem
ganzen Wasser einen neuen Geschmack und eine neue Farbe gibt.
Aber natürlich passt keine dieser Illustrationen perfekt. Letzten Endes ist
Gott nur Gott und sonst niemand, und was er tut, ist mit nichts anderem zu
vergleichen. Das wäre auch kaum zu erwarten.
Was ist nun diese Veränderung, die er für die gesamte Masse der
Menschen bewirkt hat? Einfach dies: Die Aufgabe, ein Kind Gottes zu
werden, uns aus einem erschaffenen in ein gezeugtes Wesen zu verwandeln,
vom vergänglichen biologischen Leben ins zeitlose «geistliche» Leben
überzugehen, ist für uns vollbracht worden. Die Menschheit ist im Prinzip
bereits «erlöst». Wir als Einzelne müssen uns diese Erlösung zu eigen
machen. Doch das eigentlich Schwere an dieser Arbeit – das, was wir für
uns selbst nie hätten tun können – ist für uns getan worden. Wir müssen
nicht aus eigener Anstrengung ins geistliche Leben emporklimmen; es ist
bereits in die Menschheit herabgekommen. Wenn wir uns nur für den einen
Menschen öffnen, in dem es ganz und gar gegenwärtig war und der trotz
seiner Göttlichkeit zugleich auch ein echter Mensch ist, wird er das in uns
und für uns tun. Erinnern Sie sich daran, was ich über die «Infektion mit
dem Guten» gesagt habe. Einer von uns hat dieses neue Leben. Wenn wir
ihm nahekommen, werden wir uns bei ihm damit anstecken.
Natürlich kann man das auf allerlei verschiedene Weise ausdrücken. Man
kann sagen, Christus sei für unsere Sünden gestorben. Man kann sagen, der
Vater habe uns vergeben, weil Christus für uns getan hat, was wir hätten tun
sollen. Man kann sagen, wir seien im Blut des Lammes gewaschen. Man
kann sagen, Christus habe den Tod besiegt. All das stimmt. Falls
irgendetwas davon Sie nicht anspricht, lassen Sie es beiseite und halten Sie
sich an die Formel, die Ihnen etwas sagt. Und was immer Sie tun, fangen
Sie bloß nicht an, mit anderen Leuten zu streiten, nur weil die eine andere
Formel bevorzugen als Sie.
6. Zwei Anmerkungen
Um Missverständnisse zu vermeiden, füge ich hier Anmerkungen zu zwei
Punkten hinzu, die sich aus dem letzten Kapitel ergeben.
1. Ein kluger Kritiker schrieb mir und fragte, warum Gott, wenn er doch
Kinder haben wollte und keine Zinnsoldaten, nicht einfach viele Kinder
gezeugt habe , anstatt erst Zinnsoldaten zu erschaffen und sie dann auf
solch schwierige und schmerzhafte Weise zum Leben zu erwecken. Ein Teil
der Antwort auf diese Frage ist ziemlich einfach; der andere Teil übersteigt
vermutlich alle menschliche Erkenntnis.
Der einfache Teil ist folgender: Es wäre weder schwierig noch
schmerzhaft gewesen, von einem Geschöpf in ein Kind Gottes verwandelt
zu werden, hätte sich die Menschheit nicht vor vielen Jahrhunderten von
Gott abgewandt. Fähig dazu waren sie, weil er ihnen einen freien Willen
gab. Den freien Willen gab er ihnen, weil eine Welt aus lauter Automaten
niemals zur Liebe fähig wäre und deshalb auch nie grenzenloses Glück
erfahren könnte.
Nun zum schwierigen Teil. Alle Christen sind sich einig, dass es im
vollen und ursprünglichen Sinn nur einen «Sohn Gottes» gibt. Wenn wir
unbedingt die Frage stellen wollen: «Aber hätte es nicht auch viele geben
können?», wagen wir uns damit sehr weit hinaus ins tiefe Wasser. Haben
denn die Worte «Hätte es nicht sein können» in Bezug auf Gott überhaupt
irgendeinen Sinn? Von einer bestimmten endlichen Sache kann man
vielleicht sagen, sie «hätte anders sein können», als sie ist, denn sie wäre ja
anders gewesen, wenn vorher etwas anderes anders gewesen wäre, und
dieses wiederum wäre anders gewesen, wenn eine dritte Sache anders
gewesen wäre, und so weiter. (Die Buchstaben auf dieser Seite wären rot,
wenn der Drucker rote Farbe verwendet hätte, und er hätte rote Farbe
verwendet, wenn er dazu angewiesen worden wäre, und so weiter.)
Aber wenn wir von Gott sprechen – also von der tiefsten, nicht
zurückführbaren Tatsache, von der alle anderen Tatsachen abhängen –, ist
es unsinnig, zu fragen, ob diese Tatsache auch hätte anders sein können. Sie
ist, was sie ist, und damit hat es sich.
Ganz abgesehen davon jedoch bereitet mir schon der Gedanke
Schwierigkeiten, der Vater könnte von Ewigkeit her viele Söhne zeugen.
Damit es viele sind, müssten sie sich ja irgendwie voneinander
unterscheiden. Zwei Pennys haben dieselbe Form. Inwiefern sind es
trotzdem zwei? Weil sie sich an unterschiedlichen Orten befinden und aus
verschiedenen Atomen bestehen. Mit anderen Worten, um sie als zwei
verschiedene Münzen zu erkennen, müssen wir Raum und Materie
heranziehen – die Natur also und das geschaffene Universum. Den
Unterschied zwischen Vater und Sohn kann ich verstehen, ohne auf Raum
und Materie zurückzugreifen, denn der eine zeugt und der andere ist
gezeugt. Die Beziehung des Vaters zum Sohn ist nicht dieselbe wie die des
Sohnes zum Vater. Gäbe es aber mehrere Söhne, so hätten sie alle die
gleiche Beziehung zueinander und zum Vater. Wie würden sie sich dann
voneinander unterscheiden?
Diese Schwierigkeit fällt einem natürlich nicht gleich auf. Man denkt,
man könne sich eine Vorstellung von mehreren «Söhnen» bilden. Wenn ich
aber genauer darüber nachdenke, stelle ich fest, dass mir diese Vorstellung
nur deshalb möglich war, weil ich sie verschwommen als menschliche
Gestalten in einer Art Raum herumstehen sah. Mit anderen Worten, ich tat
zwar so, als dächte ich über etwas nach, was schon existiert, bevor ein
Universum erschaffen wurde, aber in Wirklichkeit schmuggelte ich das Bild
eines bereits vorhandenen Universums mit hinein, in dem sich dieses Etwas
befand. Wenn ich mir dieses Bild aus dem Kopf schlage und weiter
versuche, mir vorzustellen, wie der Vater «vor aller Zeit» viele Söhne zeugt,
merke ich, dass ich eigentlich über gar nichts nachdenke. Der Gedanke
verflüchtigt sich in bloßen Worten. (Ist vielleicht die Natur – Raum, Zeit,
und Materie – eben dazu erschaffen worden, die Vielfalt zu ermöglichen?
Gibt es vielleicht keinen anderen Weg, viele ewige geistliche Wesen zu
bekommen, als den, zuerst viele natürliche Wesen in einem Universum zu
erschaffen und sie dann mit geistlichem Leben zu erfüllen? Aber das ist
natürlich alles Spekulation.)
2. Der Gedanke, dass die ganze Menschheit in gewissem Sinn eins ist –
ein riesiger Organismus wie ein Baum –, darf nicht mit dem Gedanken
verwechselt werden, individuelle Unterschiede seien unwichtig oder echte
Menschen, Tom und Nobby und Kate, seien irgendwie weniger wichtig als
Kollektive wie Schichten, Rassen und dergleichen. Tatsächlich stehen diese
beiden Gedanken sogar im Gegensatz. Die Teile eines einzigen Organismus
können sehr unterschiedlich sein. Dinge, die nicht zusammengehören,
können sich sehr ähnlich sein. Sechs Pennys sind ganz getrennt voneinander
und sehen alle gleich aus. Dagegen sind meine Nase und meine Lunge sehr
unterschiedlich, aber sie sind überhaupt nur deshalb lebendig, weil sie Teile
eines Körpers sind und Anteil an dessen gemeinsamem Leben haben.
Für das Christentum sind einzelne Menschen nicht einfach nur Mitglieder
einer Gruppe oder Punkte auf einer Liste, sondern Organe in einem Körper.
Sie sind verschieden voneinander, und jedes trägt etwas zum Ganzen bei,
was kein anderes beitragen könnte. Wenn Sie den Wunsch verspüren, Ihre
Kinder, Ihre Schüler oder auch Ihre Nachbarn zu Leuten zu machen, die
genauso sind wie Sie, dann sollten Sie bedenken, dass Gott das
wahrscheinlich nie so wollte. Sie und die anderen sind verschiedene
Organe, die verschiedene Dinge tun sollen. Sind Sie dagegen in der
Versuchung, sich um die Nöte eines anderen Menschen nicht zu kümmern,
weil diese Sie «nichts angehen», sollten Sie nicht vergessen, dass dieser
Mensch zwar anders ist als Sie, aber Teil desselben Organismus ist. Wenn
Sie vergessen, dass er zum selben Organismus gehört wie Sie, werden Sie
zu einem Individualisten. Wenn Sie vergessen, dass er ein anderes Organ ist
als Sie, wenn Sie Unterschiede unterdrücken und alle Leute gleichmachen
wollen, werden Sie zu einem Totalitaristen. Ein Christ aber darf weder ein
Totalitarist noch ein Individualist sein.
Es drängt mich stark, Ihnen zu sagen – und ich nehme an, es drängt Sie
ebenso stark, mir zu sagen –, welcher dieser beiden Irrtümer der
schlimmere ist. Aber das ist der Teufel, der uns da packen will. Er schickt
die Irrtümer immer paarweise in die Welt – und zwar als gegensätzliche
Paare. Und er ermuntert uns stets dazu, ausgiebig darüber nachzudenken,
welcher der schlimmere ist. Sie sehen bestimmt schon, warum das so ist,
nicht wahr? Er nutzt Ihre besonders starke Abneigung gegen den einen
Irrtum aus, um sie ganz allmählich in den anderen hineinzulocken. Aber
lassen wir uns nicht hinters Licht führen. Wir müssen unseren Blick aufs
Ziel richten und geradewegs zwischen beiden Irrtümern hindurchgehen.
Ansonsten haben wir mit allen beiden nichts zu schaffen.
7. Tun wir so, als ob
Darf ich noch einmal damit beginnen, Ihnen zwei Bilder oder, besser
gesagt, zwei Geschichten vor Augen zu stellen? Die eine Geschichte haben
Sie bestimmt schon einmal gelesen. Sie heißt Die Schöne und das Biest .
Wie Sie sich erinnern, muss darin ein junges Mädchen aus irgendeinem
Grund ein Ungeheuer heiraten. Und das tut sie auch. Sie küsst das
Ungeheuer, als wäre es ein Mann. Und dann verwandelt es sich zu ihrer
großen Erleichterung tatsächlich in einen Mann, und alles wird gut. Die
andere Geschichte handelt von einem Mann, der eine Maske tragen musste,
die ihn viel besser aussehen ließ, als er wirklich aussah. Er musste sie viele
Jahre lang tragen. Als er sie dann schließlich abnahm, stellte er fest, dass
sich sein eigenes Gesicht an die Maske angepasst hatte. Nun sah er wirklich
schön aus. Was als Tarnung begonnen hatte, war Wirklichkeit geworden.
Ich finde, diese beiden Geschichten können (natürlich auf fantasievolle
Weise) als Illustration für das dienen, was ich in diesem Kapitel sagen
möchte. Bisher habe ich versucht, Fakten zu schildern – was Gott ist und
was er getan hat. Nun möchte ich auf die Praxis zu sprechen kommen – was
sollen wir als Nächstes tun? Was soll diese ganze Theologie bei uns
bewirken? Sie kann schon heute Abend anfangen, ihre Wirkung zu
entfalten. Wenn Sie genügend Interesse haben, um bis hierhin zu lesen,
reicht Ihr Interesse vermutlich auch aus, um es einmal mit dem Beten zu
versuchen. Und was Sie auch sonst an Gebeten sprechen mögen, das
Vaterunser wird wahrscheinlich dabei sein.
Es beginnt mit den Worten Vater unser . Verstehen Sie jetzt, was diese
Worte bedeuten? Sie drücken ganz offen aus, dass Sie sich als Kind Gottes
ausgeben. Um es rundheraus zu sagen, Sie verkleiden sich als Christus .
Wenn Sie so wollen: Sie tun so, als ob. Denn sobald Sie sich klarmachen,
was diese Worte bedeuten, erkennen Sie natürlich auch, dass Sie kein Kind
Gottes sind. Das heißt, Sie sind nicht so ein Wesen wie der Sohn Gottes,
dessen Wille und Interessen vollkommen einig mit dem Vater sind. Sie sind
ein Bündel aus egoistischen Ängsten, Hoffnungen, Begierden, Eifersucht
und Eigendünkel, die alle dem Tod verfallen sind. Somit ist es eigentlich
eine bodenlose Frechheit, wenn wir uns als Christus verkleiden. Das
Komische ist aber, dass er uns ausdrücklich dazu auffordert.
Warum? Was nützt es, so zu tun, als wären wir etwas, was wir nicht sind?
Nun, Sie wissen ja, dass es schon auf der menschlichen Ebene zwei Arten
gibt, so zu tun als ob. Es gibt eine schlechte Art, bei der das So-Tun-als-ob
an die Stelle des Eigentlichen tritt – zum Beispiel, wenn jemand so tut, als
wollte er einem helfen, sich aber dann nicht blicken lässt. Es gibt aber auch
eine gute Art, bei der das So-Tun-als-ob zum Eigentlichen hinführt. Wenn
einem nicht danach ist, freundlich zu sein, aber man weiß, man sollte es,
dann kann man sehr oft nichts Besseres tun, als sich freundlich zu geben
und sich so zu benehmen, als wäre man netter, als man tatsächlich ist. Und
wir kennen das alle: Nach ein paar Minuten hegt man dann schon viel
freundlichere Empfindungen als vorher.
Sehr oft gibt es nur einen Weg, eine Eigenschaft wirklich zu bekommen,
nämlich indem man sich so benimmt, als hätte man sie schon. Deshalb sind
Kinderspiele so wichtig. Kinder tun immer so, als wären sie erwachsen –
wenn sie Räuber und Gendarm oder Kaufladen spielen zum Beispiel. Dabei
kräftigen sie aber ständig ihre Muskeln und schärfen ihren Verstand. Indem
sie so tun, als wären sie erwachsen, wachsen sie tatsächlich heran.
Im selben Moment, in dem Ihnen klar wird: «Hier stehe ich und verkleide
mich als Christus», werden Sie höchstwahrscheinlich sogleich irgendeine
Möglichkeit sehen, wie aus dieser Scharade ein kleines bisschen mehr
Wirklichkeit werden könnte. Zum Beispiel geht Ihnen sicherlich allerlei
durch den Kopf, was ein echtes Gotteskind nicht denken würde. Nun,
machen Sie Schluss damit. Oder Sie merken, dass Sie, statt zu beten, lieber
hinuntergehen und einen Brief schreiben oder Ihrer Frau beim Abwasch
helfen sollten. Nun, gehen Sie und tun Sie es.
Sie merken schon, worauf das hinausläuft. Der Christus selbst, der Sohn
Gottes, der sowohl Mensch ist (wie Sie) als auch Gott (wie sein Vater), steht
tatsächlich an Ihrer Seite und ist schon dabei, aus Ihrem So-Tun-als-ob
Wirklichkeit werden zu lassen. Das ist nicht nur eine elegantere Art, zu
sagen, dass Ihr Gewissen Ihnen sagt, was Sie tun sollen. Wenn Sie nur Ihr
Gewissen fragen, bekommen Sie eine Antwort; doch wenn Sie sich bewusst
machen, dass Sie sich als Christus verkleiden, bekommen Sie eine andere.
Es gibt eine Menge Dinge, die Ihr Gewissen nicht rundheraus verurteilen
würde (besonders solche Dinge, die sich in Ihren Gedanken abspielen), bei
denen Sie aber sofort merken, dass Sie damit nicht weitermachen können,
wenn Sie ernsthaft Christus ähnlich sein wollen. Denn Ihnen geht es jetzt
nicht mehr nur darum, was richtig oder falsch ist, sondern Sie wollen sich
bei einer Person mit dem Guten infizieren. Sie versuchen eher, ein Porträt
zu malen, als dass Sie einer Liste von Vorschriften gehorchen wollen. Und
das Komische ist, dass das einerseits viel schwerer ist, als Vorschriften
einzuhalten, andererseits aber auch viel leichter.
Der wirkliche Sohn Gottes steht an Ihrer Seite. Er ist dabei, Sie in ein
Wesen von seiner eigenen Art zu verwandeln. Er fängt sozusagen schon an,
Ihnen seine Art Leben und Denken, seine Zoe , zu injizieren und den
Zinnsoldaten in einen lebendigen Menschen zu verwandeln. Der Teil von
Ihnen, dem das nicht gefällt, ist immer noch aus Zinn.
Es kann sein, dass manche von Ihnen finden, dass das wenig Ähnlichkeit
mit Ihrer eigenen Erfahrung hat. Vielleicht sagen Sie: «Ich hatte noch nie
das Gefühl, dass mir ein unsichtbarer Christus hilft, aber mir ist oft von
anderen Menschen geholfen worden.» Das erinnert mich an die Frau im
Ersten Weltkrieg, die sagte, es würde ihr nichts ausmachen, wenn das Brot
knapp würde, da sie sowieso immer Toast esse. Wo kein Brot ist, ist auch
kein Toast. Gäbe es keine Hilfe von Christus, so würde auch von anderen
Menschen keine Hilfe kommen. Er wirkt an uns auf vielerlei Weise, nicht
nur durch das, was wir unser «Glaubensleben» nennen. Er wirkt durch die
Natur, durch unseren eigenen Körper, durch Bücher, manchmal sogar durch
Erlebnisse, die uns (zunächst) antichristlich vorkommen. Wenn etwa ein
junger Mann, der bisher ein routinemäßiger Kirchgänger war, zu der
ehrlichen Erkenntnis kommt, dass er nicht ans Christentum glaubt, und
deshalb nicht mehr hingeht – falls er es tatsächlich um der Ehrlichkeit
willen tut und nicht nur, um seine Eltern zu ärgern –, dann ist ihm der Geist
Christi vermutlich näher als je zuvor. Vor allem aber wirkt Christus durch
andere Menschen an uns.
Menschen sind Spiegel Christi oder «Überträger», die Christus zu
anderen Menschen bringen. Manchmal sind sie sich dessen gar nicht
bewusst. Diese «Infektion mit dem Guten» kann auch von Leuten
übertragen werden, die sie selbst noch gar nicht in sich tragen. Mir haben
Leute, die selbst keine Christen waren, auf dem Weg zum christlichen
Glauben geholfen. Doch meistens sind es Leute, die Christus kennen, die
ihn zu anderen bringen. Deshalb ist die Kirche, die ganze Gemeinschaft der
Christen, die sich gegenseitig Christus zeigen, so wichtig. Man könnte
sagen, wenn zwei Christen gemeinsam Christus nachfolgen, dann ist nicht
doppelt so viel Christentum da wie vorher, als sie noch allein waren,
sondern sechzehn Mal so viel.
Aber eines dürfen wir nicht vergessen. Am Anfang ist es ganz natürlich,
dass ein Baby die Milch seiner Mutter trinkt, ohne seine Mutter zu kennen.
Genauso natürlich ist es für uns, den Menschen zu sehen, der uns hilft, ohne
hinter ihm Christus zu erkennen. Aber wir dürfen keine Babys bleiben. Wir
müssen dahin kommen, dass wir den wahren Geber erkennen. Es wäre
verrückt, das nicht zu tun. Denn wenn wir es nicht tun, werden wir uns
immer von Menschen abhängig machen. Und das wird uns in die
Enttäuschung führen. Auch die besten Menschen machen Fehler; und
sterben müssen sie alle. Seien wir dankbar für all die Menschen, die uns
geholfen haben. Wir müssen sie ehren und lieben. Aber hängen Sie niemals
Ihr ganzes Vertrauen an irgendeinen Menschen; auch nicht, wenn es der
beste und weiseste Mensch auf der Welt ist. Mit Sand kann man allerhand
hübsche Dinge anfangen; aber versuchen Sie nicht, ein Haus darauf zu
bauen.
Und nun wird uns allmählich klar, wovon das Neue Testament immer
spricht. Da ist die Rede davon, dass Christen «neu geboren» sind, dass sie
«Christus anziehen», dass «Christus in uns Gestalt gewinnt», dass wir
«Christi Sinn haben».
Schlagen Sie sich gleich den Gedanken aus dem Kopf, das seien nur
elegante Umschreibungen dafür, dass Christen die Worte Christi lesen und
versuchen sollen, sie umzusetzen – so wie man vielleicht Platon oder Marx
liest und versucht, deren Lehren zu praktizieren. Das Neue Testament meint
viel mehr als nur das. Es meint, dass eine echte Person, Christus, hier und
jetzt, dort in dem Zimmer, in dem Sie Ihr Gebet sprechen, etwas mit Ihnen
macht. Es geht nicht um einen guten Menschen, der vor zweitausend Jahren
starb. Es geht darum, dass ein lebendiger Mensch, der immer noch genauso
Mensch ist wie Sie und immer noch genauso Gott, wie er es war, als er die
Welt erschuf, zu Ihnen kommt und sich in Ihrem Innersten zu schaffen
macht. Er tötet das alte, natürliche Selbst in Ihnen und ersetzt es durch ein
Selbst von seiner eigenen Art. Anfangs geschieht das nur für Momente.
Dann für längere Zeitspannen. Und schließlich, wenn alles gut geht,
verwandelt er Sie dauerhaft in ein ganz anderes Wesen: in einen neuen
kleinen Christus, ein Wesen, das in seinem kleinen Maßstab dieselbe Art
Leben in sich trägt wie Gott und das Anteil hat an seiner Kraft, Freude,
Erkenntnis und Ewigkeit. Und bald machen wir noch zwei weitere
Entdeckungen.
1. Wir fangen an, neben unseren einzelnen Sünden unsere Sündhaftigkeit
zu bemerken. Uns erschreckt nicht mehr nur das, was wir tun, sondern was
wir sind. Das hört sich vielleicht schwierig an; ich will versuchen, es an
meinem eigenen Fall zu erklären. Wenn ich abends bete und versuche, mir
die Sünden des Tages zu vergegenwärtigen, ist die offensichtlichste von
allen in neun von zehn Fällen irgendeine Sünde gegen die Nächstenliebe.
Ich habe geschmollt oder geblafft oder gespöttelt oder gestichelt oder
geschimpft. Und sofort kommt mir die Ausrede in den Sinn, dass die
Provokation so plötzlich und unerwartet kam. Ich war nicht auf der Hut,
hatte keine Zeit, mich zu sammeln.
Was diese genannten Verhaltensweisen angeht, könnte das vielleicht
tatsächlich als mildernder Umstand gelten. Offensichtlich wären solche
Dinge noch viel schlimmer, wenn man sie sich bewusst vornähme.
Andererseits ist aber doch das, was man tut, wenn man nicht auf der Hut ist,
das beste Indiz dafür, was für ein Mensch man ist, oder? Ist nicht gerade
das, was einem herausrutscht, bevor man Zeit hat, sich eine Maske
aufzusetzen, die Wahrheit? Wenn Sie Ratten im Keller haben, bekommen
Sie sie am ehesten zu Gesicht, wenn sie ganz plötzlich hineingehen. Aber
die Plötzlichkeit bringt die Ratten nicht hervor. Sie hindert sie nur daran,
sich zu verstecken. Ebenso ist eine plötzliche Provokation nicht der Grund
dafür, dass ich ein Griesgram bin; sie bringt nur zum Vorschein, was für ein
Griesgram ich bin. Die Ratten im Keller sind immer da, aber wenn Sie
polternd und lärmend die Treppe herunterkommen, haben sie sich längst
versteckt, bevor Sie das Licht anmachen. Offenbar sind die Ratten der
Griesgrämigkeit und Rachsucht in meinem Seelenkeller auch immer da.
Nun ist dieser Keller meinem bewussten Willen nicht zugänglich. Ich
kann bis zu einem gewissen Grad mein Verhalten steuern. Über mein
Temperament aber habe ich keine direkte Kontrolle. Und wenn (wie ich
zuvor gesagt habe) das, was wir sind, noch wichtiger ist als das, was wir tun
– wenn nämlich unser Handeln vor allem deshalb bedeutsam ist, weil es
sichtbar macht, was wir sind –, dann folgt daraus, dass die Veränderung, die
ich am dringendsten nötig habe, eine Veränderung ist, die ich durch meine
eigenen bewussten, willentlichen Anstrengungen nicht herbeiführen kann.
Und das gilt genauso für meine guten Taten. Wie viele davon habe ich wohl
aus den richtigen Motiven vollbracht? Wie viele aus Angst vor der Meinung
anderer oder aus dem Wunsch, mich aufzuspielen? Wie viele aus einer Art
Sturheit oder einem Gefühl der Überlegenheit, die mich unter anderen
Umständen genauso gut zu einem ausgesprochen bösartigen Verhalten
treiben könnten?
Aber ich kann mir nun einmal nicht selbst durch direkte moralische
Anstrengung neue Motive geben. Nach den ersten paar Schritten im
christlichen Leben merken wir, dass nur Gott all das tun kann, was in
unserer Seele dringend zu tun ist. Und das führt uns zu einem Punkt, an
dem meine Wortwahl bisher sehr irreführend war.
2. Ich habe so geredet, als wären wir es, die alles tun. In Wirklichkeit ist
es natürlich Gott, der alles tut. Wir lassen bestenfalls zu, dass es an uns
geschieht. In gewissem Sinn könnte man sogar sagen, dass Gott derjenige
ist, der in uns so tut als ob. Der dreieinige Gott sieht sozusagen in
Wirklichkeit ein egoistisches, gieriges, mürrisches, rebellisches
menschliches Tier vor sich. Aber er sagt: «Tun wir so, als wäre dies nicht
nur ein bloßes Geschöpf, sondern unser Kind. Als Mensch ist es wie
Christus, denn Christus wurde Mensch. Tun wir so, als wäre es ihm auch im
Geist gleich. Behandeln wir es so, als wäre es etwas, was es in Wirklichkeit
nicht ist. Tun wir so als ob, um aus der Scharade Wirklichkeit werden zu
lassen.»
Gott sieht Sie an, als wären Sie ein kleiner Christus. Christus steht neben
Ihnen, um Sie in einen solchen zu verwandeln. Mag sein, dass dieser
Gedanke einer göttlichen Scharade sich zuerst ziemlich seltsam anhört.
Aber ist er wirklich so seltsam? Geht das nicht immer so, wenn der Höhere
dem Niederen aufhilft? Eine Mutter lehrt ihr Kind das Sprechen, indem sie
mit ihm redet, als ob es sie verstünde, und zwar schon lange, bevor es
wirklich so ist. Wir behandeln unsere Hunde, als wären sie «fast
menschlich». Und aus diesem Grund werden sie am Ende auch «fast
menschlich».
8. Ist Christsein leicht oder schwer?
Im vorigen Kapitel haben wir uns mit dem christlichen Gedanken
beschäftigt, dass man «Christus anzieht» oder sich als Kind Gottes
«verkleidet», um schließlich wirklich zu einem solchen zu werden. Es sollte
dabei klar sein, dass das nicht eine von vielen Aufgaben ist, die ein Christ
zu erfüllen hat. Es ist auch nicht eine Art Spezialübung für die oberste
Klasse. Sondern dies ist das ganze Christentum. Sonst hat das Christentum
überhaupt nichts zu bieten. Und ich möchte deutlich machen, wie sich das
von gewöhnlichen Vorstellungen von «Moral» oder «Gutes tun»
unterscheidet.
Die landläufige Vorstellung, die wir alle haben, ehe wir Christen werden,
sieht folgendermaßen aus. Als Ausgangspunkt nehmen wir unser
gewöhnliches Selbst mit seinen verschiedenen Wünschen und Interessen.
Dann räumen wir ein, dass etwas anderes – nennen wir es «Moral» oder
«Anstand» oder «Gemeinwohl» – Ansprüche an dieses Selbst hat, die
seinen eigenen Wünschen im Weg stehen können. Unter «Gutes tun»
verstehen wir, dass wir diesen Ansprüchen nachgeben. Manches, was das
gewöhnliche Selbst tun wollte, hat sich als das entpuppt, was wir «schlecht»
nennen. Na schön, das müssen wir also aufgeben. Manches andere, was das
Selbst nicht tun wollte, entpuppt sich als das, was wir «richtig» nennen. Na
schön, das müssen wir dann wohl tun. Doch die ganze Zeit über hoffen wir,
dass am Schluss, wenn alle Forderungen erfüllt sind, unserem armen
natürlichen Selbst immer noch etwas Zeit und Gelegenheit bleibt, sein
eigenes Leben zu leben und zu tun, was ihm gefällt. Wir denken praktisch
so wie ein ehrlicher Steuerzahler. Er zahlt, was er schuldig ist, aber er hofft,
dass er am Schluss noch genug zum Leben übrig hat. Denn wir nehmen
immer noch unser natürliches Selbst als Ausgangspunkt.
Solange wir so denken, wird daraus vermutlich eine von zwei möglichen
Konsequenzen folgen. Entweder geben wir es irgendwann auf, Gutes zu
tun, oder wir werden ausgesprochen unglücklich. Denn machen Sie sich
nichts vor: Wenn Sie wirklich versuchen wollen, alle Forderungen zu
erfüllen, die an das natürliche Selbst gerichtet sind, wird Ihnen nicht mehr
genug zum Leben bleiben. Je mehr Sie Ihrem Gewissen gehorchen, desto
mehr wird Ihr Gewissen von Ihnen verlangen. Und Ihr natürliches Selbst,
das auf diese Weise dauernd ausgehungert und behindert und gequält wird,
wird immer wütender. Am Ende gibt man es dann entweder auf, gut sein zu
wollen, oder man wird zu einem jener Leute, die «für andere leben», wie sie
sagen, aber immer auf eine unzufriedene, mürrische Weise – und sich dabei
ständig fragen, warum die anderen nicht mehr Notiz davon nehmen, und
sich selbst ständig als Märtyrer hinstellen. Und wenn man erst einmal so
weit ist, fällt man allen, die mit einem leben müssen, viel mehr auf die
Nerven als einer, der einfach unbekümmert selbstsüchtig geblieben ist.
Der christliche Weg ist ein anderer: Er ist schwerer und leichter zugleich.
Christus sagt: «Gib mir alles. Ich will nicht einen bestimmten Anteil von
deiner Zeit, von deinem Geld und von deiner Arbeit. Ich will dich. Ich bin
nicht gekommen, um dein natürliches Selbst zu quälen, sondern um es zu
töten. Alle Halbheiten taugen nichts. Ich will nicht hier und da einen Zweig
abschneiden, ich will den ganzen Baum fällen. Ich will den Zahn nicht
anbohren oder überkronen oder füllen, sondern ziehen. Liefere mir dein
ganzes natürliches Selbst aus, all die Wünsche, die du für harmlos hältst,
wie auch die, die du für böse hältst – das ganze Paket. Ich werde dir dafür
ein neues Selbst geben. Ja, ich werde dir mich selbst geben: Mein Wille soll
deiner werden.»
Das ist zugleich schwerer und leichter als das, was wir alle zu tun
versuchen. Ich nehme an, Ihnen ist auch schon einmal aufgefallen, dass
Christus selbst den christlichen Weg manchmal als äußerst schwierig und
manchmal als ganz leicht bezeichnet. Er sagt: «Nimm dein Kreuz auf dich»
– mit anderen Worten, es wird so ähnlich sein, wie in einem
Konzentrationslager totgeschlagen zu werden. Doch im nächsten Moment
sagt er: «Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.» Er meint
beides so, wie er es sagt. Und man kann nachvollziehen, warum beides
stimmt.
Jeder Lehrer wird Ihnen sagen, dass der faulste Schüler derjenige ist, der
sich am Ende am meisten anstrengen muss. Damit ist Folgendes gemeint:
Wenn man zwei Schülern zum Beispiel einen geometrischen Satz vorlegt,
wird derjenige, der bereit ist, sich zu bemühen, sie zu verstehen versuchen.
Der faule Schüler dagegen wird versuchen, den Satz auswendig zu lernen,
denn das kostet zunächst einmal weniger Mühe. Sechs Monate später aber,
wenn die beiden sich auf eine Prüfung vorbereiten, muss sich der Faulpelz
endlose Stunden mit Dingen herumquälen, die der andere im Nu versteht
und an denen er noch seinen Spaß hat. Faulheit macht auf die Dauer mehr
Arbeit.
Oder betrachten Sie es so. In einer Schlacht oder beim Bergsteigen
kommt es oft vor, dass man etwas zu tun hat, wofür man seinen ganzen Mut
zusammennehmen muss. Gleichzeitig ist es aber auf lange Sicht das
Ungefährlichste, was man tun kann. Drückt man sich davor, so gerät man
ein paar Stunden später in viel größere Gefahr. Feigheit ist der gefährlichere
Weg.
So ist es auch hier. Es kommt uns beängstigend, ja schier unmöglich vor,
unser ganzes Selbst – all unsere Wünsche und Vorbehalte – an Christus
abzugeben. Aber es ist viel leichter als das, was wir stattdessen zu tun
versuchen. Denn wir versuchen, «wir selbst» zu bleiben, wie wir es nennen.
Wir wollen unser persönliches Glück als höchstes Ziel im Leben behalten
und dabei dennoch «gut» sein. Wir alle versuchen, unsere Gedanken und
Gefühle laufen zu lassen, wie sie wollen – immer dem Geld, dem
Vergnügen oder dem Ehrgeiz hinterher –, und hoffen, dass wir uns trotzdem
ehrlich, keusch und demütig verhalten werden. Und Christus warnt uns
genau davor, dass wir das nicht schaffen. An Disteln wachsen keine Feigen,
wie er sagte. Wenn ich ein Acker bin, der nichts als Grassamen enthält, wird
auf mir kein Weizen wachsen. Man kann das Gras kurz halten, indem man
es mäht, aber ich werde trotzdem nur Gras hervorbringen und keinen
Weizen. Wenn ich Weizen hervorbringen will, muss sich in der Tiefe etwas
verändern, nicht nur an der Oberfläche. Ich muss gepflügt und neu eingesät
werden.
Deshalb lauert die eigentliche Schwierigkeit des christlichen Lebens an
einer Stelle, wo die Leute meistens nicht damit rechnen. Sie begegnet uns in
dem Moment, in dem Sie jeden Morgen aufwachen. All Ihre Wünsche und
Hoffnungen für den Tag stürzen sich auf Sie wie wilde Tiere. Und die erste
Aufgabe besteht jeden Morgen einfach darin, sie alle von sich zu schieben
und auf jene andere Stimme zu hören, jenen anderen Blickwinkel
einzunehmen, jenes andere, größere, stärkere, stillere Leben in sich
hineinfließen zu lassen. Und so geht es den ganzen Tag über weiter. Es geht
darum, zurückzutreten von all Ihrem natürlichen Aufruhr und
Herumgewirbel und hereinzukommen, wo Sie vor dem Wind geschützt
sind.
Anfangs schaffen wir das nur für kurze Momente. Doch von diesen
Momenten aus wird sich das neue Leben durch unseren Organismus
ausbreiten, denn nun lassen wir Christus an der richtigen Stelle auf uns
einwirken. Es ist derselbe Unterschied wie der zwischen einer Farbe, die
nur oberflächlich aufgetragen wird, und einer Beize oder Gerbung, die das
ganze Material durchdringt. Christus redete niemals verschwommenes,
idealistisches Zeug. Als er sagte: «Ihr sollt vollkommen sein», da meinte er
es auch so. Er meinte, dass wir uns der kompletten Behandlung unterziehen
müssen. Das ist schwer, aber die Art von Kompromissen, auf die wir alle so
erpicht sind, ist noch schwerer – ja sie ist unmöglich. Es mag für ein Ei
schwer sein, sich in einen Vogel zu verwandeln. Aber es wäre ein ganzes
Stück schwerer, fliegen zu lernen und dennoch ein Ei zu bleiben. Wir sind
gegenwärtig wie Eier. Und man kann nicht für alle Zeit nur ein
gewöhnliches, anständiges Ei bleiben. Entweder schlüpfen wir, oder wir
werden schlecht.
Darf ich noch einmal darauf zurückkommen, was ich vorhin gesagt habe?
Das ist das ganze Christentum. Etwas anderes gibt es nicht. Das verliert
man allzu leicht aus dem Blick. Wie oft denkt man, die Kirche habe doch
eine Menge unterschiedlicher Ziele – Bildung, Gebäude, Mission,
Gottesdienste. Man denkt ja auch oft, der Staat habe eine Menge
verschiedener Ziele – militärische, politische, wirtschaftliche und was nicht
alles. Aber in gewisser Hinsicht liegen die Dinge viel einfacher. Der Staat
existiert schlicht und einfach dafür, das gewöhnliche Glück der Menschen
in diesem Leben zu fördern und zu schützen. Ein Mann, der am Lagerfeuer
mit seiner Frau plaudert, ein paar Freunde, die in einer Kneipe Darts
spielen, ein Mann, der in seinem Zimmer ein Buch liest oder seinen Garten
umgräbt – dazu ist der Staat da. Und solange sie nicht dazu beitragen,
solche Momente zu vermehren und zu verlängern und zu schützen, sind alle
Gesetze, Parlamente, Armeen, Gerichte, Polizeibehörden,
Wirtschaftsmaßnahmen usw. pure Zeitverschwendung.
Genauso existiert die Kirche für nichts anderes als dafür, dass Menschen
in Christus hineingezogen und zu kleinen Christussen gemacht werden.
Wenn sie das nicht tut, dann sind alle Kathedralen, Pfarrer, Missionen,
Predigten und sogar die Bibel selbst reine Zeitverschwendung. Vielleicht
wurde ja sogar das ganze Universum zu keinem anderen Zweck erschaffen
als diesem. In der Bibel heißt es, die ganze Welt sei für Christus geschaffen
worden und in ihm würde einmal alles zusammengefasst, was im Himmel
und auf Erden ist.
Ich nehme nicht an, dass irgendein Mensch verstehen kann, wie das im
Blick auf das ganze Universum vor sich gehen wird. Wir wissen ja nicht,
was in seinen Tiefen, Millionen Meilen von dieser Erde entfernt, noch alles
lebt, falls überhaupt etwas dort lebt. Schon auf dieser Erde wissen wir ja
nicht, was mit den Dingen und Wesen geschehen wird, die keine Menschen
sind. Aber das ist schließlich auch nicht anders zu erwarten. Der Plan ist
uns nur insoweit eröffnet worden, als er uns selbst betrifft.
Manchmal stelle ich mir gern vor, ich könnte sehen, wie es bei anderen
Dingen sein wird. Dann glaube ich, mir denken zu können, wie die höheren
Tiere gewissermaßen in den Menschen hineingezogen werden, wenn er sie
liebt und sie (wie es seine Art ist) viel menschenähnlicher werden lässt, als
sie es sonst wären. Ich könnte mir sogar denken, wie leblose Dinge und
Pflanzen in den Menschen hineingezogen werden, indem er sie studiert und
gebraucht und würdigt. Und wenn es auf anderen Planeten intelligente
Wesen gibt, machen sie es vielleicht mit ihren Welten genauso. Vielleicht ist
es ja so, dass intelligente Geschöpfe, wenn sie in Christus eingehen,
gewissermaßen all diese anderen Dinge mitbringen. Aber ich weiß es nicht;
es ist nur eine Vermutung.
Gesagt ist uns nur, wie wir Menschen in Christus hineingezogen werden
können – wie wir Teil jenes wunderbaren Geschenks werden können, das
der junge Prinz des Universums seinem Vater überreichen will. Dieses
Geschenk ist er selbst und darum wir in ihm. Nur dafür wurden wir
erschaffen. Und in der Bibel finden sich seltsame, aufregende Andeutungen,
dass in dem Moment, wo wir hineingezogen werden, auch alle möglichen
anderen Dinge in der Natur wieder in Ordnung kommen. Dann ist der böse
Traum vorbei, und es wird Morgen.
9. Die Kosten überschlagen
Offenbar hat das, was ich im vorigen Kapitel über die Worte unseres Herrn
«Ihr sollt vollkommen sein» gesagt habe, eine ganze Menge Leute
beunruhigt. Manche scheinen das so zu verstehen, als hieße es: «Wenn du
nicht vollkommen bist, werde ich dir nicht helfen.» Und da wir nun einmal
nicht vollkommen sein können, wäre unsere Lage, wenn es tatsächlich so
gemeint wäre, hoffnungslos. Aber ich glaube nicht, dass er es so gemeint
hat. Ich glaube, er meinte Folgendes: «Ich werde dir nur helfen,
vollkommen zu werden. Mag sein, dass du weniger haben willst, aber
weniger werde ich dir nicht geben.»
Lassen Sie mich das erklären. Als Kind hatte ich oft Zahnschmerzen, und
ich wusste, wenn ich damit zu meiner Mutter ginge, würde sie mir etwas
dafür geben, was den Schmerz für die Nacht betäubte und mich schlafen
ließ. Aber ich ging nicht zu meiner Mutter – zumindest nicht, ehe der
Schmerz wirklich nicht mehr auszuhalten war. Und der Grund dafür war
folgender: Ich zweifelte nicht daran, dass sie mir das Aspirin geben würde,
aber mir war klar, dass sie außerdem noch etwas anderes tun würde. Sie
würde nämlich am nächsten Morgen mit mir zum Zahnarzt gehen. Ich
konnte also von ihr nicht bekommen, was ich wollte, ohne noch etwas
anderes dazuzubekommen, was ich nicht wollte. Ich wollte meinen
Schmerz auf der Stelle gestillt haben, aber das konnte ich nicht bekommen,
ohne dass meine Zähne dauerhaft in Ordnung gebracht wurden. Und ich
kannte diese Zahnärzte. Die fingen dann immer an, an allen möglichen
anderen Zähnen herumzufummeln, die noch gar nicht wehtaten. Die wollten
immer partout die schlafenden Hunde wecken. Reichte man ihnen den
kleinen Finger, nahmen sie die ganze Hand.
Nun, wenn ich das so sagen darf, unser Herr ist wie die Zahnärzte. Reicht
man ihm den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Scharenweise
kommen die Leute zu ihm, um sich von irgendeiner bestimmten Sünde
heilen zu lassen, für die sie sich schämen (wie Masturbation oder banale
Feigheit) oder die ihnen im Alltag in die Quere kommt (wie Jähzorn oder
Trunkenheit). Und heilen wird er sie auch; aber dabei wird er es nicht
belassen. Mag sein, dass das alles ist, worum man ihn gebeten hat. Aber hat
man ihn einmal gerufen, so lässt er einem die volle Behandlung angedeihen.
Das ist der Grund, warum er die Menschen auffordert, «die Kosten zu
überschlagen», ehe sie Christen werden. «Täusche dich nicht», sagt er,
«wenn du mich lässt, werde ich dich vollkommen machen. Sobald du dich
in meine Hände begibst, erwartet dich genau das. Nicht weniger und nichts
anderes als das. Du hast einen freien Willen, und wenn du willst, kannst du
mich von dir stoßen. Aber wenn du mich nicht wegstößt, musst du wissen,
dass ich diese Aufgabe bis zum Ende führen werde. Egal, wie viel du in
deinem irdischen Leben dafür leiden musst oder welche unvorstellbare
Läuterung es dich nach deinem Tod kostet, egal auch, was es mich kostet,
ich werde nicht ruhen und dir keine Ruhe lassen, bis du buchstäblich
vollkommen bist – bis mein Vater ohne Vorbehalt sagen kann, dass er
Wohlgefallen an dir hat, so wie er sagte, er habe Wohlgefallen an mir. Das
kann ich, und das werde ich tun. Aber auf weniger lasse ich mich nicht
ein.»
Und dennoch – dies ist die andere, ebenso wichtige Seite – wird dieser
Helfer, der sich auf die Dauer mit nicht weniger als absoluter
Vollkommenheit zufriedengeben wird, sich auch über den ersten
schwachen, unsicheren Versuch freuen, den Sie morgen unternehmen, um
eine ganz einfache Pflicht zu erfüllen. Ein großer christlicher Schriftsteller
(George MacDonald) sagte einmal, jeder Vater freue sich über den ersten
Gehversuch seines kleinen Kindes, doch kein Vater wäre mit weniger als
dem festen, freien, männlichen Gang eines erwachsenen Sohnes zufrieden.
Ebenso sei auch Gott, so sagte er, «leicht zu erfreuen, aber schwer
zufriedenzustellen».
Die praktische Konsequenz ist folgende: Einerseits braucht Gottes
Forderung nach Vollkommenheit Sie in Ihrem gegenwärtigen Bemühen, gut
zu sein, nicht im Mindesten zu entmutigen – nicht einmal in Ihrem
gegenwärtigen Scheitern. Jedes Mal, wenn Sie fallen, wird er Sie wieder
aufheben. Und er weiß sehr gut, dass Ihre eigenen Anstrengungen Sie
niemals auch nur in die Nähe der Vollkommenheit bringen werden.
Andererseits müssen Sie sich von Anfang an klarmachen, dass das Ziel, auf
das er Sie nun hinzuführen beginnt, die absolute Vollkommenheit ist. Keine
Macht des Universums kann ihn daran hindern, Sie an dieses Ziel zu
bringen – nur Sie selbst. Das ist es, worauf Sie sich eingelassen haben. Und
es ist sehr wichtig, sich das klarzumachen. Tun wir das nicht, so werden wir
höchstwahrscheinlich ab einem bestimmten Punkt zurückweichen und uns
ihm widersetzen.
Ich glaube, viele von uns neigen dazu, wenn Christus uns fähig gemacht
hat, eine oder zwei Sünden zu überwinden, die uns eine offensichtliche Last
waren, zu meinen, jetzt wären wir gut genug (auch wenn wir das nie so
ausdrücken würden). Er hat schon alles getan, was wir von ihm wollten,
und wir wären dankbar, wenn er uns nun in Ruhe ließe. «Ich war nie darauf
aus, ein Heiliger zu werden», sagen wir, «ich wollte immer nur ein
normaler, anständiger Kerl sein.» Und wenn wir das sagen, bilden wir uns
ein, wir wären demütig.
Aber das ist der fatale Irrtum. Natürlich waren wir nie darauf aus und
haben auch nie darum gebeten, zu einem Geschöpf zu werden, wie er es aus
uns machen wird. Aber die Frage ist nicht, was wir selbst gerne sein
möchten, sondern wie er sich uns gedacht hat, als er uns erschuf. Er ist der
Erfinder; wir sind nur die Maschine. Er ist der Maler; wir sind nur das Bild.
Woher sollen wir wissen, wie er sich uns gedacht hat?
Sehen Sie, er hat ja jetzt schon etwas ganz anderes aus uns gemacht, als
wir einmal waren. Vor langer Zeit, noch vor unserer Geburt, als wir noch im
Mutterleib waren, haben wir verschiedene Stadien durchlaufen. Wir waren
einmal so etwas wie Pflanzen und dann so etwas Ähnliches wie Fische. Erst
später bekamen wir Ähnlichkeit mit menschlichen Babys. Und wenn wir in
diesen früheren Stadien ein Bewusstsein gehabt hätten, wären wir
vermutlich ganz zufrieden damit gewesen, Pflanzen oder Fische zu bleiben.
Wir hätten nicht einmal zu Babys werden wollen. Doch er wusste die ganze
Zeit über ganz genau, was er mit uns vorhatte, und war entschlossen, es
auch auszuführen.
Etwas ganz Ähnliches passiert nun auf einer höheren Ebene. Mag sein,
dass wir zufrieden damit sind, «gewöhnliche Leute» zu bleiben, wie wir es
nennen. Er aber ist entschlossen, einen ganz anderen Plan auszuführen.
Wenn wir vor diesem Plan zurückweichen, ist das keine Demut; es ist
Faulheit und Feigheit. Uns ihm zu beugen ist kein Dünkel oder
Größenwahn; es ist Gehorsam.
Diese beiden Seiten der Wahrheit lassen sich auch folgendermaßen
ausdrücken. Einerseits dürfen wir uns nie einbilden, wir könnten es aus
eigener Anstrengung schaffen, als «anständige» Leute auch nur durch die
nächsten 24 Stunden zu kommen. Wenn er uns nicht hilft, ist keiner von uns
davor gefeit, in irgendeine schwere Sünde zu fallen. Andererseits hat er die
Absicht, jeden Einzelnen von uns zu einem Heiligen und Helden von
solcher Reinheit und Tapferkeit zu machen, dass auch die größten Christen,
von denen uns berichtet wird, sie nicht übertreffen. Das Werk wird in
diesem Leben noch nicht vollendet werden, aber er hat vor, uns noch vor
unserem Tod so weit wie möglich zu bringen.
Deshalb darf es uns nicht überraschen, wenn uns raue Zeiten
bevorstehen. So mancher, der sich Christus zuwendet und anscheinend
ziemlich gut zurechtkommt (in dem Sinne, dass er manche seiner
schlechten Gewohnheiten losgeworden ist), denkt dann, es wäre nur
natürlich, wenn von jetzt an alles glattginge. Stellen sich dann Probleme ein
– Krankheiten, Geldsorgen, neue Versuchungen –, so ist er enttäuscht. Diese
Dinge, meint er, wären vielleicht in seiner schlimmen Vergangenheit nötig
gewesen, um ihn aufzurütteln und ihn zur Buße zu führen; aber warum
jetzt? Weil Gott ihn zwingt, nach vorn zu gehen oder hinauf auf eine höhere
Ebene. Dazu bringt er ihn in Situationen, in denen er viel tapferer,
geduldiger oder liebevoller sein muss, als er es sich bisher je erträumt hat.
Uns erscheint das völlig unnötig, aber das liegt nur daran, dass wir noch
nicht die leiseste Vorstellung von der Herrlichkeit haben, die er aus uns
machen will.
Ich glaube, ich muss mir noch ein Gleichnis von George MacDonald
ausborgen. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein lebendiges Haus. Nun kommt
Gott und will das Haus neu erbauen. Anfangs verstehen Sie vielleicht noch,
was er da tut. Er bringt die Dachrinnen in Ordnung und dichtet das Dach ab
und dergleichen. Das alles überrascht Sie nicht; Sie wussten ja, dass das mal
nötig war. Doch dann fängt er plötzlich an, an dem Haus herumzuhämmern,
dass Ihnen Hören und Sehen vergeht und Sie sich überhaupt keinen Reim
darauf machen können. Was in aller Welt hat er denn vor? Die Erklärung
ist, dass er ein ganz anderes Haus baut, als Sie sich vorgestellt haben. Hier
baut er einen neuen Flügel an, dort setzt er ein weiteres Stockwerk auf; er
baut Türme und legt Innenhöfe an. Sie dachten, er würde ein hübsches
kleines Häuschen aus Ihnen machen; er aber baut einen Palast. Er hat sogar
vor, selbst darin einzuziehen.
Das Gebot Ihr sollt vollkommen sein ist kein idealistisches Geschwafel.
Genauso wenig ist es eine Aufforderung, das Unmögliche zu tun. Er wird
uns zu Geschöpfen machen, die diesem Gebot gehorchen können. Er hat in
der Bibel gesagt, wir seien «Götter», und dieses Wort wird er wahr machen.
Wenn wir ihn lassen – denn wir können ihn daran hindern, wenn wir wollen
–, wird er auch aus dem Schwächsten und Niedrigsten von uns einen Gott
oder eine Göttin machen, ein leuchtendes, strahlendes unsterbliches
Geschöpf, in dem solche Energie und Freude und Weisheit und Liebe
pulsieren, wie wir sie uns jetzt überhaupt nicht vorstellen können, einen
klaren, makellosen Spiegel, der Gott (wenn auch natürlich in kleinerem
Maßstab) seine eigene grenzenlose Kraft und Seligkeit und Güte
widerspiegelt. Das wird lange dauern und teilweise sehr schmerzhaft sein,
aber das ist es, was uns erwartet. Nicht weniger. Er hat es so gemeint, wie er
es gesagt hat.
10. Nette Leute oder neue Menschen?
Er hat es so gemeint, wie er es gesagt hat. Wer sich in seine Hände gibt,
wird vollkommen werden, wie er vollkommen ist – vollkommen in Liebe,
Weisheit, Freude, Schönheit und Unsterblichkeit. Der Wandel wird nicht in
diesem Leben vollendet, denn der Tod ist ein wichtiger Teil der
Behandlung. Wie weit der Wandel bei einem einzelnen Christen bis zu
seinem Tod voranschreitet, ist ungewiss.
Dies dürfte der richtige Moment sein, um über eine Frage nachzudenken,
die oft gestellt wird: Wenn das Christentum wahr ist, warum sind dann nicht
alle Christen spürbar netter als alle Nichtchristen?
Hinter dieser Frage steckt zum Teil ein vernünftiger und zum Teil ein
ganz und gar unvernünftiger Gedanke. Der vernünftige Teil ist folgender:
Wenn die Bekehrung zum christlichen Glauben keine Besserung im äußeren
Verhalten eines Menschen bewirkt – wenn er also weiterhin genauso
hochnäsig oder gehässig oder neidisch oder ehrgeizig ist wie zuvor –, dann
liegt der Verdacht nahe, dass er sich seine «Bekehrung» weitgehend nur
eingebildet hat. Und das ist die Nagelprobe, wann immer man nach seiner
ursprünglichen Bekehrung denkt, man habe Fortschritte gemacht. Schöne
Gefühle, neue Einsichten und stärkeres Interesse an «Religion» bedeuten
gar nichts, wenn sich dadurch nicht tatsächlich das Verhalten bessert. Es
nützt ja auch nichts, sich «besser zu fühlen», solange das Thermometer
zeigt, dass das Fieber immer noch steigt.
Insofern ist es völlig berechtigt, wenn die Außenwelt den christlichen
Glauben nach seinen Auswirkungen beurteilt. Christus hat uns auch
angewiesen, nach den Auswirkungen zu urteilen. Einen Baum erkennt man
an seinen Früchten. Wenn wir Christen uns falsch verhalten oder es
versäumen, Gutes zu tun, machen wir unseren Glauben für die Außenwelt
unglaubwürdig. Im Krieg gab es Plakate, die uns mahnten: «Achtloses
Gerede kostet Leben.» Genauso wahr ist aber auch, dass achtloses Leben zu
Gerede führt. Über unser achtloses Leben redet die Außenwelt, und wir
geben ihr Anlass dazu, auf eine Weise zu reden, die Zweifel an der
Wahrheit des Christentums selbst aufwirft.
Doch manchmal fordern Außenstehende auch auf eine andere und
gänzlich unlogische Weise Auswirkungen ein. Sie verlangen dann nicht nur,
dass die Lebensweise eines Menschen sich bessert, wenn er Christ wird.
Ehe sie bereit sind, ans Christentum zu glauben, verlangen sie auch, die
Welt säuberlich in zwei Lager aufgeteilt zu sehen – das christliche und das
nichtchristliche. Und alle Leute im ersten Lager müssten zu jedem
gegebenen Zeitpunkt sichtbar netter sein als alle Leute im zweiten. Das ist
aus mehreren Gründen unvernünftig.
1. Vor allen Dingen ist die Situation in Wirklichkeit viel komplizierter.
Die Welt besteht nicht aus hundertprozentigen Christen und
hundertprozentigen Nichtchristen. Es gibt Leute (sogar eine ganze Menge),
die langsam aufhören, Christen zu sein, sich aber immer noch so nennen.
Darunter sind sogar manche Pfarrer. Dann gibt es andere, die ganz
allmählich dabei sind, Christen zu werden, sich aber noch nicht als solche
bezeichnen. Es gibt auch Leute, die nicht die ganze christliche Lehre über
Christus akzeptieren, aber sich so stark zu ihm hingezogen fühlen, dass sie
in einem viel tieferen Sinne ihm gehören, als sie es selbst begreifen. Es gibt
Menschen in anderen Religionen, die insgeheim von Gott dahin geleitet
werden, sich auf die Elemente ihres Glaubens zu konzentrieren, die mit dem
Christentum übereinstimmen, und somit zu Christus gehören, ohne es zu
wissen. Zum Beispiel kann es sein, dass ein Buddhist guten Willens sich
mehr und mehr zu der buddhistischen Lehre von der Barmherzigkeit
hingezogen fühlt, während die buddhistischen Lehren über gewisse andere
Punkte in den Hintergrund treten (auch wenn er sich immer noch zu ihnen
bekennt). Viele der guten Heiden, die lange vor Christi Geburt lebten,
waren vielleicht in dieser Position. Und natürlich gibt es immer sehr viele
Leute, die einfach verwirrt sind und in deren Denken sich alle möglichen
widersprüchlichen Überzeugungen tummeln.
Infolgedessen hat es nicht viel Sinn, en masse Urteile über Christen und
Nichtchristen zu fällen. Katzen und Hunde en masse miteinander zu
vergleichen oder auch Männer und Frauen kann sinnvoll sein, denn da weiß
man immerhin genau, wer was ist. Außerdem verwandelt sich ein Tier nicht
(sei es allmählich oder plötzlich) von einer Katze in einen Hund. Aber wenn
wir Christen im Allgemeinen mit Nichtchristen im Allgemeinen
vergleichen, dann denken wir meistens überhaupt nicht an echte Menschen,
die wir kennen, sondern nur an zwei verschwommene Vorstellungen, die
wir aus Romanen und Zeitungen beziehen. Wenn Sie den schlechten
Christen und den guten Atheisten miteinander vergleichen wollen, müssen
Sie an zwei wirkliche Exemplare denken, denen Sie tatsächlich begegnet
sind. Solange wir nicht auf diese Weise zum Kern der Sache kommen,
vergeuden wir nur unsere Zeit.
2. Angenommen, wir sind zum Kern der Sache gekommen und reden nun
nicht über einen imaginären Christen und einen imaginären Nichtchristen,
sondern über zwei wirkliche Menschen in unserer Nachbarschaft. Auch
dann müssen wir immer noch aufpassen, dass wir die richtige Frage stellen.
Wenn das Christentum wahr ist, sollte daraus zweierlei folgen: a) dass jeder
Christ netter ist, als er selbst es wäre, wenn er kein Christ wäre, und b) dass
jeder Mensch, der Christ wird, danach netter wird, als er es vorher war.
Das ist genauso wie bei der Werbung für Whitesmile-Zahnpasta: Wenn
sie zutrifft, müsste a) jeder, der sie verwendet, bessere Zähne haben, als er
selbst sie hätte, wenn er sie nicht verwenden würde, und b) jeder, der
anfängt, sie zu benutzen, bald bessere Zähne bekommen. Doch der
Hinweis, dass ich, der ich Whitesmile benutze (und überdies von meinen
beiden Eltern schlechte Zähne geerbt habe), kein so schönes Gebiss habe
wie ein gesunder junger Schwarzer, der in seinem ganzen Leben noch keine
Zahnpasta verwendet hat, beweist für sich genommen noch nicht, dass die
Werbung falsch ist. Die Christin Miss Bates mag eine verletzendere Zunge
haben als der ungläubige Dick Firkin. Das an sich verrät uns noch nicht, ob
das Christentum funktioniert. Die Frage ist, wie Miss Bates' Zunge sich
anhören würde, wenn sie keine Christin wäre, und wie die von Dick, wenn
er Christ würde. Sowohl Miss Bates als auch Dick bringen infolge von
natürlichen Ursachen und ihrer Kinderstube ein bestimmtes Temperament
mit. Das Christentum stellt in Aussicht, beide Temperamente einem neuen
Management zu unterstellen, wenn die beiden das zulassen.
Die berechtigte Frage ist, ob das neue Management, wenn es das Ruder
übernimmt, die Firma besser macht. Dass das Management bei Dick Firkin
eine viel «nettere» Firma übernimmt als bei Miss Bates, weiß jeder. Darum
geht es nicht. Um das Management einer Fabrik zu beurteilen, müssen Sie
nicht nur die Produktion betrachten, sondern das ganze Werk. Angesichts
des Werkes in Fabrik A ist es vielleicht ein Wunder, dass dort überhaupt
etwas vom Band läuft. Angesichts der erstklassigen Ausstattung in Fabrik B
ist ihre Produktion vielleicht zwar hoch, aber möglicherweise erheblich
geringer, als sie sein sollte. Zweifellos wird der gute Manager in Fabrik A
eine neue Anlage installieren, sobald es geht, aber das kann dauern. In der
Zwischenzeit ist die niedrige Produktionsrate kein Beweis dafür, dass er ein
Versager ist.
3. Und nun lassen Sie uns etwas mehr in die Tiefe gehen. Der Manager
wird eine neue Fertigungsanlage installieren. Ehe Christus mit Miss Bates
fertig ist, wird sie ausgesprochen «nett» sein. Doch wenn wir es dabei
beließen, würde es sich so anhören, als hätte Christus nur das Ziel gehabt,
Miss Bates auf denselben Stand zu bringen, auf dem Dick schon vorher
war. Wir haben nämlich so geredet, als wäre bei Dick alles in bester
Ordnung – als hätten nur unangenehme Leute das Christentum nötig,
während die netten auch ohne auskommen, und als würde Gott außer
Nettigkeit nichts von uns verlangen. Aber das wäre ein fataler Irrtum. Die
Wahrheit ist, dass Dick Firkin in Gottes Augen genauso der «Erlösung»
bedarf wie Miss Bates. In gewisser Hinsicht (in welcher, werde ich gleich
erklären) tut ihre jeweilige Nettigkeit überhaupt nichts zur Sache.
Man darf nicht erwarten, dass Gott Dicks gleichmütiges Temperament
und seine freundliche Art mit denselben Augen sieht wie wir. Sie ergeben
sich ja aus natürlichen Ursachen, die Gott selbst geschaffen hat. Da sie nur
durch sein Temperament bedingt sind, werden sie sich verflüchtigen, sobald
Dick Verdauungsprobleme bekommt. Die Nettigkeit ist nämlich Gottes
Geschenk an Dick, nicht Dicks Geschenk an Gott.
Ebenso hat Gott es zugelassen, dass natürliche, in einer durch
Jahrhunderte der Sünde verdorbenen Welt wirkende Ursachen bei Miss
Bates die Engstirnigkeit und das dünne Nervenkostüm hervorbringen, auf
die ihre Kratzbürstigkeit zum großen Teil zurückzuführen ist. Er hat die
Absicht, diese Dinge bei ihr zu gegebener Zeit in Ordnung zu bringen. Aber
das ist für Gott nicht der entscheidende Teil der Aufgabe. Dieser Punkt
bietet keine Schwierigkeiten. Darum macht er sich keine Sorgen. Das,
worum er sich aufmerksam und geduldig bemüht, ist etwas, was nicht
einmal für Gott leicht ist, weil es in der Natur der Sache liegt, dass nicht
einmal er es durch bloße Machtanwendung bewirken kann. Und darauf
wartet er gespannt sowohl bei Miss Bates als auch bei Dick Firkin. Es
handelt sich um etwas, was sie ihm aus freiem Willen geben oder aus
freiem Willen verweigern können. Werden sie sich ihm zuwenden und so
den einzigen Zweck erfüllen, zu dem sie geschaffen wurden, oder nicht? Ihr
freier Wille zittert in ihnen wie eine Kompassnadel. Nur hat diese Nadel
eine Wahl. Sie kann sich auf ihren wahren Norden ausrichten, aber sie muss
es nicht. Wird die Nadel sich herumdrehen und zur Ruhe kommen und auf
Gott zeigen?
Gott kann ihr dabei helfen. Zwingen kann er sie nicht. Er kann sozusagen
nicht seine eigene Hand ausstrecken und sie in die richtige Stellung drehen,
denn dann wäre sie kein freier Wille mehr. Wird sie nach Norden zeigen?
Das ist die Frage, von der alles abhängt. Werden Miss Bates und Dick ihre
Naturen in die Hände Gottes legen? Die Frage, ob diese Naturen, die sie
ihm entweder übergeben oder für sich behalten, nett oder abstoßend sind, ist
zweitrangig. Um diesen Teil des Problems kann Gott sich kümmern.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich betrachtet Gott ein
abstoßendes Naturell als etwas Schlechtes und Beklagenswertes. Und
natürlich betrachtet er ein nettes Naturell als etwas Gutes – so wie Brot,
Sonnenschein oder Wasser. Aber das sind die guten Dinge, die er uns gibt
und die wir empfangen. Er hat Dicks starke Nerven und seine gute
Verdauung erschaffen, und von solchen Dingen hat er noch reichlich
Vorräte auf Lager. Soweit wir wissen, kostet es Gott nichts, schöne Dinge
zu erschaffen. Den rebellischen Willen der Menschen zu bekehren jedoch
kostete ihn seine Kreuzigung. Und weil es eben ihr Wille ist, können sie –
die netten Leute genauso wie die abstoßenden – ihm seine Bitte verweigern.
Und dann wird Dicks Nettigkeit, weil sie ja nur ein Merkmal seiner Natur
war, sich am Ende in Nichts auflösen. Die ganze Natur selbst wird
vergehen. Bei Dick verbinden sich natürliche Ursachen zu einem
angenehmen psychologischen Muster, so wie sie sich in einem
Sonnenuntergang zu einem angenehmen Farbenspiel verbinden.
Irgendwann werden sie (wie das in der Natur nun einmal ist) wieder
auseinanderfallen, und das Muster wird in beiden Fällen verschwinden.
Dick hatte seine Chance, dieses momentane Muster in die Schönheit eines
ewigen Geistes zu verwandeln (oder besser: von Gott verwandeln zu
lassen), und er hat sie nicht ergriffen.
Hier stoßen wir auf ein Paradox. Solange Dick sich nicht Gott zuwendet,
glaubt er, seine Nettigkeit gehöre ihm, und solange er das denkt, gehört sie
ihm gerade nicht. Erst wenn Dick erkennt, dass seine Nettigkeit nicht sein
Eigentum ist, sondern ein Geschenk Gottes, und er dieses Geschenk Gott
wieder darbietet – erst dann fängt es an, ihm wirklich zu gehören. Denn nun
fängt Dick an, sich an seiner eigenen Erschaffung zu beteiligen. Die
einzigen Dinge, die wir je behalten können, sind die Dinge, die wir aus
freien Stücken an Gott abgeben. Das, was wir für uns zu behalten
versuchen, werden wir mit Sicherheit verlieren.
Deshalb sollte es uns nicht überraschen, wenn wir unter den Christen
Leute finden, die immer noch üble Zeitgenossen sind. Genau besehen,
könnte man sogar mit gutem Grund erwarten, dass üble Zeitgenossen sich
in größerer Zahl Christus zuwenden als nette Menschen. Darüber haben
sich die Leute schon zu Christi Lebzeiten auf Erden beschwert: Er schien
solche «schrecklichen Leute» geradezu anzuziehen. Darüber beschweren
sich die Leute noch heute, und sie werden es immer tun. Erkennen Sie den
Grund? Christus sagte: «Selig sind die Armen», und «Wie schwer werden
die Reichen in das Reich Gottes kommen», und zweifellos meinte er damit
in erster Linie Reiche und Arme im wirtschaftlichen Sinn. Aber gelten seine
Worte nicht genauso für eine andere Art von Reichtum und Armut? Eine
der Gefahren dabei, viel Geld zu haben, ist doch, dass man vielleicht mit
der Art von Glück, die man für Geld kaufen kann, ganz zufrieden ist und
gar nicht merkt, dass man Gott braucht. Wenn man sich alles beschaffen
kann, indem man einfach nur einen Scheck unterschreibt, vergisst man
vielleicht, dass man in jedem Augenblick vollkommen abhängig von Gott
ist.
Es liegt auf der Hand, dass natürliche Gaben eine ähnliche Gefahr in sich
bergen. Wenn Sie gute Nerven haben, intelligent, gesund und beliebt sind
und eine gute Erziehung genossen haben, dann sind Sie vermutlich ganz
zufrieden mit Ihrem Charakter, so wie er ist. «Warum unbedingt Gott mit
herbeizerren?», fragen Sie vielleicht. Ein gewisses Maß an gutem Verhalten
fällt Ihnen ziemlich leicht. Sie gehören nicht zu jenen elenden Kreaturen,
die ständig über Sex oder Alkohol oder Nervosität oder Jähzorn stolpern.
Alle sagen, Sie seien ein netter Kerl, und (ganz unter uns) derselben
Meinung sind Sie auch. Höchstwahrscheinlich schreiben Sie all diese
Nettigkeit sich selbst zu, und es kann gut sein, dass sie überhaupt keinen
Bedarf an einer noch besseren Art von gutem Charakter sehen. Oft können
Leute, die über all diese natürlichen guten Eigenschaften verfügen, niemals
erkennen, dass sie Christus brauchen, bis ihr gutes Naturell sie eines Tages
im Stich lässt und ihre Selbstzufriedenheit zerschlagen wird. Mit anderen
Worten, es ist schwer für Leute, die in diesem Sinne «reich» sind, ins Reich
Gottes zu kommen.
Ganz anders sieht es für die unangenehmen Zeitgenossen aus – die
kleinen, niedrigen, ängstlichen, verbogenen, blutlosen, einsamen oder auch
die leidenschaftlichen, sinnlichen, unsteten Leute. Wenn so jemand je
versucht, Gutes zu tun, dann lernt er im Nu, dass er Hilfe dabei braucht. Für
diese Menschen heißt es Christus oder nichts. Entweder nehmen sie das
Kreuz auf sich und folgen ihm nach – oder sie müssen verzweifeln. Sie sind
die verlorenen Schafe, und er ist eigens gekommen, um sie zu suchen. Sie
sind (in einem ganz realen und schrecklichen Sinn) die «Armen», die er für
selig erklärte. Sie sind die «üblen Zeitgenossen», mit denen Christus sich
abgab – und natürlich sagen die Pharisäer heute noch dasselbe, was sie von
Anfang an gesagt haben: «Wenn am Christentum etwas dran wäre, wären
solche Leute keine Christen.»
Hierin liegt für jeden von uns entweder eine Warnung oder eine
Ermutigung. Wenn Sie ein netter Mensch sind – wenn Tugend Ihnen leicht
fällt –, nehmen Sie sich in Acht! Wem viel anvertraut ist, von dem wird
man umso mehr fordern. Wenn Sie die Gaben, die Gott Ihnen durch die
Natur geschenkt hat, für Ihre eigenen Verdienste halten und sich damit
zufriedengeben, einfach nur nett zu sein, sind Sie immer noch ein Rebell.
Und dann werden all diese Gaben Ihren Absturz nur umso schlimmer
machen und Sie tiefer ins Verderben verstricken, und Ihr schlechtes Beispiel
wird umso folgenschwerer sein. Der Teufel war einmal ein Erzengel – seine
natürlichen Gaben standen so weit über Ihren wie Ihre über denen eines
Schimpansen.
Wenn Sie aber einer von den Armen sind – vergiftet durch eine
verkorkste Erziehung in einem Haus voller vulgärer Eifersüchteleien und
sinnloser Streitigkeiten, belastet mit irgendeiner widerwärtigen sexuellen
Perversion, die Sie sich nicht ausgesucht haben, oder Tag für Tag gequält
von einem Minderwertigkeitskomplex, der Sie dazu bringt, Ihre besten
Freunde anzuschnauzen –, dann verzweifeln Sie nicht. Christus weiß über
das alles Bescheid. Sie sind einer von den Armen, die er selig nannte. Er
weiß, was für eine verkorkste Maschine Sie da zu fahren versuchen.
Bleiben Sie dran. Tun Sie, was Sie können. Eines Tages (vielleicht in einer
anderen Welt, vielleicht aber auch schon viel früher) wird er diese Maschine
auf den Schrott werfen und Ihnen eine neue geben. Und dann werden Sie
uns vielleicht alle zum Staunen bringen – nicht zuletzt sich selbst. Denn Sie
haben das Fahren in einer harten Schule gelernt. (Manche der Letzten
werden die Ersten und manche der Ersten die Letzten sein.)
«Nett» zu sein – eine gesunde, ausgeglichene Persönlichkeit zu haben –
ist etwas Wunderbares. Wir müssen alle medizinischen, pädagogischen,
wirtschaftlichen und politischen Mittel nutzen, die uns zu Gebote stehen,
um eine Welt zu schaffen, in der so viele Leute wie möglich zu «netten»
Menschen heranwachsen; genauso, wie wir uns bemühen müssen, eine Welt
zu schaffen, in der alle reichlich zu essen haben. Aber selbst, wenn es uns
gelänge, alle zu netten Menschen zu machen, dürften wir uns nicht
einbilden, wir hätten ihre Seelen gerettet. Ein Welt voller netter Menschen,
die mit ihrer eigenen Nettigkeit zufrieden sind, nichts weiter wollen und
von Gott abgewandt leben, wäre ebenso dringend erlösungsbedürftig wie
eine Welt voller Elend – und vielleicht wäre es ungleich schwieriger, sie zu
erlösen.
Denn bloße Besserung ist keine Erlösung, auch wenn die Erlösung stets
auch hier und jetzt schon zu einer Besserung führt und die Menschen am
Ende in einem Maße bessern wird, wie wir es uns jetzt noch nicht einmal
vorstellen können. Gott wurde Mensch, um aus Geschöpfen seine Kinder zu
machen. Er wollte nicht nur bessere Menschen von der alten Sorte
hervorbringen, sondern eine neue Art von Menschen. Es geht nicht darum,
einem Pferd beizubringen, immer besser zu springen, sondern darum, ein
Pferd in ein geflügeltes Wesen zu verwandeln. Wenn es dann natürlich seine
Flügel hat, wird es über Hindernisse hinwegsegeln, die es nie hätte
überspringen können, und somit jedem natürlichen Pferd überlegen sein.
Doch eine Zeit lang, wenn die Flügel gerade anfangen zu wachsen, wird es
das vielleicht noch nicht können; und in diesem Stadium werden ihm die
Beulen an den Schultern – von denen noch keiner erraten würde, dass
einmal Flügel daraus werden – vielleicht sogar ein unförmiges Aussehen
verleihen.
Aber vielleicht haben wir schon zu viel Zeit mit dieser Frage zugebracht.
Wenn Sie auf ein Argument gegen das Christentum aus sind (und ich weiß
noch sehr gut, wie eifrig ich nach solchen Argumenten suchte, als ich zu
fürchten begann, das Christentum könnte wahr sein), dann werden Sie keine
Mühe haben, irgendeinen dummen und unzulänglichen Christen zu finden
und zu sagen: «Hier haben wir also Ihren viel gerühmten neuen Menschen!
Die alte Sorte war mir lieber.» Aber wenn Ihnen erst einmal dämmert, dass
das Christentum aus anderen Gründen wahrscheinlich ist, dann werden Sie
in Ihrem Innersten wissen, dass das an der eigentlichen Frage vorbeigeht.
Denn was weiß man denn schon über die Seelen anderer Menschen –
über ihre Versuchungen, ihre Möglichkeiten, ihre Kämpfe? Es gibt eine
Seele in der ganzen Schöpfung, die Sie kennen – und das ist auch die
einzige, deren Schicksal in Ihren Händen liegt. Wenn es einen Gott gibt,
dann sind Sie in gewissem Sinn mit ihm allein. Sie können sich ihn nicht
mit Spekulationen über Ihre Nachbarn von nebenan oder mit Erinnerungen
an Dinge, die Sie in Büchern gelesen haben, vom Leib halten. Was werden
alles Geschwätz und alle Gerüchte denn noch für eine Bedeutung haben
(falls Sie sich überhaupt noch daran erinnern können), wenn der betäubende
Nebel, den wir «Natur» oder «die wirkliche Welt» nennen, verfliegt und die
Gegenwart Gottes, in der Sie schon immer gestanden haben, spürbar,
unmittelbar und unausweichlich wird?
11. Die neuen Menschen
Im letzten Kapitel habe ich die Art und Weise, wie Christus neue Menschen
macht, mit der Verwandlung eines Pferdes in ein geflügeltes Wesen
verglichen. Dieses drastische Beispiel habe ich gewählt, um zu betonen,
dass es nicht nur um eine Besserung geht, sondern eben um eine
Verwandlung. Die engste Parallele dazu in der natürlichen Welt ist in den
bemerkenswerten Verwandlungen zu finden, die wir bei Insekten bewirken
können, indem wir sie bestimmten Strahlen aussetzen. Manche Leute
meinen, so sei die Evolution vonstattengegangen. Die Veränderungen der
Lebewesen, von denen alles abhängt, könnten durch Strahlungen aus dem
Weltraum bewirkt worden sein. (Wenn die Veränderungen einmal da sind,
wirkt natürlich die sogenannte «natürliche Zuchtwahl» auf sie ein; das
heißt, die nützlichen Veränderungen überleben, während die anderen
ausgejätet werden.)
Als moderner Mensch versteht man den christlichen Gedanken vielleicht
am besten, wenn man ihn in Beziehung zur Evolution setzt. Jeder weiß
heute über Evolution Bescheid (wenn auch natürlich manche gebildeten
Leute nicht daran glauben). Wir haben alle gelernt, der Mensch habe sich
aus niederen Lebensformen entwickelt. Infolgedessen fragen sich viele
Leute: «Wie sieht wohl die nächste Stufe aus? Wann wird sich das Wesen
zeigen, das nach dem Menschen kommt?»
Einfallsreiche Schriftsteller versuchen manchmal, sich ein Bild von
dieser nächsten Stufe zu machen – dem «Übermenschen», wie sie ihn
nennen. Meistens gelingt ihnen jedoch nur, sich etwas vorzustellen, was viel
abscheulicher ist als der Mensch, wie wir ihn kennen, was sie dann damit
auszugleichen versuchen, dass sie ihm ein paar zusätzliche Arme oder
Beine anhängen.
Aber angenommen, die nächste Stufe wäre noch viel verschiedener von
den bisherigen, als diese Schriftsteller es sich je erträumen könnten? Ist das
nicht sogar sehr wahrscheinlich? Vor Tausenden von Jahrhunderten
entwickelten sich riesige, schwer gepanzerte Lebewesen. Hätte jemand
damals den Verlauf der Evolution beobachtet, so hätte er vermutlich
angenommen, der Trend gehe zu einer immer schwereren Panzerung. Aber
damit hätte er sich geirrt. Die Zukunft hatte eine Karte im Ärmel, mit der er
zu dieser Zeit nie hätte rechnen können. Sie überraschte ihn mit kleinen,
nackten, ungepanzerten Tieren, die bessere Gehirne hatten. Und mit diesen
Gehirnen unterwarfen sie sich den ganzen Planeten. Sie wurden nicht nur
mächtiger als die prähistorischen Ungeheuer, sondern ihre Macht war von
einer ganz neuen Art. Die nächste Stufe sah nicht nur anders aus, sondern
anders mit einer neuen Art von Andersartigkeit. Der Strom der Evolution
würde nicht weiter in die Richtung fließen, in die der Beobachter ihn
fließen sah, sondern er würde eine scharfe Biegung machen.
Die meisten der beliebten Spekulationen hinsichtlich der «nächsten
Stufe» scheinen mir genau denselben Fehler zu machen. Die Leute sehen
(so glauben sie zumindest) die Menschen mächtige Gehirne entwickeln und
immer mehr Herrschaft über die Natur gewinnen. Und weil sie meinen, dass
der Strom in diese Richtung fließt, stellen sie sich vor, dass er diese
Richtung auch beibehalten wird. Aber ich werde den Gedanken nicht los,
dass die nächste Stufe etwas wirklich Neues sein wird. Die Entwicklung
wird in eine neue Richtung gehen, die man sich nie erträumen könnte.
Wenn es nicht so wäre, könnte man sie kaum eine neue Stufe nennen. Ich
würde nicht nur mit einem Unterschied rechnen, sondern mit einer neuen
Art von Unterschied. Ich würde nicht nur mit einer Veränderung rechnen,
sondern mit einem neuen Weg, diese Veränderung zu bewirken. Oder, um
es ins Absurde zu treiben, ich würde damit rechnen, dass die nächste Stufe
der Evolution überhaupt keine Stufe der Evolution ist, sondern dass die
Evolution selbst als verändernde Kraft durch etwas Neues ersetzt wird. Und
schließlich würde es mich nicht wundern, wenn nur wenige Leute etwas
davon merken, wenn es so weit ist.
Nun, wenn Sie es in diese Begriffe fassen wollen, dann ist aus
christlicher Sicht diese nächste Stufe bereits erschienen. Und sie ist wirklich
etwas Neues. Es ist kein Wandel von intelligenten Menschen hin zu noch
intelligenteren Menschen, sondern ein Wandel, der in eine völlig andere
Richtung geht – ein Wandel von Geschöpfen Gottes zu Kindern Gottes. Das
erste Exemplar tauchte vor zweitausend Jahren in Palästina auf. Im Grunde
ist dieser Wandel überhaupt keine «Evolution», denn er ergibt sich nicht aus
dem natürlichen Lauf der Dinge, sondern kommt von außen in die Natur
hinein. Aber das ist genau das, was ich erwarten würde. Wir haben uns
unsere Vorstellung von «Evolution» gebildet, indem wir die Vergangenheit
studierten. Wenn uns etwas wirklich Neues erwarten sollte, dann wird es
natürlich nicht in unsere auf die Vergangenheit gegründete Vorstellung
hineinpassen. Und tatsächlich unterscheidet sich diese neue Stufe von allen
bisherigen nicht nur darin, dass sie von außerhalb der Natur kommt,
sondern auch in mehrfacher anderer Hinsicht.
1. Sie breitet sich nicht durch geschlechtliche Fortpflanzung aus. Sollten
wir uns darüber wundern? Es gab eine Zeit vor der Sexualität, in der die
Entwicklung sich auf anderem Wege vollzog. Insofern hätten wir damit
rechnen können, dass einmal eine Zeit kommen würde, in der die Sexualität
wieder verschwindet, oder aber (wie es sich jetzt tatsächlich zeigt) eine
Zeit, in der die Sexualität, obwohl es sie noch gibt, nicht mehr der
wesentliche Kanal der Entwicklung ist.
2. In den früheren Stadien hatten die Lebewesen entweder überhaupt
keinen oder nur sehr wenig Einfluss darauf, die nächste Stufe
emporzusteigen. Die Höherentwicklung war im Wesentlichen nicht etwas,
was sie taten, sondern etwas, was mit ihnen geschah. Doch die neue Stufe,
der Wandel vom Geschöpf zum Kind Gottes, geschieht willentlich.
Zumindest willentlich in einem gewissen Sinn. Es geschieht nicht
willentlich in dem Sinn, dass wir aus uns heraus hätten beschließen oder
uns auch nur vorstellen können, diese Stufe emporzusteigen. Aber es
geschieht willentlich in dem Sinn, dass wir sie, wenn sie uns angeboten
wird, auch ablehnen können. Wir können, wenn wir wollen, davor
zurückweichen. Wir können auf stur schalten und die neue Menschheit ohne
uns voranschreiten lassen.
3. Ich habe Christus das «erste Exemplar» des neuen Menschen genannt.
Aber natürlich ist er viel mehr als nur das. Er ist nicht nur ein neuer
Mensch, ein Exemplar der Spezies, sondern er ist der neue Mensch. Er ist
Ursprung, Zentrum und Leben aller neuen Menschen. Er kam aus freien
Stücken in das geschaffene Universum und brachte die Zoe mit, das neue
Leben. (Neu für uns, meine ich natürlich. Da, wo sie herkommt, hat es die
Zoe schon immer gegeben.) Und er überträgt sie nicht durch Vererbung,
sondern durch das, was ich «Infektion mit dem Guten» genannt habe. Wer
immer sie bekommt, bekommt sie durch den persönlichen Kontakt mit ihm.
Andere Menschen werden «neu», indem sie «in ihm» sind.
4. Der Aufstieg zu dieser neuen Stufe vollzieht sich in einem anderen
Tempo als die bisherigen. Verglichen mit der Entwicklung des Menschen
auf diesem Planeten, breitet sich das Christentum wie ein Blitz über die
Menschheit aus – denn zweitausend Jahre sind fast nichts in der Geschichte
des Universums. (Vergessen Sie nie, dass wir alle immer noch «die frühen
Christen» sind. Die gegenwärtigen schändlichen und sinnlosen Spaltungen
unter uns sind, so wollen wir hoffen, eine Kinderkrankheit: Wir bekommen
gerade erst unsere Zähne. Die Außenwelt ist zweifellos vom Gegenteil
überzeugt. Sie denkt, wir seien dabei, an Altersschwäche zu sterben. Aber
das hat sie schon oft gedacht. Immer wieder glaubte sie, das Christentum
sei am Absterben – sei es durch Verfolgung von außen oder Korruption von
innen, durch den Aufstieg des Islam, den Siegeszug der
Naturwissenschaften oder das Erscheinen der großen antichristlichen
Revolutionsbewegungen. Doch immer wieder wurde die Welt enttäuscht.
Die erste Enttäuschung erlebte sie mit der Kreuzigung. Der Mann kehrte
wieder ins Leben zurück. Dasselbe ist – und mir ist völlig klar, wie
schrecklich unfair der Welt das erscheinen muss – gewissermaßen seither
immer wieder passiert. Ein ums andere Mal töten sie die Bewegung, die er
begründete; und jedes Mal, wenn sie gerade dabei sind, die Erde auf ihrem
Grab festzutreten, hören sie plötzlich, dass sie immer noch lebt und sogar
irgendwo anders an einem neuen Ort ausgebrochen ist. Kein Wunder, dass
sie uns hassen.)
5. Der Einsatz ist höher. Ein Lebewesen, das vor den früheren Stufen
zurückwich, verlor schlimmstenfalls die paar Jahre seines Lebens auf dieser
Erde. Häufig verlor es nicht einmal die. Wer an dieser Stufe zurückbleibt,
verliert einen (im wörtlichen Sinn) unendlichen Preis. Denn nun ist der
entscheidende Moment gekommen. Jahrhundert um Jahrhundert hat Gott
die Natur bis zu dem Punkt geleitet, an dem sie Geschöpfe hervorbrachte,
die (wenn sie es wollen) aus der Natur herausgehoben und zu «Göttern»
werden können. Werden sie sich herausheben lassen? In gewisser Hinsicht
ist es wie der entscheidende Moment einer Geburt. Solange wir nicht
aufstehen und Christus nachfolgen, sind wir noch Teil der Natur und immer
noch im Schoß unserer großen Mutter. Ihre Schwangerschaft war lang und
voller Schmerz und Angst, aber nun ist der Höhepunkt gekommen. Der
große Moment ist da. Wird die Geburt «glattgehen»?
Aber natürlich gibt es einen wichtigen Unterschied zu einer
gewöhnlichen Geburt. Bei einer gewöhnlichen Geburt hat das Baby nicht
viel mitzureden; hier schon. Ich frage mich, was ein gewöhnliches Baby
wohl tun würde, wenn es die Wahl hätte. Vielleicht würde es ja lieber in der
dunklen, warmen Geborgenheit des Mutterschoßes bleiben. Denn natürlich
wäre es davon überzeugt, dass der Mutterschoß Geborgenheit bedeutet.
Aber das wäre gerade sein Irrtum; denn wenn es dort bliebe, müsste es
sterben.
So betrachtet, ist es bereits geschehen. Die neue Stufe ist schon
erklommen und immer noch dabei, erklommen zu werden. Schon jetzt sind
die neuen Menschen überall auf der Welt verstreut zu finden. Manche von
ihnen sind, wie ich bereits zugegeben habe, noch kaum als solche zu
erkennen. Andere hingegen sind erkennbar. Hin und wieder begegnet man
ihnen. Schon ihre Stimmen und Gesichter sind anders als unsere: stärker,
stiller, froher, strahlender. Sie fangen da an, wo die Meisten von uns
aufhören. Sie sind erkennbar, sage ich, aber man muss wissen, worauf man
achten muss. Mit dem Bild eines «religiösen» Menschen, das Sie sich aus
Ihrer allgemeinen Lektüre gemacht haben, haben sie nicht viel Ähnlichkeit.
Sie ziehen keine Aufmerksamkeit auf sich. Meistens denkt man, man sei
freundlich zu ihnen, während sie in Wirklichkeit freundlich zu uns sind. Sie
lieben einen mehr als andere Menschen, aber sie brauchen einen weniger.
(Wir müssen das Bedürfnis, gebraucht zu werden, hinter uns lassen. Für
manche an sich gute Menschen, besonders Frauen, ist dies eine der
unwiderstehlichsten Versuchungen.) Meist scheinen sie jede Menge Zeit zu
haben, so dass man sich fragt, wo sie die hernehmen. Sobald Sie einen von
ihnen erkannt haben, werden Sie den nächsten schon viel leichter erkennen.
Und ich habe den starken Verdacht (aber woher sollte ich das wissen?), dass
sie sich gegenseitig sofort und unfehlbar erkennen, über alle Barrieren von
Hautfarbe, Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, Alter und sogar Bekenntnis
hinweg. Heilig zu werden ist insofern fast so, als schlösse man sich einer
Geheimgesellschaft an. Es muss einen Riesenspaß machen, um das
Allermindeste zu sagen.
Allerdings sollten Sie nicht denken, die neuen Menschen seien im
gewöhnlichen Sinne alle gleich. Etliches von dem, was ich in diesem letzten
Buch gesagt habe, könnte Sie zu der Annahme verleiten, dass das so sein
müsste. Um neue Menschen zu werden, müssen wir das verlieren, was wir
jetzt unser «Selbst» nennen. Wir müssen heraus aus unserem Selbst und
hinein in Christus. Sein Wille muss der unsere werden, und wir sollen seine
Gedanken denken, «Christi Sinn haben», wie die Bibel es ausdrückt. Und
wenn Christus eine Person ist und er nun «in» uns allen ist, müssten wir
dann nicht alle genau gleich sein? Es hört sich gewiss so an, aber in
Wirklichkeit ist es nicht so.
Es ist schwierig, hierfür eine gute «Illustration» zu finden, denn natürlich
gibt es keine zwei anderen Dinge, die in genau demselben Verhältnis
zueinander stehen wie der Schöpfer zu einem seiner Geschöpfe. Aber ich
werde es mit zwei sehr unvollkommenen Illustrationen versuchen, die
vielleicht eine Ahnung der Wahrheit vermitteln können. Stellen Sie sich
eine große Schar von Leuten vor, die ihr ganzes Leben in der Dunkelheit
zugebracht haben. Nun kommen Sie und versuchen, ihnen zu schildern, wie
Licht aussieht. Sie sagen ihnen vielleicht, wenn sie ins Licht kämen, dann
würde dieses Licht auf sie alle fallen und sie würden es alle reflektieren und
so sichtbar werden, wie wir es nennen. Wäre es nicht durchaus möglich,
dass diese Leute sich dann vorstellen würden, dass sie alle gleich aussehen
würden, da sie ja alle dasselbe Licht empfangen und alle auf dieselbe Weise
darauf reagieren (nämlich indem sie es reflektieren)? Sie und ich dagegen
wissen, dass das Licht in Wirklichkeit erst zur Geltung bringen oder
aufzeigen wird, wie verschieden sie sind.
Oder stellen Sie sich einen Menschen vor, der keine Ahnung hat, was
Salz ist. Sie geben ihm eine Prise zum Probieren, und er nimmt einen
besonders kräftigen, beißenden Geschmack wahr. Dann sagen Sie ihm, dass
in Ihrem Land die Leute immer Salz zum Kochen verwenden. Könnte es
nicht sein, dass er darauf antwortet: «Wenn das so ist, nehme ich an, dass
jedes Essen bei euch genau gleich schmeckt, denn das Zeug, was Sie mir
gerade zum Probieren gegeben haben, hat einen so starken Geschmack,
dass er bestimmt jeden anderen Geschmack übertönt.»
Dabei wissen Sie und ich, dass die Wirkung des Salzes in Wirklichkeit
genau das Gegenteil ist. Es macht den Geschmack des Hühnereis und des
Fleisches und des Kohls keineswegs zunichte, sondern bringt ihn erst
richtig zur Geltung. Wie sie wirklich schmecken, merkt man überhaupt erst,
wenn man Salz hinzugefügt hat. (Natürlich ist das kein besonders guter
Vergleich, wie ich Ihnen ja schon gesagt habe. Denn schließlich kann man
durchaus den Geschmack der anderen Lebensmittel zunichtemachen, indem
man zu viel Salz hinzugibt, während man den Geschmack einer
menschlichen Persönlichkeit nicht zunichtemachen kann, indem man zu
viel Christus hinzugibt. Ich tue, was ich kann.)
So ähnlich ist es mit Christus und uns. Je mehr wir das, was wir jetzt
unser «Selbst» nennen, aus dem Weg schaffen und uns von ihm regieren
lassen, desto mehr werden wir wahrhaft wir selbst. Es gibt ja so viel von
ihm, dass auch Millionen und Abermillionen «kleiner Christusse» in all
ihrer Unterschiedlichkeit nicht ausreichen, um ihn vollständig
auszudrücken. Er hat sie alle geschaffen. Er hat all die verschiedenen
Menschen erfunden – so, wie ein Autor Figuren in einem Roman erfindet –,
als die wir gedacht waren. In diesem Sinne wartet unser wahres Selbst in
ihm auf uns. Es hat gar keinen Sinn, ohne ihn «ich selbst» sein zu wollen.
Je mehr ich ihm widerstehe und versuche, auf eigene Faust zu leben, desto
mehr werde ich von meinen Erbanlagen, meiner Erziehung, meiner
Umgebung und meinen natürlichen Begierden beherrscht. Ja, was ich so
stolz mein «Selbst» nenne, wird zum bloßen Treffpunkt für Ereignisketten,
die ich nicht in Gang gesetzt habe und nicht aufhalten kann. Was ich
«meine Wünsche» nenne, sind nur noch die Begierden, die mein
Organismus in mir auslöst oder die mir von den Gedanken anderer
Menschen eingeflößt oder gar von Teufeln eingegeben werden. Eier,
Alkohol und eine ordentlich durchgeschlafene Nacht sind dann die wahren
Ursachen meiner, wie ich mir selbst schmeichle, höchstpersönlichen und
wohl durchdachten Entscheidung, mit der Frau anzubandeln, die mir im
Zug gegenübersitzt. Propaganda ist der wahre Ursprung dessen, was ich für
meine ureigensten politischen Überzeugungen halte. In meinem natürlichen
Zustand habe ich nicht annähernd so viel Persönlichkeit, wie ich gerne
glauben möchte. Das Meiste von dem, was ich mein «Ich» nenne, lässt sich
ganz leicht erklären. Erst wenn ich mich Christus zuwende, wenn ich mich
seiner Persönlichkeit ausliefere, fange ich an, eine echte eigene
Persönlichkeit zu haben.
Zu Beginn habe ich gesagt, dass es in Gott Persönlichkeiten gibt. Jetzt
will ich noch einen Schritt weitergehen. Echte Persönlichkeiten gibt es
nirgendwo sonst. Wer ihm sein Selbst nicht ausgeliefert hat, der hat kein
wirkliches Selbst. Gleichförmigkeit findet sich am meisten unter den
«natürlichsten» Menschen, nicht unter denen, die sich Christus ergeben.
Wie monoton ähnlich waren sich all die großen Tyrannen und Eroberer; wie
herrlich verschieden sind die Heiligen.
Aber das Selbst muss wirklich aufgegeben werden. Sie müssen es
sozusagen «blind» wegwerfen. Christus wird Ihnen in der Tat eine echte
Persönlichkeit geben, aber das darf nicht Ihr Grund sein, zu ihm zu
kommen. Solange es Ihnen nur um Ihre eigene Persönlichkeit geht, sind Sie
überhaupt nicht auf dem Weg zu ihm. Der erste Schritt ist, dass man
versucht, das Selbst ganz zu vergessen. Ihr echtes, neues Selbst (das Christi
Selbst und zugleich Ihres ist, und Ihres nur, weil es seines ist) werden Sie
nicht finden, solange Sie noch danach suchen. Sie finden es erst, wenn Sie
nach Ihm suchen.
Hört sich das merkwürdig an? Dabei finden wir dasselbe Prinzip im
Alltag wieder. Auch im Gesellschaftsleben werden Sie nie einen guten
Eindruck auf andere Leute machen, solange Sie nicht aufhören, darüber
nachzudenken, was für einen Eindruck Sie machen. Auch in der Literatur
und Kunst wird niemand, der sich angestrengt um Originalität bemüht, je
originell sein. Versucht man hingegen, einfach nur die Wahrheit zu sagen
(ohne sich einen Deut darum zu scheren, wie oft sie schon gesagt worden
ist), wird man in neun von zehn Fällen originell sein, ohne es überhaupt zu
merken.
Das Prinzip zieht sich von vorn bis hinten durch unser ganzes Leben. Gib
dich selbst auf, und du wirst dein wahres Selbst finden. Verliere dein Leben,
und du wirst es retten. Unterwirf dich dem Tod – dem Tod deiner
Ambitionen und Wünsche an jedem Tag und dem körperlichen Tod am
Ende –, unterwirf dich mit allen Fasern deines Wesens, und du wirst ewiges
Leben finden. Halte nichts zurück. Nichts, was du nicht dahingegeben hast,
wird je wirklich dir gehören. Nichts in dir, was nicht gestorben ist, wird je
von den Toten auferstehen. Geh auf die Suche nach dir selbst, und du wirst
auf die Dauer nur Hass, Einsamkeit, Verzweiflung, Wut, Auflösung und
Verfall finden. Aber geh auf die Suche nach Christus, und du wirst ihn
finden und mit ihm alles andere obendrein.
Noch nicht genug?
Hier gibt es noch weiteren Lesestoff:
www.fontis-verlag.com
Inhalt
Titel
Impressum
Inhalt
Zum Geleit
Vorwort von C. S. Lewis
Erstes Buch
1. Das Gesetz der menschlichen Natur
2. Einige Einwände
3. Die Wirklichkeit des Gesetzes
4. Was steckt hinter dem Gesetz?
5. Wir haben Grund zur Beunruhigung
Zweites Buch
1. Rivalisierende Vorstellungen von Gott
2. Die Invasion
3. Die erschreckende Alternative
4. Der vollkommene Büßer
5. Die praktische Schlussfolgerung
Drittes Buch
1. Die drei Aspekte der Ethik
2. Die Kardinaltugenden
3. Sozialethik
4. Ethik und Psychoanalyse
5. Sexualethik
6. Die christliche Ehe
7. Vergebung
8. Die große Sünde
9. Nächstenliebe
10. Hoffnung
11. Glaube
12. Noch einmal Glaube
Viertes Buch
1. Erschaffen und Zeugen
2. Gott in drei Personen
3. In der Zeit und jenseits der Zeit
4. Infiziert mit dem Guten
5. Die widerspenstigen Zinnsoldaten
6. Zwei Anmerkungen
7. Tun wir so, als ob
8. Ist Christsein leicht oder schwer?
9. Die Kosten überschlagen
10. Nette Leute oder neue Menschen?
11. Die neuen Menschen